Flammen sammeln. Ich bin jetzt offiziell bei Snapchat angekommen.

Gott bewahre.
Es gibt Dinge im Leben, von denen denkt man als Mutter lange genug: Wenn ich sie einfach ignoriere, gehen sie vielleicht von alleine wieder weg.
Hat bei uns schon bei Glitzer nicht funktioniert.
Und bei Snapchat offenbar auch nicht.
Mein Exemplar bettelte nämlich schon eine ganze Weile darum, dass ich mir Snapchat installiere. Ich habe mich erfolgreich gewehrt. Sehr erfolgreich sogar. Zumindest empfand ich das so.
„Mama, mach dir doch Snapchat.“
Nein.
„Mamaaaaa, dann kann ich dir Snaps schicken.“
Du kannst mir auch bei WhatsApp Bilder schicken.
„Das ist nicht dasselbe.“
Natürlich nicht.
Warum sollte etwas einfach sein, wenn man auch noch eine zusätzliche App installieren kann?
Ich dachte jedenfalls, das Thema würde sich irgendwann erledigen.
Tat es nicht.
Mein Exemplar besitzt eine Hartnäckigkeit, die ich mir manchmal bei anderen Dingen wünschen würde. Vokabeln zum Beispiel. Oder Zimmer aufräumen. Aber wenn es darum geht, ihre Mutter zu Snapchat zu bekommen, entwickelt dieses Kind eine Ausdauer, mit der man vermutlich problemlos einen Marathon laufen könnte.
Also habe ich aufgegeben.
Ich habe Snapchat installiert.
Und soll ich euch sagen, warum?
WEGEN FLAMMEN.
Ja.
Flammen.
Ich musste mir erst einmal erklären lassen, was das überhaupt bedeutet. Offenbar schickt man sich jeden Tag gegenseitig Snaps und wenn man das regelmäßig macht, entsteht eine sogenannte Flamme beziehungsweise eine Serie.
Man hält also Kontakt, damit eine kleine digitale Flamme nicht ausgeht.
Ich werde irgendwann drölfzigtausend Flammen besitzen und weiß noch immer nicht, was ich damit anfangen soll.
Kann man die eintauschen?
Bekomme ich bei 500 Flammen einen Kaffee?
Einen Tankgutschein?
Eine Packung Wechseljahreshormone?
Nein?
Dann verstehe ich das Konzept noch nicht vollständig.
Andererseits musste ich überlegen, was wir damals eigentlich gesammelt haben.
Trollfiguren.
Plastikschnuller, die wir an Ketten gehängt haben.
Parfümfläschchen.
Sticker.
Diddl-Blätter.
Und anderen Kram, dessen gesellschaftlicher Nutzen ebenfalls überschaubar war.
Vielleicht sollte ich mich mit meiner Kritik also etwas zurückhalten.
Wir hatten wenigstens etwas in der Hand.
Die heutige Generation sammelt Feuer auf einem Bildschirm.
Fortschritt.
Nun bekam ich tatsächlich meinen ersten Snap von einer Freundin meines Exemplars.
Ich war gespannt.
Was würde dieses junge Wesen mir schicken?
Ein schönes Foto?
Eine lustige Situation?
Eine Botschaft?
Nein.
Ein schwarzes Bild.
Darauf eine Uhrzeit.
Das war alles.
Ich betrachtete dieses Bild eine ganze Weile.
Vielleicht hatte ich etwas übersehen.
Vielleicht war das moderne Kunst.
Vielleicht befand sich irgendwo eine geheime Botschaft, die nur Menschen unter 18 entschlüsseln können.
Nichts.
Schwarz.
Uhrzeit.
Also fragte ich mein Exemplar sinngemäß, was ich denn jetzt machen soll.
Antwort:
Zurücksnappen.
Aha.
Aber was?
Offenbar vollkommen egal.
Und genau an diesem Punkt habe ich verstanden, dass ich für dieses soziale Netzwerk vermutlich intellektuell überqualifiziert bin.
Ich wollte nämlich einen Sinn finden.
Es gab keinen.
Aber gut.
Ich bin anpassungsfähig.
Ich nahm mein Handy und fotografierte eine Klopapierrolle.
Uhrzeit drauf.
Abgeschickt.
Bitte sehr.
Wenn wir schon sinnlos kommunizieren, dann möchte ich wenigstens meinen eigenen Stil hineinbringen.
Vielleicht werde ich noch berühmt damit.
Morgen fotografiere ich einen Kartoffelschäler.
Übermorgen eine einzelne Socke.
Ich habe Möglichkeiten!
Hauptsache, die Flamme lebt.
Und während ich noch versuche, die Kommunikation der heutigen Jugend zu verstehen, kommt schon das nächste Phänomen um die Ecke:
67.
Six Seven.
Ich kann es nicht mehr hören.
Mein Exemplar hat diese 67 inzwischen im Blick wie andere Menschen seltene Vögel.
Irgendwo steht 67?
„MAMA! 67!“
Die Uhr zeigt irgendeine passende Kombination?
„67!“
Auf irgendeinem Schild tauchen diese beiden Zahlen auf?
„SIX SEVEN!“
Es ist ein bisschen wie Drüsenfieber.
Wenn es einmal da ist, wirst du es gefühlt nicht mehr los.
Und ich stehe daneben und frage mich, wie ein Gehirn, das diese Zahl wirklich überall entdeckt, gleichzeitig bei einer Matheaufgabe sagen kann:
„Hab ich nicht verstanden.“
Mein Kind, du findest die 67 in einem Radius von 14 Kilometern.
Vielleicht suchen wir die nächste Englischvokabel einfach irgendwo dazwischen.
Aber neulich las ich einen Spruch, bei dem selbst ich zugeben musste:
Der war gut.
Sinngemäß ging es darum, ob die 67-Generation eigentlich weiß, dass sie später einmal von morgens um six bis abends um seven arbeiten muss.
Ich konnte nicht mehr.
Das war exakt mein Humor.
Endlich ergab 67 für mich einen Sinn.
Vermutlich einen anderen als für mein Exemplar, aber wir wollen nicht kleinlich sein.
Und während ich nun Flammen sammle, Klopapierrollen verschicke und versuche, bei „six seven“ nicht jedes Mal mit den Augen zu rollen, merke ich etwas:
So bescheuert ich vieles davon finde, irgendwie mag ich es auch.
Nicht unbedingt Snapchat.
Und 67 ganz sicher nicht.
Aber diese kleine Tür in die Welt meines Kindes.
Denn irgendwann wird mein Exemplar erwachsen sein.
Dann werde ich vermutlich keine schwarzen Bilder mit Uhrzeiten mehr bekommen.
Niemand wird neben mir stehen und plötzlich begeistert „67!“ rufen, während ich überhaupt nicht weiß, was gerade passiert.
Und vielleicht werde ich genau diese vollkommen sinnlosen Dinge irgendwann vermissen.
Unsere Eltern haben vermutlich bei unseren Plastikschnullern auch gedacht, dass mit dieser Generation irgendetwas gewaltig schiefgelaufen ist.
Und siehe da:
Wir sind trotzdem groß geworden.
Mehr oder weniger.
Also sammle ich jetzt eben Flammen.
Ich schicke Fotos von Klopapierrollen.
Und wenn mein Exemplar sich darüber freut, dass ihre Mutter ein kleines Stück ihrer Welt mitmacht, dann ist das vielleicht gar nicht so sinnlos.
Aber eines möchte ich vorsorglich festhalten:
Sollte diese Flamme irgendwann ausgehen, weil ich vergessen habe, eine Küchenrolle zu fotografieren, wird unsere Beziehung das überstehen müssen.
Ich bin schließlich ihre Mutter.
Nicht die Feuerwehr von Snapchat.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf einer Klopapierrolle, hält mein Handy in der Hand, betrachtet kopfschüttelnd seine neueste Flamme und flüstert:

„Du musst nicht alles verstehen, was deine Kinder begeistert. Manchmal reicht es, ein kleines Stück ihrer verrückten Welt mitzugehen, denn irgendwann sind genau diese scheinbar sinnlosen Momente die Erinnerungen, über die ihr gemeinsam am lautesten lacht.“

Schön das du hier bist 🩶

Als Fernsehen noch ein Ereignis war und wir für einen Moment Stars sein durften

Neulich stand eine Bewohnerin bei uns vor dem Fahrstuhl und wunderte sich, wo denn plötzlich der jenigen hin ist der da vorher drin war. Wenn man dement ist, kann man einfachste Zusammenhänge nicht mehr verstehen. Und so versteht man auch nicht das es keine geheimen Narnia Ausgang aus dem Fahrstuhl gibt. Oder besser noch, der Fahrstuhl ist eine Zauberkugel. Und so entstand meine Idee zu einer neuen Geschichte. Aus dem Alltag heraus.


