
Scham. Ein Gefühl, das eigentlich überall ist. Und trotzdem spricht kaum jemand wirklich darüber. Vielleicht, weil Scham selbst schon Schambehaftet geworden ist. Denn heute wirkt es oft so, als dürfte man sich gar nicht mehr schämen.Als wäre Scham automatisch: Schwäche, Unsicherheit, mangelndes Selbstbewusstsein oder etwas, das man schnell „weg therapieren“ muss. Aber ich frage mich immer öfter: Was passiert eigentlich mit uns Menschen, wenn normale Scham keinen Platz mehr haben darf? Denn wenn ich ehrlich bin, glaube ich: Jeder Mensch schämt sich. Und das ist etwas völlig Menschliches.
Ein Podcast, der mich nachdenklich gemacht hat
Neulich hörte ich einen unglaublich interessanten Podcast mit Dr. Stephan Marks. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Scham. Und ich fand seine Gedanken faszinierend. Vor allem seine Aussagen darüber, wie Scham in schwierigen Zeiten, zum Beispiel im Krieg, bewusst benutzt und ausgenutzt wird. Denn Scham ist ein unglaublich starkes Gefühl. Sie kann Menschen klein machen. Kontrollieren. Manipulieren. Zerstören. Und genau deshalb ist es so wichtig, sie zu verstehen.
Wir nennen es oft gar nicht mehr Scham
Denn eigentlich begegnet uns Scham jeden Tag. Nur benennen wir sie oft nicht so. Wenn uns etwas unangenehm ist. Wenn wir einen Fehler gemacht haben. Wenn wir uns bloßgestellt fühlen. Wenn wir merken: Das hätte ich anders machen sollen. Ist das nicht oft genau Scham? Und ist das wirklich nur schlecht?
Früher war Scham auch ein Teil von Lernen
Wenn ich mich für mein Verhalten schäme, dann denke ich darüber nach. Ich reflektiere. Vielleicht mache ich diesen Fehler nicht noch einmal. So haben wir es früher oft gelernt. Aber gleichzeitig wurde Scham früher auch missbraucht. Und genau dort wird das Thema kompliziert. Denn viele Menschen verbinden Scham sofort mit: Bloßstellung. Demütigung. Verletzung. Und leider gab es davon früher genug.
Erinnerungen aus der Schule
Früher mussten Kinder manchmal vor der ganzen Klasse in der Ecke stehen. Oder Lehrer nannten Schüler „dumm“, wenn sie etwas nicht wussten. Noch weiter zurück gab es den Zeigestock der auf die Finger der Kinder flog. Wenn ich heute darüber nachdenke, finde ich das schlimm. Denn dort wurde Scham nicht benutzt, um Reflexion zu fördern. Sondern um Macht auszuüben. Und genau das hinterlässt Spuren.
Heute gehen wir den anderen Weg
Heute versucht man eher, niemanden bloßzustellen. Es wird oft jemand anderes drangenommen. Niemand soll sich unangenehm fühlen. Ob das der absolut richtige Weg ist, ist auch fraglich. Und grundsätzlich verstehe ich diesen Gedanken natürlich. Aber manchmal frage ich mich trotzdem: Verlieren wir dadurch vielleicht auch etwas Wichtiges? Denn ist es wirklich sinnvoll, unangenehme Gefühle komplett zu vermeiden? Oder wäre es vielleicht wichtiger, Kindern beizubringen: wie man mit solchen Gefühlen umgeht?
Selbstreflexion statt Bloßstellung
Denn genau dort sehe ich den Unterschied. Es geht nicht darum, Menschen zu demütigen. Nicht darum, sie klein zu machen. Sondern darum, Selbstreflexion zu lernen. Und ehrlich? Ich finde Selbstreflexion unglaublich wichtig. Gerade später im Beruf. Denn dort begegnen wir ständig Situationen, in denen wir: Fehler machen, falsch reagieren, Dinge übersehen, uns verbessern müssen. Und dafür braucht es die Fähigkeit, sich selbst ehrlich anzuschauen. Aber sich selbst ehrlich anzuschauen erfordert oft sehr viel Mut.
