Teil 4: die erste Veränderung

Ich war 22 Jahre alt, als sich etwas in mir verschob. Zum ersten Mal nicht nur, weil das Leben es verlangte, sondern weil ich es wollte. Ich war aus meinem Elternhaus ausgezogen, stand auf eigenen Beinen, hatte einen Job. Äußerlich wirkte alles stabil. Innerlich jedoch tobte noch immer ein Sturm. Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du funktionierst, gehst deinen Weg und trotzdem ist da etwas in dir, das keine Ruhe gibt.

Ich wusste, dass ich Antworten brauchte. Nicht irgendwann, sondern jetzt. An meiner Seite war damals jemand, der mir einen einfachen, aber entscheidenden Gedanken mitgab: „Geh den Schritt. Aber geh ihn mit Verstand.“
Und genau das tat ich. Mein erster Weg führte mich zu meiner Mutter. Der Frau, die mich großgezogen hat. Ich bat sie um Verständnis. Erklärte ihr, dass ich herausfinden wollte, wer ich bin. Dass es mir nicht nur um Gefühle ging, sondern auch um Fragen, über Herkunft, über mögliche Erbkrankheiten, über meine eigene Geschichte. Und ich bat sie, mich zu begleiten. Sie sagte Ja. Vielleicht war das der erste Moment, in dem ich spürte: Ich bin nicht allein.

Gemeinsam gingen wir zum Jugendamt. Und was dann passierte, fühlte sich fast zu einfach an, um wahr zu sein. In meiner Akte war ein Hinweis, die Schwester meiner biologischen Mutter. Eine Pflegeperson. Eine Spur. Eine Woche später kam es zum ersten Kontakt. Ich erinnere mich noch genau an dieses Treffen. Ein Bäcker. Ein ganz normaler Ort und doch fühlte sich nichts daran normal an.
Ich war nervös. Aufgeregt. Abweisend. Alles gleichzeitig. Und dann stand sie vor mir. Ein Mensch, der mein Erbgut in sich trägt. Wir sprachen. Ich machte von Anfang an klar: „Du bist nicht meine Mutter.“
Denn meine Mutter stand neben mir. Aber ich wollte Antworten. Sie erzählte mir ihre Geschichte. Von meinem Erzeuger. Von Gewalt. Von Alkohol. Davon, dass er nie wusste, dass es mich gibt. Und ich? Ich konnte ihr nicht glauben. Zu vieles passte nicht zusammen. Zu viele Fragen blieben offen. Meine Gedanken begannen sich zu drehen, schneller und schneller. Ein paar Wochen später traf ich ihre Familie. Wieder ein Versuch, etwas zu verstehen. Etwas zu fühlen.

Und dann passierte etwas, das mir den Boden unter den Füßen wegzog. Ein Foto. Eine Hochzeit. Erinnerst du dich noch an die Frau beim Bäcker?

Ein Gesicht, das ich kannte. Die Frau aus dem Bäcker, die ich zufällig kennengelernt hatte, ohne je zu wissen, wer sie wirklich ist. Meine Tante. Ich habe Jahrelang mit meiner Tante gearbeitet, ohne daß wir es wussten. Das Universum hält manchmal besondere Überraschungen bereit.

In diesem Moment wurde aus Zufall Realität. Aus Begegnung wurde Familie. Ich rief sie an. Wir beide waren überrascht, vielleicht auch ein wenig überwältigt. Wir freuten uns, irgendwie. Und doch änderte es nicht das, was in mir vorging. Ich traf eine Entscheidung: Kontakt, ja. Nähe, nein. Denn die Antworten, die ich bekam, brachten keine Ruhe. Sie machten alles nur lauter. Vielleicht kennst du das auch: Man sucht Klarheit und findet stattdessen noch mehr Chaos. Die Jahre danach waren geprägt von diesem inneren Kreislauf. Gedanken, die sich drehten. Gefühle, die keinen Platz fanden. Fragen, die unbeantwortet blieben.

Ich sprach nicht darüber. Vielleicht, weil ich es selbst nicht verstand. Ich hatte oft das Gefühl, mich selbst nicht zu kennen.
Und noch schlimmer: Ich glaubte, andere könnten mich deshalb auch nicht wirklich mögen. Als würde nichts in mir wirklich Halt finden.

