Wechseljahres-Wundertüte  Teil 6: Wo wollte ich hin und warum stehe ich jetzt hier?

Vergesslichkeit.
Auch so ein kleines Geschenk aus der Wechseljahres-Wundertüte, über das erstaunlich wenig gesprochen wird.
Und bevor jetzt jemand sagt: „Oh Gott, ich habe gestern meinen Schlüssel gesucht, brauche ich einen Demenztest?“
Nein.
Du musst nicht sofort anfangen, Uhren auf einen Zettel zu malen, dir 30 Wörter einzuprägen und anschließend panisch zu überlegen, ob Nummer 17 nun „Apfel“, „Haus“ oder „Elefant“ war.
Vergesslichkeit und Konzentrationsprobleme können tatsächlich in den Wechseljahren auftreten.
Und bei mir äußert sich das manchmal auf eine ganz besondere Art:
Mein Gehirn weiß etwas. Es möchte es mir nur nicht sagen.
Zum Beispiel Wörter.
Gestern war dieses Wort noch da.
Ganz sicher.
Es lag irgendwo ordentlich abgeheftet zwischen Großhirn und Sprachzentrum und wartete darauf, benutzt zu werden.
Heute unterhalte ich mich mit jemandem und plötzlich:
Weg.
Ein ganz einfaches Wort.
Ich weiß genau, was ich sagen möchte.
Ich sehe den Gegenstand praktisch vor mir.
Ich kann ihn beschreiben.
Ich könnte vermutlich eine PowerPoint-Präsentation darüber halten.
ABER WIE HEISST DAS DING?
Dann beginnt in meinem Kopf die Suche.
Schublade eins.
Nichts.
Schublade zwei.
Auch nichts.
Vielleicht liegt es bei den Erinnerungen an meine Grundschulzeit.
Nein.
Da ist nur ein Gedicht, das ich 1993 auswendig lernen musste.
Danke Gehirn.
Sehr hilfreich.
Also bekommt das gesuchte Wort einfach einen neuen Namen.
Man wird kreativ.
„Gibst du mir mal dieses … dieses … Ding da?“
Welches Ding?
„Na DAS! Das zum … du weißt doch!“
Nein.
Der andere weiß natürlich überhaupt nichts.
Und irgendwann fällt einem das Wort wieder ein.
Vier Stunden später.
Beim Zähneputzen.
SCHNEEBESEN!
Danke.
Das Gespräch ist zwar seit dem Nachmittag beendet, aber schön, dass sich die zuständige Abteilung doch noch gemeldet hat.
Besonders interessant wird es bei Namen.
Ich arbeite jeden Tag mit denselben Menschen.
Ich kenne meine Kollegen.
Ich weiß, wer sie sind.
Ich weiß, was sie machen.
Ich habe mit ihnen gesprochen.
Und plötzlich steht einer vor mir und mein Gehirn sagt:
Kenn ich.
Ja, wie heißt er denn?
Keine Ahnung. Aber kenn ich.
Großartig.
Dann schaust du den Menschen an, mit dem du gefühlt seit der Steinzeit zusammenarbeitest, und hoffst einfach, dass du seinen Namen in den nächsten fünf Minuten nicht benutzen musst.
Manchmal höre ich mich inzwischen selbst reden und denke:
Was laberst du hier eigentlich wieder?
Denn auch die Konzentration hat gelegentlich Betriebsurlaub.
Du fängst etwas an.
Dann fällt dir etwas anderes ein.
Du gehst in einen anderen Raum.
Und dort stehst du.
Warum?
Keine Ahnung.
Ich schaue mich dann manchmal tatsächlich um, als könnte mir die Einrichtung einen Hinweis geben.
Küche.
Okay.
Wollte ich trinken?
Etwas essen?
Müll wegbringen?
Einen Löffel holen?
Warum bin ich hier?
Nichts.
Also gehe ich zurück.
Und kaum sitze ich wieder:
Ach ja!
Natürlich.
Also wieder aufstehen.
Immerhin Bewegung.
Vielleicht ist das der geheime Fitnessplan der Wechseljahre.
Besonders gern vergesse ich Gegenstände.
Meine Brille zum Beispiel.
Ich brauche meine Brille.
Das weiß ich.
Meine Augen wissen es ebenfalls.
Nur morgens scheint diese Information mein Gehirn nicht zuverlässig zu erreichen.
Dann ziehe ich mich an, nehme meine Sachen, verlasse die Wohnung und stehe draußen.
Ich schaue Richtung Straßenlaterne.
Straßenlaterne?
Könnte auch ein Baum sein.
Oder ein sehr dünner Mensch.
Keine Ahnung.
Und dann fällt es mir ein:
Die Brille.
Natürlich.
Liebes Großhirn!
Ich wohne nicht im Erdgeschoss.
Ich hasse Treppensteigen.
Könntest du dich bitte vorher konzentrieren?
Nein.
Also wieder zurück.
Treppen hoch.
Brille holen.
Treppen runter.
Mein Gehirn hat vermutlich irgendwo einen Schrittzähler und freut sich.
Und das Verrückte daran ist: Diese Momente können einen durchaus verunsichern.
Gerade wenn man merkt, dass man häufiger nach Wörtern sucht, unkonzentrierter ist oder Dinge vergisst.
Viele Frauen berichten in der Perimenopause und den Wechseljahren von solchen „Brain-Fog“-Momenten. Hormonelle Veränderungen können dabei eine Rolle spielen. Gleichzeitig können aber auch Dinge dazukommen, die wir aus meiner Wundertüte inzwischen bestens kennen: schlechter Schlaf, Stress, Erschöpfung und Stimmungsschwankungen.
Wenn ich nachts fünfmal wach war, morgens eine Hitzewallung hatte und mein Nervenkostüm bereits beim Frühstück beschlossen hat, Feierabend zu machen, kann ich von meinem Gehirn vielleicht auch nicht erwarten, dass es anschließend auf Hochleistungsniveau arbeitet.
Trotzdem gilt auch hier:
Nicht jede Vergesslichkeit sind die Wechseljahre.
Wenn Gedächtnisprobleme deutlich zunehmen, ungewöhnlich sind, den Alltag beeinträchtigen oder man sich selbst beziehungsweise Angehörige ernsthaft Sorgen machen, sollte man das ärztlich ansprechen.
Aber ein Wort nicht sofort zu finden oder in der Küche zu stehen und sich zu fragen, weshalb man eigentlich dort ist, bedeutet nicht automatisch, dass etwas Schlimmes dahintersteckt.
Vielleicht hat das Gehirn gerade einfach sehr viele offene Tabs.
Bei mir sind vermutlich ungefähr 47 geöffnet.
Drei spielen gleichzeitig Musik.
Einer ist abgestürzt.
Und irgendwo läuft ein Update.
Ich weiß nur nicht, wo.
Also versuche ich inzwischen, darüber zu lachen.
Ich schreibe mir Dinge auf.
Ich lege wichtige Sachen möglichst immer an dieselbe Stelle.
Und wenn mir ein Wort nicht einfällt, bekommt es eben vorübergehend einen neuen Namen.
Die deutsche Sprache ist schließlich flexibel.
Nur bei meiner Brille hätte ich eine Bitte:
Liebes Großhirn, sag mir das bitte, bevor ich unten angekommen bin.
Meine Knie und ich wären dir sehr dankbar.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel zwischen all den Schubladen in meinem Kopf, hält einen winzigen Karteikasten auf dem Schoß und flüstert:

„Manchmal ist etwas nicht verschwunden, nur weil du es gerade nicht findest. Vielleicht braucht dein Kopf heute einfach ein bisschen länger, um die richtige Schublade zu öffnen. Du darfst darüber lachen, dir Dinge aufschreiben und nachfragen, wenn dich Veränderungen beunruhigen. Und jetzt geh deine Brille holen. Sie liegt oben. Ja, ich weiß. Die Treppen. Tut mir leid.“

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Zwischen der Wechseljahres-Wundertüte: Höhlenforschung und meine Funkzentrale