Stell dir vor, du hast endlich Westfernsehen.
Vor dir steht kein riesiger Flachbildschirm, der ungefähr so groß ist wie eine halbe Wohnzimmerwand. Nein. Da steht ein viereckiger Kasten. Mit Knöpfen dran. Und einer Fernbedienung, mit der man im Notfall wahrscheinlich auch jemanden hätte erschlagen können.
Du sitzt auf einem hellbraunen Sessel mit diesem rauen Stoff, den damals gefühlt jedes zweite Wohnzimmer hatte.
Es ist Abend.
Du bist vielleicht sieben Jahre alt.
Vorher hast du noch in deinem Kinderzimmer gestanden, eine Haarbürste in der Hand und irgendein Lied gesungen. Also zumindest hast du gedacht, dass du singst. Die restlichen Familienmitglieder hatten dazu möglicherweise eine andere Meinung.
Aber das war egal.
Du wolltest ein Star sein.
Und dann kam diese Sendung.
Die Mini Playback Show.
Eine Frau begrüßte Kinder in einem kleinen Laden. Sie durften erzählen, wen sie gerne darstellen wollten, bekamen Kostüme und wurden verwandelt.
Allein das fand ich großartig.
Aber dann kam sie.
Die Zauberkugel.
Gott, habe ich diese Kugel geliebt.
Auf der einen Seite ging ein ganz normales Kind hinein und auf der anderen Seite kam plötzlich ein kleiner Star heraus.
Für ein paar Minuten durfte dieses Kind jemand anderes sein. Es musste nicht einmal wirklich singen können. Playback reichte vollkommen.
Das wäre meine Chance gewesen!
Ich hätte vermutlich nur noch jemanden gebraucht, der meine Eltern davon überzeugt, mich dort anzumelden.
Ich habe diese Sendung geliebt. Nicht nur einzelne Auftritte. Das gesamte Format. Dieses Verwandeln, die Kostüme, die Bühne und dieses Gefühl, dass dort gerade etwas ganz Besonderes passiert.
Und vielleicht war Fernsehen damals genau deshalb so besonders:
Wir konnten nicht alles jederzeit haben.
Wenn eine Sendung lief, dann lief sie.
Da gab es kein: „Ach, gucke ich morgen.“
Kein Streaming.
Kein Zurückspulen.
Kein Handy nebenbei.
Und wenn man durfte, blieb man länger wach.
Das war ein Ereignis.
Auch die Traumhochzeit gehörte für mich zu dieser Zeit. Abends länger aufbleiben und Fernsehen schauen, das allein fühlte sich schon ein bisschen verboten und deshalb natürlich besonders großartig an.
RTL war damals für mich tatsächlich ein Sender, den ich mit solchen Erinnerungen verbinde.
Heute empfinde ich Fernsehen vollkommen anders.
Natürlich war früher nicht automatisch alles besser. Und ganz sicher war auch damals Fernsehen gemacht, geschnitten und inszeniert. Nur haben wir als Kinder überhaupt nicht darüber nachgedacht.
Warum auch?
Für uns war es echt.
Es war neu.
Es war aufregend.
Heute weiß ich teilweise gar nicht mehr, was ich anschauen soll, obwohl ich theoretisch alles anschauen könnte.
Eigentlich verrückt.
Wir haben Streamingdienste, Mediatheken und unzählige Sender. Ich kann morgens anfangen und vermutlich bis zu meiner Rente durchgucken, ohne zweimal dieselbe Sendung einschalten zu müssen.
Und trotzdem fehlt mir etwas.
Vielleicht gerade deshalb.
Dieses Warten.
Diese Vorfreude.
Dieses gemeinsame Erleben.
Und manchmal auch ein bisschen die Unschuld des Fernsehens.
Heute habe ich bei manchen Formaten das Gefühl, dass alles noch lauter, extremer und billiger inszeniert werden muss, damit überhaupt jemand hinschaut. Menschen werden vorgeführt, Streit wird zum Unterhaltungsprogramm und Fremdschämen scheint teilweise Bestandteil des Sendekonzeptes zu sein.
Vielleicht habe ich mich verändert.
Ganz bestimmt sogar.
Aber vielleicht hat sich auch unsere Art von Unterhaltung verändert.
Und genau deshalb stand irgendwann diese kleine Bühne vor mir.
Mein neues Bastelprojekt.
Sand, Muscheln, kleine Lichter, Wimpel, eine Bühne und natürlich eine Kugel.
Meine eigene Mini-Playback Show.
Nur soll sie keine Kopie von damals werden.
Ich möchte etwas von diesem alten Gefühl nehmen und daraus etwas Neues machen.
Etwas, das zu mir und meinen Geschichten passt.
Im September wird deshalb ein kleiner Fuchs zu meinen Mäusen kommen.
Dieser Fuchs hat einen großen Traum.
Er möchte singen.
Es gibt nur ein winziges Problem:
Er kann es nicht.
Also wirklich nicht.
Er reist durch Wälder und Wiesen und versucht es trotzdem. Doch die anderen Tiere halten sich irgendwann die Ohren zu.
Und aus einem großen Traum wird langsam ein ziemlich trauriger Fuchs.
Bis er auf vier Mäuse trifft.
Die hören ihm zu.
Nicht weil er wunderschön singt.
Sondern weil sie merken, wie wichtig ihm dieser Traum ist.
Und dann haben sie eine Idee.
Wenn der Fuchs nicht singen kann, dann muss er eben eine Möglichkeit bekommen, bei der er gar nicht singen muss.
Sie bauen ihm eine Bühne.
Mit Licht.
Mit Musik.
Mit einer Zauberkugel.
Und natürlich mit ein bisschen Ostseesand.
Eine Mini-Playback Show, die etwas anderes erzählen soll als damals und trotzdem dieses wunderbare Gefühl von damals in sich trägt.
Denn meine Geschichte soll am Ende vor allem eines sagen:
Du musst nichts beweisen, um der sein zu dürfen, der du sein möchtest.
Vielleicht wirst du niemals der beste Sänger.
Vielleicht nicht die Schnellste, Schönste, Klügste oder Erfolgreichste.
Na und?
Vielleicht liegt dein Platz trotzdem genau dort.
Wir sprechen heute so viel über Selbstoptimierung. Darüber, besser zu werden. Mehr zu leisten. An uns zu arbeiten.
Dabei dürfen wir vielleicht manchmal auch einfach sagen:
Das bin ich. Mit dem, was ich kann. Und mit dem, was ich eben nicht kann.
Und wisst ihr, was mich an diesem Projekt besonders berührt hat?
Neulich saßen wir mit Freunden zusammen und kamen auf diese Zeit zu sprechen.
Plötzlich erzählte einer etwas.
Dann der Nächste.
„Weißt du noch …?“
Natürlich wussten wir noch.
Auf einmal war da wieder dieser Fernseher. Dieser Sessel. Diese Musik. Diese Sendung.
Wir waren für einen kurzen Moment wieder die Kinder von damals.
Und meine kleine gebastelte Geschichte hatte etwas geschafft, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte:
Sie hatte Menschen miteinander verbunden.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich solche Dinge baue.
Nicht, weil früher alles besser war.
Das war es nicht.
Sondern weil Erinnerungen etwas mit uns machen.
Wir können sie nehmen, ein bisschen Sand darüber streuen, ein paar Lichter aufhängen und etwas Neues daraus entstehen lassen.
Und vielleicht sitzt im September irgendwo jemand vor meiner kleinen Mini-Playback Show, lächelt und denkt:
Gott … die Zauberkugel. Weißt du noch?
Dann hat mein kleiner Fuchs eigentlich schon gewonnen.
Noch bevor die Musik überhaupt angefangen hat.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel am Rand der Bühne, lässt die Füße im Ostseesand verschwinden und flüstert:

„Du musst nicht perfekt sein, damit das Licht auf dich fallen darf. Manchmal reicht es, den Mut zu haben, auf deine eigene kleine Bühne zu treten und einfach du selbst zu sein.“

Schön das du hier bist 🩶

Sonnenfinsternis – und die Frage, ob man die Erde auch sieht

Da war er wieder.
Dieser eine Moment, den ich so sehr liebe. Dieser Moment, in dem mein Exemplar einen Satz sagt und ich für ein paar Sekunden nicht weiß, ob ich antworten, lachen oder einfach schweigend weiter Fahrrad fahren soll.
Es gibt Aussagen, die können wirklich nur von einem einzigen Menschen kommen.
Meinem Exemplar.
Gestern war der 12.08.2026. Tag der Sonnenfinsternis. Ein besonderes Ereignis, auch wenn sie bei uns dieses Mal nur teilweise zu sehen sein soll. Und während ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass meine letzte bewusst erlebte Sonnenfinsternis schon verdammt lange her ist.