Mit 25 traf ich erneut eine Entscheidung.

Ich begann eine Ausbildung in der Pflege. Ein Schritt, der zunächst nichts mit meiner Geschichte zu tun hatte und doch alles veränderte.

Menschen zuhören. Für sie da sein. Ihre Hand halten, wenn niemand anderes es kann. Es tat mir gut. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, etwas richtiges zu tun. Doch auch dort holte mich ein Teil von mir immer wieder ein. Ich pulte noch immer an meinen Fingern, etwas, das mich schon mein ganzes Leben begleitete. In der Ausbildung lernte ich einen Lehrer kennen, der genauer hinsah. Er beobachtete mich, stellte Fragen, analysierte.

Wir gerieten oft aneinander. Nicht im Schlechten, sondern, weil ich begann, meine eigene Meinung zu vertreten. Ich wurde stärker. Lauter. Klarer.

Eines Tages fragte er mich direkt, warum ich das mit meinen Fingern mache. Ich zuckte mit den Schultern. Ich wusste es nicht. Also erzählte ich ihm, dass ich das schon seit meinem zweiten Lebensjahr tue. Seine Antwort traf mich unerwartet:
„Dann kommt es aus einem frühkindlichen Erlebnis. Alles hat einen ausschlaggebenden Grund. Wenn du wissen willst, warum du so bist und etwas ändern möchtest, musst du herausfinden, was es ist.“

Dieser Satz blieb. Zum ersten Mal dachte ich nicht nur darüber nach, dass etwas in mir ist, sondern woher es kommt. Zum ersten Mal fühlte es sich an, als könnte ich anfangen, die richtigen Fragen zu stellen. Und vielleicht war genau das der nächste Schritt. Denn manchmal findet man sich selbst nicht in den Antworten der Vergangenheit, sondern in dem Mut, sie überhaupt zu hinterfragen.

Und während du vielleicht noch darüber nachdenkst, wie manche Wege uns genau dorthin führen, wo wir hinschauen sollen, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz leise am Rand deiner Gedanken, legt den Kopf leicht schief und flüstert:

„Manchmal sind es nicht die Antworten, die dich verändern, sondern der Moment, in dem du beginnst, die richtigen Fragen zu stellen.“

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Teil 3: Die Dämonen in mir sind geweckt

Ich war elf Jahre alt. Ein Alter, in dem sich langsam alles verändert, der Körper, die Gedanken, das Gefühl für sich selbst. Irgendwo zwischen Kindheit und dem ersten Hauch von Erwachsenwerden. Es war ein ganz normaler Abend. Zumindest dachte ich das. Meine Mutter saß vor dem Fernseher, ein Film lief, irgendetwas über Adoption. Dann rief sie mich zu sich. Kennst du diese Momente, in denen du noch gar nicht weißt, dass gleich etwas gesagt wird, das dein ganzes Leben leise verschiebt? Diese Sekunden, in denen die Luft plötzlich schwerer wird, ohne dass du sagen kannst, warum? Sie fragte mich, ob ich wüsste, was Adoption ist. Ich zuckte mit den Schultern. Vielleicht. Irgendwie. Ein Wort, das man schon mal gehört hat, aber nie wirklich gefühlt. Dann sagte sie es einfach: dass ich adoptiert bin. Dass es einmal eine andere Frau gab, die mich zur Welt gebracht hat. Sie war sechzehn. Zu jung, um mich großzuziehen. Das Jugendamt entschied, dass ich woanders aufwachsen sollte. Und da saß ich nun.

