Philosophisches Gespräch mit meinem Kind über den Tod und die Spiritualität

Es war ein ganz normaler Moment. So einer, der einfach passiert. Ohne Ankündigung. Ohne Vorbereitung.
Ich saß mit meinem 12-jährigen Exemplar zusammen. Und dann fragte sie mich: „Du Mama? Du hast doch schon viele Tote gesehen, oder?“ Ich sagte: „Ja.“ Und in diesem Moment wusste ich noch nicht, worauf sie hinaus wollte.


Tatsächlich habe ich schon viele Menschen in den Tod begleitet. Viele Tote gesehen. Und auch viele Tote gewaschen und neu gekleidet. Ich muss dazu sagen: Ich mache das bewusst. Nicht, weil ich es muss. Sondern weil ich es möchte. Es ist meine Art, einen Abschluss zu finden.
Ich arbeite als Pflegefachkraft, seit vielen Jahren. Mit Menschen die an ihrem Lebensende stehen, die alles gesehen haben. Und dadurch habe ich unweigerlich mit dem Tod zu tun. Aber wenn ich Menschen oft über Jahre begleite, dann kenne ich sie. Ich kenne ihr Leid. Ihr Leben. Ihre Ängste. Und wenn dieser Moment kommt… dann ist es für mich mehr als nur ein „Job“. Die Menschen nach ihrem Ableben zu waschen und zu kleiden, gibt mir die Ehre, ihnen die letzte Ehre zu erweisen. Ein stiller Moment. Ein würdevoller Moment.


Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie du dich von einem Menschen verabschieden würdest?


Und dann kam ihre eigentliche Frage. Sie wollte etwas wissen, was ich so nicht erwartet hätte.
Andere Kinder wollen wissen:
Warum man stirbt
Oder ob das weh tut
Diese Fragen kann ich oft gar nicht richtig beantworten. Obwohl ich manchmal das Gefühl habe, dass es leicht ist. Aber sie… sie fragte mich etwas anderes. „Hattest du schon spirituelle Momente?“ Und ich musste kurz innehalten. „Ja“, sagte ich. „Sehr oft.“ Und natürlich wollte sie wissen, welche. Und ich erzähle sie dir jetzt genauso, wie ich sie erlebt habe.


Die Uhr
Ich habe schon öfter stillstehende Uhren erlebt. Oder Uhren, die plötzlich wieder anfangen zu laufen. Obwohl sie ausgestellt wurden. Ein Erlebnis ist mir besonders im Kopf geblieben. Eine Ehefrau begleitete ihren Mann in den Tod. Und als er ging… ging die Uhr an. Die Uhr, die sie vorher ausgestellt hatte. Ein Moment, den man nicht erklären kann.
Glaubst du, dass solche Dinge Zufall sind oder spürst du manchmal auch, dass es mehr sein könnte?
Und vielleicht musst du ihn auch nicht erklären.


Die Krähen
Ich erlebe es immer wieder, dass Krähen sich vor unserer Einrichtung aufhalten. Und wenn sie da sind… dann weiß man oft: Es ist soweit. Nur wer geht, ist manchmal eine Überraschung. Oder auch nicht. Ich mag Krähen. Und mein Exemplar sagte daraufhin: „Du bist eine Hexe.“ Ich musste schmunzeln. Nein, bin ich nicht. Ich kann weder zaubern noch fliegen. Und wenn ich zaubern könnte… würde sich meine Wohnung alleine putzen. Wirklich. Also nein. Keine Hexe.


Der Schmetterling
Was ich letztes Jahr erlebt habe, war für mich sehr magisch. Ich muss dafür ein bisschen weiter ausholen. Wir waren im Urlaub in Bayern. Und sind in der Geisterklamm in Österreich wandern gewesen. Ein wunderschöner Ort und sehr empfehlenswert. Und plötzlich… kam ein Schmetterling. Er setzte sich auf meine Jacke ohne Angst zu haben. Und blieb. Ich nahm ihn auf meinen Finger. Und trug ihn. Die ganze Zeit. 30 Minuten lang. Bis ich ihn irgendwann absetzen konnte.Warum kann ich nicht sagen. Für mich stehen Schmetterlinge für Spiritualität, für die Verbindung zwischen dem Leben und dem Tod. Und das war schon ein besonderer Moment.
Hast du schon einmal etwas erlebt, das du nicht erklären kannst, aber nie vergessen hast?
Aber es ging noch weiter. Als eine Bewohnerin im Sterben lag, saß an ihrer Gardine ein Schmetterling. Jeder hätte gesagt: Zufall. Ich sah ihn. Und sagte zu ihr: „Du musst keine Angst haben. Dein Mann holt dich ab.“ Einen Tag später ging sie und der Schmetterling auch. Und dieser Moment… war ruhig. Sanft. Und für mich… magisch.