Scham in der Pflege
Besonders deutlich sehe ich das Thema Scham in meinem Beruf. In der Pflege. Dort begegnet uns Scham jeden Tag. Und trotzdem wird kaum darüber gesprochen. Vielleicht, weil vieles inzwischen so selbstverständlich geworden ist. Aber genau das macht mir manchmal Sorgen.
Eine Situation aus dem Pflegealltag
Stell dir vor: Du bist Pflegekraft. Du bekommst einen neuen Bewohner oder eine neue Bewohnerin. Am nächsten Morgen gehst du ganz selbstverständlich in die Wohnung. Du hilfst beim Waschen. Natürlich auch im Intimbereich. Für Pflegekräfte gehört das zum Alltag. Aber was ist eigentlich mit der Person gegenüber? Was denkt sie in diesem Moment? Schämt sie sich? Hat sie Angst? Fühlt sie sich ausgeliefert? Oder hat sie längst aufgehört, etwas zu sagen, weil sie glaubt, keine Wahl mehr zu haben? Ich habe gerade erst so eine Situation erlebt. Eine Bewohnerin hat sich nass gemacht obwohl sie eine Vorlage trug, aber sie Hose war nass. Ich habe alles mit einem Lächeln und ohne es zu kommentieren Weg gemacht. Und sie sagte: „Ich schäme mich so“. Sofort kamen mir meine Worte in den Kopf. Und anstatt zu sagen, sie brauchen sich nicht zu schämen, sagte ich: „Ich verstehe Sie“. Und es ging mir noch etwas durch den Kopf. Wenn ich gesagt hätte, sie brauchen sich nicht schämen, dann wäre es nicht richtig gewesen. Denn ich hätte mich in der Situation auch geschämt. Und manchmal ist es gut, das wir über unsere Wörter mehr nachdenken. Auch wenn sie für uns selbstverständlich sind und wir es nur gut meinen.
Der Mensch hinter der Pflege
Ich glaube, genau das vergessen wir manchmal. Weil Pflege oft unter Zeitdruck stattfindet. Weil alles funktionieren muss. Weil Abläufe eingehalten werden. Und weil wir irgendwann anfangen, Dinge nur noch praktisch zu sehen. Aber dort steht immer noch ein Mensch. Ein Mensch mit: Grenzen. Würde. Gefühlen. Scham. Und vielleicht ist genau das etwas, das in unserer Gesellschaft langsam verloren geht: der Blick für die Verletzlichkeit anderer Menschen.
Früher mussten wir uns hineinfühlen
In meiner Ausbildung vor fast zwanzig Jahren hatten wir noch Selbstexperimente. Wir sollten uns hineinfühlen in Menschen, die gepflegt werden. Wir sollten verstehen: wie es sich anfühlt, abhängig zu sein. Und ehrlich? Das war unglaublich wichtig. Denn Pflege ist nicht nur Versorgung. Pflege ist Nähe. Vertrauen. Würde. Und genau dort spielt Scham eine riesige Rolle.
Was passiert, wenn Zeit verschwindet?
Heute fehlt oft genau dafür die Zeit. Gespräche werden weniger. Vertrauen aufzubauen wird schwer. Der Mensch wird immer häufiger: ein Fall. ein Bewohner. eine Nummer. ein finanzieller Faktor. Und wenn Zeit verschwindet, verschwindet oft auch der Blick für Gefühle. Dann wird schnell gesagt: „Du brauchst dich nicht schämen.“ Aber ist Scham nicht eigentlich etwas völlig Menschliches?
Was geht verloren, wenn Scham keinen Platz mehr hat?
Diese Frage beschäftigt mich sehr. Denn was passiert eigentlich, wenn wir Menschen das Gefühl geben: Du darfst dich nicht schämen. Verlieren wir dann vielleicht: Feingefühl? Grenzen? Rücksicht? Selbstreflexion? Denn Scham ist nicht immer nur negativ. Manchmal schützt sie auch etwas. Unsere Intimsphäre. Unsere Würde. Unser Innerstes.