Hast du schon einmal eine Wahrheit gehört, die zu groß war, um sie sofort zu fühlen? Ich erinnere mich nicht daran, dass ich geweint habe. Nicht daran, dass ich geschrien habe. Es war eher… still in mir. Als hätte jemand eine Information in meinen Kopf gelegt, ohne dass mein Herz hinterherkam. Ich habe es verstanden, zumindest rational. Aber nicht mit jeder Zelle meines Körpers. Nicht mit der Tiefe, die es eigentlich gebraucht hätte. Für mich waren meine Eltern meine Eltern. Gute Eltern. Liebevolle Menschen. Menschen, die mich gehalten haben, die da waren, die mich gesehen haben. Und das war alles, was zählte. Also legte ich diese Information irgendwo in mir ab. Wie ein Buch, das man ins Regal stellt, weil man denkt: „Das lese ich später.“ Doch „später“ kommt immer. Manchmal leise. Manchmal mit Wucht. Jahre vergingen. Das Leben lief weiter. Schule, Alltag, kleine Sorgen, kleine Freuden. Und irgendwo tief in mir lag diese Wahrheit. Unberührt. Ungeöffnet. Aber nicht verschwunden.

Mit sechzehn begann ich meine Ausbildung. Ein neuer Abschnitt. Neue Menschen. Neue Erfahrungen. Ein Discounter, ein kleiner Bäcker darin. Früher war das so, alles ein bisschen enger, persönlicher. Dort arbeitete eine Frau, mit der ich oft morgens Kaffee trank. Wir standen nebeneinander, hielten unsere Becher in der Hand und redeten über alles und nichts. Es war leicht mit ihr. Unkompliziert. Vertraut. Meine Eltern kannten sie auch. Sie verstanden sich gut mit ihr. Alles wirkte normal. Fast schon wie ein kleines, sicheres Netz aus Menschen, das mich umgab. Und doch, wenn ich heute zurückblicke, war da schon etwas in mir, das sich nicht ganz zugehörig fühlte. (Diese Frau spielt mehr eine Rolle die ich nie erahnen konnte)

Kennst du dieses Gefühl, irgendwo zu sein und gleichzeitig ein kleines Stück neben dir zu stehen?

Als würde ein Teil von dir beobachten, statt wirklich mittendrin zu sein?

Mit achtzehn hatte ich eine Freundin. Sie war eigentlich nicht gut für mich, das weiß ich heute. Aber damals… damals hat es sich richtig angefühlt. Oder vielleicht eher notwendig. Sie war laut, direkt, fordernd. Dinge, die ich selbst nicht war. Vielleicht hat mich genau das angezogen. Sie stellte Fragen, die sonst niemand stellte. Und eines Tages sagte sie: „Du musst deine richtige Mutter suchen.“

Dieser Satz traf etwas in mir. Nicht sanft. Nicht vorsichtig. Sondern direkt. Und plötzlich war dieses Buch aus dem Regal gefallen. Ich ließ mich darauf ein. Vielleicht aus Neugier. Vielleicht aus Dummheit. Vielleicht aus einem inneren Drang heraus, den ich selbst nicht verstand. Vielleicht waren es genau diese Dämonen, die leise in mir gewachsen waren und jetzt lauter wurden. Also ging ich los. Zum Jugendamt. Alleine. Mit Fragen im Kopf, die ich nicht aussprechen konnte. Mit Erwartungen, die ich nicht greifen konnte. Und mit einem Herzen, das gleichzeitig neugierig und verängstigt war.

Und dann stand ich da. Vor verschlossenen Türen.

Im wahrsten Sinne des Wortes. Kennst du das, wenn du glaubst, jetzt passiert etwas Großes und dann passiert… nichts? Ich stand dort und wusste nicht, ob ich erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Ob ich weitergehen oder umdrehen sollte. Ob ich überhaupt bereit war für das, was hinter diesen Türen hätte auf mich warten können. Ich war in einer Phase der Rebellion. Eine Zeit, in der man versucht, sich selbst zu finden, indem man Grenzen austestet. Ich wollte niemanden verletzen, weder meine Eltern noch mich selbst. Aber ich wusste auch nicht, was der richtige Weg war.

Zwischen Gefühl und Verstand. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Zwischen dem Wunsch zu wissen und der Angst vor der Wahrheit.

Heute glaube ich: Irgendetwas hat mich damals gestoppt. Etwas Größeres. Oder vielleicht einfach ein Teil in mir, der wusste, dass ich noch nicht bereit war. Dass ich noch nicht die Stärke hatte, das alles wirklich zu verarbeiten. Manchmal schützt uns das Leben, indem es uns warten lässt.

