Habe ich den Glauben an die Menschheit verloren?

Wann hat dir ein fremder Mensch deinen Glauben an die Menschheit komplett zurückgegeben?

Heute bin ich über eine Frage gestolpert:

„Wann hat dir ein fremder Mensch deinen Glauben an die Menschheit komplett zurückgegeben?“

Und irgendwie blieb ich daran hängen.

Nicht, weil mir sofort eine herzzerreißende Geschichte eingefallen wäre, in der ein fremder Mensch einen Hund aus einem Fluss rettet, anschließend einer alten Dame die Einkaufstaschen nach Hause trägt und auf dem Rückweg noch schnell den Weltfrieden organisiert.

Nein.

Mein erster Gedanke war tatsächlich:

Habe ich den Glauben an die Menschheit überhaupt verloren?

Eigentlich nicht.

Aber sagen wir es einmal so: Manchmal wackelt er bedenklich.

Es gibt Tage, an denen ich Menschen beobachte und denke: Was ist eigentlich mit uns passiert? Warum sind wir so ungeduldig geworden? Warum so schnell genervt? Warum fällt es uns manchmal so schwer, einfach freundlich miteinander umzugehen?

Und dann gibt es wiederum diese anderen Begegnungen.

Im Urlaub zum Beispiel.

Wir waren einige Tage im Schwarzwald und hatten eine kleine Pension gebucht. Der Inhaber war für uns zunächst nichts anderes als ein fremder Mensch. Jemand, bei dem wir ein Zimmer gebucht hatten. Wir würden ankommen, unseren Schlüssel bekommen, dort ein paar Tage verbringen und anschließend wieder nach Hause fahren.

So dachte ich zumindest.

Aber schon bei unserer Ankunft war da diese unglaubliche Herzlichkeit.

Wir wurden mit unseren Vornamen angesprochen. Es wurde gelacht, erzählt und gefragt, wie unsere Fahrt gewesen war. Und innerhalb kürzester Zeit hatte ich nicht mehr das Gefühl, irgendwo einfach nur Gast zu sein.

Ich fühlte mich willkommen.

Und wisst ihr, wie kostbar dieses Gefühl eigentlich ist?

Dieser Mensch musste dafür gar nichts Außergewöhnliches tun. Er musste uns nichts schenken und keine große Geste vollbringen.

Er war einfach herzlich.

Menschlich.

Und genau das blieb bei mir hängen.

An einigen Abenden saßen wir zusammen draußen, unterhielten uns und erzählten. Eigentlich vollkommen unspektakulär und gleichzeitig so besonders.

Und da war plötzlich dieser Gedanke:

Siehst du. Da sind sie doch. Diese Menschen. Es ist noch lange nicht alles verloren.

Vielleicht nehme ich solche Momente heute auch viel bewusster wahr als früher.

Ich habe mich in den vergangenen Jahren immer weiter aus dieser permanenten Medien- und Fernsehwelt zurückgezogen. Nicht vollständig. Ich möchte natürlich wissen, was in der Welt passiert. Aber ich möchte nicht mehr jeden Tag von morgens bis abends hören, was alles schlecht ist.

Eine Nachricht.

Die nächste Katastrophe.

Eine Meinung.

Dann jemand, der diese Meinung zerlegt.

Anschließend jemand, der erklärt, warum beide keine Ahnung haben.

Und bevor ich überhaupt selbst darüber nachdenken konnte, hatten mir schon sieben Menschen erklärt, wie ich darüber denken sollte.

Irgendwann wollte ich meine eigenen Gedanken wieder hören.

Und je leiser es um mich herum wurde, desto mehr begann ich wieder auf mein Gefühl zu hören.

Ich wurde aufmerksamer.

Intuitiver.

Vielleicht ist genau daraus auch meine Liebe zu meinen Geschichten entstanden.

Ich schreibe nicht, weil ich glaube, damit die Welt retten zu können. Meine Mäuse werden vermutlich keinen Weltfrieden aushandeln. Obwohl ich Bruno mit ausreichend Käse durchaus einiges zutrauen würde.

Ich schreibe, weil ich Menschen vielleicht für einen kleinen Moment zum Stehenbleiben bringen möchte.

Vielleicht liest jemand meine Geschichte und schaut beim nächsten Spaziergang etwas genauer hin.

Auf eine Blume zwischen zwei Pflastersteinen.

Auf einen Käfer.

Auf einen alten Baum.

Oder auf einen Menschen.

Vielleicht entdeckt man dabei eines dieser kleinen Wunder, die überall um uns herum passieren und die wir so oft übersehen.

Denn die schönen Dinge sind meistens ziemlich leise.

Hass dagegen kann hervorragend schreien.

Und gerade als ich dachte, ich hätte meinen Frieden mit der Menschheit wiedergefunden, ging ich einkaufen.

Ja.

Manchmal reicht dafür ein Supermarkt.

Ich stand an den SB-Kassen und eine der Kassen verlangte nach einer Verkäuferin.

Mitarbeiter erforderlich.

Die Verkäuferin kam allerdings nicht innerhalb der nächsten drei Nanosekunden.

Katastrophe.

Zwei Männer wurden unruhig. Andere Menschen warteten ebenfalls und plötzlich konnte man diese Ungeduld beinahe körperlich spüren.

Ich stand daneben und dachte:

Leute. Wir kaufen Lebensmittel. Es geht hier gerade nicht um unser Leben.

Niemand muss reanimiert werden.

Es brennt nichts.

Es läuft auch kein hungriger Löwe durch den Supermarkt.

Eine Kasse wartet auf eine Verkäuferin.

Mehr nicht.

Und da war sie wieder.

Meine Skepsis.

Wie wenig braucht es inzwischen eigentlich, damit wir unsere Freundlichkeit verlieren?

Zwei Minuten?

Eine rote Lampe?

Eine SB-Kasse, die nicht sofort funktioniert?

Wann haben wir beschlossen, dass alles augenblicklich passieren muss?

Unser Essen wird geliefert. Filme starten auf Knopfdruck. Nachrichten erreichen innerhalb von Sekunden die andere Seite der Welt. Wir bestellen heute etwas und schauen morgen schon leicht beleidigt auf die Sendungsverfolgung.

Vielleicht haben wir tatsächlich ein wenig verlernt zu warten.

Einfach nur dazustehen.

Nichts zu tun.

Zu schauen.

Zu denken.

Zu atmen.

Und vielleicht sogar einmal daran zu denken, dass die Verkäuferin, die gerade nicht sofort kommt, ebenfalls ein Mensch ist.

Ein Mensch, der vielleicht gleichzeitig an drei anderen Kassen gebraucht wird.

Im Urlaub las ich einen Satz an einer Wand:

„Die Welt, auf der wir leben, ist gut. Nur wir Menschen haben sie nicht verdient.“

Der Satz blieb bei mir.

Und trotzdem kann ich ihm nicht vollständig zustimmen.

Denn dann würde ich all die Menschen vergessen, die jeden Tag das Gegenteil beweisen.

Menschen, die Tiere retten.

Menschen, die Bäume pflanzen.

Menschen, die andere pflegen.

Menschen, die Kinder trösten.

Menschen, die einem Fremden helfen.

Oder einen Gast so herzlich empfangen, dass dieser Wochen später noch darüber schreibt.

Aber ich verstehe, was dieser Satz sagen möchte.

Wir haben etwas unglaublich Kostbares bekommen.

Diese Welt.

Und manchmal benehmen wir uns tatsächlich so, als hätten wir noch drei Ersatzwelten im Keller stehen.

Wir verschwenden.

Wir zerstören.

Wir urteilen.

Wir hetzen.

Wir wollen schneller, höher und weiter.

Und manchmal schaffen wir es nicht einmal mehr, zwei Minuten freundlich auf eine Verkäuferin zu warten.

Vielleicht habe ich deshalb meinen Glauben an die Menschheit nicht verloren.

Vielleicht ist er einfach vorsichtiger geworden.

Ich glaube nicht daran, dass automatisch alles gut wird.

Aber ich glaube daran, dass Menschen Gutes tun können.

Und ich möchte mich nicht von den lautesten Stimmen davon überzeugen lassen, dass alles schlecht geworden ist.

Genauso wenig möchte ich so tun, als wäre alles wunderbar.

Ich möchte selbst hinschauen.

Und wenn ich das tue, sehe ich beides.

Ich sehe die ungeduldigen Menschen an der SB-Kasse.

Aber ich sehe auch den herzlichen Gastgeber im Schwarzwald.

Ich sehe Menschen, die achtlos aneinander vorbeilaufen.

Und ich sehe andere, die stehen bleiben.

Vielleicht entscheidet sich unser Glaube an die Menschheit gar nicht in den großen Schlagzeilen.

Vielleicht entscheidet er sich genau dort.

Im Kleinen.

In einer geöffneten Tür.

In einem freundlichen Wort.

In einem Lächeln.

In zwei Minuten Geduld.

Vielleicht brauchen wir gar nicht diesen einen fremden Menschen, der uns mit einer riesigen Heldentat den Glauben an die gesamte Menschheit zurückgibt.