3 Gleichzeitig
Was ich in meiner Zeit als Pflegefachkraft immer wieder erlebe, ist das nie einer alleine geht. Einer schließt auf, einer geht durch und einer schließt ab. Es gehen immer drei. Ich weiß nicht was das für ein Gesetz des Lebens ist. Aber es ist so. Es gibt verschiedene Denk und Glaubensansätze dazu. Im spirituellen glaubt man, das die ersten beiden Wegweiser sind oder Begleiter für den dritten verstorbenen, um den Übergang in das jenseits zu erleichtern.


Und dann kam ihre Angst
Sie hörte mir zu. Ganz still. Und dann sagte sie: „Ich habe Angst, euch zu verlieren.“ Und plötzlich war alles anders. Nicht mehr meine Geschichten. Sondern ihre Angst. Eine echte Angst. Und ich verstand sie. Denn ja… Menschen müssen gehen. Manchmal viel zu früh. Ich hatte auch schon öfter die Angst meinen Vater zu verlieren, zumal er chronisch krank ist und wir schon oft die Generalprobe hatten. Aber es gehört dazu und wir können es nicht aufhalten.
Hattest du diese Angst auch schon einmal?


Meine Antwort
Leise. Wir können es nie wissen. Aber ich bin da und das sollten wir immer genießen.
Ich erinnerte mich an einen Satz. Vom antiken Philosophen Epikur. „Solange wir da sind, ist der Tod nicht da. Und wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr da.“ Sein Ziel war es, den Menschen die Angst zu nehmen. Und vielleicht… liegt darin etwas. Denn wir wissen es nicht vorher. Und vielleicht ist genau das ein Schutz.


Gibt es ein Leben nach dem Tod?
Dann kam die nächste Frage. „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“ Und ich war ehrlich. Niemand weiß das. Niemand konnte es bisher sagen. Niemand konnte es erforschen. Und trotzdem… habe ich manchmal das Gefühl, dass Menschen wiederkommen. Die Bewohner, die gehen… und die neuen, die kommen… sind sich manchmal so ähnlich. In ihrem Handeln. In ihrem Denken. In ihrem Reden. Und ich frage mich: Ist das Zufall? Oder mehr? Ist es Wiedergeburt? Oder einfach ein Gefühl?
Was glaubst du?


Das Universum
Ich habe neulich etwas gehört.
68% des Universums besteht aus dunkler Energie
27% aus dunkler Materie
Das sind 95%… die wir nicht verstehen. Und wenn wir das Universum nicht verstehen… wie wollen wir dann den Tod verstehen?


Meine Tochter meint es ernst
Sie meint es also wirklich ernst. Sie glaubt wirklich ich sei eine Hexe. Nicht so eine die eine Warze auf der Nase hat und eine Krähe auf der Schulter. Sondern eine andere. Und so hat sie sich die Mühe gemacht, das Internet zu befragen woran sie das Fest machen kann. Tja sie wurde nicht enttäuscht. Das Internet ist auf ihrer Seite. Ich muss schmunzeln bei dem Gedanken.


Mein Gedanke
Vielleicht geht es nicht darum, alles zu wissen. Vielleicht geht es darum, damit zu leben, dass wir es nicht wissen.


Und jetzt du
Was glaubst du?
Gibt es ein Leben nach dem Tod?
Oder endet alles hier?
Und wie gehst du mit dieser Frage um?
Verdrängst du sie?
Oder lässt du sie zu?
Vielleicht ist genau das der Punkt
Nicht die Antwort. Sondern die Frage. Und das Gefühl, dass wir nicht alleine damit sind.


Und während du vielleicht noch über deine eigene Antwort nachdenkst, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz leise am Rand deiner Gedanken, schaut dich ruhig an und flüstert: „Manche Fragen sind nicht dazu da, beantwortet zu werden, sondern gefühlt zu werden.“

So stellt sie sich mich als Hexe vor.

Schön das du hier bist 🩶

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