Auch wenn wir es in dem Moment nicht verstehen.

Ich ging also wieder. Ohne Antworten. Aber nicht mehr ohne Fragen. Und so ging mein Weg weiter.

Doch während mein Leben im Außen weiterlief, Arbeit, neue Orte, neue Menschen, begann sich in mir etwas zu verändern. Etwas wuchs. Still. Unaufhaltsam.

Kennst du dieses Gefühl, wenn etwas in dir arbeitet, ohne dass du es benennen kannst?

Wenn du merkst, dass du anders reagierst als andere? Intensiver. Sensibler. Unsicherer?

Ich wurde älter, ging meinen Weg. Doch Beziehungen wurden schwierig. Freundschaften ebenso. Nähe fühlte sich gleichzeitig schön und bedrohlich an.

Ich wollte sie. Und hatte Angst davor.Ich klammerte, aus Angst, verlassen zu werden. Diese Angst war nicht laut. Sie war subtil. Sie zeigte sich in kleinen Dingen. In Gedanken wie: „Was, wenn sie gehen?“ oder „Was, wenn ich nicht genug bin?“

Und gleichzeitig wollte ich Kontrolle. Über Gefühle. Über Menschen. Über Situationen. Doch Kontrolle ist eine Illusion, wenn sie aus Angst entsteht. Und so verlor ich sie immer wieder. Mein innerer Rucksack wurde schwerer. Gefüllt mit Unsicherheiten, unausgesprochenen Fragen, alten Gefühlen, die ich nie richtig angeschaut hatte. Dinge, die ich nicht einordnen konnte, aber die trotzdem da waren. Von außen war ich das Mädchen, das lächelte. Das funktionierte. Das stark wirkte. Doch innen war ich oft traurig. Ohne klaren Grund. Ohne Erklärung. Einfach da. Kennst du das?

Dieses Lächeln, das du nach außen trägst, während in dir etwas leise bröckelt? Und irgendwann begann ich zu verstehen: Da waren Dämonen in mir. Nicht im Sinne von etwas Bösem.

Sondern im Sinne von ungelösten Gefühlen.

Von Ängsten, die keinen Namen hatten. Von Geschichten, die nie zu Ende erzählt wurden. Angst vor dem Alleinsein. Misstrauen gegenüber anderen. Das Gefühl, nie ganz sicher zu sein.

Träume, die mich nachts wach hielten. Gedanken, die ich nicht greifen konnte. Als würde hinter jeder Ecke etwas lauern, das ich nicht kontrollieren kann.

Und das Schlimmste daran? Ich wusste lange nicht, woher das alles kam. Ich dachte, ich sei einfach so.

Zu sensibel. Zu kompliziert. Zu… anders. 

Vielleicht kennst du das auch. Dieses leise Gefühl, dass etwas in dir nicht zur Ruhe kommt.

Dass du funktionierst, aber nicht wirklich frei bist.

Dass du dich selbst manchmal nicht verstehst.

Dass du Dinge fühlst, die keinen offensichtlichen Ursprung haben. Und dass du trotzdem jeden Tag aufstehst und weitermachst. Das Verrückte ist: Niemand hat es bemerkt. Kein lauter Knall. Kein Zusammenbruch. Keine offensichtliche Krise. Nur eine stille Entwicklung. Eine, die sich über Jahre in mir aufgebaut hat. Schicht für Schicht. Gefühl für Gefühl. Gedanke für Gedanke. Und so wurde aus einem kleinen Mädchen langsam eine junge Frau.

Mit einem Herzen voller Fragen. Mit Ängsten, die sie nicht greifen konnte. Mit einem inneren Kampf, den niemand sah. Und mit einem wachsenden Wunsch, sich selbst endlich zu verstehen. Denn tief in mir wusste ich: So kann es nicht bleiben.

Da ist mehr. Mehr als Angst. Mehr als Zweifel.

Mehr als diese ständige innere Unruhe. Vielleicht beginnt Veränderung genau dort. In diesem leisen Wissen, dass etwas anders werden muss. Dass du dich nicht länger vor dir selbst verstecken kannst.