Letzte Woche musste ich mal wieder zur Höhlenforschung.
Und nein, glaub mal nicht, dass ich dabei an Dinosaurier, Tropfsteine oder Steinzeitmenschen denke.
Wir Frauen wissen, welche Art von Expedition gemeint ist.
Du liegst da, versuchst möglichst würdevoll an die Zimmerdecke zu schauen und denkst dir: Nun ja. Andere Menschen gehen für Abenteuer in den Kletterwald. Ich gehe zum Frauenarzt.
Wat muss, dat muss.
Wie dem auch sei.
Eigentlich sollte es diesmal gar nicht um ein neues Symptom meiner Wechseljahres-Wundertüte gehen. Eher um einen kleinen Zwischenstand. Denn inzwischen hat sich ja einiges angesammelt.
Hitzewallungen.
Schlafstörungen.
Reizbarkeit.
Hier und da zwickt und kribbelt es.
Und dann wäre da noch mein Bauch.
Oder nennen wir es liebevoll:
die Beule.
Ja, ich habe vorne am Bauch inzwischen eine kleine Beule. Früher hätte ich wahrscheinlich noch versucht, sie einzuziehen. Heute weiß ich: Das ist ungefähr so erfolgreich, wie einen aufgeblasenen Schwimmring mit gutem Zureden wieder in die Verpackung zu bekommen.
Natürlich kann sich in den Wechseljahren auch die Körperzusammensetzung verändern und Fett kann sich stärker in Richtung Bauch verlagern. Aber meine Frauenärztin macht etwas, das ich wirklich sehr schätze:
Sie nimmt mich ernst.
Nicht dieses:
„Sie sind halt über 40.“
Nicht:
„Das sind die Wechseljahre.“
Und auch nicht:
„Essen Sie weniger und bewegen Sie sich mehr.“
Sie hört zu. Und gleichzeitig möchte sie nicht einfach alles in die große Wechseljahres-Schublade werfen.
Sehr vernünftig.
Denn nur weil ich inzwischen bei jedem merkwürdigen Körperereignis denke Hormone, heißt das schließlich nicht automatisch, dass die Hormone auch wirklich an allem schuld sind.
Also sagte sie, ich solle zu meiner Hausärztin gehen und ein Blutbild machen lassen. Unter anderem sollte geschaut werden, ob es Hinweise auf andere Ursachen gibt, zum Beispiel bei der Schilddrüse.
Na wunderbar.
Meine persönliche Funkzentrale sollte also einmal komplett durchgecheckt werden.
Ich möchte manchmal gar nicht so genau wissen, was da drin alles los ist.
Mein Körper betreibt schließlich offenbar mehrere Abteilungen gleichzeitig.
Die Temperaturregelung hat gekündigt.
Die Schlafabteilung arbeitet nur noch Teilzeit.
Die Nervenabteilung reagiert inzwischen auf Schmatzen.
Und die Bauchabteilung hat ohne Rücksprache angebaut.
Aber gut.
Wat muss, dat muss.
Also Blut abgenommen.
Und dann wartet man.
Ich bin übrigens hervorragend darin, mir einzureden, dass ich mir überhaupt keine Gedanken mache.
Ich mache mir wirklich keine Gedanken.
Gar keine.
Nur vielleicht drei.
Oder sieben.
Und zwischendurch denkt man dann doch:
Was, wenn die Schilddrüse spinnt?
Was, wenn irgendein Wert völlig danebenliegt?
Was, wenn mein Cholesterin inzwischen beschlossen hat, ein eigenes Start-up zu gründen?
Gestern hatte ich dann die Auswertung.
Und was soll ich sagen?
Alles gut.
Auch die untersuchten Schilddrüsenwerte waren unauffällig.
Und selbst meine Cholesterinwerte.
Ich war ehrlich gesagt ein bisschen überrascht.
Ich hatte innerlich schon damit gerechnet, dass meine Ärztin die Brille absetzt, mich ernst anschaut und fragt, ob ich Butter eigentlich trinke.
Nichts.
Alles im grünen Bereich.
Tja.
Dann ist es wohl doch mein luxuriöses Dahinvegetieren.
Vielleicht sitzt meine Bauchbeule einfach da und denkt:
Ich bleibe.
Und wisst ihr was?
So ein Ergebnis beruhigt mich trotzdem.
Nicht, weil ein unauffälliges Blutbild automatisch bedeutet, dass damit jede denkbare Ursache ausgeschlossen ist. Das kann es natürlich nicht. Und auch ein einzelner Laborwert erzählt niemals die komplette Geschichte eines Körpers.
Aber genau deshalb fand ich den Weg meiner Frauenärztin so gut.
Nicht einfach sagen:
„Das sind die Wechseljahre.“
Sondern:
„Es könnte dazugehören. Aber wir schauen trotzdem hin.“
Denn genau das wünsche ich mir eigentlich für diese ganze Reihe.
Ich möchte über Hitzewallungen lachen können.
Über meinen nächtlichen Toilettengang.
Über meinen kribbelnden Fuß.
Über meine Zündschnur in Briefmarkengröße.
Und über diese kleine Beule an meinem Bauch, die offenbar gekommen ist, um zu bleiben.
Aber ich möchte gleichzeitig nicht anfangen, jedes neue Symptom mit einem Schulterzucken auf die Hormone zu schieben.
Manchmal sind es die Wechseljahre.
Manchmal ist es etwas anderes.
Und manchmal schaut man nach, lässt Blut abnehmen, sitzt ein paar Tage später bei der Ärztin und hört:
Alles in Ordnung.
Auch das gehört für mich zu den Wechseljahren.
Nicht nur über Symptome zu sprechen.
Sondern den eigenen Körper ernst zu nehmen.
Nicht panisch.
Nicht bei jedem Zwicken mit Google und Testament auf dem Sofa sitzen.
Aber eben auch nicht alles wegwischen.
Vielleicht ist genau das die goldene Mitte:
Hinschauen, abklären und danach wieder weiterleben.
Mit Hitzewallungen.
Mit Augenringen.
Mit einer gelegentlich sehr kurzen Zündschnur.
Und bei mir offenbar mit einer kleinen Bauchbeule.
Die Laborwerte sagen jedenfalls nichts Dramatisches.
Also gut.
Dann dürfen mein Bauch und ich jetzt erst einmal gemeinsam luxuriös dahinvegetieren.
Er vorneweg.
Ich hinterher.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel mit einem winzigen Klemmbrett in meiner Funkzentrale, schaut sich meine Laborwerte an und flüstert:

„Nicht jede Veränderung bedeutet, dass etwas Schlimmes dahintersteckt. Aber du darfst trotzdem nachsehen lassen. Auf den eigenen Körper zu achten heißt nicht, Angst vor ihm zu haben. Es heißt, ihn ernst zu nehmen. Und wenn am Ende alles in Ordnung ist, darfst du den Zettel auch wieder weglegen, dir einen Tee machen und einfach weiterleben, Bauchbeule inklusive.“

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Wechseljahres-Wundertüte  Teil 5: Ich bin nicht schlecht gelaunt. Ihr atmet nur alle zu laut.

Jetzt wird es interessant.
Denn nachdem meine Wechseljahres-Wundertüte mir bereits Hitzewallungen, schmerzende Gelenke, Kribbeln und schlaflose Nächte angeboten hat, kommen wir zu einem Thema, das vermutlich auch mein Umfeld bestätigen könnte.
Meine Zündschnur.
Die war früher ziemlich lang.
Vor einigen Jahren konnte um mich herum einiges passieren und ich blieb erstaunlich entspannt. Ich habe gewartet. Ich habe Verständnis gehabt. Ich habe mir gedacht: Ach komm, reg dich nicht auf.
Heute?
Heute braucht man mich manchmal nur schief anzugucken.
Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich betonen:
Ich bin nicht schlecht gelaunt. Ihr atmet nur alle zu laut.
Neulich war ich in einem Vogelpark.
Eigentlich eine schöne Sache. Natur, Tiere, ein bisschen herumspazieren. Was soll da schon passieren?
Nun ja.
Die Kasse.
Viele Menschen standen davor und die Geschwindigkeit der Abfertigung bewegte sich ungefähr auf dem Niveau der Deutschen Bahn bei Schneefall.
Ich sah die Schlange.
Ich sah die Kasse.
Ich sah wieder die Schlange.
Und innerlich war der Vogelpark für mich eigentlich schon beendet.
Ich hatte keine Lust mehr.
Wir waren noch nicht einmal richtig drin.
Früher hätte ich wahrscheinlich gedacht: Ach, wir haben doch Zeit.
Heute denkt mein inneres Wechseljahreswesen:
Warum dauert das so lange? Was machen die da vorne? Werden die Eintrittskarten von Hand geklöppelt?
Irgendwann waren wir drin.
Schöne Vögel.
Alles gut.
Bis zum Essen.
Und zack.
Schlechte Laune.
So richtig schnell.
Nicht langsam aufbauend.
Nein.
Von null auf hundert.
Und warum soll ich damit eigentlich hinter dem Berg halten?
Man sieht es mir sowieso an.
Ich habe inzwischen nämlich eine erstaunliche Fähigkeit entwickelt:
Ich muss gar nichts mehr sagen. Mein Gesicht regelt das für mich.
Mein Augenrollen ist mittlerweile derart perfektioniert, dass es vermutlich als eigenständige Kommunikationsform anerkannt werden könnte.
Ein Blick reicht.
Mein Gegenüber weiß:
Wir sollten das Thema wechseln.
Oder den Raum.
Vielleicht sogar das Bundesland.
Diese kurze Zündschnur begegnet mir inzwischen bei Dingen, über die ich früher vermutlich nicht einmal nachgedacht hätte.
Jemand schmatzt neben mir.
Fertig.
Jemand kaut besonders engagiert.
Warum?
Jemand räumt minutenlang eine Plastiktüte aus.
Muss die so laut sein?
Und dann natürlich mein Exemplar.
Ich liebe dieses Kind wirklich von ganzem Herzen.
Aber dann kommt:
„Six seven.“
Und ich spüre, wie irgendwo in meinem Körper ein winziges Kabel durchbrennt.
Ich sage nichts.
Ich schaue nur.
Augen nach oben.
Fertig.
Mein Exemplar weiß Bescheid.
Manchmal denke ich, dass meine Augenmuskulatur durch die Wechseljahre inzwischen besser trainiert ist als der Rest meines Körpers.
Immerhin Sport.
Aber hinter dieser ganzen Situationskomik steckt tatsächlich etwas, das viele Frauen in den Wechseljahren kennen: Die Stimmung kann sich verändern. Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, innere Unruhe oder eine geringere Belastbarkeit können in dieser Lebensphase auftreten.
Die hormonellen Veränderungen können dabei eine Rolle spielen. Östrogen wirkt nicht nur auf unseren Zyklus, sondern steht auch mit Botenstoffsystemen im Gehirn in Verbindung, die unter anderem Stimmung und Wohlbefinden beeinflussen.
Und dann kommt noch etwas dazu, das wir in den vergangenen Teilen meiner Wundertüte schon kennengelernt haben:
Schlafmangel.
Wenn du nachts um drei Uhr wach bist, halb blind zur Toilette gelaufen bist, dein Fuß anschließend kribbelt und um sechs der Wecker klingelt, startest du möglicherweise nicht mit der emotionalen Belastbarkeit eines buddhistischen Mönchs in den Tag.
Dann reicht vielleicht tatsächlich jemand, der neben dir schmatzt.
Oder atmet.
Sehr laut.
Ich finde es aber wichtig, dass wir dabei nicht jedes Gefühl mit einem lachenden „Ach, die Hormone!“ wegwischen.
Denn Gefühle sind trotzdem echt.
Wenn mich etwas nervt, nervt es mich.
Vielleicht wäre meine Toleranzgrenze an einem anderen Tag größer gewesen – aber das macht mein Empfinden in diesem Moment nicht weniger real.
Und gleichzeitig muss natürlich auch mein Umfeld nicht alles ertragen, nur weil ich gerade in den Wechseljahren bin.
Das wäre ja praktisch.
„Entschuldigung, dass ich den Frühstückstisch umgeworfen habe. Östrogen.“
So funktioniert es leider nicht.
Vielleicht geht es vielmehr darum, sich selbst besser kennenzulernen.
Ich merke heute schneller, wann mir etwas zu viel wird.
Zu viele Menschen.
Zu viel Lärm.
Zu viel Warten.
Zu viele Reize.
Zu viel Six seven.
Und vielleicht ist meine kürzere Zündschnur manchmal auch ein Hinweis:
Ich brauche gerade Ruhe.
Denn Wechseljahre finden schließlich nicht in einem leeren Raum statt. Wir arbeiten, kümmern uns, organisieren, schlafen möglicherweise schlechter und sollen nebenbei ganz normal weiterfunktionieren.
Da darf die persönliche Toleranzgrenze gelegentlich die Größe einer Briefmarke haben.
Wichtig ist nur, hinzuschauen.
Wenn Stimmungstiefs, Ängste, starke Reizbarkeit oder andere psychische Veränderungen länger anhalten, sehr ausgeprägt sind oder den Alltag deutlich belasten, sollte man sich Unterstützung holen und nicht einfach alles den Wechseljahren zuschreiben.
Aber vielleicht hilft es einer Frau schon, diesen Artikel zu lesen und zu denken:
Ach guck. Ich bin gar nicht plötzlich ein schlechter Mensch. Mich nervt nur gerade alles.
Nein.
Du bist nicht allein.
Vielleicht brauchen wir heute einfach ein bisschen weniger Lärm.
Ein bisschen mehr Ruhe.
Und einen Menschen, der beim Essen bitte den Mund zumacht.
Willkommen bei Teil fünf meiner Wechseljahres-Wundertüte.
Heute enthalten:
Eine sehr kurze Zündschnur.
Perfektioniertes Augenrollen.
Und eine Toleranzgrenze in Briefmarkengröße.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf meiner Schulter, schaut vorsichtig zu meinem Exemplar, das gerade wieder „Six seven“ sagt, und flüstert:

„Manchmal bedeutet innere Ruhe nicht, dass uns plötzlich nichts mehr nervt. Vielleicht bedeutet sie auch, rechtzeitig zu merken, wann es uns zu viel wird. Dann dürfen wir Abstand nehmen, durchatmen und freundlich mit uns selbst sein. Und falls das heute nicht funktioniert, roll ruhig einmal mit den Augen. Manche Gefühle müssen schließlich irgendwo hin.“

Schön das du hier bist 🩶

Wechseljahres-Wundertüte Teil 4: Warum bin ich eigentlich um drei Uhr morgens wach?

Als Baby kannst du schlafen.
Als Kind kannst du schlafen.
Du schläfst im Auto ein, wirst ins Haus getragen, ausgezogen, ins Bett gelegt und bekommst von all dem nichts mit. Wahrscheinlich könnte neben dir eine Blaskapelle durchs Schlafzimmer marschieren und du würdest dich einmal umdrehen und weiterschlafen.
Und dann wirst du älter.
Irgendwann kommt der Tag, an dem dein Körper offenbar beschließt:
So. Das mit dem Schlaf haben wir jetzt lange genug gemacht.
Vorbei.
Wirklich vorbei.
Natürlich gibt es sehr kluge Experten und Wissenschaftler, die uns regelmäßig erklären:
„Ausreichend Schlaf ist wichtig für die Gesundheit.“
JA. WISSEN WIR.
Das brauchst du mir nicht ständig aufs Brot zu schmieren.
Ich würde ja gerne schlafen!
Ich liege nicht nachts um drei freiwillig im Bett und denke: Heute verzichte ich mal auf Schlaf. Mal schauen, was passiert.
Nein.
Ich möchte schlafen.
Mein Körper offenbar nicht.
Und damit willkommen bei Teil vier meiner Wechseljahres-Wundertüte.
Schlafstörungen.
Auch so ein wunderbares Geschenk, das man nicht bestellt hat.
Bei mir fing es mit dem Einschlafen an.
Du bist todmüde. Den ganzen Tag hast du dir vorgenommen, früh ins Bett zu gehen. Endlich liegst du da.
Kissen.
Decke.
Augen zu.
Und …
Nichts.
Dann kommen die gut gemeinten Tipps.
Meditier doch mal.
Hilft nicht.
Denk einfach an nichts.
Ich denke doch gar nicht nach!
Genau das ist ja das Problem. Ich liege einfach nur da und möchte schlafen.
Hör entspannende Musik.
Nee.
Was bei mir tatsächlich manchmal funktioniert hat, ist ASMR. Dabei werden beispielsweise sehr leise Geräusche erzeugt, geflüstert, geklopft oder geschmatzt.
Warum auch immer, manches davon macht mich müde.
Im Internet.
Mit Abstand.
Wenn allerdings nachts jemand neben mir im Bett anfängt, genüsslich zu schmatzen, endet die Entspannungsübung vermutlich relativ schnell.
Dann bin ich zwar immer noch wach, aber wenigstens nicht mehr gelangweilt.
Irgendwann habe ich Melatoninspray ausprobiert.
Bei mir funktioniert es gut.
Zweimal sprühen.
Umdrehen.
Zack.
Schlafen.
Herrlich!
Problem gelöst.
Dachte ich.
Denn meine Wechseljahres-Wundertüte hatte natürlich noch ein Zusatzpaket:
Durchschlafen wurde nicht mitgeliefert.
01:07 Uhr.
Wach.
03:12 Uhr.
Wach.
04:26 Uhr.
Wach.
Und irgendwann beschließt auch noch die Blase:
Wo wir gerade alle wach sind, könnten wir eigentlich mal zur Toilette.
Nein.
Könnten wir nicht.
Dann beginnt die Verhandlung.
Muss ich wirklich?
Vielleicht geht es wieder weg.
Kann ich noch eine Stunde durchhalten?
Nein?
Na gut.
Also stehst du auf.
Aber jetzt gilt die wichtigste Regel überhaupt:
NICHT RICHTIG WACH WERDEN!
Augen zukneifen.
Kein Licht.
Bloß nicht aufs Handy schauen.
Und dann tastest du dich halb blind durch die Wohnung Richtung Toilette.
Dass ich mir dabei noch nicht den kleinen Zeh am Türrahmen gebrochen habe, grenzt an ein medizinisches Wunder.
Zurück ins Bett.
Geschafft.
Augen zu.
Und dann:
Kribbeln im Fuß.
Ach komm.
Scheiß Spiel. Ehrlich.
Irgendwann schläfst du tatsächlich wieder ein.
Und gefühlt zwei Minuten später:
Wecker.
Guten Morgen!
Nein.
Ist es nicht.
Du stehst auf und fühlst dich, als hättest du nachts gearbeitet. Im Spiegel schaut dich ein Mensch an, der offenbar seit drei Wochen durch die Wüste läuft.
Und nun sollst du aussehen, als hättest du acht Stunden friedlich auf einer Wolke geschlafen.
Ich wäre schon froh, wenn ich mich wie jemand fühlen würde, der acht Stunden auf einer Wolke geschlafen hat.
Dass sich der Schlaf in den Wechseljahren verändern kann, ist übrigens keine Einbildung. Hormonelle Veränderungen können den Schlaf beeinflussen. Zusätzlich können Hitzewallungen und nächtliches Schwitzen einen immer wieder aus dem Schlaf reißen. Und wenn man einmal wach ist, kann das erneute Einschlafen schwieriger werden.
Dazu kommt bei mir noch ein weiterer natürlicher Feind des Schlafes:
Andere Menschen.
Ich wohne in einem Mehrfamilienhaus.
Tagsüber vollkommen in Ordnung.
Nachts entwickelt so ein Haus allerdings ein erstaunliches Eigenleben.
Irgendwo fällt etwas herunter.
RUMMS.
Warum?
Was macht ihr um 2:34 Uhr?
Dann meint irgendwo jemand, jetzt wäre ein hervorragender Zeitpunkt für einen Streit.
Echt jetzt?
Habt ihr keine anderen Sorgen?
Ich schon.
ICH WILL SCHLAFEN!
Also Ohrstöpsel.
Rein damit.
Ruhe.
Du hörst nichts mehr.
Außer dich selbst.
Plötzlich hörst du deinen eigenen Blutkreislauf rauschen.
Eigentlich faszinierend.
Als Kind habe ich mir eine Muschel ans Ohr gehalten, dieses Rauschen gehört und gedacht, darin wäre das Meer.
Wie romantisch Kinder sind.
Heute brauche ich keine Muschel mehr.
Ich brauche Ohrstöpsel.
Das Meer habe ich gratis im Kopf.
Mit der Romantik ist es vorbei.
Und genau deshalb gehört der Schlaf für mich unbedingt in meine Wechseljahres-Wundertüte.
Denn schlechter Schlaf bedeutet nicht nur, nachts wach zu sein.
Er begleitet dich am nächsten Tag.
Du bist müde.
Unkonzentriert.
Vielleicht gereizter.
Dein Körper fühlt sich schwerer an.
Und irgendwann wird allein der Gedanke daran, abends wieder nicht schlafen zu können, zum zusätzlichen Stress.
Trotzdem gilt auch hier: Nicht jede Schlafstörung kommt von den Wechseljahren. Wenn Schlafprobleme länger anhalten, sehr belastend sind oder beispielsweise starkes Schnarchen, Atemaussetzer oder andere ungewöhnliche Beschwerden dazukommen, sollte man sie ärztlich abklären lassen.
Aber vielleicht sitzt gerade irgendwo eine Frau um 3:17 Uhr im Bett, liest diesen Artikel und denkt:
Ach guck. Ich bin nicht die Einzige.
Nein.
Bist du nicht.
Vielleicht liegen wir gerade alle irgendwo wach.
Eine schwitzt.
Eine muss zur Toilette.
Bei einer kribbelt der Fuß.
Und irgendwo sitzt eine mit Ohrstöpseln im Bett, hört ihren eigenen Blutkreislauf und versucht sich einzureden, es sei das Meer.
Willkommen bei Teil vier meiner Wechseljahres-Wundertüte.
Heute Nacht geöffnet.
Natürlich um drei Uhr.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel nachts auf meiner Bettkante, hat sich selbst winzige Ohrstöpsel in die Ohren gesteckt und flüstert:

„Manchmal braucht unser Körper Ruhe, obwohl er den Weg dorthin gerade selbst nicht findet. Dann müssen wir nicht noch gegen uns kämpfen. Wir dürfen müde sein, Pausen brauchen und uns Hilfe holen, wenn die Nächte zu schwer werden. Und wenn du heute Nacht wieder das Rauschen in deinen Ohren hörst, stell dir ruhig für einen Moment vor, es wäre das Meer. Ein kleines bisschen Romantik dürfen wir uns von den Wechseljahren schließlich nicht auch noch nehmen lassen.“

Schön das du hier bist 🩶

Wechseljahres-Wundertüte Teil 3: Hormontag, wenn es plötzlich überall kribbelt

Es gibt Symptome der Wechseljahre, bei denen denkt man: Ja, kenne ich.
Hitzewallungen.
Schlechter Schlaf.
Gelenke, die morgens offenbar erst einmal eine Betriebsbesprechung abhalten müssen.
Und dann gibt es Beschwerden, bei denen man irgendwann dasitzt und denkt:
Was zur Hölle macht mein Körper da jetzt schon wieder?
Willkommen bei Teil drei meiner Wechseljahres-Wundertüte.
Heute gibt es Kribbeln.
Und zwar nicht dieses angenehme Kribbeln, wenn man verliebt ist.
Das wäre ja auch zu einfach.
Es gibt Tage, da kribbelt es bei mir auf der Haut. Oder unter der Haut. Manchmal fühlt es sich an wie Jucken, aber irgendwie auch wieder nicht.
Und das Faszinierende daran ist, dass mein Körper Stellen dafür auswählt, an denen Kratzen überhaupt nichts bringt.
Nehmen wir das Ohr.
Da sitzt du vollkommen friedlich irgendwo herum und plötzlich juckt dein Ohr.
Nicht außen.
Natürlich nicht.
INNEN.
Genau dort, wo du nicht hinkommst.
Du kannst am Ohr ziehen.
Du kannst daran herumreiben.
Du kannst einen Gesichtsausdruck machen, als würdest du versuchen, dein Ohr durch reine Gedankenkraft von innen zu kratzen.
Nichts.
Und nein, wir stecken uns jetzt bitte keine Gegenstände ins Ohr. Auch wenn der Verstand in solchen Momenten durchaus bereit wäre, über kreative Lösungen zu verhandeln.
Irgendwann hört es wieder auf.
Meistens genau dann, wenn du kurz davor bist, mit deinem Ohr einen Termin beim Exorzisten zu vereinbaren.
Aber die Wechseljahres-Wundertüte wäre natürlich keine richtige Wundertüte, wenn sie nur eine Körperstelle im Angebot hätte.
Also nehmen wir die Füße.
Plötzlich dieses stechende Kribbeln.
Du kratzt.
Fehler.
Denn danach fühlt es sich teilweise noch schlimmer an.
Und wann passiert so etwas vorzugsweise?
Nachts.
Natürlich nachts.
Macht ja nichts.
Du kannst ja sowieso nicht mehr schlafen.
Dann liegst du da, versuchst das Kribbeln zu ignorieren und dein Fuß scheint währenddessen eine eigene kleine elektrische Veranstaltung zu organisieren.
Und irgendwann kommt die Kopfhaut dazu.
Das war bei mir tatsächlich einer dieser Momente, bei denen ich dachte:
Was ist das?
Es kribbelt.
Es zieht.
Es fühlt sich an, als würde sich irgendwo unter meiner Kopfhaut etwas bewegen.
Und wenn man nachts lange genug darüber nachdenkt, gibt es irgendwann nur noch eine vernünftige Erklärung:
Unter meiner Kopfhaut lebt ein Ameisenstaat.
Ich bin vermutlich die Königin.
Herzlichen Glückwunsch.
Endlich Karriere.
Nur leider ohne Krone.
Solche ungewöhnlichen Empfindungen können unter den Begriff Parästhesien fallen. Damit bezeichnet man Missempfindungen wie Kribbeln, Prickeln, Brennen oder ein Gefühl von „Ameisenlaufen“, ohne dass dafür gerade ein offensichtlicher äußerer Reiz vorhanden sein muss.
Und ja: Auch in den Wechseljahren berichten Frauen über solche Empfindungen.
Hormone wie Östrogen wirken nämlich nicht nur dort, wo wir sie gedanklich gerne einsortieren würden. Unser Nervensystem und unsere Haut reagieren ebenfalls auf hormonelle Veränderungen. Deshalb können die starken Schwankungen der Perimenopause möglicherweise dazu beitragen, dass sich Empfindungen verändern oder Kribbeln und andere Missempfindungen auftreten.
Ich würde es allerdings nicht so formulieren, dass sinkendes Östrogen einfach die Reizweiterleitung „temporär stört“ und dadurch zwangsläufig Fehlsignale produziert. Dafür ist unser Körper ein bisschen komplizierter.
Und genau hier kommt der Teil, der mir bei meiner Wechseljahres-Wundertüte wichtig ist:
Nicht jedes Kribbeln sind die Wechseljahre.
Kribbeln und Missempfindungen können viele andere Ursachen haben, zum Beispiel gereizte oder eingeengte Nerven, bestimmte Mangelzustände, Stoffwechselerkrankungen, Medikamente oder andere Erkrankungen.
Deshalb gilt besonders bei neuen, häufigen, zunehmenden oder anhaltenden Beschwerden:
Bitte abklären lassen.
Und wenn Kribbeln plötzlich zusammen mit Lähmungserscheinungen, deutlicher Schwäche, Sprach- oder Sehstörungen oder anderen akuten neurologischen Beschwerden auftritt, gehört das nicht in die Kategorie „Ach, bestimmt die Hormone“, sondern muss sofort medizinisch beurteilt werden.
Das möchte ich in dieser Reihe immer wieder sagen.
Nicht weil ich Angst machen möchte.
Sondern weil ich genau das Gegenteil erreichen will.
Ich möchte, dass Frauen ihren Körper besser verstehen.
Denn ich finde es genauso schwierig, wenn jede Beschwerde sofort den Wechseljahren zugeschoben wird, wie wenn bei einer Frau Anfang 40 überhaupt niemand daran denkt, dass hormonelle Veränderungen bereits eine Rolle spielen könnten.
Dazwischen liegt irgendwo der vernünftige Weg.
Hinschauen.
Ernst nehmen.
Abklären.
Und dann vielleicht feststellen:
Ach guck – noch ein Geschenk aus der Wechseljahres-Wundertüte.
Was ich an dieser Lebensphase inzwischen wirklich faszinierend finde, ist, wie viele Körperempfindungen plötzlich auftauchen können, über die vorher kaum jemand gesprochen hat.
Von Hitzewallungen hatte ich gehört.
Aber niemand hat mir mit 30 erzählt:
„Übrigens, möglicherweise sitzt du irgendwann nachts um drei im Bett, weil dein Ohr von innen juckt und du gleichzeitig davon überzeugt bist, dass unter deiner Kopfhaut eine Ameisenkolonie eingezogen ist.“
Das wäre wenigstens eine Vorbereitung gewesen.
Vielleicht ist genau deshalb der Austausch unter Frauen so wichtig.
Damit eine andere Frau diesen Artikel liest, die seit Wochen dieses merkwürdige Kribbeln kennt und bisher dachte:
Bin eigentlich nur ich so?
Nein.
Bist du nicht.
Vielleicht sind es die hormonellen Veränderungen.
Vielleicht steckt etwas ganz anderes dahinter.
Aber du bildest dir deine Empfindungen nicht einfach ein und du darfst sie ernst nehmen.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel mit einer winzigen Lupe auf meinem Kopf, sucht zwischen meinen Haaren nach dem vermeintlichen Ameisenstaat und flüstert:

„Ich habe nachgesehen. Keine Ameisen. Aber vielleicht möchte dein Körper gerade trotzdem, dass du ein bisschen genauer hinhörst. Nicht alles müssen wir aushalten, nicht alles müssen wir den Hormonen zuschieben und nicht für alles brauchen wir sofort eine Antwort. Manchmal beginnt Fürsorge einfach damit, eine Veränderung ernst zu nehmen und nachzufragen.“

Schön das du hier bist 🩶

Wechseljahres-Wundertüte  Teil 2: Ich habe geschlafen. Warum tut mir jetzt alles weh?