Vielleicht brauchen wir einfach wieder Augen für all die Menschen, die ihn uns jeden Tag ein kleines bisschen erhalten.

Und vielleicht möchte ich genau deshalb weiter meine Geschichten schreiben.

Mit Mäusen.

Mit Wichteln.

Mit Tieren.

Mit kleinen Welten, die auf den ersten Blick vielleicht vollkommen belanglos erscheinen.

Denn vielleicht bleibt dadurch jemand für einen Moment stehen.

Vielleicht entdeckt jemand eine Schnecke am Wegesrand.

Ein besonderes Licht zwischen den Bäumen.

Eine freundliche Geste.

Oder einen Menschen, den er sonst gar nicht wahrgenommen hätte.

Wir können nicht bestimmen, wie sich die gesamte Menschheit verhält.

Aber wir können jeden Morgen aufs Neue entscheiden, welcher Mensch wir selbst in dieser Menschheit sein möchten.

Vielleicht beginnt Veränderung gar nicht mit einer riesigen Bewegung.

Vielleicht beginnt sie an einer SB-Kasse.

Mit dem Gedanken:

Die Verkäuferin kann nichts dafür. Ich warte einfach.

Das wird vermutlich niemals in den Nachrichten erscheinen.

Und vielleicht ist genau das das Problem.

Über die kleinen guten Dinge wird viel zu selten gesprochen.

Dabei sind es möglicherweise genau diese Dinge, die unsere Welt jeden einzelnen Tag zusammenhalten.

Und deshalb habe ich meinen Glauben an die Menschheit noch nicht verloren.

Weil mir immer wieder irgendwo ein Mensch begegnet, der mich daran erinnert, dass es sich lohnt, ihn zu behalten.

Man muss nur genau genug hinsehen.

Denn die kleinen Wunder dieser Welt stehen selten mitten auf dem Weg und winken mit einem großen Schild.

Manchmal muss man sie selbst entdecken.

Und dafür müssen wir vielleicht einfach wieder ein bisschen öfter stehen bleiben.

Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel am Rand dieser manchmal ziemlich verrückten Welt, lässt seine Beine baumeln, schaut den Menschen eine Weile zu und flüstert:

„Du kannst nicht entscheiden, wie die ganze Welt miteinander umgeht. Aber du kannst jeden Tag entscheiden, mit wie viel Menschlichkeit du selbst durch sie gehst. Und manchmal reicht genau das, damit ein anderer seinen Glauben an das Gute nicht verliert.“

Schön das du hier bist 🩶

Was schmiere ich mir da eigentlich ins Gesicht?

Früher war mir bei Kosmetik eigentlich nur eines wichtig:
Es musste gut riechen.
Mehr Ansprüche hatte ich nicht.
Gut, wenn ich in die Diskothek gegangen bin, durfte es natürlich auch ein bisschen mehr sein. Schminke gehörte dazu. Schließlich wollte man nicht aussehen, als hätte man gerade drei Stunden auf der Couch geschlafen, wenn man eigentlich vorhatte, bis morgens um vier zu tanzen.
Was genau in meiner Foundation, meiner Bodylotion oder meinem Shampoo steckte?
Keine Ahnung.
Hat mich auch nicht interessiert.
Wenn auf einer Bodylotion irgendwas mit Vanille, Kokos oder exotischer Blütenpracht stand, war ich eigentlich schon überzeugt.
Chemische Bezeichnungen auf der Rückseite?
Die hätte ich ohnehin nicht aussprechen können.
Also musste ich sie auch nicht lesen.
Logisch.
Irgendwann hat sich das verändert.
Vor allem seit Corona habe ich angefangen, mich viel bewusster damit auseinanderzusetzen, was ich eigentlich täglich benutze und meinem Körper zuführe.
Nicht panisch.
Nicht so, dass ich plötzlich nur noch selbst angerührte Brennnesselpaste benutze und mein Shampoo bei Vollmond im Garten herstelle.
Aber bewusster.
Und irgendwann stieß ich auf eine App namens Yuka.
Das Prinzip ist ziemlich einfach: Man scannt den Barcode eines Produktes und bekommt eine Bewertung. Bei Kosmetik werden unter anderem die enthaltenen Stoffe betrachtet und erklärt, warum bestimmte Inhaltsstoffe kritischer bewertet werden als andere.
Für mich war das am Anfang ein kleines Abenteuer.
Scannen.
Warten.
Ergebnis anschauen.
Und manchmal denkt man anschließend:
Ach du Schande.
Plötzlich steht man im Badezimmer und betrachtet die eigene Bodylotion mit völlig anderen Augen.
Vor fünf Minuten roch sie noch wunderbar nach Sommerurlaub und Kokosnuss.
Jetzt sieht man sie an, als hätte sie einem jahrelang etwas verschwiegen.
Bei Lebensmitteln benutze ich die App tatsächlich deutlich seltener.
Aus Gründen.
Ich möchte meinen Kühlschrank schließlich nicht eines Tages öffnen und feststellen, dass ich nach dem Scannen nur noch eine Gurke und ein Glas Wasser besitzen darf.
Ich habe allerdings schon Lebensmittel gescannt, bei denen mich das Ergebnis wirklich überrascht hat.
Ein Kuchen zu Ostern zum Beispiel.
Ich dachte: Kuchen.
Die App dachte offenbar: kleines Chemiepraktikum.
Natürlich muss man solche Bewertungen trotzdem einordnen. Ein Produkt wird nicht automatisch zu Gift, nur weil eine App einen Inhaltsstoff kritisch bewertet. Menge, Verwendung und wissenschaftliche Bewertung spielen schließlich ebenfalls eine Rolle.
Aber genau das gefällt mir daran: Ich fange an, hinzuschauen.
Vor allem bei Kosmetik.
Denn diese Produkte benutze ich teilweise jeden Tag.
Shampoo.
Duschgel.
Creme.
Bodylotion.
Make-up.
Und inzwischen stehe ich tatsächlich im Laden und scanne Produkte, bevor sie in meinem Einkaufskorb landen.
Manchmal entscheide ich mich dann bewusst für ein anderes Produkt.
Und wenn dieses zwei Euro mehr kostet?
Dann ist das für mich in Ordnung.
Nicht weil ich glaube, dadurch unsterblich zu werden.
Sondern weil es mir ein besseres Gefühl gibt, bewusster auszuwählen.
Mein Exemplar befindet sich dagegen noch in meiner früheren Entwicklungsstufe.
Es riecht gut. Die Verpackung sieht toll aus. Ich brauche es.
Besonders gefährlich wird es, wenn irgendein Star seinen Namen darauf geschrieben hat.
Dann kann die Verpackung wahrscheinlich auch 14 Euro kosten und aussehen wie eine glitzernde Weltraumkapsel.
Mama steht natürlich daneben.
Mit dem Handy.
Scanner geöffnet.
Spielverderberin des Jahres.
Piep.
Und dann kommt dieser Moment.
Mein Exemplar schaut hoffnungsvoll.
Ich schaue auf die Bewertung.
Dann schaue ich sie an.
Sie schaut mich an.
Und ich denke:
Das möchtest du dir wirklich auf die Haut schmieren?
Natürlich bedeutet eine schlechte Bewertung nicht automatisch, dass ein Produkt bei jedem Menschen Hautreizungen verursacht oder grundsätzlich gefährlich ist. Aber wenn Inhaltsstoffe enthalten sind, die ich persönlich vermeiden möchte, lasse ich das Produkt eben stehen.
Darüber kann mein Exemplar selbstverständlich nur den Kopf schütteln.
Und irgendwie muss ich darüber lachen.
Denn wahrscheinlich hätte meine Mutter mir früher genau dasselbe erzählen können.
Und ich hätte vermutlich gesagt:
„Aber Mamaaaaa, das riecht voll gut!“
Vielleicht ist das tatsächlich eines dieser Dinge, die sich mit dem Älterwerden verändern.
Früher wollte ich wissen:
Wie riecht es?
Wie sieht es aus?
Passt es zu mir?
Heute frage ich zusätzlich:
Was ist eigentlich drin?
Ich möchte deshalb nicht in ständiger Angst vor irgendwelchen Inhaltsstoffen leben. Auch möchte ich nicht jedes Stück Kuchen analysieren, bis mir endgültig der Appetit vergangen ist.
Genuss gehört für mich genauso zum Leben.
Aber Bewusstsein eben auch.
Und vielleicht ist genau das für mich der Unterschied zwischen früher und heute.
Ich verbiete mir nicht alles.
Ich schaue nur genauer hin.
Ich stelle Fragen.
Und treffe anschließend meine eigene Entscheidung.
Tja.
So verändert man sich.
Früher stand ich mit Lippenstift vor dem Spiegel und überlegte, ob die Farbe zu meinem Oberteil passt.
Heute stehe ich mit dem Handy im Badezimmer und scanne mein Duschgel.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf dem Rand meiner Bodylotion, lässt die Beine baumeln, schaut auf die winzige Zutatenliste und flüstert:

„Du musst nicht alles perfekt machen. Aber manchmal beginnt gut auf sich aufzupassen einfach damit, genauer hinzusehen und bewusst zu entscheiden, was sich für dich richtig anfühlt.“