Das genaue Datum hätte ich aus dem Kopf nicht mehr gewusst. Aber an den Tag selbst erinnere ich mich erstaunlich gut.
Wir lebten damals auf dem Dorf und hatten als Jugendliche einen Bauwagen für uns beschlagnahmt. Also nicht offiziell mit Vertrag und Schlüsselübergabe. Er war einfach irgendwann unser Bauwagen.
Was brauchte man als Jugendlicher in den 90ern schon groß?
Ein Dach über dem Kopf.
Einen Ofen.
Freunde.
Und vermutlich irgendetwas zu essen.
Mehr Komfort war vollkommen überbewertet.
Und dann kam dieser Tag.
Eine totale Sonnenfinsternis.
Natürlich hatten wir keine speziellen Sonnenfinsternisbrillen. Woher denn auch? Online bestellen fiel aus Gründen aus. Also wurde genommen, was vorhanden war.
Und auf einem Dorf war selbstverständlich irgendjemand im Besitz einer Schweißerbrille.
Wahrscheinlich jeder zweite Vater.
Heute weiß ich übrigens, dass irgendeine Schweißerbrille nicht automatisch ein sicherer Ersatz für eine geprüfte Sonnenfinsternisbrille ist. Damals war unser Sicherheitskonzept allerdings ungefähr:
Papa benutzt die beim Schweißen. Wird schon gehen.
Und so sehe ich uns noch heute vor mir.
Wir saßen auf dem Dach unseres Bauwagens. Eine Gruppe Jugendlicher mit Schweißerbrillen vor dem Gesicht und starrte Richtung Himmel.
Gott sei Dank gab es damals noch keine Smartphones.
Wirklich.
Es existiert vermutlich kein einziges Foto davon.
Und manchmal ist das auch gut so.
Wie dusselig wir auf diesem Bauwagendach ausgesehen haben müssen, bleibt damit für immer ein Geheimnis zwischen uns und dem Universum.
Aber der Moment selbst?
Der war fantastisch.
Denn plötzlich passiert dort oben etwas, das eigentlich ständig nach den gleichen Regeln funktioniert und trotzdem so außergewöhnlich wirkt.
Der Mond bewegt sich zwischen Erde und Sonne und verdeckt von unserem Standort aus einen Teil oder bei einer totalen Sonnenfinsternis die gesamte sichtbare Sonnenscheibe.
Eigentlich kann man das ganz sachlich erklären.
Mond.
Erde.
Sonne.
Umlaufbahnen.
Schatten.
Astronomie.
Und trotzdem steht man da und denkt:
Wow.
Vielleicht fasziniert mich genau das so sehr. Wir leben jeden einzelnen Tag mitten in einem riesigen Universum und nehmen es kaum wahr.
Die Erde dreht sich.
Der Mond bewegt sich um uns.
Wir bewegen uns mit der Erde um die Sonne.
Und ich bin währenddessen hauptsächlich damit beschäftigt, Kaffee zu kochen, Wäsche zu waschen und darüber nachzudenken, was wir zum Abendessen essen.
Und dann kommt so eine Sonnenfinsternis und erinnert einen plötzlich daran:
Ach ja.
Wir fliegen hier gerade auf einem Planeten durchs Weltall.
Gestern war ich mit meinem Exemplar mit dem Fahrrad unterwegs und wir sprachen natürlich darüber.
„Du Mama, also der Mond ist dann vor der Sonne?“
„Ja, mein Kind.“
Bis hierhin war alles gut.
„Und dann sind die hintereinander?“
„Genau.“
Ich war innerlich schon ein kleines bisschen stolz. Läuft. Astronomie unterwegs. Bildungsauftrag erfüllt. Mutter des Jahres. Gleich erkläre ich ihr noch Umlaufbahnen und danach können wir uns vermutlich direkt bei der NASA bewerben.
Dann kam die nächste Frage:
„Man sieht dann den Mond und die Sonne?“
„Ja.“
Kurze Pause.
Und dann:
„Und sieht man auch die Erde?“
…
Waaaaaas?
Ich schaute sie an.
Sie schaute mich an.
Und für einen kurzen Moment versuchte mein Gehirn tatsächlich, diese Frage zu verarbeiten.
„Das hast du jetzt nicht gefragt, oder?“
Doch.
Hatte sie.
Also erklärte ich ihr:
„Mein Kind … auf der Erde stehst du doch gerade. Wie möchtest du die denn sehen?“
Und dann dieser Blick.
Dieser eine Blick, wenn im Kopf plötzlich alle Puzzleteile an ihren Platz fallen.
„Ach Gott, echt?“
Ja.
Echt.
Und genau deshalb liebe ich solche Gespräche so sehr.
Natürlich könnte man jetzt sagen: Mit zwölf sollte man doch wissen, dass man während einer Sonnenfinsternis auf der Erde steht.
Aber darum geht es für mich gar nicht.
Kinder denken manchmal um Ecken, auf die Erwachsene überhaupt nicht mehr kommen.
Sie stellen Fragen, bei denen wir zunächst lachen und wenn man länger darüber nachdenkt, merkt man, dass sie eigentlich etwas Wunderbares zeigen:
Sie wollen verstehen.
Und manchmal muss man dafür eben erst einmal eine ziemlich schräge Frage stellen.
Vielleicht vergessen wir Erwachsenen das viel zu oft.
Wir stellen manche Fragen gar nicht mehr, weil wir Angst haben, sie könnten dumm klingen.
Kinder tun das noch.
Zum Glück.
Und vielleicht entstehen genau daraus diese Momente, die Jahre später noch erzählt werden.
So wie ich mich heute noch daran erinnere, wie wir 1999 mit Schweißerbrillen auf einem Bauwagen saßen, wird mein Exemplar vielleicht irgendwann erzählen, wie sie mit zwölf Jahren ihre Mutter während einer Fahrradtour gefragt hat, ob man bei einer Sonnenfinsternis eigentlich auch die Erde sieht.
Und ich hoffe sehr, dass sie darüber lachen kann.
So wie ich heute über uns auf diesem Bauwagen lache.
Denn am Ende sind es genau diese kleinen Geschichten, die hängen bleiben.
Nicht der perfekte Tag.
Nicht das perfekte Foto.
Sondern diese vollkommen ungeplanten, herrlich menschlichen Momente.
Heute schaue ich anders auf eine Sonnenfinsternis als damals.
1999 war ich Jugendliche auf einem Bauwagendach.
Heute bin ich Mutter und erkläre meinem Kind das Universum, während ich gleichzeitig feststellen muss, dass auch meine astronomischen Kenntnisse irgendwo zwischen „Mond vor Sonne“ und „Google weiß das bestimmt“ liegen.
Und vielleicht ist das auch vollkommen ausreichend.
Denn ich muss meinem Exemplar nicht das gesamte Universum erklären können.
Vielleicht reicht es, gemeinsam neugierig darauf zu sein.
Und wer weiß, bei der nächsten Sonnenfinsternis ist sie erwachsen.
Vielleicht stehen wir dann wieder zusammen da und schauen nach oben.
Und ich werde sie vermutlich fragen:
„Na? Siehst du die Erde?“
Manche Chancen darf eine Mutter schließlich nicht ungenutzt lassen.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf einer Mondsichel, lässt die Beine ins Universum baumeln und flüstert:

„Stell ruhig Fragen, auch wenn sie manchmal verrückt klingen. Denn wer neugierig bleibt, entdeckt sein Leben lang Neues und manchmal entsteht aus einer einzigen Frage eine Erinnerung, über die man noch viele Jahre später gemeinsam lachen kann.“

Schön das du hier bist 🩶

Habe ich den Glauben an die Menschheit verloren?

Wann hat dir ein fremder Mensch deinen Glauben an die Menschheit komplett zurückgegeben?

Heute bin ich über eine Frage gestolpert:

„Wann hat dir ein fremder Mensch deinen Glauben an die Menschheit komplett zurückgegeben?“

Und irgendwie blieb ich daran hängen.

Nicht, weil mir sofort eine herzzerreißende Geschichte eingefallen wäre, in der ein fremder Mensch einen Hund aus einem Fluss rettet, anschließend einer alten Dame die Einkaufstaschen nach Hause trägt und auf dem Rückweg noch schnell den Weltfrieden organisiert.

Nein.

Mein erster Gedanke war tatsächlich:

Habe ich den Glauben an die Menschheit überhaupt verloren?

Eigentlich nicht.

Aber sagen wir es einmal so: Manchmal wackelt er bedenklich.

Es gibt Tage, an denen ich Menschen beobachte und denke: Was ist eigentlich mit uns passiert? Warum sind wir so ungeduldig geworden? Warum so schnell genervt? Warum fällt es uns manchmal so schwer, einfach freundlich miteinander umzugehen?

Und dann gibt es wiederum diese anderen Begegnungen.

Im Urlaub zum Beispiel.

Wir waren einige Tage im Schwarzwald und hatten eine kleine Pension gebucht. Der Inhaber war für uns zunächst nichts anderes als ein fremder Mensch. Jemand, bei dem wir ein Zimmer gebucht hatten. Wir würden ankommen, unseren Schlüssel bekommen, dort ein paar Tage verbringen und anschließend wieder nach Hause fahren.

So dachte ich zumindest.

Aber schon bei unserer Ankunft war da diese unglaubliche Herzlichkeit.

Wir wurden mit unseren Vornamen angesprochen. Es wurde gelacht, erzählt und gefragt, wie unsere Fahrt gewesen war. Und innerhalb kürzester Zeit hatte ich nicht mehr das Gefühl, irgendwo einfach nur Gast zu sein.

Ich fühlte mich willkommen.

Und wisst ihr, wie kostbar dieses Gefühl eigentlich ist?

Dieser Mensch musste dafür gar nichts Außergewöhnliches tun. Er musste uns nichts schenken und keine große Geste vollbringen.

Er war einfach herzlich.

Menschlich.

Und genau das blieb bei mir hängen.

An einigen Abenden saßen wir zusammen draußen, unterhielten uns und erzählten. Eigentlich vollkommen unspektakulär und gleichzeitig so besonders.

Und da war plötzlich dieser Gedanke:

Siehst du. Da sind sie doch. Diese Menschen. Es ist noch lange nicht alles verloren.

Vielleicht nehme ich solche Momente heute auch viel bewusster wahr als früher.

Ich habe mich in den vergangenen Jahren immer weiter aus dieser permanenten Medien- und Fernsehwelt zurückgezogen. Nicht vollständig. Ich möchte natürlich wissen, was in der Welt passiert. Aber ich möchte nicht mehr jeden Tag von morgens bis abends hören, was alles schlecht ist.

Eine Nachricht.

Die nächste Katastrophe.

Eine Meinung.

Dann jemand, der diese Meinung zerlegt.

Anschließend jemand, der erklärt, warum beide keine Ahnung haben.

Und bevor ich überhaupt selbst darüber nachdenken konnte, hatten mir schon sieben Menschen erklärt, wie ich darüber denken sollte.

Irgendwann wollte ich meine eigenen Gedanken wieder hören.

Und je leiser es um mich herum wurde, desto mehr begann ich wieder auf mein Gefühl zu hören.

Ich wurde aufmerksamer.

Intuitiver.

Vielleicht ist genau daraus auch meine Liebe zu meinen Geschichten entstanden.

Ich schreibe nicht, weil ich glaube, damit die Welt retten zu können. Meine Mäuse werden vermutlich keinen Weltfrieden aushandeln. Obwohl ich Bruno mit ausreichend Käse durchaus einiges zutrauen würde.

Ich schreibe, weil ich Menschen vielleicht für einen kleinen Moment zum Stehenbleiben bringen möchte.

Vielleicht liest jemand meine Geschichte und schaut beim nächsten Spaziergang etwas genauer hin.

Auf eine Blume zwischen zwei Pflastersteinen.

Auf einen Käfer.

Auf einen alten Baum.

Oder auf einen Menschen.

Vielleicht entdeckt man dabei eines dieser kleinen Wunder, die überall um uns herum passieren und die wir so oft übersehen.

Denn die schönen Dinge sind meistens ziemlich leise.

Hass dagegen kann hervorragend schreien.

Und gerade als ich dachte, ich hätte meinen Frieden mit der Menschheit wiedergefunden, ging ich einkaufen.