Dass deine Dämonen nicht dein Feind sind, sondern ein Teil deiner Geschichte. Ein Teil, der gesehen werden will. Gefühlt werden will. Verstanden werden will. Denn manchmal beginnt die größte Reise nicht im Außen. Nicht in Antworten von anderen. Nicht in Orten oder Begegnungen. Sondern tief in dir. In den Momenten, in denen du hinschaust. In den Momenten, in denen du ehrlich bist. In den Momenten, in denen du beginnst, dich selbst wirklich kennenzulernen. Und vielleicht…

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem aus Dämonen langsam etwas anderes wird. Etwas, das dich nicht mehr zerstört. Sondern dich formt. Dich wachsen lässt.Dich zu dir selbst führt.

Und während du vielleicht noch darüber nachdenkst, wie sich manche Wahrheiten erst Jahre später in uns bemerkbar machen, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz still am Rand deiner Gedanken, schaut dich ruhig an und flüstert:

„Manche Antworten kommen nicht, wenn du sie suchst,  sondern wenn du bereit bist, sie zu fühlen.“ 

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Teil 2: Zwischen der Freude der Eltern und dem Unterbewusstsein das mehr weiß

Eine Geschichte beginnt, immer. Für alle Seiten. Meine Mutter konnte zum Zeitpunkt keine Kinder bekommen wegen einer Erkrankung. Doch so sehr wünschte sie sich eines. Also kam ein Weg in Frage. Adoption. Zur damaligen Zeit war es sehr schwer. Sie erzählte mir oft vor Stolz das sie als Schneiderin für eine Krankenschwester im Krankenhaus Kleidung änderte und ihr sagte, dass sie das umsonst bekommt wenn sie sich meldet wenn ein Kind da ist. Und so kam es. Es war da. Im Krankenhaus, abgegeben. ICH!!! Ich war 6 Wochen alt. So lange war ich da schon alleine. Mein Vater war zu dem Zeitpunkt noch Raucher. Also kamen sie mit einem Vollgerauchten Trabbi angefahren, um mich abzuholen. Meine Mutter viel aus allen Wolken. Aber ich hatte ein zu Hause. (Erinnerung aus der Erzählung).

___________________________________________________

Ich war noch ein Kind. Noch so klein. Und ich war ein glückliches Kind. Ich habe tolle Eltern.
Ein Zuhause.
Liebe.
Geborgenheit. Alles war/ist gut. Und doch… passierte etwas,
das ich mir lange nicht erklären konnte. Etwas, das nicht laut war. Nicht offensichtlich. Aber da.

Wenn etwas in dir arbeitet, ohne dass du es verstehst

Man sagt oft: Kinder leben im Moment. Und das stimmt. Aber ich glaube auch: Kinder fühlen mehr,
als sie verstehen können. Und manchmal… arbeitet etwas in ihnen,
lange bevor sie Worte dafür haben. Bei mir begann es sehr früh. Ich war ungefähr zwei Jahre alt. Und ich fing an,
an meinen Fingern zu pulen. Nicht ein bisschen. Sondern so stark,
bis sie bluteten. Immer wieder. Meine Mutter ging mit mir zum Arzt. Er verschrieb mir Medikamente. Ich kann mich daran natürlich nicht erinnern. Aber meine Mutter hat mir später erzählt,
dass diese Medikamente mich so „abgeschossen“ haben…dass sie sie wieder abgesetzt hat. Also blieben die Finger. Meine Eltern haben mich immer wieder darauf aufmerksam gemacht. „Hör auf.“

„Lass das.“ Aber es hat nichts gebracht. Denn es war kein Verhalten,
das ich bewusst gesteuert habe. Es war… wie ein Ventil. Für etwas,
das ich selbst nicht verstanden habe bis heute.