Schön das du hier bist 🩶

Wie ich plötzlich Katniss Everdeen wurde

Es gibt Dinge, von denen weiß ich ziemlich genau, dass sie nicht zu mir gehören.
Extremsport zum Beispiel.
Eigentlich Sport allgemein.
Ich habe mich noch nie gerne körperlich verausgabt. Nicht heute und auch nicht früher in der Schule. Schon damals konnte ich diesen Gedanken nicht verstehen, dass man möglichst schnell irgendwo hinrennen soll, nur um anschließend völlig außer Atem genau dort zu stehen.
Wir mussten damals zum Beispiel für irgendwelche Urkunden gegeneinander hundert Meter laufen.
Warum?
Ich weiß es bis heute nicht.
Am Ende bekam man einen Zettel.
Wenn man mir damals am Ziel ein Schnitzel mit Pommes hingelegt hätte, könnten wir noch einmal darüber reden. Da wäre vielleicht ungeahntes sportliches Potenzial zum Vorschein gekommen.
Aber für eine Urkunde?
Nein.
Nein.
Nein.
So zog sich das eigentlich durch mein Leben. Sport und ich akzeptierten irgendwann, dass wir unterschiedliche Wege gehen.
Und dann kam der Schwarzwald.
Wir waren im Urlaub und entdeckten eher zufällig die Möglichkeit zum Bogenschießen.
Warum nicht?
Man ist schließlich im Urlaub. Da macht man Dinge, die man zu Hause wahrscheinlich niemals geplant hätte.
Also standen mein Exemplar und ich irgendwann da.
Mit einem Bogen in der Hand.
Einem Pfeil auf der Sehne.
Vor uns das Ziel.
Und dann passierte etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte.
Mein Kopf wurde still.
Keine Gedanken daran, was ich später noch machen muss.
Keine Einkaufsliste.
Keine Arbeit.
Keine Termine.
Kein „Ich müsste eigentlich noch…“
Nichts.
Da waren plötzlich nur noch der Bogen, der Pfeil, das Ziel und ich.
Spannung aufbauen.
Konzentrieren.
Atmen.
Loslassen.
Und dieses Gefühl, wenn der Pfeil durch die Luft fliegt, lässt sich irgendwie schwer beschreiben.
Ich spürte Muskeln, von denen ich vorher offensichtlich nicht wusste, dass sie zu meinem Körper gehören.
Und gleichzeitig fühlte ich mich großartig.
In meinem Kopf lief natürlich längst ein völlig anderer Film.
Ich stand nicht mehr irgendwo im Schwarzwald.
Nein.
Ich war Katniss Everdeen.
Selbstverständlich.
Ich streifte gedanklich durch die Wildnis, Pfeil und Bogen in der Hand, bereit, meinen District zu beschützen.
Die Realität sah vermutlich etwas weniger spektakulär aus.
Da stand einfach eine Frau im Urlaub und versuchte, mit einem Pfeil eine Scheibe zu treffen.
Aber das muss ja niemand wissen.
Vielleicht war genau das der Moment, der mich so überrascht hat.
Denn überall liest man heute etwas über Achtsamkeit.
Wir sollen meditieren.
Atmen.
Uns auf den Moment konzentrieren.
Den Kopf ausschalten.
Bei mir funktioniert Achtsamkeit meistens beim Basteln oder beim Schreiben meiner Geschichten. Wenn meine Hände beschäftigt sind und in meinem Kopf kleine Welten entstehen, kann ich wunderbar abschalten.
Und das wird sich auch nicht ändern.
Aber beim Bogenschießen habe ich plötzlich eine völlig andere Form davon kennengelernt.
Eine, bei der ich gleichzeitig vollkommen konzentriert und unglaublich ruhig war.
Man kann nämlich nicht nebenbei über siebzehn andere Dinge nachdenken, wenn man einen Pfeil auf ein Ziel richten möchte.
Man muss genau dort sein.
In diesem Augenblick.
Vielleicht ist genau das Achtsamkeit.
Nicht unbedingt still auf einem Kissen zu sitzen und an nichts zu denken.
Vielleicht kann Achtsamkeit für jeden Menschen anders aussehen.
Für den einen ist es Yoga.
Für den nächsten ein Spaziergang.
Für mich sind es meine Geschichten, meine kleinen Welten und offenbar neuerdings ein Bogen.
Was macht man also, wenn man im Urlaub plötzlich etwas entdeckt, das einem richtig gut gefällt?
Natürlich sagt man nicht:
„Ach, das war schön.“
Nein.
Man beginnt darüber nachzudenken, ob man das nicht auch zu Hause machen könnte.
Und so landeten wir schließlich in einem Bogenshop.
Denn das Schöne ist: Bogenschießen kann man als Rasensport betreiben, auf geeigneten Schießplätzen und natürlich besonders schön auf richtigen Parcours. Dabei gehört für mich selbstverständlich dazu, dass man es dort macht, wo ausreichend Platz vorhanden ist und niemand gefährdet werden kann.
Und jetzt ist es tatsächlich so weit:
Am Freitag wollen wir uns unsere eigenen Bögen aussuchen.
Ich!
Die Frau, die für eine Hundertmeter-Urkunde nicht einmal freiwillig schneller gegangen wäre.
Vielleicht muss man manchmal gar nicht unsportlich sein.
Vielleicht hat man einfach noch nicht die Art von Bewegung gefunden, die zu einem passt.
Denn Sport muss nicht immer bedeuten, schneller zu sein als jemand anderes.
Man muss keinen Wettkampf gewinnen.
Keine Bestzeit erreichen.
Und man muss sich auch nicht völlig verausgaben, damit Bewegung etwas wert ist.
Manchmal reicht es, einen Bogen in die Hand zu nehmen, einen Pfeil aufzulegen und plötzlich zu merken:
Das hier macht etwas mit mir.
Und vielleicht ist genau das einer dieser kostbaren Zufallsfunde, die einen Urlaub so besonders machen.
Wir sind in den Schwarzwald gefahren, um eine schöne Zeit miteinander zu verbringen.
Zurückgekommen sind wir möglicherweise mit einem neuen gemeinsamen Hobby.
Und mit der Erkenntnis, dass selbst mit über vierzig noch Dinge in einem schlummern können, von denen man überhaupt nichts wusste.
Katniss musste schließlich auch irgendwann anfangen.
Nur das Schnitzel mit Pommes am Ende des Parcours…
darüber könnten wir trotzdem noch einmal reden.


Und während du vielleicht gerade an etwas denkst, das du selbst völlig unerwartet für dich entdeckt hast, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz leise am Rand deiner Gedanken, schaut dich ruhig an und flüstert:


„Vielleicht müssen wir gar nicht immer wissen, was zu uns passt, manchmal müssen wir nur den Mut haben, etwas auszuprobieren und uns selbst dabei neu zu entdecken.“

