
Je älter ich werde, desto mehr verändern sich meine Ansichten über Menschen. Früher habe ich vieles mit mir machen lassen. Heute nicht mehr. Und ich glaube, das hat nicht nur etwas mit dem Älterwerden zu tun. Sondern auch mit Erfahrungen. Mit dem Leben. Mit den Dingen, die man irgendwann einfach verstanden hat. Vielleicht kennst du das auch. Man wird ruhiger. Aber gleichzeitig klarer. Man trennt sich schneller von Menschen, wenn es nicht mehr passt. Nicht aus Bosheit. Sondern aus Selbstschutz.
Früher hätte ich mich gefragt:
„Was habe ich falsch gemacht?“
„Warum reicht das nicht?“
„Warum versteht mich der Mensch nicht?“
Heute denke ich oft: Vielleicht passt es einfach nicht. Und weißt du was? Das macht vieles leichter. Aber gleichzeitig fällt mir etwas anderes auf. Der Begriff „Narzissmus“ bekommt plötzlich immer schneller Bedeutung. Nicht unbedingt, weil es mehr Narzissten gibt. Sondern weil es einfacher geworden ist, Menschen einzuordnen. Vielleicht sogar einfacher, als sich wirklich mit ihnen auseinanderzusetzen. Denn wenn etwas zwischen Menschen nicht funktioniert, ist die Frage oft nicht mehr:
Warum hat es nicht gepasst?
Sondern sofort: „Der ist narzisstisch.“ Und genau darüber denke ich oft nach.
Menschen waren schon immer kompliziert
Ich weiß manchmal gar nicht, ob Menschen schon immer so schwierig waren. Oder ob sich unsere Gesellschaft einfach verändert hat. Mit Social Media. Mit dem Internet. Mit der Geschwindigkeit unseres Lebens. Denn heute geht alles schneller.
Nachrichten.
Meinungen.
Kontakte.
Verurteilungen.
Und vielleicht achten wir dadurch immer weniger auf uns selbst. Wir funktionieren. Wir reagieren. Wir konsumieren. Aber nehmen wir uns eigentlich noch wirklich Zeit, Menschen zu verstehen?
Das Internet macht vieles leichter, auch das Urteilen
Durch das Internet ist es unglaublich leicht geworden, Menschen zu beurteilen. Ein Video. Ein Kommentar. Ein Satz. Und plötzlich glauben wir, einen Menschen zu kennen. Aber tun wir das wirklich? Oder kennen wir nur die Rolle, die dieser Mensch dort gerade spielt? Denn Social Media zeigt selten das Ganze. Es zeigt Ausschnitte. Momente. Inszenierungen. Und trotzdem entstehen daraus komplette Urteile. Vielleicht sogar Diagnosen.
Wann ist ein Mensch plötzlich ein Narzisst?
Ich lese diesen Begriff inzwischen überall.
„toxisch“
„Gaslighting“
„Narzisst“
Und ehrlich? Manchmal wirkt es fast so, als wäre heute jeder ein Narzisst. Dabei frage ich mich oft: Wo beginnt das eigentlich wirklich? Ich bin manchmal egoistisch. Ja. Aber nicht, weil ich Menschen absichtlich verletzen möchte. Sondern weil ich gelernt habe, auf mich selbst aufzupassen. Vor allem in bestimmten Bereichen meines Lebens. Im Job. Bei bestimmten Menschen. Bei Situationen, die mir nicht guttun. Aber macht mich das automatisch zu einem Narzissten?
Darf ich an mich denken?
Das ist doch eigentlich die eigentliche Frage. Darf ich Bedürfnisse haben?
Darf ich sagen:
„Das ist mir zu viel.“
„Das möchte ich nicht.“
„Das tut mir nicht gut.“
Oder gilt das heute sofort als egoistisch? Und wenn ich egoistisch bin… bin ich dann automatisch narzisstisch?
Aufmerksamkeit wollen, etwas völlig Menschliches?
Ich bin auf Social Media aktiv. Natürlich möchte ich Aufmerksamkeit für meine Arbeit. Warum sollte ich schreiben, wenn ich nicht möchte, dass Menschen es lesen? Ich freue mich, wenn Menschen meine Texte mögen. Wenn sie sich verstanden fühlen. Wenn sie mir schreiben. Bin ich deswegen narzisstisch? Oder einfach ein Mensch, der gesehen werden möchte?
Denn wenn wir ehrlich sind: Wollen wir das nicht alle ein bisschen?
Wenig Empathie in einem Moment
Es gibt Momente, in denen ich wenig Empathie habe. Ja. Und ich glaube, das geht vielen Menschen so. Muss ich immer für jeden Verständnis haben? Jederzeit? Darf ich Menschen auch mal unsympathisch finden? Oder Abstand wollen? Oder genervt sein? Macht mich das zu einem schlechten Menschen? Oder einfach zu einem normalen Menschen?