Scham und die heutige Gesellschaft
Heute wird unglaublich viel Geld mit Scham verdient. Vielleicht mehr denn je. Du schämst dich für Pickel? Hier ist die passende Creme. Du schämst dich für deinen Körper? Dann lass etwas operieren. Zu viele Falten? Zu alt? Zu wenig perfekt? Dann gibt es: Botox. Anti-Faltencremes. Schönheitsbehandlungen. Filter. Optimierungsprogramme. Tik Tok. Ich hab ja schon Mal erwähnt das ich social Media sehr mag und es viel nutze und auch KI fi den ich super, wenn man es richtig nutzt. Aber was ich wirklich gefährlich finde, sind die Menschen die sich dort als etwas ausgeben was sie nicht sind. Für Jugendliche, die noch nicht unterscheiden können, was echt ist und was nicht, was wirklich wichtig ist und wo ihr eigener Selbstwert liegt. Und überall schwingt dieselbe Botschaft mit: Wenn du das veränderst, musst du dich nicht mehr schämen.
Aber endet Scham wirklich durch Perfektion?
Ich glaube nicht. Denn wenn Menschen lernen, sich nur dann wertvoll zu fühlen, wenn sie „perfekt“ wirken… dann entsteht oft etwas Gefährliches. Ein ständiger Kampf gegen sich selbst. Gegen das Älterwerden. Gegen Fehler. Gegen Natürlichkeit. Und vielleicht verlieren wir dadurch immer mehr die Fähigkeit, uns selbst als Mensch anzunehmen.
Scham ist nicht immer der Feind
Ich glaube, wir müssen anfangen, Scham differenzierter zu betrachten. Denn es gibt: zerstörerische Scham und gesunde Scham. Zerstörerische Scham macht Menschen klein. Sie verletzt. Sie entwürdigt. Sie erzeugt Angst. Aber gesunde Scham? Die hilft uns manchmal: Grenzen wahrzunehmen, respektvoll zu bleiben, unser Verhalten zu reflektieren, die Gefühle anderer zu erkennen
Dort, wo Scham beginnt, beginnt auch der Mensch
Dieser Gedanke beschäftigt mich besonders: Dort, wo Scham beginnt, beginnt der Mensch. Denn Scham zeigt oft: Hier ist etwas verletzlich. Etwas Persönliches. Etwas, das geschützt werden möchte. Und vielleicht können wir Menschenwürde nur wirklich verstehen, wenn wir auch Scham verstehen. Nicht verdrängen. Nicht weglächeln. Nicht verbieten. Sondern zulassen. Darüber sprechen.
Vielleicht brauchen wir wieder mehr Menschlichkeit
Vielleicht leben wir in einer Zeit, in der Menschen ständig stark wirken wollen. Perfekt. Selbstbewusst. Unangreifbar. Aber genau dadurch verlieren wir manchmal den Zugang zu den leisen Gefühlen. Zu den verletzlichen Seiten des Menschseins. Und vielleicht gehört Scham genau dazu.
Und jetzt du
Wann hast du dich das letzte Mal geschämt? Und war diese Scham wirklich nur schlecht? Oder wollte sie dir vielleicht etwas zeigen? Eine Grenze. Ein Gefühl. Eine Verletzlichkeit. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Frage: Müssen wir Scham wirklich loswerden? Oder sollten wir vielleicht einfach lernen, besser mit ihr umzugehen?
Und während du vielleicht gerade über Situationen nachdenkst, die dir unangenehm waren oder in denen du dich klein gefühlt hast, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz leise am Rand deiner Gedanken, schaut dich ruhig an und flüstert:
„Vielleicht macht uns nicht das Fehlen von Scham menschlich, sondern die Fähigkeit, mit ihr würdevoll umzugehen.“
Schön das du hier bist 🩶