Schön das du hier bist 🩶

Der Urlaub beginnt für mich nicht am Urlaubsort

Urlaub beginnt für viele Menschen erst dann, wenn sie endlich angekommen sind.
Für mich nicht.
Mein Urlaub beginnt schon Wochen vorher.
Mit einer Liste.
Natürlich mit einer Liste.
Ich überlege, was wir sehen möchten, welche Orte spannend sein könnten und welche kleinen Schätze die Region bereithält. Ich plane keine Minute durch. Das wäre mir selbst zu anstrengend. Aber ich mag einen groben Plan. Einen Plan, von dem man jederzeit wieder abweichen darf. Einfach weil man unterwegs vielleicht etwas entdeckt, womit man gar nicht gerechnet hat.
Und dann kommt der große Tag.
Der Tag der Abreise.
Ich gehöre zu den Menschen, die lieber eine Stunde zu früh losfahren als fünf Minuten zu spät.
Nicht weil ich ungeduldig bin.
Sondern weil Deutschland seine ganz eigenen Gesetze hat.
Es gibt diese berühmten Knotenpunkte auf den Autobahnen. Wer sie früh genug hinter sich lässt, fährt meistens entspannt. Wer zu spät kommt, steht. Und steht. Und steht noch ein bisschen länger.
Also klingelt bei uns der Wecker ziemlich früh.
Während andere sich noch einmal im Bett umdrehen, sitze ich schon mit einem Kaffee im Auto.
Mein Exemplar sieht das morgens verständlicherweise etwas anders.
Sie ist der festen Überzeugung, dass Urlaub grundsätzlich erst gegen Mittag beginnen sollte.
Ich hingegen denke: Wenn wir jetzt losfahren, trinken wir unseren Kaffee später ganz entspannt irgendwo auf einer schönen Rast.
Überhaupt gehören Pausen für mich genauso zum Urlaub wie das Ziel.
Allerdings nicht unbedingt auf die Art, wie Raststätten sich das vorstellen.
Habt ihr euch die Preise dort eigentlich mal angesehen?
Manchmal habe ich das Gefühl, für ein belegtes Brötchen müsste ich vorher einen kleinen Kredit aufnehmen.
Deshalb packe ich lieber selbst.
Brötchen.
Obst.
Gemüse.
Etwas Süßes.
Kaffee.
Getränke.
Eigentlich könnte man meinen, ich würde eine kleine Expedition durch die Wildnis planen.
Dabei fahren wir nur über die Autobahn.
Aber ich finde es schön, irgendwo anzuhalten, die Autotüren zu öffnen, die frische Luft einzuatmen und gemeinsam zu frühstücken.
Das macht den Urlaub irgendwie gemütlicher.
Und wenn Kinder mitfahren, darf eines natürlich nicht fehlen:
Beschäftigung.
Heute ist mein Exemplar zwölf Jahre alt.
Da läuft vieles entspannter.
Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie wichtig Spiele während der Autofahrt waren.
Ich glaube sogar, manche Spiele werden nie alt.
Ich sehe was, was du nicht siehst.
Kennzeichen raten.
Oder aus Kennzeichen lustige Sätze bilden.
Wie oft wir darüber gelacht haben.
Manchmal braucht es gar kein Tablet.
Nur ein bisschen Fantasie.
Und dann passieren unterwegs diese Momente, die man sich nicht ausdenken könnte.
Dieses Jahr hatten wir wieder so einen.
Kennt ihr diese kleinen blauen Schilder hinter den Leitplanken auf der Autobahn?
Die mit den Zahlen darauf?
Mein Exemplar zeigte darauf und fragte:
„Mama, was bedeutet das eigentlich?“
Ich schaute ganz selbstbewusst aus dem Fenster und antwortete:
„Das sind die Radiofrequenzen.“
Ich war wirklich überzeugt.
Manchmal hat man dieses gefährliche Halbwissen, das sich im eigenen Kopf plötzlich wie eine wissenschaftliche Tatsache anfühlt.
Mein Exemplar schaute mich an und sagte völlig ernst:
„Ich bin in Mathe nicht so gut.“
Ich war kurz irritiert.
„Was hat das denn mit Mathe zu tun?“
Sie antwortete:
„Na… wegen der Radiusberechnung.“
Ich…
…wusste nicht mehr weiter.
Ich schaute sie an.
Sie schaute mich an.
Und irgendwo in meinem Kopf saß meine Seele auf einem kleinen Klappstuhl, klatschte begeistert in die Hände und applaudierte.
Ich musste so lachen.
Nicht über sie.
Sondern über diese wunderbare Gedankenkette.
Radio.
Frequenzen.
Radius.
Mathe.
Irgendwie war das in ihrer Welt völlig logisch.
Zu Hause habe ich dann tatsächlich nachgeschaut.
Und stellte fest…
…dass ich selbst falsch lag.
Diese Schilder haben überhaupt nichts mit Radiofrequenzen zu tun.
Sie dienen der Kilometrierung und helfen beispielsweise Polizei, Feuerwehr oder Autobahnmeisterei dabei, einen Ort genau zu bestimmen.
Tja.
Da saßen wir nun.
Beide nicht ganz richtig.
Oder zumindest ich.
Aber wisst ihr was?
Genau deshalb liebe ich Autofahrten.
Nicht wegen der Autobahn.
Nicht wegen der Kilometer.
Sondern wegen dieser Gespräche.
Wegen dieser Momente, die niemand planen kann.
Urlaub besteht für mich nicht nur aus Bergen, Seen oder schönen Hotels.
Urlaub beginnt genau dort.
Zwischen Brotdosen.
Kaffeebechern.
Frühem Aufstehen.
Ein bisschen Stau.
Ganz viel Lachen.
Und einer Tochter, die aus einer Radiofrequenz plötzlich eine Radiusberechnung macht.
Wenn ich heute an unsere Reisen zurückdenke, erinnere ich mich oft gar nicht zuerst an den Urlaubsort.
Ich erinnere mich an die Fahrt.
An das gemeinsame Frühstück auf einem Rastplatz.
An Spiele im Auto.
An Musik, die wir viel zu laut mitgesungen haben.
An völlig verrückte Gespräche.
Und an diese kleinen Geschichten, die später noch jahrelang erzählt werden.
Vielleicht ist genau das das Geheimnis.
Der Urlaub beginnt nicht erst, wenn wir angekommen sind.
Er beginnt in dem Moment, in dem wir gemeinsam losfahren.


Und wenn irgendwo ein kleiner Wichtel auf einer Leitplanke sitzt, den vorbeifahrenden Autos zuwinkt und schmunzelnd zuhört, wie eine Radiofrequenz plötzlich zur Radiusberechnung wird, dann weiß er:

Die schönsten Erinnerungen entstehen selten am Ziel. Sie entstehen auf dem Weg dorthin, zwischen einem belegten Brötchen, einer Thermoskanne Kaffee und den Menschen, die diese Reise zu etwas Besonderem machen.

Schön das du hier bist 🩶

Koffer packen mit einer Zwölfjährigen oder warum ein Koffer niemals groß genug ist

Es gab ja mal Zeiten, da war mein Exemplar ganz klein.
Ach, das war herrlich.
Ihre Sachen verschwanden einfach mit in meinem Koffer.
Ein paar T-Shirts, eine kurze Hose, Schlafanzug, Zahnbürste, Kuscheltier, fertig.
Damals fragte ich mich höchstens, ob wir den Teddy wirklich brauchen.
Heute stellt sich eher die Frage, ob wir überhaupt noch Platz für Kleidung haben.
Denn inzwischen ist mein Exemplar zwölf Jahre alt.
Und natürlich braucht man mit zwölf seinen eigenen Koffer.
Völlig verständlich.
Was ich allerdings nicht verstehe, ist die Tatsache, dass dieser Koffer schon zu klein ist, bevor überhaupt richtig gepackt wurde.
Ich packe Koffer übrigens unglaublich gerne.
Ja, wirklich.
Ich gehöre zu den Menschen, die mit einer Checkliste reisen.
Ich liebe es, Häkchen zu setzen.
Zahnbürste? ✔️
Ladekabel? ✔️
Unterwäsche? ✔️


Ich bin dann einfach entspannter, weil ich weiß, dass ich nichts vergessen habe.
Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich damit nicht allein bin.
Mein Exemplar hat sich das sogar ein bisschen abgeschaut.
Die Checkliste wird ordentlich abgearbeitet.
Bis hierhin läuft alles wunderbar.
Dann beginnt allerdings der eigentliche Packvorgang.
Und genau an dieser Stelle trennen sich unsere Welten.
Kennt ihr Menschen, die in einen großen Koffer erst einmal zwanzig kleine Taschen packen müssen?
Ich bis vor Kurzem auch nicht.
Ich habe eine Kosmetiktasche.
Vielleicht noch eine kleine für Medikamente.
Mehr brauche ich nicht.
Mein Exemplar dagegen scheint heimlich einen Vertrag mit einem Hersteller für Mini-Taschen abgeschlossen zu haben.
Da gibt es eine Kosmetiktasche.
Eine Tasche nur für Schminke.
Eine Tasche für Deos.
Eine für Haarbänder.
Eine für Hautpflege.
Eine für Kabel.
Eine für… ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, wofür die anderen alle sind.
Irgendwann hörte ich einfach auf zu fragen.
Ich wartete eigentlich nur noch darauf, dass sich in einer der kleinen Taschen noch eine kleinere Tasche befindet.
Wie diese russischen Matroschka-Puppen.
Nur eben mit Reißverschluss.


Und als wäre das alles noch nicht genug, mussten wir heute tatsächlich noch einmal los.
Denn mein Exemplar brauchte…
…noch eine Tasche.
Ja.
Eine weitere.
Ich stand im Geschäft, schaute auf die bereits vorhandenen Mini-Taschen und fragte mich kurz, ob wir heimlich ein Taschengeschäft eröffnen möchten.
Sie hingegen war sich absolut sicher.
Genau diese eine Tasche hat noch gefehlt.
Ich habe beschlossen, darüber nicht weiter nachzudenken.
Es gibt Dinge, die versteht man vermutlich nur mit zwölf Jahren.
Oder vielleicht auch nie.


Dann kam der große Moment.
Alles sollte in den Koffer.
Oder besser gesagt:
Alles sollte theoretisch in den Koffer.
Praktisch sah das etwas anders aus.
Denn während ich Kleidung sorgfältig zusammenrolle, jede Ecke ausnutze und versuche, den Platz optimal zu verwenden, verfolgt mein Exemplar eine etwas andere Strategie.
Sie nimmt ein T-Shirt.
Und wirft es hinein.
Dann die Hose.
Rein.
Pullover.
Rein.
Jacke.
Auch rein.
Nach dem Motto:
Der Koffer wird das schon regeln.
Hat er aber nicht.
Überraschenderweise war er voll.
Mein Exemplar schaute mich an und sagte völlig ernst:
„Da passt nichts mehr rein.“
Ach.
Meinst du?
Ich hätte da eine Vermutung.
Vielleicht liegt es an den ungefähr achtundvierzig kleinen Taschen.
Oder daran, dass jedes Kleidungsstück beschlossen hat, sich möglichst breit auszubreiten.
Mein innerer Ordnungsmensch hielt das irgendwann nicht mehr aus.
Also alles wieder raus.
Kleidung ordentlich zusammenrollen.
Lücken nutzen.
Taschen sinnvoll verteilen.
Ein bisschen schieben.
Ein bisschen drücken.
Und plötzlich…
passte alles hinein.
Sogar mit etwas Platz.
Mein Exemplar schaute mich an, als hätte ich gerade einen Zaubertrick vorgeführt.
Dabei ist das gar keine Zauberei.
Das ist jahrelange Erfahrung.
Und vielleicht ein bisschen Tetris.
Während wir so gemeinsam auf dem Boden saßen und packten, musste ich schmunzeln.
Früher lagen ihre Sachen einfach mit in meinem Koffer.