Ja.

Manchmal reicht dafür ein Supermarkt.

Ich stand an den SB-Kassen und eine der Kassen verlangte nach einer Verkäuferin.

Mitarbeiter erforderlich.

Die Verkäuferin kam allerdings nicht innerhalb der nächsten drei Nanosekunden.

Katastrophe.

Zwei Männer wurden unruhig. Andere Menschen warteten ebenfalls und plötzlich konnte man diese Ungeduld beinahe körperlich spüren.

Ich stand daneben und dachte:

Leute. Wir kaufen Lebensmittel. Es geht hier gerade nicht um unser Leben.

Niemand muss reanimiert werden.

Es brennt nichts.

Es läuft auch kein hungriger Löwe durch den Supermarkt.

Eine Kasse wartet auf eine Verkäuferin.

Mehr nicht.

Und da war sie wieder.

Meine Skepsis.

Wie wenig braucht es inzwischen eigentlich, damit wir unsere Freundlichkeit verlieren?

Zwei Minuten?

Eine rote Lampe?

Eine SB-Kasse, die nicht sofort funktioniert?

Wann haben wir beschlossen, dass alles augenblicklich passieren muss?

Unser Essen wird geliefert. Filme starten auf Knopfdruck. Nachrichten erreichen innerhalb von Sekunden die andere Seite der Welt. Wir bestellen heute etwas und schauen morgen schon leicht beleidigt auf die Sendungsverfolgung.

Vielleicht haben wir tatsächlich ein wenig verlernt zu warten.

Einfach nur dazustehen.

Nichts zu tun.

Zu schauen.

Zu denken.

Zu atmen.

Und vielleicht sogar einmal daran zu denken, dass die Verkäuferin, die gerade nicht sofort kommt, ebenfalls ein Mensch ist.

Ein Mensch, der vielleicht gleichzeitig an drei anderen Kassen gebraucht wird.

Im Urlaub las ich einen Satz an einer Wand:

„Die Welt, auf der wir leben, ist gut. Nur wir Menschen haben sie nicht verdient.“

Der Satz blieb bei mir.

Und trotzdem kann ich ihm nicht vollständig zustimmen.

Denn dann würde ich all die Menschen vergessen, die jeden Tag das Gegenteil beweisen.

Menschen, die Tiere retten.

Menschen, die Bäume pflanzen.

Menschen, die andere pflegen.

Menschen, die Kinder trösten.

Menschen, die einem Fremden helfen.

Oder einen Gast so herzlich empfangen, dass dieser Wochen später noch darüber schreibt.

Aber ich verstehe, was dieser Satz sagen möchte.

Wir haben etwas unglaublich Kostbares bekommen.

Diese Welt.

Und manchmal benehmen wir uns tatsächlich so, als hätten wir noch drei Ersatzwelten im Keller stehen.

Wir verschwenden.

Wir zerstören.

Wir urteilen.

Wir hetzen.

Wir wollen schneller, höher und weiter.

Und manchmal schaffen wir es nicht einmal mehr, zwei Minuten freundlich auf eine Verkäuferin zu warten.

Vielleicht habe ich deshalb meinen Glauben an die Menschheit nicht verloren.

Vielleicht ist er einfach vorsichtiger geworden.

Ich glaube nicht daran, dass automatisch alles gut wird.

Aber ich glaube daran, dass Menschen Gutes tun können.

Und ich möchte mich nicht von den lautesten Stimmen davon überzeugen lassen, dass alles schlecht geworden ist.

Genauso wenig möchte ich so tun, als wäre alles wunderbar.

Ich möchte selbst hinschauen.

Und wenn ich das tue, sehe ich beides.

Ich sehe die ungeduldigen Menschen an der SB-Kasse.

Aber ich sehe auch den herzlichen Gastgeber im Schwarzwald.

Ich sehe Menschen, die achtlos aneinander vorbeilaufen.

Und ich sehe andere, die stehen bleiben.

Vielleicht entscheidet sich unser Glaube an die Menschheit gar nicht in den großen Schlagzeilen.

Vielleicht entscheidet er sich genau dort.

Im Kleinen.

In einer geöffneten Tür.

In einem freundlichen Wort.

In einem Lächeln.

In zwei Minuten Geduld.

Vielleicht brauchen wir gar nicht diesen einen fremden Menschen, der uns mit einer riesigen Heldentat den Glauben an die gesamte Menschheit zurückgibt.

Vielleicht brauchen wir einfach wieder Augen für all die Menschen, die ihn uns jeden Tag ein kleines bisschen erhalten.

Und vielleicht möchte ich genau deshalb weiter meine Geschichten schreiben.

Mit Mäusen.

Mit Wichteln.

Mit Tieren.

Mit kleinen Welten, die auf den ersten Blick vielleicht vollkommen belanglos erscheinen.

Denn vielleicht bleibt dadurch jemand für einen Moment stehen.

Vielleicht entdeckt jemand eine Schnecke am Wegesrand.

Ein besonderes Licht zwischen den Bäumen.

Eine freundliche Geste.

Oder einen Menschen, den er sonst gar nicht wahrgenommen hätte.

Wir können nicht bestimmen, wie sich die gesamte Menschheit verhält.

Aber wir können jeden Morgen aufs Neue entscheiden, welcher Mensch wir selbst in dieser Menschheit sein möchten.

Vielleicht beginnt Veränderung gar nicht mit einer riesigen Bewegung.

Vielleicht beginnt sie an einer SB-Kasse.

Mit dem Gedanken:

Die Verkäuferin kann nichts dafür. Ich warte einfach.

Das wird vermutlich niemals in den Nachrichten erscheinen.

Und vielleicht ist genau das das Problem.

Über die kleinen guten Dinge wird viel zu selten gesprochen.

Dabei sind es möglicherweise genau diese Dinge, die unsere Welt jeden einzelnen Tag zusammenhalten.

Und deshalb habe ich meinen Glauben an die Menschheit noch nicht verloren.

Weil mir immer wieder irgendwo ein Mensch begegnet, der mich daran erinnert, dass es sich lohnt, ihn zu behalten.

Man muss nur genau genug hinsehen.

Denn die kleinen Wunder dieser Welt stehen selten mitten auf dem Weg und winken mit einem großen Schild.

Manchmal muss man sie selbst entdecken.

Und dafür müssen wir vielleicht einfach wieder ein bisschen öfter stehen bleiben.

Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel am Rand dieser manchmal ziemlich verrückten Welt, lässt seine Beine baumeln, schaut den Menschen eine Weile zu und flüstert:

„Du kannst nicht entscheiden, wie die ganze Welt miteinander umgeht. Aber du kannst jeden Tag entscheiden, mit wie viel Menschlichkeit du selbst durch sie gehst. Und manchmal reicht genau das, damit ein anderer seinen Glauben an das Gute nicht verliert.“

Schön das du hier bist 🩶

Was schmiere ich mir da eigentlich ins Gesicht?