Die erste Wende

Als ich etwa sechs Jahre alt war,
passierte etwas,
das sich bis heute in mir festgesetzt hat. Ich sehe diese Szene noch vor mir. Als wäre sie gestern gewesen. Ich musste ins Krankenhaus. Und damals,  Ende der 80er Jahre, war vieles anders als heute. Eltern durften nicht einfach mit in der Klinik bleiben. Also brachten mich meine Eltern dorthin. Und dann kam dieser Moment. Ich stand hinter einer großen Holztür. Eine Krankenschwester hielt mich am Arm. Meine Eltern standen noch an der Anmeldung. Und plötzlich… wurde mir klar: Ich muss hier bleiben. Alleine. Ich riss mich los. Rannte zu meinen Eltern. Ich weiß noch, wie sich das angefühlt hat. Diese Panik. Dieses Gefühl von. „Ich will hier nicht bleiben.“ Aber es half nichts. Ich musste. Es war notwendig. Und trotzdem… hat etwas in mir diesen Moment gespeichert. Tiefer,
als ich es damals hätte begreifen können.

Was danach kam

Als ich wieder nach Hause kam,
war etwas anders. Nicht sofort sichtbar. Aber spürbar. Ich entwickelte eine Angst. Eine starke Angst. Vor der Dunkelheit.

Nicht dieses typische „Kinder haben Angst im Dunkeln“. Sondern eine,
die mir Herzrasen gemacht hat. Die mich nicht mehr zur Ruhe kommen ließ. Also mussten meine Eltern reagieren.

Das Licht im Flur blieb an. Meine Zimmertür blieb offen. Und mein Bett… war oft leer. Weil ich die Nähe meiner Eltern gesucht habe. Immer wieder. Als wäre etwas in mir unsicher geworden. Als hätte ich etwas verloren,
das ich vorher gar nicht bewusst hatte.

Wenn Worte fehlen

Ich wusste damals nicht,
warum ich so fühlte. Ich konnte es nicht erklären. Ich konnte nicht sagen „Ich habe Angst, verlassen zu werden.“ Oder: „Ich fühle mich unsicher.“ Ich war ein Kind. Und Kinder haben keine Worte für solche Dinge. Sie fühlen. Und sie reagieren. Auf ihre Art.

Der Moment, der alles verändert hat

Irgendwann, zwischen sechs und neun Jahren,
passierte etwas,
das mir bis heute im Kopf geblieben ist. Ich war mit meiner Freundin zusammen unterwegs. Und aus irgendeinem Grund… habe ich etwas gesagt. Etwas, das ich selbst nicht wirklich verstanden habe. Ich sagte:

„Meine Eltern sind nicht meine richtigen Eltern.“ Ein Satz. Einfach so. Ohne große Bedeutung, zumindest für mich in diesem Moment. Aber dieser Satz… hat etwas ausgelöst. Meine Freundin erzählte es ihrem Vater. Dieser erzählte es meinem. Und dann stand mein Vater vor mir. Und fragte mich: „Warum sagst du so etwas?“ Ich erinnere mich an diesen Moment. Nicht, weil er laut war. Sondern weil ich gespürt habe: Das verletzt ihn. Und das war das Letzte,
was ich wollte. Denn ich liebte meine Eltern. Ich liebe sie bis heute. Und trotzdem hatte ich diesen Satz gesagt. Warum? Ich wusste es nicht.

Der Moment des Verstehens

Wir haben darüber gesprochen. Und nach außen hin
war das Thema damit beendet. Aber innerlich… hat sich etwas verändert. Ich habe angefangen zu verstehen: Etwas ist anders. Mit mir. Mit meiner Geschichte. Mit meinem Leben. Nicht schlecht. Nicht falsch. Aber anders. Und dieses „anders“… hat sich leise in mir festgesetzt.

Das Unterbewusstsein weiß mehr

Wenn ich heute zurückblicke,
glaube ich: Mein Unterbewusstsein wusste schon lange vorher,
dass etwas da ist. Bevor ich es greifen konnte. Bevor ich es benennen konnte. Bevor ich überhaupt verstanden habe,
was Adoption bedeutet. Diese Gefühle… das Pulen an den Fingern
die Angst im Dunkeln
dieser eine Satz, Das waren keine Zufälle. Das war mein Inneres,
das versucht hat, sich auszudrücken. Ohne Worte. Auf seine eigene Weise.