Heute diskutieren wir darüber, ob wirklich jede einzelne Mini-Tasche mit in den Urlaub muss.
So schnell vergeht die Zeit.
Aus einem kleinen Mädchen, das nur seinen Teddy dabeihaben wollte, wird irgendwann ein Teenager, der gefühlt mehr Taschen besitzt als Kleidung.
Und wisst ihr was?
Ich finde das eigentlich sogar schön.
Nicht unbedingt die fünfzig Taschen.
Die dürften gerne etwas weniger werden.
Aber dieses gemeinsame Packen.
Dieses leichte Genervtsein.
Dieses gegenseitige Kopfschütteln.
Und dieses gemeinsame Freuen auf den Urlaub.
Denn genau daraus entstehen später die Geschichten, über die wir irgendwann lachen.
Vielleicht erinnere ich mich in ein paar Jahren gar nicht mehr daran, welche Kleidung wir eingepackt haben.
Aber ich werde mich ganz bestimmt daran erinnern, dass wir gemeinsam vor diesem Koffer saßen und versucht haben, die Gesetze der Physik auszutricksen.
Und falls mein Exemplar irgendwann einmal selbst Mutter wird, wünsche ich ihr von Herzen eine Tochter…
…mit einem riesengroßen Koffer.
Ungefähr fünfzig kleinen Taschen.
Und dem festen Wunsch, am Tag vor dem Urlaub unbedingt noch eine weitere Tasche kaufen zu müssen.
Ein bisschen Gerechtigkeit muss schließlich sein.


Und wenn irgendwo ein kleiner Wichtel mit einer winzigen Checkliste neben einem viel zu vollen Koffer sitzt und beobachtet, wie ein anderer Wichtel stolz noch ein weiteres Täschchen hervorzaubert, dann lächelt er, setzt seinen letzten Haken und denkt:

„Manche Reisen beginnen nicht erst am Urlaubsort. Sie beginnen zwischen Reißverschlüssen, Socken und den kleinen Eigenheiten der Menschen, die wir von Herzen lieben.“

Schön das du hier bist 🩶

Schickt niemals eine Mutti mit Wechseljahren in den Kletterwald

Im Januar bekam ich einen Gutschein geschenkt.
Für einen Kletterwald.
Ja.
Kletterwald.
Ich weiß bis heute nicht genau, welcher Mensch mich angesehen und gedacht hat: „Die Stephanie, die braucht unbedingt mal ein bisschen Action in zehn Metern Höhe.“
Ich habe schließlich schon öfter erwähnt, dass Sport und ich eine eher distanzierte Beziehung führen.
Ich bin ungefähr so sportlich wie eine Schnecke.
Joggen?
Kein Problem.
Solange wir uns beim Tempo an der Schnecke orientieren.
Aber nun war dieser Gutschein da. Und Gutscheine haben diese unangenehme Eigenschaft, dass sie irgendwann eingelöst werden wollen.
Also war heute der große Tag.
Mutti mit Wechseljahren fährt in den Kletterwald.
Was soll schon schiefgehen?
Mein Exemplar und ich machten uns auf den Weg. Und noch bevor wir richtig angefangen hatten, stellte sie eine wichtige Regel auf:
„Aber keiner seilt sich über den See ab!“
Ja.
Fand ich gut.
Sehr vernünftig.
Ein Plan ganz nach meinem Geschmack.
Dann stellte sich heraus:
Das war der einzige Weg in den Kletterwald.
Natürlich.
Warum sollte man auch einfach über eine kleine Holzbrücke gehen, wenn man sich stattdessen an einem Seil über einen See bewegen kann?
Also doch über den See.
Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass ich bereits damit meine persönliche Tagesleistung erbracht hatte.
Eigentlich hätte ich danach einen Kaffee verdient gehabt.
Aber nein.
Jetzt sollte geklettert werden.
Es gab verschiedene Parcours. Leichte. Mittlere. Schwere.
Ich betrachtete das Ganze und dachte noch optimistisch:
Ach komm. Das schaffst du.
Das ist übrigens einer dieser Gedanken, die man später bereut.
Also Sicherung dran und los.
Mein Exemplar natürlich vorneweg.
Jung.
Beweglich.
Motiviert.
Und dahinter ich.
42 Jahre Lebenserfahrung, Wechseljahre und ein Körper, der bereits morgens beim Aufstehen gelegentlich eine interne Beschwerde einreicht.
Und dann kam sie.
Die Kletterwand.
Nicht einfach irgendwo befestigt.
Nein.
Sie hing in der Luft.
Man musste sich daran entlanghangeln beziehungsweise hochziehen.
Ich schaute sie an.
Die Wand schaute mich an.
Wir wussten beide sofort:
Das wird nichts mit uns.
Aber natürlich probierte ich es.
Ich griff hin.
Zog.
Und stellte innerhalb weniger Sekunden fest, dass meine Arme offenbar hauptsächlich dekorative Zwecke erfüllen.
Sie sehen aus, als könnten sie etwas.
Können sie aber nicht.
Ich hing also an dieser Wand.
Unter mir Luft.
Vor mir Wand.
Hinter mir vermutlich meine komplette Würde.
Und dachte:
Wie komme ich hier wieder weg?
Denn wenn ich mich irgendwo mit meiner eigenen Armkraft hochziehen soll, ist Schluss.
Mit Pudding am Stock kann man sich eben schlecht festhalten.
Während mein Exemplar weiterzog, hing ihre Mutter dort wie ein schlecht angebrachtes Dekorationselement.
Irgendwann musste ich einsehen:
Das wird heute nichts mehr.
Also zurück.
Und ja, mein Exemplar war begeistert.
Nicht.
Dieser Blick eines fast dreizehnjährigen Kindes, wenn die eigene Mutter den Parcours abbrechen muss, ist übrigens etwas ganz Besonderes.
Eine Mischung aus:
Das kann jetzt nicht dein Ernst sein.
und:
Warum habe ausgerechnet ich diese Mutter bekommen?
Entschuldigung.
Die Genetik hat entschieden.
Ich konnte nichts dafür.
Also wechselte ich auf einen leichteren Parcours.
Und siehe da:
Es ging!
Keine spektakulären Kletteraktionen.
Keine Bewerbung für Ninja Warrior.
Keine heldenhaften Sprünge.
Aber ich bewegte mich.
Ich kam vorwärts.
Und vor allem kam ich wieder heil unten an.
Das reicht mir vollkommen.
Am Ende waren mein Exemplar und ich uns übrigens erstaunlich einig.
Kletterwald?
War eine Erfahrung.
Eine interessante Erfahrung.
Eine Erfahrung, die man gemacht haben kann.
Und jetzt auch nicht zwingend wiederholen muss.
Wir haben für uns beschlossen, dass wir zukünftig lieber Dinge unternehmen, bei denen die Füße zumindest größtenteils Kontakt zum Erdboden haben.
Wandern.
Spazieren.
Tiere anschauen.
Vielleicht irgendwo gemütlich etwas essen.
Das kann ich hervorragend.
Und natürlich mussten wir am Ende wieder zurück.
Über den See.
Weil das Universum offenbar der Meinung war, dass einmal noch nicht reicht.
Also wieder ans Seil.
Und rüber.
Danach stand für mich endgültig fest:
Ich bin nicht für alles gemacht.
Und wisst ihr was?
Das ist vollkommen in Ordnung.
Vielleicht ist genau das etwas, was wir viel öfter akzeptieren sollten.
Wir müssen nicht alles können.
Wir müssen nicht jede Herausforderung meistern, nur weil andere sie schaffen.
Manchmal besteht Mut auch darin, etwas auszuprobieren und anschließend zu sagen:
„Nö. Das ist einfach nicht meins.“
Ich war dort.
Ich habe es versucht.
Ich hing an einer Kletterwand.
Ich habe festgestellt, dass meine Arme aus Pudding bestehen.
Und ich bin trotzdem wieder heil nach Hause gekommen.
Eigentlich eine ziemlich erfolgreiche Bilanz.
Der Gutschein ist eingelöst.
Mein Exemplar hat eine neue Geschichte über ihre Mutter.
Und ich habe eine wichtige Erkenntnis gewonnen:
Sollte mir irgendwann wieder jemand einen Erlebnisgutschein schenken, dann wünsche ich mir vielleicht lieber Wellness.
Da muss ich mich höchstens vom Massagetisch hochziehen.
Und selbst dafür kann man bestimmt Hilfe bekommen.