Früher war mir bei Kosmetik eigentlich nur eines wichtig:
Es musste gut riechen.
Mehr Ansprüche hatte ich nicht.
Gut, wenn ich in die Diskothek gegangen bin, durfte es natürlich auch ein bisschen mehr sein. Schminke gehörte dazu. Schließlich wollte man nicht aussehen, als hätte man gerade drei Stunden auf der Couch geschlafen, wenn man eigentlich vorhatte, bis morgens um vier zu tanzen.
Was genau in meiner Foundation, meiner Bodylotion oder meinem Shampoo steckte?
Keine Ahnung.
Hat mich auch nicht interessiert.
Wenn auf einer Bodylotion irgendwas mit Vanille, Kokos oder exotischer Blütenpracht stand, war ich eigentlich schon überzeugt.
Chemische Bezeichnungen auf der Rückseite?
Die hätte ich ohnehin nicht aussprechen können.
Also musste ich sie auch nicht lesen.
Logisch.
Irgendwann hat sich das verändert.
Vor allem seit Corona habe ich angefangen, mich viel bewusster damit auseinanderzusetzen, was ich eigentlich täglich benutze und meinem Körper zuführe.
Nicht panisch.
Nicht so, dass ich plötzlich nur noch selbst angerührte Brennnesselpaste benutze und mein Shampoo bei Vollmond im Garten herstelle.
Aber bewusster.
Und irgendwann stieß ich auf eine App namens Yuka.
Das Prinzip ist ziemlich einfach: Man scannt den Barcode eines Produktes und bekommt eine Bewertung. Bei Kosmetik werden unter anderem die enthaltenen Stoffe betrachtet und erklärt, warum bestimmte Inhaltsstoffe kritischer bewertet werden als andere.
Für mich war das am Anfang ein kleines Abenteuer.
Scannen.
Warten.
Ergebnis anschauen.
Und manchmal denkt man anschließend:
Ach du Schande.
Plötzlich steht man im Badezimmer und betrachtet die eigene Bodylotion mit völlig anderen Augen.
Vor fünf Minuten roch sie noch wunderbar nach Sommerurlaub und Kokosnuss.
Jetzt sieht man sie an, als hätte sie einem jahrelang etwas verschwiegen.
Bei Lebensmitteln benutze ich die App tatsächlich deutlich seltener.
Aus Gründen.
Ich möchte meinen Kühlschrank schließlich nicht eines Tages öffnen und feststellen, dass ich nach dem Scannen nur noch eine Gurke und ein Glas Wasser besitzen darf.
Ich habe allerdings schon Lebensmittel gescannt, bei denen mich das Ergebnis wirklich überrascht hat.
Ein Kuchen zu Ostern zum Beispiel.
Ich dachte: Kuchen.
Die App dachte offenbar: kleines Chemiepraktikum.
Natürlich muss man solche Bewertungen trotzdem einordnen. Ein Produkt wird nicht automatisch zu Gift, nur weil eine App einen Inhaltsstoff kritisch bewertet. Menge, Verwendung und wissenschaftliche Bewertung spielen schließlich ebenfalls eine Rolle.
Aber genau das gefällt mir daran: Ich fange an, hinzuschauen.
Vor allem bei Kosmetik.
Denn diese Produkte benutze ich teilweise jeden Tag.
Shampoo.
Duschgel.
Creme.
Bodylotion.
Make-up.
Und inzwischen stehe ich tatsächlich im Laden und scanne Produkte, bevor sie in meinem Einkaufskorb landen.
Manchmal entscheide ich mich dann bewusst für ein anderes Produkt.
Und wenn dieses zwei Euro mehr kostet?
Dann ist das für mich in Ordnung.
Nicht weil ich glaube, dadurch unsterblich zu werden.
Sondern weil es mir ein besseres Gefühl gibt, bewusster auszuwählen.
Mein Exemplar befindet sich dagegen noch in meiner früheren Entwicklungsstufe.
Es riecht gut. Die Verpackung sieht toll aus. Ich brauche es.
Besonders gefährlich wird es, wenn irgendein Star seinen Namen darauf geschrieben hat.
Dann kann die Verpackung wahrscheinlich auch 14 Euro kosten und aussehen wie eine glitzernde Weltraumkapsel.
Mama steht natürlich daneben.
Mit dem Handy.
Scanner geöffnet.
Spielverderberin des Jahres.
Piep.
Und dann kommt dieser Moment.
Mein Exemplar schaut hoffnungsvoll.
Ich schaue auf die Bewertung.
Dann schaue ich sie an.
Sie schaut mich an.
Und ich denke:
Das möchtest du dir wirklich auf die Haut schmieren?
Natürlich bedeutet eine schlechte Bewertung nicht automatisch, dass ein Produkt bei jedem Menschen Hautreizungen verursacht oder grundsätzlich gefährlich ist. Aber wenn Inhaltsstoffe enthalten sind, die ich persönlich vermeiden möchte, lasse ich das Produkt eben stehen.
Darüber kann mein Exemplar selbstverständlich nur den Kopf schütteln.
Und irgendwie muss ich darüber lachen.
Denn wahrscheinlich hätte meine Mutter mir früher genau dasselbe erzählen können.
Und ich hätte vermutlich gesagt:
„Aber Mamaaaaa, das riecht voll gut!“
Vielleicht ist das tatsächlich eines dieser Dinge, die sich mit dem Älterwerden verändern.
Früher wollte ich wissen:
Wie riecht es?
Wie sieht es aus?
Passt es zu mir?
Heute frage ich zusätzlich:
Was ist eigentlich drin?
Ich möchte deshalb nicht in ständiger Angst vor irgendwelchen Inhaltsstoffen leben. Auch möchte ich nicht jedes Stück Kuchen analysieren, bis mir endgültig der Appetit vergangen ist.
Genuss gehört für mich genauso zum Leben.
Aber Bewusstsein eben auch.
Und vielleicht ist genau das für mich der Unterschied zwischen früher und heute.
Ich verbiete mir nicht alles.
Ich schaue nur genauer hin.
Ich stelle Fragen.
Und treffe anschließend meine eigene Entscheidung.
Tja.
So verändert man sich.
Früher stand ich mit Lippenstift vor dem Spiegel und überlegte, ob die Farbe zu meinem Oberteil passt.
Heute stehe ich mit dem Handy im Badezimmer und scanne mein Duschgel.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf dem Rand meiner Bodylotion, lässt die Beine baumeln, schaut auf die winzige Zutatenliste und flüstert:

„Du musst nicht alles perfekt machen. Aber manchmal beginnt gut auf sich aufzupassen einfach damit, genauer hinzusehen und bewusst zu entscheiden, was sich für dich richtig anfühlt.“

Schön das du hier bist 🩶

Wie ich plötzlich Katniss Everdeen wurde

Es gibt Dinge, von denen weiß ich ziemlich genau, dass sie nicht zu mir gehören.
Extremsport zum Beispiel.
Eigentlich Sport allgemein.
Ich habe mich noch nie gerne körperlich verausgabt. Nicht heute und auch nicht früher in der Schule. Schon damals konnte ich diesen Gedanken nicht verstehen, dass man möglichst schnell irgendwo hinrennen soll, nur um anschließend völlig außer Atem genau dort zu stehen.
Wir mussten damals zum Beispiel für irgendwelche Urkunden gegeneinander hundert Meter laufen.
Warum?
Ich weiß es bis heute nicht.
Am Ende bekam man einen Zettel.
Wenn man mir damals am Ziel ein Schnitzel mit Pommes hingelegt hätte, könnten wir noch einmal darüber reden. Da wäre vielleicht ungeahntes sportliches Potenzial zum Vorschein gekommen.
Aber für eine Urkunde?
Nein.
Nein.
Nein.
So zog sich das eigentlich durch mein Leben. Sport und ich akzeptierten irgendwann, dass wir unterschiedliche Wege gehen.
Und dann kam der Schwarzwald.
Wir waren im Urlaub und entdeckten eher zufällig die Möglichkeit zum Bogenschießen.
Warum nicht?
Man ist schließlich im Urlaub. Da macht man Dinge, die man zu Hause wahrscheinlich niemals geplant hätte.
Also standen mein Exemplar und ich irgendwann da.
Mit einem Bogen in der Hand.
Einem Pfeil auf der Sehne.
Vor uns das Ziel.
Und dann passierte etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte.
Mein Kopf wurde still.
Keine Gedanken daran, was ich später noch machen muss.
Keine Einkaufsliste.
Keine Arbeit.
Keine Termine.
Kein „Ich müsste eigentlich noch…“
Nichts.
Da waren plötzlich nur noch der Bogen, der Pfeil, das Ziel und ich.
Spannung aufbauen.
Konzentrieren.
Atmen.
Loslassen.
Und dieses Gefühl, wenn der Pfeil durch die Luft fliegt, lässt sich irgendwie schwer beschreiben.
Ich spürte Muskeln, von denen ich vorher offensichtlich nicht wusste, dass sie zu meinem Körper gehören.
Und gleichzeitig fühlte ich mich großartig.
In meinem Kopf lief natürlich längst ein völlig anderer Film.
Ich stand nicht mehr irgendwo im Schwarzwald.
Nein.
Ich war Katniss Everdeen.
Selbstverständlich.
Ich streifte gedanklich durch die Wildnis, Pfeil und Bogen in der Hand, bereit, meinen District zu beschützen.
Die Realität sah vermutlich etwas weniger spektakulär aus.
Da stand einfach eine Frau im Urlaub und versuchte, mit einem Pfeil eine Scheibe zu treffen.
Aber das muss ja niemand wissen.
Vielleicht war genau das der Moment, der mich so überrascht hat.
Denn überall liest man heute etwas über Achtsamkeit.
Wir sollen meditieren.
Atmen.
Uns auf den Moment konzentrieren.
Den Kopf ausschalten.
Bei mir funktioniert Achtsamkeit meistens beim Basteln oder beim Schreiben meiner Geschichten. Wenn meine Hände beschäftigt sind und in meinem Kopf kleine Welten entstehen, kann ich wunderbar abschalten.
Und das wird sich auch nicht ändern.
Aber beim Bogenschießen habe ich plötzlich eine völlig andere Form davon kennengelernt.
Eine, bei der ich gleichzeitig vollkommen konzentriert und unglaublich ruhig war.
Man kann nämlich nicht nebenbei über siebzehn andere Dinge nachdenken, wenn man einen Pfeil auf ein Ziel richten möchte.
Man muss genau dort sein.
In diesem Augenblick.
Vielleicht ist genau das Achtsamkeit.
Nicht unbedingt still auf einem Kissen zu sitzen und an nichts zu denken.
Vielleicht kann Achtsamkeit für jeden Menschen anders aussehen.
Für den einen ist es Yoga.
Für den nächsten ein Spaziergang.
Für mich sind es meine Geschichten, meine kleinen Welten und offenbar neuerdings ein Bogen.
Was macht man also, wenn man im Urlaub plötzlich etwas entdeckt, das einem richtig gut gefällt?
Natürlich sagt man nicht:
„Ach, das war schön.“
Nein.
Man beginnt darüber nachzudenken, ob man das nicht auch zu Hause machen könnte.
Und so landeten wir schließlich in einem Bogenshop.
Denn das Schöne ist: Bogenschießen kann man als Rasensport betreiben, auf geeigneten Schießplätzen und natürlich besonders schön auf richtigen Parcours. Dabei gehört für mich selbstverständlich dazu, dass man es dort macht, wo ausreichend Platz vorhanden ist und niemand gefährdet werden kann.
Und jetzt ist es tatsächlich so weit:
Am Freitag wollen wir uns unsere eigenen Bögen aussuchen.
Ich!
Die Frau, die für eine Hundertmeter-Urkunde nicht einmal freiwillig schneller gegangen wäre.
Vielleicht muss man manchmal gar nicht unsportlich sein.
Vielleicht hat man einfach noch nicht die Art von Bewegung gefunden, die zu einem passt.
Denn Sport muss nicht immer bedeuten, schneller zu sein als jemand anderes.
Man muss keinen Wettkampf gewinnen.
Keine Bestzeit erreichen.
Und man muss sich auch nicht völlig verausgaben, damit Bewegung etwas wert ist.
Manchmal reicht es, einen Bogen in die Hand zu nehmen, einen Pfeil aufzulegen und plötzlich zu merken:
Das hier macht etwas mit mir.
Und vielleicht ist genau das einer dieser kostbaren Zufallsfunde, die einen Urlaub so besonders machen.
Wir sind in den Schwarzwald gefahren, um eine schöne Zeit miteinander zu verbringen.
Zurückgekommen sind wir möglicherweise mit einem neuen gemeinsamen Hobby.
Und mit der Erkenntnis, dass selbst mit über vierzig noch Dinge in einem schlummern können, von denen man überhaupt nichts wusste.
Katniss musste schließlich auch irgendwann anfangen.
Nur das Schnitzel mit Pommes am Ende des Parcours…
darüber könnten wir trotzdem noch einmal reden.