Mein Blick durch meinen Beruf
Durch meinen Job lerne ich unglaublich viele Menschen kennen. Unterschiedliche Charaktere. Unterschiedliche Familien. Unterschiedliche Ängste. Und dort beobachte ich oft etwas sehr Menschliches. Angehörige versuchen manchmal, ihre Kontakte spielen zu lassen.
Sie erzählen:
wen sie kennen
wo sie gearbeitet haben
wer wichtig ist
Oft mit dem Versuch, uns einzuschüchtern. Damit ihre Mutter oder ihr Vater „besser“ behandelt wird. Besonders behandelt wird. Und natürlich könnte man jetzt schnell sagen:
manipulativ
narzisstisch
überheblich
Aber weißt du, was ich darin meistens sehe? Sorge. Angst. Hilflosigkeit. Denn wenn Menschen Angst um jemanden haben, versuchen sie Kontrolle zu bekommen. Und Kontrolle zeigt sich bei jedem anders.
Menschen handeln oft aus Angst
Das ist etwas, was mir mein Beruf beigebracht hat. Viele Verhaltensweisen entstehen nicht aus Bosheit. Sondern aus:
Unsicherheit
Angst
Überforderung
Hilflosigkeit
Aber heute wird oft sofort bewertet. Nicht verstanden.
Der Unterschied zur Persönlichkeitsstörung
Und genau deshalb finde ich den Unterschied wichtig. Zwischen: narzisstischen Anteilen und einer echten narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Denn narzisstische Anteile hat fast jeder Mensch. Stolz. Anerkennung wollen. Sich wichtig fühlen. Aufmerksamkeit mögen. Das ist menschlich. Eine Persönlichkeitsstörung hingegen geht viel tiefer. Dort geht es oft um:
extreme Manipulation
fehlende Empathie
Kontrolle
Macht
emotionale Ausnutzung
Und vor allem: um ein Verhalten, das sich durch das ganze Leben zieht. Nicht nur durch einzelne Situationen.
Unterschiede zwischen Männern und Frauen
Was ich ebenfalls spannend finde: Narzissmus wirkt oft unterschiedlich. Und genau deshalb wird er vielleicht auch unterschiedlich wahrgenommen. Wenn Menschen an Narzissmus denken, denken viele zuerst an Männer. An Dominanz. An Lautstärke. An Kontrolle. An Menschen, die sich größer machen als andere. Und deshalb wird männlicher Narzissmus oft schneller erkannt. Weil er sichtbarer ist. Direkter. Lauter. Aber wie ist es eigentlich bei Frauen? Darüber wird viel weniger gesprochen. Vielleicht, weil weiblicher Narzissmus oft subtiler wirkt. Emotionaler. Schwieriger greifbar. Zum Beispiel durch:
Schuldgefühle
emotionale Kontrolle
Opferrollen
soziale Manipulation
Und trotzdem glaube ich, dass wir auch hier vorsichtig sein müssen. Denn nicht jede manipulative Frau ist narzisstisch. Und nicht jeder dominante Mann ebenfalls. Menschen sind kompliziert. Nicht alles ist sofort krankhaft.
Das eigentliche Problem unserer Zeit
Ich glaube, dass wir heute verlernt haben,
differenziert zu denken.
Alles ist sofort:
toxisch
narzisstisch
krank
problematisch
Aber Menschen funktionieren nicht so einfach.
Menschen sind:
widersprüchlich
verletzlich
kompliziert
manchmal schwierig ohne gleich krank zu sein.
Vielleicht sollten wir wieder mehr verstehen
Vielleicht brauchen wir: mehr Zuhören, mehr echtes Hinsehen, mehr Verständnis. Und weniger schnelle Diagnosen. Denn nicht jeder schwierige Mensch ist narzisstisch. Manche Menschen sind einfach verletzt. Manche egoistisch. Manche überfordert. Und manche… einfach nur Menschen.
Vielleicht ist genau das der Punkt
Nicht jeder Mensch, der aneckt, ist krank. Nicht jeder Mensch, der Grenzen setzt, ist toxisch. Und nicht jeder Mensch, der Aufmerksamkeit möchte, ist narzisstisch. Vielleicht leben wir einfach in einer Zeit, in der Begriffe schneller verteilt werden als echtes Verständnis. Und vielleicht sollten wir genau da wieder anfangen: beim Menschen.
Und während du vielleicht gerade an Menschen denkst, die du vorschnell beurteilt hast, oder die dich beurteilt haben, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz leise am Rand deiner Gedanken, schaut dich ruhig an und flüstert:
„Nicht alles, was unbequem ist, ist krank, manchmal ist es einfach nur menschlich.“
Schön das du hier bist 🩶