Und wenn irgendwo ein kleiner Wichtel mit Klettergurt vor einer riesigen Wand steht, nach oben schaut und feststellt, dass seine Arme heute ebenfalls eher aus Pudding bestehen, dann dreht er einfach wieder um und murmelt: „Man muss nicht jeden Berg bezwingen. Manchmal reicht es völlig, mutig genug gewesen zu sein, überhaupt hinaufzuschauen.“

Schön das du hier bist 🩶

Wenn aus Zuhören plötzlich Mitreden wird

Ich höre für mein Leben gerne Podcasts.
Das ist irgendwann einfach passiert. Seitdem ich mich aus der medialen Fernsehwelt größtenteils zurückgezogen habe, musste schließlich etwas Neues her. Fernsehen schaue ich nur noch sehr ausgewählt. Mal eine amerikanische Sendung auf Sixx, gerne eine gute Dokumentation und dann reicht es mir meistens auch schon wieder.
Streamingdienste?
Nun ja.
Irgendwann hat man das Gefühl, man hat alles gesehen, was einen interessiert. Und bei manchen neuen Serien frage ich mich nach zwanzig Minuten, ob ich wirklich noch weitere sieben Stunden meines Lebens dafür opfern möchte.
Bücher finde ich übrigens großartig.
Theoretisch.
Ich liebe Bücherregale. Ich liebe Geschichten. Ich liebe den Gedanken daran, gemütlich mit einem Buch auf der Couch zu sitzen und völlig darin zu versinken.
Mein Problem ist nur: Ich habe ungefähr die Geduld eines Eichhörnchens auf drei Tassen Kaffee.
Bis ich ein Buch tatsächlich zu Ende gelesen habe, könnte der Autor vermutlich schon den nächsten Teil geschrieben haben.
Also brauchte ich irgendwann etwas, das mich unterhält, mich zum Nachdenken bringt und meinen Kopf ein bisschen füttert.
Und dann kamen die Podcasts.
Herrlich!
Menschen unterhalten sich über Themen, von denen ich vorher manchmal nicht einmal wusste, dass sie mich interessieren. Ich kann zuhören, während ich etwas anderes mache. Ich kann lachen, nachdenken, anderer Meinung sein oder plötzlich feststellen:
Ach, so habe ich das noch gar nicht betrachtet.
Und genau durch einen Podcast ist mir in diesem Jahr etwas passiert, worüber ich mich immer noch unglaublich freue.
Denn plötzlich war ich nicht mehr nur diejenige, die zuhört.
Plötzlich sollte ich selbst sprechen.
Aber von vorne.
Wie so oft saß ich irgendwann mit meinem Handy da und scrollte durch Instagram. Ein bisschen hier schauen, ein bisschen dort liken, neue Accounts entdecken und bei den Menschen vorbeischauen, denen ich bereits folge.
Und irgendwann blieb ich bei einem Account hängen, der sich mit einem Thema beschäftigte, bei dem ich natürlich sofort genauer hinschaute:
Pflege.
Dort entstand die Idee für einen Podcast, in dem Menschen aus der Pflege und dem Gesundheitswesen eine Stimme bekommen sollten.
Und da war ich sofort aufmerksam.
Denn genau das ist ein Thema, das mir unglaublich am Herzen liegt.
Pflege besteht eben nicht nur aus Medikamenten, Dokumentation, Verbänden, Dienstplänen und irgendwelchen Vorschriften.
Pflege besteht vor allem aus Menschen.
Aus Geschichten.
Aus Erfahrungen.
Aus Situationen, die einen berühren, zum Lachen bringen, manchmal wütend machen und manchmal noch lange nach einem Dienst beschäftigen.
Also schrieb ich eine Nachricht.
Eigentlich nur, weil ich sagen wollte, wie toll ich diese Idee finde.
Mehr nicht.
Kein ausgeklügelter Plan.
Keine heimliche Bewerbung als Podcastgast.
Einfach ein ehrliches:
„Ich finde das großartig, was ihr da macht.“
Und manchmal macht das Leben aus so einer kleinen Nachricht plötzlich etwas ganz anderes.
Denn kurze Zeit später bekam ich tatsächlich die Einladung, selbst Gast in diesem Podcast zu sein.
Ich!
Ach Gott.
Da saß ich nun mit meinem Handy und dachte wahrscheinlich ungefähr drei Sekunden lang:
Das ist ja toll!
Und unmittelbar danach:
Um Himmels willen. Ich soll in einen Podcast?!
Denn eines muss man dazu sagen:
Früher hätte ich mich das im Leben nicht getraut.
Wirklich nicht.
Ich hätte vermutlich zwölf Gründe gefunden, warum das gerade nicht geht.
Keine Zeit.
Zu aufgeregt.
Was soll ich überhaupt erzählen?
Was, wenn ich mich verspreche?
Was, wenn mir plötzlich nichts mehr einfällt?
Was, wenn ich mitten im Satz vergesse, wie ein Satz funktioniert?
Heute denke ich anders.
Heute denke ich:
Warum eigentlich nicht?
Ich habe etwas zu erzählen.
Ich arbeite seit vielen Jahren in der Pflege. Ich habe Veränderungen erlebt, Menschen begleitet und Erfahrungen gesammelt.
Ich habe eine Meinung.
Und vor allem habe ich eine Stimme.
Also sagte ich zu.
Und dann kam tatsächlich der Tag der Aufnahme.
Ach Gott, war ich aufgeregt.
Nicht dieses kleine „Ach, wird schon“-aufgeregt.
Nein.
Dieses wunderbare Gemisch aus Vorfreude, Nervosität und dem Gedanken:
Was mache ich hier eigentlich gerade?
Und dann saß ich tatsächlich dort.
Vor einem Mikrofon.
Und redete über Pflege.
Über meinen Beruf.
Über meine Erfahrungen.
Über Dinge, die sich verändert haben.
Über Menschlichkeit.
Und über das, was mir nach all den Jahren in diesem Beruf noch immer wichtig ist:
den Menschen hinter der Pflege nicht zu vergessen.
Und wisst ihr was?
Es war toll.
Nicht, weil plötzlich alles perfekt lief.
Nicht, weil ich auf einmal eine professionelle Podcastsprecherin geworden bin.
Und auch nicht, weil ich jeden Satz druckreif formuliert hätte.
Sondern weil ich etwas erleben durfte, das ich mir vor einigen Jahren selbst niemals zugetraut hätte.
Meine Stimme in einem Podcast.
Allein dieser Satz fühlt sich für mich noch ein bisschen unwirklich an.
Das Ergebnis lässt noch etwas auf sich warten.
Und wo ihr meine Stimme irgendwann hören könnt, verrate ich euch heute ganz bewusst noch nicht.
Ein bisschen geheimnisvoll darf ich schließlich auch mal sein.
Sobald ich es erzählen darf, werde ich es natürlich tun.
Bis dahin bleibt für mich aber etwas ganz anderes viel wichtiger als die eigentliche Veröffentlichung:
Ich habe mich getraut.
Ich durfte etwas Neues ausprobieren.
Ich durfte über etwas sprechen, das mir wichtig ist.
Und ich durfte feststellen, dass sich manchmal Türen öffnen, obwohl man überhaupt nicht vorhatte, irgendwo hindurchzugehen.
Eigentlich wollte ich nur eine nette Nachricht schreiben.
Ein kleines:
„Ich finde eure Idee toll.“
Mehr nicht.
Und plötzlich saß ich vor einem Mikrofon.
Vielleicht ist genau das etwas, was ich in den vergangenen Jahren gelernt habe.
Wir müssen nicht immer vorher wissen, wohin etwas führt.
Wir müssen auch nicht für alles einen perfekten Plan haben.
Manchmal reicht es, neugierig zu sein.
Etwas zu sagen.
Eine Nachricht zu schreiben.
Eine Gelegenheit anzunehmen.
Und vielleicht auch einmal über den eigenen Schatten zu springen.
Früher hätte ich mich wahrscheinlich versteckt.
Heute rede ich.
Und ja:
Darauf bin ich tatsächlich stolz.
Nicht, weil ich jetzt in einem Podcast zu hören sein werde.
Sondern weil ich merke, wie sehr ich mich selbst verändert habe.
Manchmal erkennen wir unsere eigene Entwicklung nämlich erst dann, wenn wir plötzlich etwas tun, von dem unser früheres Ich überzeugt gewesen wäre:
Das traue ich mich niemals.
Und dann sitzt man da.
Vor einem Mikrofon.
Redet.
Lacht.
Erzählt.
Und stellt irgendwann fest:
Doch.
Ich kann das.

Der Podcast kommt bald raus. Und dann werde ich euch natürlich auf dem laufenden halten.


Und irgendwo sitzt wahrscheinlich ein kleiner Wichtel mit viel zu großen Kopfhörern vor einem winzigen Mikrofon, hört ganz aufmerksam zu und denkt sich: „Siehst du, manchmal muss man seine Stimme erst benutzen, um zu merken, wie viel sie eigentlich zu sagen hat.“

Schön das du hier bist 🩶

Der Tag, an dem mein Exemplar einen Pyjama verprügelte

So. Jetzt ist sie endgültig unterbrochen.
Die Verbindung, die das Universum irgendwann einmal zwischen meinem Exemplar und mir hergestellt hat.
Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Und ich möchte gleich vorwegnehmen: Das kann sich wirklich keiner ausdenken. Ich könnte wahrscheinlich drei Tage mit Kaffee auf meiner Couch sitzen und mir Geschichten über Pubertät ausdenken, auf diese wäre ich nicht gekommen.
Es war ein ganz normaler Tag.