Und während du vielleicht gerade an etwas denkst, das du selbst völlig unerwartet für dich entdeckt hast, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz leise am Rand deiner Gedanken, schaut dich ruhig an und flüstert:


„Vielleicht müssen wir gar nicht immer wissen, was zu uns passt, manchmal müssen wir nur den Mut haben, etwas auszuprobieren und uns selbst dabei neu zu entdecken.“

Schön das du hier bist 🩶

Der Urlaub beginnt für mich nicht am Urlaubsort

Urlaub beginnt für viele Menschen erst dann, wenn sie endlich angekommen sind.
Für mich nicht.
Mein Urlaub beginnt schon Wochen vorher.
Mit einer Liste.
Natürlich mit einer Liste.
Ich überlege, was wir sehen möchten, welche Orte spannend sein könnten und welche kleinen Schätze die Region bereithält. Ich plane keine Minute durch. Das wäre mir selbst zu anstrengend. Aber ich mag einen groben Plan. Einen Plan, von dem man jederzeit wieder abweichen darf. Einfach weil man unterwegs vielleicht etwas entdeckt, womit man gar nicht gerechnet hat.
Und dann kommt der große Tag.
Der Tag der Abreise.
Ich gehöre zu den Menschen, die lieber eine Stunde zu früh losfahren als fünf Minuten zu spät.
Nicht weil ich ungeduldig bin.
Sondern weil Deutschland seine ganz eigenen Gesetze hat.
Es gibt diese berühmten Knotenpunkte auf den Autobahnen. Wer sie früh genug hinter sich lässt, fährt meistens entspannt. Wer zu spät kommt, steht. Und steht. Und steht noch ein bisschen länger.
Also klingelt bei uns der Wecker ziemlich früh.
Während andere sich noch einmal im Bett umdrehen, sitze ich schon mit einem Kaffee im Auto.
Mein Exemplar sieht das morgens verständlicherweise etwas anders.
Sie ist der festen Überzeugung, dass Urlaub grundsätzlich erst gegen Mittag beginnen sollte.
Ich hingegen denke: Wenn wir jetzt losfahren, trinken wir unseren Kaffee später ganz entspannt irgendwo auf einer schönen Rast.
Überhaupt gehören Pausen für mich genauso zum Urlaub wie das Ziel.
Allerdings nicht unbedingt auf die Art, wie Raststätten sich das vorstellen.
Habt ihr euch die Preise dort eigentlich mal angesehen?
Manchmal habe ich das Gefühl, für ein belegtes Brötchen müsste ich vorher einen kleinen Kredit aufnehmen.
Deshalb packe ich lieber selbst.
Brötchen.
Obst.
Gemüse.
Etwas Süßes.
Kaffee.
Getränke.
Eigentlich könnte man meinen, ich würde eine kleine Expedition durch die Wildnis planen.
Dabei fahren wir nur über die Autobahn.
Aber ich finde es schön, irgendwo anzuhalten, die Autotüren zu öffnen, die frische Luft einzuatmen und gemeinsam zu frühstücken.
Das macht den Urlaub irgendwie gemütlicher.
Und wenn Kinder mitfahren, darf eines natürlich nicht fehlen:
Beschäftigung.
Heute ist mein Exemplar zwölf Jahre alt.
Da läuft vieles entspannter.
Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie wichtig Spiele während der Autofahrt waren.
Ich glaube sogar, manche Spiele werden nie alt.
Ich sehe was, was du nicht siehst.
Kennzeichen raten.
Oder aus Kennzeichen lustige Sätze bilden.
Wie oft wir darüber gelacht haben.
Manchmal braucht es gar kein Tablet.
Nur ein bisschen Fantasie.
Und dann passieren unterwegs diese Momente, die man sich nicht ausdenken könnte.
Dieses Jahr hatten wir wieder so einen.
Kennt ihr diese kleinen blauen Schilder hinter den Leitplanken auf der Autobahn?
Die mit den Zahlen darauf?
Mein Exemplar zeigte darauf und fragte:
„Mama, was bedeutet das eigentlich?“
Ich schaute ganz selbstbewusst aus dem Fenster und antwortete:
„Das sind die Radiofrequenzen.“
Ich war wirklich überzeugt.
Manchmal hat man dieses gefährliche Halbwissen, das sich im eigenen Kopf plötzlich wie eine wissenschaftliche Tatsache anfühlt.
Mein Exemplar schaute mich an und sagte völlig ernst:
„Ich bin in Mathe nicht so gut.“
Ich war kurz irritiert.
„Was hat das denn mit Mathe zu tun?“
Sie antwortete:
„Na… wegen der Radiusberechnung.“
Ich…
…wusste nicht mehr weiter.
Ich schaute sie an.
Sie schaute mich an.
Und irgendwo in meinem Kopf saß meine Seele auf einem kleinen Klappstuhl, klatschte begeistert in die Hände und applaudierte.
Ich musste so lachen.
Nicht über sie.
Sondern über diese wunderbare Gedankenkette.
Radio.
Frequenzen.
Radius.
Mathe.
Irgendwie war das in ihrer Welt völlig logisch.
Zu Hause habe ich dann tatsächlich nachgeschaut.
Und stellte fest…
…dass ich selbst falsch lag.
Diese Schilder haben überhaupt nichts mit Radiofrequenzen zu tun.
Sie dienen der Kilometrierung und helfen beispielsweise Polizei, Feuerwehr oder Autobahnmeisterei dabei, einen Ort genau zu bestimmen.
Tja.
Da saßen wir nun.
Beide nicht ganz richtig.
Oder zumindest ich.
Aber wisst ihr was?
Genau deshalb liebe ich Autofahrten.
Nicht wegen der Autobahn.
Nicht wegen der Kilometer.
Sondern wegen dieser Gespräche.
Wegen dieser Momente, die niemand planen kann.
Urlaub besteht für mich nicht nur aus Bergen, Seen oder schönen Hotels.
Urlaub beginnt genau dort.
Zwischen Brotdosen.
Kaffeebechern.
Frühem Aufstehen.
Ein bisschen Stau.
Ganz viel Lachen.
Und einer Tochter, die aus einer Radiofrequenz plötzlich eine Radiusberechnung macht.
Wenn ich heute an unsere Reisen zurückdenke, erinnere ich mich oft gar nicht zuerst an den Urlaubsort.
Ich erinnere mich an die Fahrt.
An das gemeinsame Frühstück auf einem Rastplatz.
An Spiele im Auto.
An Musik, die wir viel zu laut mitgesungen haben.
An völlig verrückte Gespräche.
Und an diese kleinen Geschichten, die später noch jahrelang erzählt werden.
Vielleicht ist genau das das Geheimnis.
Der Urlaub beginnt nicht erst, wenn wir angekommen sind.
Er beginnt in dem Moment, in dem wir gemeinsam losfahren.


Und wenn irgendwo ein kleiner Wichtel auf einer Leitplanke sitzt, den vorbeifahrenden Autos zuwinkt und schmunzelnd zuhört, wie eine Radiofrequenz plötzlich zur Radiusberechnung wird, dann weiß er:

Die schönsten Erinnerungen entstehen selten am Ziel. Sie entstehen auf dem Weg dorthin, zwischen einem belegten Brötchen, einer Thermoskanne Kaffee und den Menschen, die diese Reise zu etwas Besonderem machen.

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Koffer packen mit einer Zwölfjährigen oder warum ein Koffer niemals groß genug ist

Es gab ja mal Zeiten, da war mein Exemplar ganz klein.
Ach, das war herrlich.
Ihre Sachen verschwanden einfach mit in meinem Koffer.
Ein paar T-Shirts, eine kurze Hose, Schlafanzug, Zahnbürste, Kuscheltier, fertig.
Damals fragte ich mich höchstens, ob wir den Teddy wirklich brauchen.
Heute stellt sich eher die Frage, ob wir überhaupt noch Platz für Kleidung haben.
Denn inzwischen ist mein Exemplar zwölf Jahre alt.
Und natürlich braucht man mit zwölf seinen eigenen Koffer.
Völlig verständlich.
Was ich allerdings nicht verstehe, ist die Tatsache, dass dieser Koffer schon zu klein ist, bevor überhaupt richtig gepackt wurde.
Ich packe Koffer übrigens unglaublich gerne.
Ja, wirklich.
Ich gehöre zu den Menschen, die mit einer Checkliste reisen.
Ich liebe es, Häkchen zu setzen.
Zahnbürste? ✔️
Ladekabel? ✔️
Unterwäsche? ✔️


Ich bin dann einfach entspannter, weil ich weiß, dass ich nichts vergessen habe.
Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich damit nicht allein bin.
Mein Exemplar hat sich das sogar ein bisschen abgeschaut.
Die Checkliste wird ordentlich abgearbeitet.
Bis hierhin läuft alles wunderbar.
Dann beginnt allerdings der eigentliche Packvorgang.
Und genau an dieser Stelle trennen sich unsere Welten.
Kennt ihr Menschen, die in einen großen Koffer erst einmal zwanzig kleine Taschen packen müssen?
Ich bis vor Kurzem auch nicht.
Ich habe eine Kosmetiktasche.
Vielleicht noch eine kleine für Medikamente.
Mehr brauche ich nicht.
Mein Exemplar dagegen scheint heimlich einen Vertrag mit einem Hersteller für Mini-Taschen abgeschlossen zu haben.
Da gibt es eine Kosmetiktasche.
Eine Tasche nur für Schminke.
Eine Tasche für Deos.
Eine für Haarbänder.
Eine für Hautpflege.
Eine für Kabel.
Eine für… ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, wofür die anderen alle sind.
Irgendwann hörte ich einfach auf zu fragen.
Ich wartete eigentlich nur noch darauf, dass sich in einer der kleinen Taschen noch eine kleinere Tasche befindet.
Wie diese russischen Matroschka-Puppen.
Nur eben mit Reißverschluss.