Es gibt Dinge, auf die war ich bei den Wechseljahren vorbereitet.
Hitzewallungen zum Beispiel.
Die kennt man. Irgendwann sitzt man friedlich beim Frühstück und plötzlich schaltet der Körper die Zentralheizung auf Stufe „Sauna“. Damit hatte ich gerechnet.
Womit ich nicht gerechnet hatte?
Dass mir plötzlich Dinge wehtun, von deren Existenz ich vorher kaum etwas wusste.
Und damit willkommen zu Teil zwei meiner Wechseljahres-Wundertüte.
Heute greifen wir hinein und ziehen etwas heraus, das sich hervorragend verstecken kann:
Muskel- und Gelenkschmerzen.
Bei mir fing das nämlich irgendwann ganz unspektakulär an. Ich stand morgens auf und etwas tat weh.
Also überlegte ich.
Was habe ich gestern gemacht?
Sport?
Natürlich nicht.
Falsch gehoben?
Nein.
Bin ich irgendwo runtergefallen?
Auch nicht.
Ich habe geschlafen.
Ich habe einfach nur geschlafen.
Früher war Schlaf Erholung. Heute scheint Schlaf gelegentlich eine Risikosportart zu sein.
Mit 25 konnte ich wahrscheinlich halb verdreht auf einer Couch einschlafen, mit einem Bein über der Lehne, einem Arm unter meinem Körper und dem Kopf auf einem Sofakissen, das ungefähr die ergonomischen Eigenschaften eines Stücks Knäckebrot hatte.
Acht Stunden später stand ich auf.
Heute habe ich eine vernünftige Matratze, ein ordentliches Kissen und genügend Platz und morgens muss offenbar erst eine Schadensbegutachtung stattfinden.
Nacken?
Geht.
Rücken?
Verdächtig.
Knie?
Meldet sich.
Großer Zeh?
Warum tut mein großer Zeh weh?!
Ich lag doch nur da.
Und genau solche Muskel- und Gelenkbeschwerden können tatsächlich während der Wechseljahre auftreten. Das Spannende ist nämlich, dass Östrogen nicht nur etwas mit Zyklus und Fortpflanzung zu tun hat. Östrogen wirkt an vielen Stellen unseres Körpers mit – unter anderem an Knochen, Muskeln, Gelenken und an Prozessen, die unser Schmerzempfinden beeinflussen.
Während der Perimenopause fällt der Östrogenspiegel außerdem nicht einfach ganz gemütlich wie ein Fahrstuhl vom fünften in den ersten Stock.
Schön wär’s.
Er kann schwanken.
Mal hoch.
Mal runter.
Mal irgendwo dazwischen.
Mein Körper scheint dabei gelegentlich zu denken:
„Wir drücken heute einfach mal alle Knöpfe.“
Diese hormonellen Veränderungen können bei manchen Frauen mit Muskel- und Gelenkbeschwerden einhergehen. Steifigkeit, Ziehen oder Schmerzen können plötzlich stärker auffallen. Gleichzeitig können natürlich viele andere Dinge dahinterstecken. Deshalb sollte man neue, starke, geschwollene oder länger anhaltende Gelenkbeschwerden nicht einfach mit „Ach, Wechseljahre“ abstempeln, sondern ärztlich abklären lassen.
Denn meine Wechseljahres-Wundertüte darf vieles enthalten.
Eine medizinische Ferndiagnose gehört nicht dazu.
Was mich daran aber besonders fasziniert: Die Schmerzen müssen sich nicht unbedingt logisch anfühlen.
Wenn ich einen Tag lang den Garten umgrabe und am nächsten Morgen Rückenschmerzen habe, kann ich damit arbeiten.
Ursache.
Wirkung.
Verstanden.
Aber wenn ich abends vollkommen normal ins Bett gehe und morgens mein Knie beschließt, dass Treppen ab sofort eine persönliche Beleidigung darstellen, fehlen mir Informationen.
Da stehe ich mit 42 vor der Treppe und denke:
Gestern bin ich hier noch hochgelaufen.
Heute gibt es offenbar nur noch zwei Möglichkeiten.
Geländer.
Oder kriechen.
Und komm mir jetzt bitte nicht mit Sport.
Ich weiß es.
Bewegung ist wichtig. Krafttraining kann gerade in dieser Lebensphase sinnvoll sein, weil Muskeln und Knochen davon profitieren.
Ich habe die Information erhalten.
Sie wurde ordnungsgemäß in meinem Gehirn abgelegt.
Aber wenn mein Knie morgens um sechs Uhr schlechte Laune hat, möchte ich nicht hören:
„Du müsstest einfach mehr Kniebeugen machen.“
Ich möchte Kaffee.
Und vielleicht eine Rolltreppe.
Was die ganze Sache zusätzlich interessant macht, ist der Schlaf.
Denn der kann in den Wechseljahren ebenfalls schlechter werden. Und wenn der Körper nachts nicht richtig zur Ruhe kommt, fühlt sich der nächste Morgen natürlich nicht unbedingt besser an.
Früher habe ich mich hingelegt und geschlafen.
Heute kann aus einem nächtlichen Toilettengang eine militärische Geheimoperation werden.
Du wachst auf und merkst:
Ich muss mal.
Ab diesem Moment lautet die wichtigste Regel:
NICHT WACH WERDEN.
Also Augen möglichst geschlossen lassen.
Licht?
Auf keinen Fall!
Du tastest dich an der Wand entlang zur Toilette, als würdest du nachts heimlich aus einem Hochsicherheitstrakt fliehen.
Dabei gibt es nur ein Ziel:
Den großen Zeh nicht irgendwo gegenrammen.
Denn Schmerz bedeutet wach.
Wach bedeutet denken.
Und denken bedeutet um drei Uhr morgens:
„Habe ich eigentlich die Rechnung bezahlt? Was koche ich Sonntag? Ich müsste den Schrank mal ausmisten. Warum habe ich 2007 eigentlich zu dieser Frau gesagt …“
Vorbei.
Der Schlaf ist weg.
Und am nächsten Morgen tut dir dann möglicherweise trotzdem der große Zeh weh.
Danke, Körper.
Das wirklich Schwierige an solchen Beschwerden finde ich aber gar nicht nur den Schmerz selbst.
Es ist dieses Gefühl, den eigenen Körper plötzlich nicht mehr ganz zu kennen.
Vor ein paar Jahren konnte ich kaum still sitzen. Heute habe ich Tage, an denen ich nach zwei Stunden Arbeit denke, dass meine Couch und ich uns dringend wiedersehen sollten.
Manchmal sitze ich dort und überlege sogar, ob sich der Weg zum Kühlschrank wirklich lohnt.
Zehn Meter.
Da beginnt eine ernsthafte Kosten-Nutzen-Rechnung.
Wie hungrig bin ich wirklich?
Vielleicht vergeht es wieder.
Und genau deshalb möchte ich über diese Seite der Wechseljahre sprechen.
Weil Hitzewallungen fast jeder kennt.
Aber wenn plötzlich Knie, Hüfte, Hände, Schultern, Muskeln oder andere Gelenke anfangen zu meckern, denken viele vielleicht zunächst nicht an hormonelle Veränderungen.
Natürlich ist nicht jeder Schmerz ein Wechseljahressymptom.
Aber Wechseljahre sind eben auch sehr viel mehr als ein bisschen Schwitzen und eine irgendwann ausbleibende Periode.
Unser Körper befindet sich in einer großen hormonellen Umstellung.
Und vielleicht hilft es einer Frau, die diesen Artikel liest und sich seit Monaten fragt:
„Warum fühle ich mich plötzlich morgens wie 87, obwohl ich gestern Abend noch 42 war?“
Zumindest damit ist sie nicht allein.
Und vielleicht ist genau das der Sinn meiner Wechseljahres-Wundertüte.
Nicht jedes Symptom kleinzureden.
Nicht hinter jedem Schmerz sofort die Hormone zu vermuten.
Sondern überhaupt erst einmal zu wissen, was alles mit dieser Lebensphase zusammenhängen kann, damit wir gezielter hinschauen, nachfragen und uns Hilfe holen können.
Denn Wissen macht den großen Zeh vielleicht nicht schmerzfrei.
Aber wenigstens weiß man beim nächsten Mal:
Ich bilde mir das nicht ein. Mein Körper hat gerade einfach ziemlich viel zu tun.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel morgens auf meiner Bettkante, hält meinen großen Zeh vorsichtig in beiden Händen und flüstert:

„Manchmal verändert sich ein Körper leise. Er zieht hier, zwickt dort und bittet uns auf seine ziemlich eigenwillige Art, genauer hinzuhören. Du musst nicht jeden Schmerz tapfer weglächeln und auch nicht alles auf die Wechseljahre schieben. Aber du darfst langsamer werden, nachfragen und gut zu dir sein. Und wenn heute nur der Aufzug geht, dann fahren wir eben Aufzug. Wir müssen niemandem mehr beweisen, dass wir die Treppe schaffen.“