Mein Exemplar hatte sich auf einer bekannten Seite etwas bestellt. Einen Pyjama. Nichts Spektakuläres. Keine seltene Antiquität aus einem ägyptischen Grab. Kein Paket aus einem unbekannten Labor. Einfach einen Pyjama.
Nun weiß ich nicht, wie ihr eure Pakete öffnet.
Ich persönlich mache das ziemlich unspektakulär.
Paket kommt.
Paket auf.
„Oh schön.“
Sachen raus.
Anprobieren.
Fertig.
Ich tanze vorher keinen außergewöhnlichen Tanz um das Paket, spreche keine Zaubersprüche und ziehe auch keinen Schutzkreis aus Salz um den Wohnzimmertisch.
Vielleicht mache ich es aber auch einfach falsch.
Denn mein Exemplar hatte offenbar im Internet Dinge gesehen.


Und wir wissen ja: Was einmal im Internet gesehen wurde, kann nicht mehr ungesehen gemacht werden.
Ich sitze also friedlich in meinem Wohnzimmer.
Vermutlich dachte ich gerade an vollkommen harmlose Dinge. Kaffee. Essen. Wäsche. Wechseljahre. Was man als Mutter eben so denkt.
Da fliegt die Tüte mit dem neuen Pyjama auf den Wohnzimmertisch.
Gut.
Dann verschwindet mein Exemplar in Richtung Küche.
Auch noch gut.
Dann kommt sie zurück.


Mit einem Fleischklopfer.


An dieser Stelle hätte mein Gehirn eigentlich schon reagieren müssen.
Tat es aber nicht.
Vielleicht habe ich in den vergangenen zwölf Jahren einfach zu viel erlebt.
Ich beobachtete also, wie mein Exemplar den Fleischklopfer nahm und anfing, auf die Verpackung einzuschlagen.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Der Pyjama wurde verprügelt.
Ich saß daneben.
Meine Kinnlade bewegte sich langsam in Richtung Fußboden.
„Was… machst du da?“
Und dann kam diese Antwort.
Völlig selbstverständlich.
Als wäre ich diejenige, die gerade eine ausgesprochen dumme Frage gestellt hätte.


„Na, ich muss doch sichergehen, dass die Spinnen und Skorpione da drin tot sind.“


Jaaaaa.
Natürlich.
Warum bin ich darauf nicht gekommen?
Mein Fehler.
Offenbar gab es Berichte und Videos darüber, dass Menschen in Paketen oder Kleidungsstücken schon unerwünschte tierische Mitreisende entdeckt haben sollen. Und wenn man zwölf ist und solche Geschichten im Internet sieht, entwickelt man offenbar eigene Sicherheitskonzepte.
Andere Menschen schütteln ihre Kleidung aus.


Mein Kind wählt die Methode Fleischklopfer.
Man muss Prioritäten setzen.
Und so lag dort dieser arme Pyjama.
Er hatte nichts getan.
Er wollte einfach nur getragen werden.
Vielleicht ein gemütlicher Sonntagabend werden. Ein bisschen Couch. Ein bisschen Fernsehen.
Stattdessen wurde er direkt nach seiner Ankunft Opfer einer präventiven Schädlingsbekämpfung.
Spinnen?
Keine.
Skorpione?
Auch keine.
Sonstige Wesen aus einer anderen Dimension?
Ebenfalls Fehlanzeige.
Dafür vermutlich ein Pyjama mit einer mittelschweren Identitätskrise.


Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir:
Unschuldiger Pyjama brutal attackiert. Täterin spricht von Notwehr.“
Darunter ein kleines Interview.
Pyjama: „Ich wollte doch nur gemütlich sein.“
Aber genau solche Situationen zeigen mir immer wieder, wie unterschiedlich Kinder und Erwachsene manche Dinge wahrnehmen.
Ich sehe eine Plastiktüte mit Kleidung.
Mein Exemplar sieht möglicherweise ein mobiles Terrarium mit unbekanntem Inhalt.
Ich denke: Mach die Tüte auf.
Sie denkt: Erst Gefahrenlage neutralisieren.
Vielleicht ist das auch unsere neue Form der Generationenunterschiede.
Wir hatten früher Angst vor dem Monster unter dem Bett.
Unsere Kinder haben Angst vor dem Skorpion im Versandpaket.
Wir haben nachts unter die Bettdecke geschaut.
Sie holen den Fleischklopfer.
Evolution.
Und natürlich habe ich gelacht.
Sehr.
Denn irgendwann stand mein Exemplar da, vollkommen überzeugt von ihrer Vorgehensweise, während ich mich fragte, an welcher Stelle unserer gemeinsamen Entwicklung wir falsch abgebogen sind.


Vielleicht habe ich früher zu wenig mit ihr über sachgerechtes Öffnen von Paketen gesprochen.
Das steht wahrscheinlich in irgendeinem Erziehungsratgeber.
Kapitel 14:
Wenn das Kind beginnt, Textilien mit Küchenutensilien zu bearbeiten.“
Aber wisst ihr was?
Genau solche Momente liebe ich.
Nicht unbedingt in der Sekunde, in der sie passieren. Da frage ich mich meistens zunächst, ob ich irgendwo eine versteckte Kamera übersehen habe.
Aber später.
Wenn man darüber spricht und wieder lachen muss.
Denn irgendwann wird mein Exemplar erwachsen sein.
Dann werden keine Pakete mehr auf meinen Wohnzimmertisch fliegen.
Vielleicht wird auch niemand mehr meinen Fleischklopfer zweckentfremden.
Und wahrscheinlich werde ich dann genau diese vollkommen bekloppten Situationen vermissen.


Die Situationen, die man niemandem erzählen kann, ohne vorher zu sagen:
Nein. Wirklich. Das ist tatsächlich passiert.“
Der Pyjama hat den Vorfall übrigens überlebt.
Zumindest körperlich.
Was er psychisch davongetragen hat, kann ich nicht beurteilen.


Aber sollte demnächst irgendwo ein kleiner Wichtel mit Helm, Schutzbrille und einem winzigen Fleischklopfer neben einem Paket sitzen, dann wisst ihr Bescheid. Er wartet nicht auf Weihnachten. Er wurde von meinem Exemplar zum Sicherheitsbeauftragten ernannt und überprüft vorsichtshalber schon mal die Lage auf Spinnen, Skorpione und andere unerlaubte Mitreisende.

Schön das du hier bist 🩶

Du bist gut genug, aber bin ich das auch für die Gesellschaft?

Es gibt gerade ein Lied, das gefühlt überall läuft.
„Du bist gut genug.“
Und bevor jetzt jemand denkt, ich hätte etwas gegen diese Botschaft: Nein. Im Gegenteil. Ich finde sie richtig.
Aber das Lied geht mir trotzdem langsam auf die Nerven.
Vielleicht auch deshalb, weil bei mir bei diesem Satz sofort eine andere Frage im Kopf auftaucht:
Bin ich wirklich gut genug? Nicht für mich. Sondern für unsere Gesellschaft?
Eine ernst gemeinte Frage.
Denn wenn ich mir anschaue, wie sich unsere Vorstellung davon, was ein Mensch sein sollte, innerhalb der letzten hundert Jahre verändert hat, dann finde ich das ziemlich spannend und manchmal auch ein bisschen beängstigend.
Gehen wir einmal zurück.
Unsere Großeltern und Urgroßeltern erlebten Zeiten, in denen es häufig gar nicht darum ging, sich selbst zu verwirklichen. Menschen wurden in Kriege geschickt, mussten fliehen, verloren ihre Heimat und ihre Familien. Menschen wurden wegen ihrer Herkunft, einer Erkrankung oder einer Behinderung ausgegrenzt, verfolgt oder als weniger wert betrachtet.
Das darf man niemals romantisieren.
Auch Erziehung hatte lange ein völlig anderes Gesicht.
Kinder sollten funktionieren.
Sei höflich.
Widersprich nicht.
Hilf mit.
Lerne etwas Ordentliches.
Arbeite.
Und mach bloß keinen Unsinn.
Das große Ziel war häufig nicht: „Finde heraus, wer du wirklich bist.“
Das Ziel war: Komm vernünftig durchs Leben.
Und wenn das mit Worten nicht funktionierte, kam in manchen Familien eben auch einmal die Küchenkelle zum Einsatz.
Und nein, die hatte damals vermutlich noch kein niedliches Herz in der Mitte.