Und jetzt du

Vielleicht kennst du das. Dieses Gefühl,
dass etwas da ist… aber du weißt nicht genau, was. Vielleicht hast du auch Dinge getan,
die du dir nicht erklären konntest. Reaktionen gehabt,
die „zu viel“ wirkten. Oder Gedanken,
die einfach da waren. Und vielleicht hast du dich gefragt: Warum? Vielleicht ist die Antwort: Weil dein Inneres mehr weiß,
als du damals verstehen konntest. Und vielleicht… warst du nie „komisch“. Nie „zu viel“. Nie „falsch“. Sondern einfach nur ein Mensch,
der etwas gefühlt hat,
für das es noch keine Worte gab. Und genau da beginnt Verständnis. Nicht im Kopf. Sondern im Gefühl.

Und während du vielleicht noch darüber nachdenkst, wie sich manches schon so früh in uns festsetzen kann, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz leise in einer Ecke deiner Erinnerungen, schaut dich an und flüstert:

„Dein Herz erinnert sich an Dinge, die dein Kopf nie gelernt hat zu verstehen.“ 

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Teil 1: Ein Thema das bleibt

Es gibt Themen im Leben, die begleiten einen. Nicht laut. Nicht ständig im Vordergrund. Nicht etwas, worüber man jeden Tag spricht. Aber sie sind da. Wie ein leiser Gedanke im Hintergrund. Wie ein Gefühl, das manchmal auftaucht, ohne dass man genau sagen kann, warum.


Eines davon ist meine Adoption.
Ich spreche darüber. Heute. Und ich habe damit keine Probleme. Zumindest nicht mehr so, wie vielleicht früher, weil ich inzwischen viel verstanden habe.


Meine Eltern sind toll. Das ist mir wichtig, gleich am Anfang zu sagen. Denn es geht hier nicht darum, etwas aufzuarbeiten. Das habe ich getan. Es geht auch nicht darum, jemanden in Frage zu stellen. Oder etwas schlecht zu machen. Es geht um etwas anderes. Um Gefühle. Um Gefühle, die da sind, obwohl man zufrieden ist. Um Gedanken, die vielleicht nicht jeder ausspricht. Um Dinge, die da sind, auch wenn „eigentlich alles gut ist“. Und vielleicht kennst du das. Dieses Gefühl, dass etwas da ist… aber du kannst es nicht genau greifen. Vielleicht sitzt du gerade irgendwo, liest diese Zeilen und denkst: „Ja… da ist etwas.“ Etwas, das sich nicht laut meldet. Nicht jeden Tag präsent ist. Aber in bestimmten Momenten… kommt es hoch. Ganz leise. Vielleicht in Situationen, in denen du es gar nicht erwartest.
Ein Gedanke.
Ein Gefühl.
Eine Unsicherheit.
Und du kannst nicht genau sagen, woher es kommt.

Eine Entscheidung und ein Anfang
Wenn man über Adoption spricht, denkt man oft zuerst an das Kind. Aber eigentlich beginnt alles vorher. Bei einer Entscheidung. Eine Entscheidung von Menschen, die sagen: Wir möchten ein Kind. Wir geben einem Kind ein Zuhause. Und das ist etwas Großes. Etwas Mutiges. Denn ein Kind zu adoptieren bedeutet nicht nur, jemandem ein Zuhause zu geben. Es bedeutet auch, einen Platz im eigenen Leben zu öffnen. Für einen Menschen, der eine eigene Geschichte mitbringt. Auch wenn diese Geschichte vielleicht noch ganz am Anfang steht. Und irgendwo auf der anderen Seite steht eine andere Entscheidung.
Die Entscheidung, ein Kind zur Adoption freizugeben.
Und auch das ist etwas, das man nicht einfach bewerten kann.
Zwei Seiten.
Zwei Wege.
Und irgendwo dazwischen…entsteht ein Leben. Ein Leben mit einer eigenen Geschichte. Mit Gefühlen. Mit Fragen.Und vielleicht auch mit Dingen, die sich erst viel später zeigen.