Und als wäre das alles noch nicht genug, mussten wir heute tatsächlich noch einmal los.
Denn mein Exemplar brauchte…
…noch eine Tasche.
Ja.
Eine weitere.
Ich stand im Geschäft, schaute auf die bereits vorhandenen Mini-Taschen und fragte mich kurz, ob wir heimlich ein Taschengeschäft eröffnen möchten.
Sie hingegen war sich absolut sicher.
Genau diese eine Tasche hat noch gefehlt.
Ich habe beschlossen, darüber nicht weiter nachzudenken.
Es gibt Dinge, die versteht man vermutlich nur mit zwölf Jahren.
Oder vielleicht auch nie.


Dann kam der große Moment.
Alles sollte in den Koffer.
Oder besser gesagt:
Alles sollte theoretisch in den Koffer.
Praktisch sah das etwas anders aus.
Denn während ich Kleidung sorgfältig zusammenrolle, jede Ecke ausnutze und versuche, den Platz optimal zu verwenden, verfolgt mein Exemplar eine etwas andere Strategie.
Sie nimmt ein T-Shirt.
Und wirft es hinein.
Dann die Hose.
Rein.
Pullover.
Rein.
Jacke.
Auch rein.
Nach dem Motto:
Der Koffer wird das schon regeln.
Hat er aber nicht.
Überraschenderweise war er voll.
Mein Exemplar schaute mich an und sagte völlig ernst:
„Da passt nichts mehr rein.“
Ach.
Meinst du?
Ich hätte da eine Vermutung.
Vielleicht liegt es an den ungefähr achtundvierzig kleinen Taschen.
Oder daran, dass jedes Kleidungsstück beschlossen hat, sich möglichst breit auszubreiten.
Mein innerer Ordnungsmensch hielt das irgendwann nicht mehr aus.
Also alles wieder raus.
Kleidung ordentlich zusammenrollen.
Lücken nutzen.
Taschen sinnvoll verteilen.
Ein bisschen schieben.
Ein bisschen drücken.
Und plötzlich…
passte alles hinein.
Sogar mit etwas Platz.
Mein Exemplar schaute mich an, als hätte ich gerade einen Zaubertrick vorgeführt.
Dabei ist das gar keine Zauberei.
Das ist jahrelange Erfahrung.
Und vielleicht ein bisschen Tetris.
Während wir so gemeinsam auf dem Boden saßen und packten, musste ich schmunzeln.
Früher lagen ihre Sachen einfach mit in meinem Koffer.


Heute diskutieren wir darüber, ob wirklich jede einzelne Mini-Tasche mit in den Urlaub muss.
So schnell vergeht die Zeit.
Aus einem kleinen Mädchen, das nur seinen Teddy dabeihaben wollte, wird irgendwann ein Teenager, der gefühlt mehr Taschen besitzt als Kleidung.
Und wisst ihr was?
Ich finde das eigentlich sogar schön.
Nicht unbedingt die fünfzig Taschen.
Die dürften gerne etwas weniger werden.
Aber dieses gemeinsame Packen.
Dieses leichte Genervtsein.
Dieses gegenseitige Kopfschütteln.
Und dieses gemeinsame Freuen auf den Urlaub.
Denn genau daraus entstehen später die Geschichten, über die wir irgendwann lachen.
Vielleicht erinnere ich mich in ein paar Jahren gar nicht mehr daran, welche Kleidung wir eingepackt haben.
Aber ich werde mich ganz bestimmt daran erinnern, dass wir gemeinsam vor diesem Koffer saßen und versucht haben, die Gesetze der Physik auszutricksen.
Und falls mein Exemplar irgendwann einmal selbst Mutter wird, wünsche ich ihr von Herzen eine Tochter…
…mit einem riesengroßen Koffer.
Ungefähr fünfzig kleinen Taschen.
Und dem festen Wunsch, am Tag vor dem Urlaub unbedingt noch eine weitere Tasche kaufen zu müssen.
Ein bisschen Gerechtigkeit muss schließlich sein.


Und wenn irgendwo ein kleiner Wichtel mit einer winzigen Checkliste neben einem viel zu vollen Koffer sitzt und beobachtet, wie ein anderer Wichtel stolz noch ein weiteres Täschchen hervorzaubert, dann lächelt er, setzt seinen letzten Haken und denkt:

„Manche Reisen beginnen nicht erst am Urlaubsort. Sie beginnen zwischen Reißverschlüssen, Socken und den kleinen Eigenheiten der Menschen, die wir von Herzen lieben.“

Schön das du hier bist 🩶

Schickt niemals eine Mutti mit Wechseljahren in den Kletterwald

Im Januar bekam ich einen Gutschein geschenkt.
Für einen Kletterwald.
Ja.
Kletterwald.
Ich weiß bis heute nicht genau, welcher Mensch mich angesehen und gedacht hat: „Die Stephanie, die braucht unbedingt mal ein bisschen Action in zehn Metern Höhe.“
Ich habe schließlich schon öfter erwähnt, dass Sport und ich eine eher distanzierte Beziehung führen.
Ich bin ungefähr so sportlich wie eine Schnecke.
Joggen?
Kein Problem.
Solange wir uns beim Tempo an der Schnecke orientieren.
Aber nun war dieser Gutschein da. Und Gutscheine haben diese unangenehme Eigenschaft, dass sie irgendwann eingelöst werden wollen.
Also war heute der große Tag.
Mutti mit Wechseljahren fährt in den Kletterwald.
Was soll schon schiefgehen?
Mein Exemplar und ich machten uns auf den Weg. Und noch bevor wir richtig angefangen hatten, stellte sie eine wichtige Regel auf:
„Aber keiner seilt sich über den See ab!“
Ja.
Fand ich gut.
Sehr vernünftig.
Ein Plan ganz nach meinem Geschmack.
Dann stellte sich heraus:
Das war der einzige Weg in den Kletterwald.
Natürlich.
Warum sollte man auch einfach über eine kleine Holzbrücke gehen, wenn man sich stattdessen an einem Seil über einen See bewegen kann?
Also doch über den See.
Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass ich bereits damit meine persönliche Tagesleistung erbracht hatte.
Eigentlich hätte ich danach einen Kaffee verdient gehabt.
Aber nein.
Jetzt sollte geklettert werden.
Es gab verschiedene Parcours. Leichte. Mittlere. Schwere.
Ich betrachtete das Ganze und dachte noch optimistisch:
Ach komm. Das schaffst du.
Das ist übrigens einer dieser Gedanken, die man später bereut.
Also Sicherung dran und los.
Mein Exemplar natürlich vorneweg.
Jung.
Beweglich.
Motiviert.
Und dahinter ich.
42 Jahre Lebenserfahrung, Wechseljahre und ein Körper, der bereits morgens beim Aufstehen gelegentlich eine interne Beschwerde einreicht.
Und dann kam sie.
Die Kletterwand.
Nicht einfach irgendwo befestigt.
Nein.
Sie hing in der Luft.
Man musste sich daran entlanghangeln beziehungsweise hochziehen.
Ich schaute sie an.
Die Wand schaute mich an.
Wir wussten beide sofort:
Das wird nichts mit uns.
Aber natürlich probierte ich es.
Ich griff hin.
Zog.
Und stellte innerhalb weniger Sekunden fest, dass meine Arme offenbar hauptsächlich dekorative Zwecke erfüllen.
Sie sehen aus, als könnten sie etwas.
Können sie aber nicht.
Ich hing also an dieser Wand.
Unter mir Luft.
Vor mir Wand.
Hinter mir vermutlich meine komplette Würde.
Und dachte:
Wie komme ich hier wieder weg?
Denn wenn ich mich irgendwo mit meiner eigenen Armkraft hochziehen soll, ist Schluss.
Mit Pudding am Stock kann man sich eben schlecht festhalten.
Während mein Exemplar weiterzog, hing ihre Mutter dort wie ein schlecht angebrachtes Dekorationselement.
Irgendwann musste ich einsehen:
Das wird heute nichts mehr.
Also zurück.
Und ja, mein Exemplar war begeistert.
Nicht.
Dieser Blick eines fast dreizehnjährigen Kindes, wenn die eigene Mutter den Parcours abbrechen muss, ist übrigens etwas ganz Besonderes.
Eine Mischung aus:
Das kann jetzt nicht dein Ernst sein.
und:
Warum habe ausgerechnet ich diese Mutter bekommen?
Entschuldigung.
Die Genetik hat entschieden.
Ich konnte nichts dafür.
Also wechselte ich auf einen leichteren Parcours.
Und siehe da:
Es ging!
Keine spektakulären Kletteraktionen.
Keine Bewerbung für Ninja Warrior.
Keine heldenhaften Sprünge.
Aber ich bewegte mich.
Ich kam vorwärts.
Und vor allem kam ich wieder heil unten an.
Das reicht mir vollkommen.
Am Ende waren mein Exemplar und ich uns übrigens erstaunlich einig.
Kletterwald?
War eine Erfahrung.
Eine interessante Erfahrung.
Eine Erfahrung, die man gemacht haben kann.
Und jetzt auch nicht zwingend wiederholen muss.
Wir haben für uns beschlossen, dass wir zukünftig lieber Dinge unternehmen, bei denen die Füße zumindest größtenteils Kontakt zum Erdboden haben.
Wandern.
Spazieren.
Tiere anschauen.
Vielleicht irgendwo gemütlich etwas essen.
Das kann ich hervorragend.
Und natürlich mussten wir am Ende wieder zurück.
Über den See.
Weil das Universum offenbar der Meinung war, dass einmal noch nicht reicht.
Also wieder ans Seil.
Und rüber.
Danach stand für mich endgültig fest:
Ich bin nicht für alles gemacht.
Und wisst ihr was?
Das ist vollkommen in Ordnung.
Vielleicht ist genau das etwas, was wir viel öfter akzeptieren sollten.
Wir müssen nicht alles können.
Wir müssen nicht jede Herausforderung meistern, nur weil andere sie schaffen.
Manchmal besteht Mut auch darin, etwas auszuprobieren und anschließend zu sagen:
„Nö. Das ist einfach nicht meins.“
Ich war dort.
Ich habe es versucht.
Ich hing an einer Kletterwand.
Ich habe festgestellt, dass meine Arme aus Pudding bestehen.
Und ich bin trotzdem wieder heil nach Hause gekommen.
Eigentlich eine ziemlich erfolgreiche Bilanz.
Der Gutschein ist eingelöst.
Mein Exemplar hat eine neue Geschichte über ihre Mutter.
Und ich habe eine wichtige Erkenntnis gewonnen:
Sollte mir irgendwann wieder jemand einen Erlebnisgutschein schenken, dann wünsche ich mir vielleicht lieber Wellness.
Da muss ich mich höchstens vom Massagetisch hochziehen.
Und selbst dafür kann man bestimmt Hilfe bekommen.