Schön das du hier bist 🩶

Wechseljahres-Wundertüte

Teil 1: Ist hier eigentlich warm oder bin das wieder ich?
Die Symptome der Wechseljahre sind ungefähr so vielfältig wie der Obststand im Supermarkt.
Von allem ist etwas dabei.
Du musst dir nur etwas aussuchen.
Wobei „aussuchen“ natürlich maßlos übertrieben ist. Eigentlich greift dein Körper selbst ins Regal und entscheidet:
„Ach, die Hitzewallungen nehmen wir. Schlafprobleme sehen auch nett aus. Und weißt du was? Von den Gelenkschmerzen packen wir vorsichtshalber auch noch welche ein.“
Und wenn du das Richtige erst einmal gefunden hast, wirst du es teilweise erstaunlich lange nicht mehr los.
Wenn du besonders viel Glück hast, bekommst du sogar noch etwas dazu.
Gratis.
Willkommen in der Wechseljahres-Wundertüte.
Genau deshalb möchte ich mit diesem Artikel eine kleine Reihe beginnen. Ich möchte über die verschiedenen Symptome der Wechseljahre schreiben, vor allem über diejenigen, die ich selbst kenne und bei denen man manchmal niemals auf die Idee kommen würde, sie mit hormonellen Veränderungen in Verbindung zu bringen.
Warum?
Weil ich glaube, dass viele Frauen einen ziemlich langen Leidensweg hinter sich haben, bevor überhaupt einmal jemand das Wort Wechseljahre in den Raum wirft.
Die Wechseljahre beginnen nämlich nicht plötzlich an einem bestimmten Geburtstag. Die hormonelle Umstellung kann schon Jahre vor der letzten Regelblutung anfangen. Manche Frauen bemerken Veränderungen bereits in ihren Vierzigern, einige sogar früher.
Und trotzdem hört man noch immer Geschichten von Frauen, deren Beschwerden einzeln betrachtet werden.
Hier etwas gegen den Schlaf.
Dort etwas gegen Schmerzen.
Vielleicht noch etwas gegen die Stimmung.
Etwas gegen Herzklopfen.
Etwas gegen dieses und jenes.
Natürlich können all diese Beschwerden völlig andere Ursachen haben und sollten gerade dann ärztlich abgeklärt werden, wenn sie neu, stark oder ungewöhnlich sind. Nicht jedes Zipperlein ab 40 kommt automatisch aus der Wechseljahres-Wundertüte.
Aber vielleicht sollten wir Frauen und auch Ärzte manchmal zumindest daran denken, dass Hormone eine Rolle spielen könnten.
Denn bevor eine Frau irgendwann mit einer eigenen Medikamentenschublade zum Frühstück erscheint, könnte sich vielleicht auch einmal der Weg zur Frauenärztin oder zum Frauenarzt lohnen.
Beginnen wir aber mit dem Prominentesten unter den Wechseljahressymptomen.
Der Hitzewallung.
Die kennt wahrscheinlich jede 1,5. Frau.
Jede Frau wäre übertrieben.
Jede zweite klingt mir wiederum zu wenig.
Also einigen wir uns auf 1,5.
Früher habe ich irgendwie nie Frauen gesehen, bei denen ich dachte:
Die braucht dringend einen persönlichen Schweißabwischer.
Auch niemanden, der während einer Hitzewallung nebenbei noch die Zimmerpflanzen hätte bewässern können.
Heute?
Steht gefühlt jeden zweiten Tag eine vor mir.
Meine Wenigkeit inklusive.
Es ist faszinierend.
Morgens sitzt du noch vollkommen friedlich am Frühstückstisch.
Vielleicht mit einer leichten Strickjacke.
Kaffee in der Hand.
Die Welt ist in Ordnung.
Dir ist sogar ein bisschen kühl.
Eine halbe Stunde später beziehst du die Betten.
Nicht den Mount Everest.
Nicht zehn Kilometer Joggen.
Du ziehst ein Spannbettlaken über eine Matratze.
Und plötzlich hat dein Körper beschlossen:
ZENTRALHEIZUNG AN!
Innerhalb kürzester Zeit wird dir warm.
Dann wärmer.
Dann sehr warm.
Und schließlich stehst du da und fragst dich, ob jemand unbemerkt die Sonne in deinen Brustkorb eingebaut hat.
Das Gemeine daran ist: Eine Hitzewallung ist nicht einfach nur „Mir ist ein bisschen warm“.
Diese Wärme kann plötzlich vom Oberkörper nach oben schießen. Gesicht und Hals werden heiß, man beginnt zu schwitzen und bei manchen Frauen kommt noch Herzklopfen dazu.
Und ich schwitze dann nicht elegant.
Ich gehöre nicht zu diesen Menschen, bei denen sich drei kleine Schweißperlen dekorativ an der Stirn bilden.
Nein.
Wenn schon, denn schon.
Der Schweiß läuft.
Natürlich bevorzugt Richtung Augen.
Und wer schon einmal Schweiß im Auge hatte, weiß:
Das Zeug brennt wie Hölle.
Dann stehst du da, versuchst dir die Augen abzuwischen, dir ist heiß, die Haare kleben irgendwo, wo sie nicht kleben sollten, und dein Körper findet offenbar, dass dies eine vollkommen angemessene Reaktion auf das Beziehen eines Bettes ist.
Danke für nichts.
Und danach?
Bin ich teilweise erschöpft.
Nicht ein bisschen.
Sondern so, als wäre ich gerade den Jakobsweg gefahren.
Mit dem Fahrrad.
Bergauf.
Gegenwind.
Mit Gepäck.
Dabei habe ich lediglich gelebt.
Das Verrückte ist, dass man irgendwann tatsächlich anfängt, seinen Alltag ein bisschen danach auszurichten.
Man wird schlauer.
Man zieht mehrere dünne Schichten an.
Man weiß plötzlich ganz genau, wo sich in einem Raum das nächste Fenster befindet.
Man entwickelt eine erstaunlich innige Beziehung zu Ventilatoren.
Und man lernt, langsamer zu machen.
Früher hätte ich vielleicht gedacht:
Ach komm, schnell noch das, dann das und anschließend noch jenes.
Heute sagt mein Körper gelegentlich:
Mach ruhig. Ich zeige dir gleich, wer hier das Sagen hat.
Also werde ich vernünftiger.
Nicht freiwillig natürlich.
So weit wollen wir nicht gehen.
Ich nehme bildlich gesprochen eben nicht mehr das Fahrrad bergauf.
Ich nehme den Aufzug.
Und vielleicht ist genau das neben all dem Chaos auch etwas, das diese Lebensphase mit sich bringt.
Der eigene Körper verändert sich.
Er macht Dinge, um die niemand gebeten hat.
Er schaltet Heizungen ein, obwohl draußen 18 Grad sind.
Und manchmal zwingt er uns damit auch, wieder genauer hinzuhören.
Hitzewallungen sind eines der bekanntesten Symptome der Wechseljahre. Sie entstehen im Zusammenhang mit hormonellen Veränderungen, die unter anderem unsere Temperaturregulation beeinflussen können.
Aber keine Frau erlebt sie gleich.
Die eine hat kaum welche.
Die nächste gelegentlich.
Und eine andere überlegt bereits, ob sie beruflich in einen Kühlraum umziehen könnte.
Deshalb soll diese Reihe auch keine Anleitung werden, welche Beschwerden eine Frau haben muss.
Sie soll vielmehr sagen:
Du bist damit nicht allein.
Vielleicht erkennst du dich wieder.
Vielleicht erkennst du etwas, das du bisher gar nicht mit den Wechseljahren verbunden hast.
Und vielleicht führt dich das dazu, einmal genauer hinzuschauen und mit deiner Ärztin oder deinem Arzt darüber zu sprechen.
Denn wir müssen nicht jedes Symptom einfach hinnehmen.
Und wir müssen uns auch nicht einreden lassen, wir seien „noch viel zu jung“ für hormonelle Veränderungen.
Beim nächsten Mal greifen wir dann wieder gemeinsam in meine Wechseljahres-Wundertüte.
Ich bin selbst gespannt, was drin ist.
Wobei, eigentlich nicht.
Ich hätte gerne einmal eine Niete.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel mit einem winzigen Fächer auf meiner Schulter, wischt sich ebenfalls die Stirn und flüstert:

„Vielleicht müssen wir nicht jede Veränderung unseres Körpers verstehen oder mögen. Aber wir dürfen lernen, ihm zuzuhören. Und wenn er plötzlich seine eigene Zentralheizung einschaltet, obwohl niemand den Knopf gedrückt hat, dürfen wir das Fenster öffnen, langsamer machen und wissen: Irgendwo sitzt gerade garantiert noch eine andere Frau vor einem Ventilator und denkt genau dasselbe.“

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Was wir von Vögeln über Teamarbeit lernen können