Diese Art der Erziehung hielt sich in abgeschwächter Form erstaunlich lange. Auch ich bin noch mit vielen dieser Vorstellungen groß geworden.
Dann veränderte sich etwas.
Spätestens in den 90ern und danach wurde Individualität immer wichtiger. Psychische Gesundheit bekam langsam mehr Aufmerksamkeit. Menschen begannen offener darüber zu sprechen, dass eben nicht jeder einfach funktionieren kann.
Plötzlich durfte man fragen:
Was möchte eigentlich ich?
Ich war damals selbst in der Blüte meines Lebens und versuchte herauszufinden, was mir eigentlich so liegt.
Hat eine Weile gedauert.
Vielleicht bin ich auch noch nicht fertig.
Aber inzwischen habe ich das Gefühl, dass wir an manchen Stellen von einem Extrem ins nächste geraten.
Denn aus:
„Du musst funktionieren.“
wurde irgendwann:
„Du musst dich selbst verwirklichen.“
Und daraus wird heute teilweise:
„Du musst die beste Version deiner selbst werden.“
Und genau da wird es für mich schwierig.
Denn was ist denn bitte die beste Version?
Schlanker?
Schöner?
Erfolgreicher?
Produktiver?
Faltenfreier?
Immer gut gelaunt?
Natürlich mit perfekter Wohnung, harmonischer Beziehung, glücklichen Kindern, erfolgreichem Beruf und einem Frühstück, das morgens aussieht, als hätte es drei Stunden beim Fotografen verbracht.
Wir sehen Perfektion überall.
Im Trash-TV.
Auf Social Media.
In der Werbung.
Und wenn das eigene Gesicht nicht mithalten kann, gibt es Filter.
Damit meine ich übrigens nicht den Kaffeefilter.
Der darf bleiben.


Und inzwischen kann künstliche Intelligenz Bilder erzeugen, Texte schreiben und uns theoretisch eine Welt zeigen, in der kaum noch etwas unperfekt aussehen muss.
Aber dann frage ich mich:
Wo bleibt eigentlich der Mensch?
Und inzwischen geht die Diskussion sogar noch viel weiter.
In den USA gibt es tatsächlich Unternehmen wie Orchid, die genetische Untersuchungen von Embryonen im Rahmen einer künstlichen Befruchtung anbieten. Dabei können Embryonen unter anderem auf genetische Risiken untersucht werden. Das bedeutet allerdings ausdrücklich nicht, dass man sich ein garantiert „perfektes Kind“ zusammenstellen oder Krankheiten, Behinderungen und psychische Erkrankungen einfach vollständig ausschließen könnte. Gerade sogenannte polygenetische Risikowerte arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten und sind wissenschaftlich und ethisch stark umstritten.
Und trotzdem finde ich allein die Richtung dieser Entwicklung unglaublich spannend.
Denn plötzlich steht eine Frage im Raum, die weit über Medizin hinausgeht:
Wie viel Optimierung wollen wir eigentlich?
Natürlich wünsche ich meinem Kind Gesundheit.
Welche Mutter würde das nicht?
Wenn ich eine schwere Erkrankung verhindern könnte, würde ich selbstverständlich darüber nachdenken.
Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem aus Gesundheit möglicherweise Optimierung wird.
Und dann müssen wir uns fragen:
Wer bestimmt eigentlich, was ein guter Mensch ist?
Der intelligenteste?
Der gesündeste?
Der schönste?
Der leistungsfähigste?
Und was passiert mit denen, die diese Kriterien nicht erfüllen?
Genau deshalb fand ich einen Gedanken von Leon Windscheid so interessant: Vielleicht ist gerade das Unperfekte am Menschen das, was ihn interessant macht.
Und ich glaube, da steckt unglaublich viel drin.
Denn ich möchte nicht in einer Welt leben, in der jeder Mensch gleich funktioniert.
Eine Gesellschaft braucht unterschiedliche Menschen.
Den Lauten und den Leisen.
Denjenigen, der unglaublich schnell denken kann, und denjenigen, der vielleicht länger braucht, dafür aber etwas bemerkt, das alle anderen übersehen.
Den Menschen, der Karriere machen möchte.
Und denjenigen, der zufrieden ist, wenn er abends mit seiner Familie am Tisch sitzt.
Den strukturierten Menschen.
Und denjenigen, dessen Leben gelegentlich aussieht, als hätte jemand eine Schublade ausgekippt.
Vielleicht sogar mich.
Denn eine Gesellschaft funktioniert doch nicht deshalb, weil jeder perfekt ist.
Sie funktioniert dann, wenn Menschen ihre unterschiedlichen Fähigkeiten miteinander verbinden.
Wo einer etwas nicht kann, kann ein anderer helfen.
Eigentlich ziemlich einfach.
Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass wir genau das zunehmend verlernen.
Wir vergleichen mehr.
Wir bewerten schneller.
Wir sortieren Menschen ein.
Dabei wissen wir überhaupt nichts über den Menschen, der uns gerade begegnet.
Wenn mir jemand morgens auf der Straße entgegenkommt, weiß ich nicht, was dieser Mensch gestern erlebt hat.
Vielleicht hat er gerade jemanden verloren.
Vielleicht hat er Angst vor einer Diagnose.
Vielleicht pflegt er seit Monaten einen Angehörigen und kann kaum noch.
Vielleicht hat er finanzielle Sorgen.
Vielleicht kämpft er gerade einfach nur damit, morgens überhaupt aufzustehen.
Ich sehe das alles nicht.
Also könnte ich doch wenigstens freundlich sein.
Ein Lächeln.
Ein Guten Morgen.
Jemandem die Tür aufhalten.
Kurz warten.
Nicht sofort urteilen.
Eigentlich Dinge, die nichts kosten.
Vielleicht liegt genau darin etwas, das wir bei all unserer Selbstoptimierung nicht vergessen sollten:
Der Wert eines Menschen entsteht nicht daraus, wie perfekt er funktioniert.
Nicht aus seinem Kontostand.
Nicht aus seinem Aussehen.
Nicht aus seiner Intelligenz.
Nicht aus seinen Genen.
Nicht daraus, wie viel er leisten kann.
Und auch nicht daraus, wie gut er in irgendein gesellschaftliches Raster passt.
Vielleicht müssen wir gar nicht alle die beste Version unserer selbst werden.
Vielleicht reicht es vollkommen, eine menschliche Version unserer selbst zu sein.
Mit Ecken.
Mit Fehlern.
Mit schlechten Tagen.
Mit Lachfalten.
Mit Ängsten.
Mit Fähigkeiten und Dingen, die wir eben überhaupt nicht können.
Und vielleicht sollten wir weniger darüber nachdenken, wie wir Menschen perfekter machen können und wieder häufiger darüber, wie wir miteinander umgehen wollen.
Denn „Du bist gut genug“ ist ein schöner Satz.
Noch schöner wäre allerdings eine Gesellschaft, die einem Menschen dieses Gefühl nicht nur in einem Lied vermittelt.
Sondern im echten Leben.


Und wenn irgendwo ein kleiner Wichtel sitzt, seine schiefe Zipfelmütze richtet und feststellt, dass selbst seine beiden Schuhe nicht ganz gleich aussehen, dann lächelt er vielleicht und denkt:

Zum Glück. Denn eine Welt voller perfekter Wichtel wäre nicht nur ziemlich langweilig, sie hätte vermutlich auch vergessen, dass man einander gerade deshalb braucht, weil keiner von uns alles kann.

Schön das du hier bist 🩶

Darf ich in dieser Welt noch unperfekt sein?

Darf ich in dieser Welt noch unperfekt sein,
mit meinen Fehlern, meinen Zweifeln ganz mein?
Wenn alles berechnet und besser sein muss,
wird Menschlichkeit irgendwann nur noch Verdruss?

Wir wählen schon aus, was ein Kind einmal kann,
wie klug und wie sportlich – nach messbarem Plan.
Gesund soll es sein und erfolgreich dazu,
doch wo bleibt das Leben, das sagt: „Sei einfach du“?

Die Handys sind schneller, die Maschinen gescheit,
wir sparen Sekunden und verlieren doch Zeit.
Wir rennen und leisten, bis keiner mehr kann,
doch wer fängt die müden Gedanken noch auf irgendwann?

Die Seelen sind voll, doch die Wartezeit lang,
kein Platz für die Menschen mit Sorge und Bang.
Und irgendwann fragt eine Gesellschaft vielleicht:
Wer bleiben darf, wenn ein Mensch nicht mehr „reicht“?

Wird Krankheit zum Makel, Gesundheit zur Pflicht,
tauschen wir Menschen, die funktionieren nicht?
Wer entscheidet dann über wertvoll und klein?
Darf ich in dieser Welt noch unperfekt sein?

Science-Fiction war gestern ein ferner Planet,
heut staunen wir, wie nah manches vor uns schon steht.
Was früher im Kino noch Zukunft erschien,
beginnt längst ganz leise ins Heute zu ziehn.

Menschen mit Chips und Maschinen im Blick,
Roboter bestimmen vielleicht unser Glück.
Doch wenn alles berechnet und steuerbar scheint,
wer merkt dann noch, wenn irgendwo jemand weint?

Vielleicht liegt im Fehler das Menschlichste drin,
im Stolpern, im Fühlen, im eigenen Sinn.
Ich möchte nicht perfekt – nur lebendig noch sein,
denn genau meine Fehler machen mich mein.

S.H.