Und wenn irgendwo ein kleiner Wichtel mit Klettergurt vor einer riesigen Wand steht, nach oben schaut und feststellt, dass seine Arme heute ebenfalls eher aus Pudding bestehen, dann dreht er einfach wieder um und murmelt: „Man muss nicht jeden Berg bezwingen. Manchmal reicht es völlig, mutig genug gewesen zu sein, überhaupt hinaufzuschauen.“

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Wenn aus Zuhören plötzlich Mitreden wird

Ich höre für mein Leben gerne Podcasts.
Das ist irgendwann einfach passiert. Seitdem ich mich aus der medialen Fernsehwelt größtenteils zurückgezogen habe, musste schließlich etwas Neues her. Fernsehen schaue ich nur noch sehr ausgewählt. Mal eine amerikanische Sendung auf Sixx, gerne eine gute Dokumentation und dann reicht es mir meistens auch schon wieder.
Streamingdienste?
Nun ja.
Irgendwann hat man das Gefühl, man hat alles gesehen, was einen interessiert. Und bei manchen neuen Serien frage ich mich nach zwanzig Minuten, ob ich wirklich noch weitere sieben Stunden meines Lebens dafür opfern möchte.
Bücher finde ich übrigens großartig.
Theoretisch.
Ich liebe Bücherregale. Ich liebe Geschichten. Ich liebe den Gedanken daran, gemütlich mit einem Buch auf der Couch zu sitzen und völlig darin zu versinken.
Mein Problem ist nur: Ich habe ungefähr die Geduld eines Eichhörnchens auf drei Tassen Kaffee.
Bis ich ein Buch tatsächlich zu Ende gelesen habe, könnte der Autor vermutlich schon den nächsten Teil geschrieben haben.
Also brauchte ich irgendwann etwas, das mich unterhält, mich zum Nachdenken bringt und meinen Kopf ein bisschen füttert.
Und dann kamen die Podcasts.
Herrlich!
Menschen unterhalten sich über Themen, von denen ich vorher manchmal nicht einmal wusste, dass sie mich interessieren. Ich kann zuhören, während ich etwas anderes mache. Ich kann lachen, nachdenken, anderer Meinung sein oder plötzlich feststellen:
Ach, so habe ich das noch gar nicht betrachtet.
Und genau durch einen Podcast ist mir in diesem Jahr etwas passiert, worüber ich mich immer noch unglaublich freue.
Denn plötzlich war ich nicht mehr nur diejenige, die zuhört.
Plötzlich sollte ich selbst sprechen.
Aber von vorne.
Wie so oft saß ich irgendwann mit meinem Handy da und scrollte durch Instagram. Ein bisschen hier schauen, ein bisschen dort liken, neue Accounts entdecken und bei den Menschen vorbeischauen, denen ich bereits folge.
Und irgendwann blieb ich bei einem Account hängen, der sich mit einem Thema beschäftigte, bei dem ich natürlich sofort genauer hinschaute:
Pflege.
Dort entstand die Idee für einen Podcast, in dem Menschen aus der Pflege und dem Gesundheitswesen eine Stimme bekommen sollten.
Und da war ich sofort aufmerksam.
Denn genau das ist ein Thema, das mir unglaublich am Herzen liegt.
Pflege besteht eben nicht nur aus Medikamenten, Dokumentation, Verbänden, Dienstplänen und irgendwelchen Vorschriften.
Pflege besteht vor allem aus Menschen.
Aus Geschichten.
Aus Erfahrungen.
Aus Situationen, die einen berühren, zum Lachen bringen, manchmal wütend machen und manchmal noch lange nach einem Dienst beschäftigen.
Also schrieb ich eine Nachricht.
Eigentlich nur, weil ich sagen wollte, wie toll ich diese Idee finde.
Mehr nicht.
Kein ausgeklügelter Plan.
Keine heimliche Bewerbung als Podcastgast.
Einfach ein ehrliches:
„Ich finde das großartig, was ihr da macht.“
Und manchmal macht das Leben aus so einer kleinen Nachricht plötzlich etwas ganz anderes.
Denn kurze Zeit später bekam ich tatsächlich die Einladung, selbst Gast in diesem Podcast zu sein.
Ich!
Ach Gott.
Da saß ich nun mit meinem Handy und dachte wahrscheinlich ungefähr drei Sekunden lang:
Das ist ja toll!
Und unmittelbar danach:
Um Himmels willen. Ich soll in einen Podcast?!
Denn eines muss man dazu sagen:
Früher hätte ich mich das im Leben nicht getraut.
Wirklich nicht.
Ich hätte vermutlich zwölf Gründe gefunden, warum das gerade nicht geht.
Keine Zeit.
Zu aufgeregt.
Was soll ich überhaupt erzählen?
Was, wenn ich mich verspreche?
Was, wenn mir plötzlich nichts mehr einfällt?
Was, wenn ich mitten im Satz vergesse, wie ein Satz funktioniert?
Heute denke ich anders.
Heute denke ich:
Warum eigentlich nicht?
Ich habe etwas zu erzählen.
Ich arbeite seit vielen Jahren in der Pflege. Ich habe Veränderungen erlebt, Menschen begleitet und Erfahrungen gesammelt.
Ich habe eine Meinung.
Und vor allem habe ich eine Stimme.
Also sagte ich zu.
Und dann kam tatsächlich der Tag der Aufnahme.
Ach Gott, war ich aufgeregt.
Nicht dieses kleine „Ach, wird schon“-aufgeregt.
Nein.
Dieses wunderbare Gemisch aus Vorfreude, Nervosität und dem Gedanken:
Was mache ich hier eigentlich gerade?
Und dann saß ich tatsächlich dort.
Vor einem Mikrofon.
Und redete über Pflege.
Über meinen Beruf.
Über meine Erfahrungen.
Über Dinge, die sich verändert haben.
Über Menschlichkeit.
Und über das, was mir nach all den Jahren in diesem Beruf noch immer wichtig ist:
den Menschen hinter der Pflege nicht zu vergessen.
Und wisst ihr was?
Es war toll.
Nicht, weil plötzlich alles perfekt lief.
Nicht, weil ich auf einmal eine professionelle Podcastsprecherin geworden bin.
Und auch nicht, weil ich jeden Satz druckreif formuliert hätte.
Sondern weil ich etwas erleben durfte, das ich mir vor einigen Jahren selbst niemals zugetraut hätte.
Meine Stimme in einem Podcast.
Allein dieser Satz fühlt sich für mich noch ein bisschen unwirklich an.
Das Ergebnis lässt noch etwas auf sich warten.
Und wo ihr meine Stimme irgendwann hören könnt, verrate ich euch heute ganz bewusst noch nicht.
Ein bisschen geheimnisvoll darf ich schließlich auch mal sein.
Sobald ich es erzählen darf, werde ich es natürlich tun.
Bis dahin bleibt für mich aber etwas ganz anderes viel wichtiger als die eigentliche Veröffentlichung:
Ich habe mich getraut.
Ich durfte etwas Neues ausprobieren.
Ich durfte über etwas sprechen, das mir wichtig ist.
Und ich durfte feststellen, dass sich manchmal Türen öffnen, obwohl man überhaupt nicht vorhatte, irgendwo hindurchzugehen.
Eigentlich wollte ich nur eine nette Nachricht schreiben.
Ein kleines:
„Ich finde eure Idee toll.“
Mehr nicht.
Und plötzlich saß ich vor einem Mikrofon.
Vielleicht ist genau das etwas, was ich in den vergangenen Jahren gelernt habe.
Wir müssen nicht immer vorher wissen, wohin etwas führt.
Wir müssen auch nicht für alles einen perfekten Plan haben.
Manchmal reicht es, neugierig zu sein.
Etwas zu sagen.
Eine Nachricht zu schreiben.
Eine Gelegenheit anzunehmen.
Und vielleicht auch einmal über den eigenen Schatten zu springen.
Früher hätte ich mich wahrscheinlich versteckt.
Heute rede ich.
Und ja:
Darauf bin ich tatsächlich stolz.
Nicht, weil ich jetzt in einem Podcast zu hören sein werde.
Sondern weil ich merke, wie sehr ich mich selbst verändert habe.
Manchmal erkennen wir unsere eigene Entwicklung nämlich erst dann, wenn wir plötzlich etwas tun, von dem unser früheres Ich überzeugt gewesen wäre:
Das traue ich mich niemals.
Und dann sitzt man da.
Vor einem Mikrofon.
Redet.
Lacht.
Erzählt.
Und stellt irgendwann fest:
Doch.
Ich kann das.

Der Podcast kommt bald raus. Und dann werde ich euch natürlich auf dem laufenden halten.


Und irgendwo sitzt wahrscheinlich ein kleiner Wichtel mit viel zu großen Kopfhörern vor einem winzigen Mikrofon, hört ganz aufmerksam zu und denkt sich: „Siehst du, manchmal muss man seine Stimme erst benutzen, um zu merken, wie viel sie eigentlich zu sagen hat.“

Schön das du hier bist 🩶