Teamarbeit.
Allein dieses Wort kann wahrscheinlich in manchen Betrieben schon leichte Unruhe auslösen.
Denn es gibt Teams, da läuft es. Es gibt Teams, da läuft es meistens. Und dann gibt es vermutlich auch Teams, bei denen man morgens die Tür öffnet und schon an der Stimmung merkt:
Heute wird interessant.
Ich kann tatsächlich sagen, dass ich ein gutes Team habe. Und trotzdem glaube ich nicht, dass ein gutes Team einfach vom Himmel fällt. Es ist Arbeit. Immer wieder.
Für mich bedeutet ein gutes Team nämlich überhaupt nicht, dass sich alle rund um die Uhr liebhaben.
Wir dürfen uns streiten.
Wir dürfen voneinander genervt sein.
Und ja, wir dürfen auch mal über den anderen meckern.
Ich finde das sogar ziemlich normal.
Wir verbringen ungefähr acht Stunden am Tag miteinander. Manchmal mehr. Da wäre es schon eine beachtliche menschliche Leistung, wenn man sich niemals gegenseitig auf die Nerven gehen würde.
Ich schaffe das ja nicht einmal mit Menschen, die ich selbst ausgesucht habe.
Entscheidend ist für mich etwas anderes:
Wenn es wirklich darauf ankommt, trägt ein gutes Team einander.
Dann ist plötzlich völlig egal, wer gestern vergessen hat, etwas wegzuräumen oder wer morgens schon wieder schlechte Laune hatte.
Wenn es brennt, stehen alle da.
Und danach darf man sich trotzdem sagen:
„Übrigens, das eben fand ich richtig blöd.“
Am besten direkt ins Gesicht.
Damit kann ich umgehen.
Was ich viel schwieriger finde, sind Probleme, die wochenlang durch irgendwelche Flure getragen werden und irgendwann größer sind als das eigentliche Problem.
Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch. Ich möchte es um mich herum schön haben. Oder wenigstens erträglich.
Das bedeutet aber nicht, dass ich meinen Mund halte.
Wer mich kennt, weiß:
Das eine schließt das andere bei mir keineswegs aus.
Ich möchte Harmonie und sage trotzdem meine Meinung. Auch wenn mein Gegenüber sie vielleicht gerade nicht hören möchte.
Für mich gehört genau das zu einem funktionierenden Team.
Offen miteinander reden, sich auch mal ärgern und am Ende des Tages trotzdem gemeinsam weiterarbeiten können.
Wir müssen uns schließlich nicht heiraten.
Wir müssen miteinander arbeiten.
Ein Punkt ist für mich persönlich mit den Jahren ebenfalls wichtig geworden: Ich trenne Freundschaft und Arbeit.
Meine Kollegen sind Kollegen, mit denen ich mich sehr gut verstehe.
Fertig.
Nicht mehr und nicht weniger.
Das ist natürlich nur meine persönliche Erfahrung. Andere finden ihre besten Freunde am Arbeitsplatz oder sogar ihren Partner und sind damit wunderbar glücklich.
Für mich funktioniert die Trennung besser.
Und dann gibt es da eine Spezies, die über all diese Dinge vermutlich wesentlich weniger Teambesprechungen abhält:
Vögel.
Habt ihr schon einmal einen Vogelschwarm beobachtet?
Ich könnte da ewig zugucken.
Schwalben schießen durch die Luft, drehen gleichzeitig ab, verändern plötzlich ihre Richtung und erzeugen dabei diese faszinierenden Formationen am Himmel.
Manchmal könnte man wirklich Bilder darin suchen.
Da ist ein Drache!
Nein, ein Hase!
Nein.
Es waren einfach 200 Vögel, die offensichtlich besser organisiert sind als manche WhatsApp-Gruppe.
Besonders faszinierend finde ich aber Zugvögel.
Viele größere Zugvögel, zum Beispiel Gänse, fliegen in einer V-Formation. Das hat tatsächlich einen Sinn: Die Tiere können Luftströmungen nutzen, die durch die Flügelschläge der vorausfliegenden Vögel entstehen, und dadurch Energie sparen.
Und jetzt kommt der Teil, den ich für uns Menschen ziemlich interessant finde:
Der Vogel ganz vorne hat diesen Vorteil nicht.
Er hat die anstrengendste Position.
Aber der fliegt nicht von der Ostsee bis Afrika vorneweg und denkt:
Na wunderbar. Wieder alles an mir hängen geblieben.
Die Tiere wechseln ihre Position.
Der eine führt.
Dann übernimmt ein anderer.
Jeder trägt einen Teil.
Und genau da dachte ich:
Vielleicht sollten wir Menschen häufiger in den Himmel schauen.
Stellt euch das einmal bei uns vor.
„Kannst du heute vorne fliegen?“
„Nee. Mein Zeh.“
„Okay.“
„Und Rheuma.“
„Verstehe.“
„Außerdem habe ich meine Tage.“
„Natürlich.“
„Und ich glaube, meine Wechseljahre fangen an.“
Dann steht der arme Vogel vorne vermutlich immer noch da und überlegt, ob Afrika die Sache überhaupt wert ist.
Natürlich ist dieser Vergleich ein bisschen gemein.
Menschen sind keine Gänse.
Wir haben Krankheiten, Belastungsgrenzen, unterschiedliche Fähigkeiten und Lebenssituationen. Und selbstverständlich darf jemand sagen, wenn er etwas gerade nicht schafft.
Teamarbeit bedeutet schließlich nicht, sich selbst kaputtzumachen.
Aber hinter dieser Formation steckt trotzdem ein schöner Gedanke:
Nicht immer derselbe muss vorne fliegen.
Mal habe ich Kraft.
Mal hast du Kraft.
Mal ziehe ich dich ein Stück mit.
Und irgendwann brauche vielleicht ich deinen Windschatten.
Vielleicht ist genau das ein gutes Team.
Nicht, dass alle gleich viel leisten.
Nicht, dass niemand schlechte Tage hat.
Nicht, dass wir uns niemals streiten.
Sondern dass wir merken, wann jemand vorne schon viel zu lange gegen den Wind fliegt.
Dass dann jemand sagt:
„Komm. Geh ein Stück zurück. Ich übernehme.“
Und dass man genauso akzeptiert, wenn derjenige später wieder Kraft hat und seinen Platz einnimmt.
Vielleicht macht gerade das ein Team stark.
Nicht perfekte Harmonie.
Sondern Verlässlichkeit.
Ehrlichkeit.
Und das Wissen:
Wenn es darauf ankommt, fliegen wir gemeinsam.
Die Natur macht uns vieles vor, ohne ein einziges Seminar über Teambuilding besucht zu haben.
Kein Flipchart.
Keine Motivationskärtchen.
Keine Gruppenübung, bei der sich einer rückwärts fallen lassen muss und hoffen soll, dass die Kollegen ihn auffangen.
Die Vögel fliegen einfach los.
Einer vorne.
Die anderen dahinter.
Und irgendwann wird gewechselt.
Vielleicht sollten wir tatsächlich öfter hinschauen.
Denn wir müssen auf Arbeit keine besten Freunde sein. Wir müssen uns nicht immer einig sein. Und wir müssen ganz sicher nicht acht Stunden am Tag gemeinsam vor Glück zwitschern.
Aber wir können versuchen, einander ein bisschen Windschatten zu geben.
Und wenn einer müde wird, fliegt eben jemand anderes eine Weile vorne.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf einem Ast, schaut dem Vogelschwarm hinterher und flüstert: „Ein gutes Team erkennt man vielleicht nicht daran, dass alle immer im gleichen Takt fliegen. Sondern daran, dass keiner allein gegen den Wind kämpfen muss. Manchmal trägt uns der Windschatten eines anderen und manchmal sind es unsere eigenen Flügel, die jemandem den Weg ein kleines Stück leichter machen.“

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Wenn Romeo plötzlich „cooked“ ist

Gestern hatte ich eine Idee.
Das ist bei mir grundsätzlich erst einmal gefährlich, weil aus „Ich könnte ja mal …“ relativ schnell ein kompletter Marktplatz, vier Mäuse, Requisiten und eine Geschichte entstehen können.
Diesmal traf es Romeo und Julia.
Bei uns zu Hause wird nämlich inzwischen eine Sprache gesprochen, von der ich lange dachte, sie sei einfach Deutsch mit ein paar merkwürdigen Wörtern dazwischen.
Jugendsprache.
Ich habe das immer ein bisschen belächelt.
Digga.
Bro.
Cringe.
Cooked.
Sus.
Was soll daran bitte kompliziert sein?
Man hört den Kindern ein bisschen zu, merkt sich drei Wörter und schon kann man mitreden.
Dachte ich.
Inzwischen bin ich überzeugt: Jugendsprache könnte problemlos ein eigenes Unterrichtsfach sein.
Mit Grundkurs.
Leistungskurs.
Mündlicher Prüfung.
Und ich würde vermutlich durchfallen.
Also nahm ich meine Mäuse, meinen selbstgebauten Marktplatz und stellte mit ihnen Szenen aus Romeo und Julia nach.
Romeo unten.
Julia oben.
Große Liebe.
Verbotene Familien.
Drama.
Alles wie gehabt.
Nur sprachlich eben ein kleines bisschen modernisiert.
Shakespeare hätte vermutlich kurz geschluckt.
Aus der berühmtesten Liebesgeschichte der Welt wurde bei mir plötzlich eine Unterhaltung, bei der Romeo ungefähr klarmachen musste, dass die ganze Sache ziemlich „cooked“ ist, falls Julias Familie ihn erwischt.
Ich fand es großartig.
Meine Mäuse sahen überzeugend aus.
Die Bilder passten.
Der Text passte.
Ich war zufrieden.
Und dann machte ich einen entscheidenden Fehler.
Ich las die Geschichte meinem Exemplar laut vor.
Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte.
Vielleicht Anerkennung.
Vielleicht ein respektvolles:
„Mama, gar nicht schlecht.“
Vielleicht sogar diesen seltenen Moment, in dem ein Kind feststellt, dass die eigene Mutter doch erstaunlich cool ist.
Es kam anders.
Mein Exemplar bekam einen Lachanfall.
Nicht dieses freundliche kleine Lachen, wenn etwas wirklich witzig ist.
Nein.
Dieses Lachen, bei dem irgendwann keine Geräusche mehr kommen.
Tränen in den Augen.
Keine Luft.
Zwischendurch der Versuch, mir zu erklären, was ich falsch gemacht hatte.
„Mama! Das spricht man doch nicht SO aus!“
Ach.
Entschuldigung.
Ich wusste nicht, dass „Bro“ eine eigene Sprachmelodie besitzt.
Ich versuchte es noch einmal.
Wieder falsch.
„Boah Mama, voll peinlich.“
Danke.
Man zieht diese Kinder groß.
Man füttert sie.
Man fährt sie irgendwohin.
Man hört sich ihre Sorgen an.
Und irgendwann sitzen sie neben einem und lachen Tränen, weil man ein Wort falsch betont hat, das vor zehn Jahren vermutlich noch nicht einmal existierte.
In diesem Moment fühlte ich mich ungefähr 147 Jahre alt.
Plötzlich verstand ich meine eigene Mutter ein bisschen besser.
Vielleicht dachte sie damals auch, sie wäre sprachlich noch vollkommen auf der Höhe.
Und dann kam ich nach Hause und sagte irgendeinen Satz, bei dem sie mich ansah, als hätte ich gerade rückwärts Latein gesprochen.
Heute bin ich diese Mutter.
Und während mein Exemplar neben mir immer noch versuchte, sich von meinem Vortrag zu erholen, hatte ich plötzlich ein Bild im Kopf.
Irgendwann in ferner Zukunft entdecken Archäologen eine Höhle.
Sie leuchten mit ihren Taschenlampen über uralte Wandmalereien und finden zwischen Mammuts und Handabdrücken eine bislang unbekannte Inschrift:
„Digga, Bro, wenn meine Familie dich erwischt, bist du voll cooked.“
Die Forscher sind begeistert.
Eine bisher unbekannte Zivilisation!
Sie rätseln jahrelang über die Bedeutung.
Vielleicht ein Gebet?
Eine Warnung?
Ein Liebesschwur?
Nein.
Romeo.
Der arme Kerl stand nur unter Julias Balkon und hatte Angst vor ihren Eltern.
Eigentlich finde ich Jugendsprache inzwischen sogar ziemlich spannend.
Denn Sprache hat sich schon immer verändert.
Jede Generation hatte ihre eigenen Wörter, ihre eigenen Redewendungen und vermutlich auch Eltern, die danebenstanden und sich fragten, was mit der deutschen Sprache passiert ist.
Und trotzdem existiert sie noch.
Vielleicht ist Jugendsprache deshalb gar nicht so weit von Shakespeare entfernt, wie man zunächst denkt.
Romeo und Julia ist eine Geschichte über zwei junge Menschen.
Über Liebe.
Über Eltern, die nerven.
Über Regeln, die niemand versteht.
Über Drama in einem Ausmaß, bei dem heutige Jugendliche vermutlich sagen würden:
Komplett eskaliert.
Die Wörter verändern sich.
Die Gefühle nicht.
Jugendliche verlieben sich heute genauso wie vor Hunderten von Jahren.
Sie streiten mit ihren Eltern.
Sie fühlen sich unverstanden.
Sie finden Erwachsene peinlich.
Und Erwachsene versuchen wiederum verzweifelt zu beweisen, dass sie überhaupt nicht peinlich sind.
Was sie meistens nur noch peinlicher macht.
Vielleicht ist genau das der natürliche Kreislauf des Lebens.
Als Kind denkt man:
Meine Mutter hat keine Ahnung.
Als Erwachsene denkt man:
Ich bin eine ziemlich moderne Mutter.
Und dann sagt man einmal „Digga“ falsch und kennt plötzlich seinen Platz in der Nahrungskette.
Ich bleibe trotzdem dabei:
Meine Romeo-und-Julia-Geschichte in Jugendsprache ist gut.
Ich kann sie schreiben.
Ich kann sie fotografieren.
Ich kann sie veröffentlichen.
Nur eines sollte ich vielleicht nicht mehr machen:
Sie öffentlich vorlesen.
Sonst werde ich irgendwann tatsächlich der Clown auf dem Schulhof.
Und alle lachen.
Nur leider nicht wegen meiner roten Nase.
Mein Exemplar darf sich also weiterhin über mich amüsieren. Schließlich habe ich durch sie wenigstens gelernt, dass Jugendsprache offenbar weniger eine Frage des Wortschatzes als der korrekten Darbietung ist.
Und vielleicht revanchiere ich mich eines Tages.
Wenn sie 42 ist.
Wenn ihr eigenes Exemplar neben ihr sitzt.
Und wenn sie versucht, irgendein Wort aus dem Jahr 2056 richtig auszusprechen.
Dann werde ich daneben sitzen.
Sehr zufrieden.
Vielleicht mit meiner Rheumaheizdecke.
Und sagen:
„Boah, voll peinlich.“
Darauf freue ich mich jetzt schon.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf einem winzigen Balkon, hält ein Shakespeare-Buch in der einen und ein Wörterbuch für Jugendsprache in der anderen Hand und flüstert:

„Manchmal verändern sich die Wörter so sehr, dass eine Generation die andere kaum noch versteht. Aber Liebe, Lachen und das herrliche Gefühl, die eigene Mutter ein bisschen peinlich zu finden, brauchen keine Übersetzung. Vielleicht ist Sprache genau deshalb so wunderbar, weil jede Generation ihre eigenen Wörter erfindet und wir trotzdem immer wieder versuchen, miteinander zu reden.“

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Die Grauzone mit Kaffee und Hitzewallungen

Als ich ungefähr zwölf Jahre alt war, waren Menschen mit 42 für mich alt.
Nicht ein bisschen älter.
Alt.
So richtig.
42 war in meiner damaligen Vorstellung vermutlich kurz vor Rheumadecke, Gebiss im Wasserglas und dem dringenden Bedürfnis, anderen Menschen ungefragt zu erzählen, dass früher alles besser war.
Heute bin ich selbst in diesem Alter und möchte meinem zwölfjährigen Ich nachträglich sagen:
Du hattest ja überhaupt keine Ahnung.
Das Problem ist nur: Mein Exemplar sieht das offenbar ähnlich wie ich damals.
Für sie bin ich alt.
Ich empfinde das als persönliche Beleidigung.
Ich meine, Entschuldigung?
Ich sehe nun wirklich nicht alt aus. Ich stehe morgens vor dem Spiegel und finde durchaus noch dieselbe Frau darin, die dort vor ein paar Jahren auch schon stand. Vielleicht braucht sie morgens ein paar Sekunden länger, bis sämtliche Körperteile gemeinsam beschlossen haben, den Tag anzutreten. Aber ansonsten?
Kaum Falten.
Alle Zähne da.
Ich kann ohne Hilfe vom Sofa aufstehen.
Meistens jedenfalls.
Und trotzdem schaut mein Exemplar mich manchmal an, als hätte ich persönlich noch erlebt, wie das Rad erfunden wurde.
Dabei erinnere ich mich genau daran, wie es andersherum war. Meine Mutter war Anfang 40 und für mich war sie eben, eine Mutter.
Und Mütter waren alt.
Heute weiß ich: Sie war überhaupt nicht alt.
Sie war wahrscheinlich genauso verwundert wie ich heute darüber, dass dieses Kind, das man selbst in die Welt gesetzt hat, plötzlich vor einem steht und einem ungefragt die eigene Restlebenszeit verkürzt.
Aber warum empfinden Kinder uns eigentlich als so alt?
Weil Alter für Kinder etwas völlig anderes bedeutet als für uns.
Mit zwölf sind 20-Jährige schon richtig erwachsen. 30 ist irgendwo in weiter Ferne. Und 40?
Da wird die Luft dünn.
Kinder vergleichen unser Alter nicht mit 80. Sie vergleichen es mit ihren zwölf Jahren. Vierzig Jahre erscheinen aus dieser Perspektive vermutlich ungefähr so weit entfernt wie das Mittelalter.
Und eigentlich befinden wir uns in diesem Alter in einer ziemlich kuriosen Zwischenwelt.
Für die Jungen bin ich älter.
Für die Alten bin ich noch jung.
Für die Sportlichen bin ich unsportlich.
Für die Unsportlichen bin ich erstaunlich motiviert.
Für die Vernünftigen bin ich chaotisch.
Für die Chaoten erschreckend organisiert.
Ich bin quasi die menschliche Grauzone.
Mit Kaffee in der Hand.
Und Hitzewallungen.
Denn während mein Gesicht offenbar noch nicht verstanden hat, dass ich laut meinem Exemplar uralt bin, scheint mein Körper bereits eigene Vorstellungen von diesem Lebensabschnitt zu entwickeln.
Da sitze ich völlig friedlich auf meiner Couch.
Ich bewege mich nicht.
Ich habe nichts Anstrengendes getan.
Und plötzlich denke ich:
Meine Güte, ist das warm hier.
Es ist aber nicht warm hier.
Mir ist warm.
Sehr warm.
Von jetzt auf gleich hat mein Körper offenbar beschlossen, kurzfristig die Funktion einer Fußbodenheizung zu übernehmen.
Ich sitze also da, fächere mir Luft zu und frage mich, wer heimlich die Heizung auf Stufe sieben gestellt hat.
Niemand.
Es sind die Hormone.
Diese kleinen biochemischen Überraschungseier haben in diesem Lebensabschnitt offensichtlich beschlossen, dass ein bisschen Abwechslung nicht schaden kann.
Und das Beste daran?
In ungefähr zwei Monaten werde ich meine Rheumaheizdecke wieder aus dem Schrank holen.
Ja.
Ich besitze eine Rheumaheizdecke.
Allein dieses Wort hilft meinem Exemplar natürlich überhaupt nicht dabei, mich als jugendlich wahrzunehmen.
Ich könnte mir vermutlich Glitzer ins Gesicht kleben, TikTok-Tänze lernen und „Bro“ sagen – sobald irgendwo meine Rheumaheizdecke auftaucht, ist das Image vorbei.
Aber ich liebe dieses Ding.
Im September sitze ich auf der Couch und verbrenne innerlich.
Im November liege ich unter meiner Heizdecke und friere wie Espenlaub.
Derselbe Körper.
Dieselbe Frau.
Zwei Monate Unterschied.
Da soll mal einer schlau draus werden.
Und dann sind da noch diese gelegentlichen Schmerzen an Stellen, von deren Existenz ich früher überhaupt nichts wusste.
Mit 25 konnte ich auf einem Fußboden schlafen und am nächsten Morgen einfach aufstehen.
Heute kann es passieren, dass ich morgens aufwache und denke:
Warum tut meine Schulter weh?
Was habe ich gemacht?
Nichts.
Ich habe geschlafen.
Offenbar ist Schlafen inzwischen eine Risikosportart.
Manchmal stehe ich auf und irgendeine Stelle meines Körpers meldet sich, obwohl ich mich nicht daran erinnern kann, sie am Vortag benutzt zu haben.
Vielleicht ist das aber genau das Verrückte an diesem Alter.
Ich fühle mich nämlich überhaupt nicht alt.
Ich fühle mich auch nicht mehr wie 20.
Und das möchte ich ehrlich gesagt auch gar nicht.
Mit 20 wusste ich vieles noch nicht, was ich heute weiß. Ich habe mir mehr Gedanken darüber gemacht, was andere von mir halten. Ich musste vieles erst lernen, ausprobieren und manchmal ziemlich umständlich herausfinden.
Heute kenne ich mich besser.
Ich weiß, was mir guttut.
Ich weiß inzwischen auch ziemlich gut, was mir auf die Nerven geht.
Und ich habe deutlich weniger Schwierigkeiten damit, mich davon fernzuhalten.
Vielleicht ist Anfang 40 deshalb gar kein Alter.
Vielleicht ist es wirklich diese wunderbare Grauzone.
Noch jung genug, um Blödsinn zu machen.
Alt genug, um zu wissen, welchen Blödsinn man lieber lässt.
Jung genug für neue Abenteuer.
Alt genug, um danach freiwillig auf die Couch zu gehen.
Und irgendwo dazwischen kommen die Wechseljahre langsam um die Ecke, winken freundlich und sagen:
„Übrigens, wir hätten da noch ein paar Überraschungen.“
Na wunderbar.
Dann nehme ich eben noch einen Kaffee.
Mein Exemplar darf mich währenddessen ruhig alt finden.
Ich weiß schließlich, dass sie eines Tages selbst 42 sein wird.
Und vielleicht steht dann ihr eigenes Exemplar vor ihr, schaut sie mitleidig an und sagt:
„Mama, du bist schon ziemlich alt.“
Ich hoffe, sie erinnert sich dann an mich.
Ich werde vermutlich irgendwo sitzen.
Unter meiner Rheumaheizdecke.
Mit Kaffee.
Und ich werde lachen.
Sehr laut.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf der Sofalehne, wärmt sich die Hände an meiner Hitzewallung und flüstert:

„Vielleicht liegt das Schönste am Älterwerden genau dazwischen: Wir müssen nicht mehr die sein, die wir mit zwanzig waren, und noch lange nicht die, für die unsere Kinder uns halten. Wir dürfen einfach genau hier sein, mit ein paar neuen Fältchen, einer warmen Decke, einer großen Tasse Kaffee und genügend Humor, um über diesen wunderbar seltsamen Körper zu lachen.“

Schön das du hier bist 🩶