Meine Vorstellung davon
Ich hatte früher oft einen Gedanken. Vielleicht kennst du ihn. Vielleicht auch nicht. Ich habe mir vorgestellt, dass Babys sich ihre Eltern aussuchen. Noch bevor sie geboren werden. Dass sie irgendwo sind… und entscheiden: Da möchte ich hin. Zu diesen Menschen. Zu diesem Leben. Und dann… gab es vielleicht bei mir einen kleinen Systemfehler. Ein Umweg. Und eine zweite Chance. Eine neue Entscheidung. Ein anderer Weg. Und genau dieser Gedanke hat mir irgendwie geholfen. Nicht alles erklären zu müssen. Sondern einfach anzunehmen: Mein Weg war vielleicht anders. Aber nicht falsch. Vielleicht hast du auch so einen Gedanken. Eine eigene Art, dir Dinge zu erklären. Etwas, das dir hilft, mit dem Unklaren umzugehen. Und vielleicht ist genau das wichtig. Nicht immer die perfekte Antwort zu haben. Sondern etwas zu finden, das sich für dich stimmig anfühlt.


Wenn alles gut ist und trotzdem etwas bleibt
Ich hatte ein gutes Zuhause. Hatte sage ich deshalb, weil ich nicht mehr bei meinen Eltern lebe, sondern mein eigenes Zuhause habe. Aber es wird immer mein Zuhause bleiben.
Liebe.
Geborgenheit.
Struktur.
Alles, was man sich für ein Kind wünscht. Und trotzdem… gab es da manchmal Gefühle. Leise. Unauffällig. Aber da. Und genau das war lange schwer zu verstehen. Denn wie passt das zusammen? Wie kann man dankbar sein und trotzdem Fragen haben? Wie kann man sagen: „Ich hatte eine schöne Kindheit“ und gleichzeitig spüren, dass da noch etwas anderes ist? Etwas, das man nicht benennen kann.
Vielleicht eine Lücke.
Vielleicht eine Unsicherheit.
Vielleicht einfach nur ein Gefühl von „anders“.
Und das Verrückte ist: Man spricht nicht darüber. Vielleicht, weil man denkt: Ich darf das nicht fühlen. Es ist doch alles gut. Vielleicht kennst du genau diesen Gedanken. Dieses innere Zurückhalten. Dieses Gefühl, dass bestimmte Emotionen keinen Platz haben. Weil sie „nicht passen“. Weil sie nicht logisch sind. Oder weil du niemanden verletzen möchtest. Und so bleiben sie… leise. Im Hintergrund. Darf ich das überhaupt fühlen? Das ist eine der wichtigsten Fragen. Und vielleicht auch eine der schwersten.
Darf ich zweifeln?
Darf ich traurig sein?
Darf ich Fragen haben?
Auch wenn ich ein gutes Leben habe?
Auch wenn meine Eltern alles richtig gemacht haben?
Vielleicht stellst du dir diese Fragen auch.
Vielleicht nicht bewusst. Aber irgendwo tief in dir. Die Antwort ist: Ja. Du darfst. Denn Gefühle sind nicht logisch. Sie lassen sich nicht einfach abschalten, nur weil man weiß, dass „alles gut ist“. Und genau das habe ich erst mit der Zeit verstanden. Dass beides gleichzeitig da sein darf. Dankbarkeit. Und Fragen. Liebe. Und Unsicherheit. Zugehörigkeit. Und manchmal auch das Gefühl, sie suchen zu müssen. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem etwas leichter wird. Wenn man aufhört, gegen seine eigenen Gefühle zu kämpfen. Und stattdessen beginnt, sie einfach da sein zu lassen.


Ein kleiner Blick zu dir
Ich möchte dich an dieser Stelle kurz mitnehmen. Nicht in meine Geschichte. Sondern in deine. Wenn du ehrlich bist: Gibt es in deinem Leben etwas, das du fühlst… aber nicht erklären kannst? Etwas, das einfach da ist? Vielleicht schon lange? Und vielleicht hast du es immer wieder weggeschoben. Weil es nicht greifbar ist. Weil es keine klare Antwort gibt. Oder weil du dachtest, es sollte nicht da sein. Und was wäre, wenn du diesem Gefühl einfach mal Raum gibst? Nicht, um es sofort zu verstehen. Sondern einfach, um es wahrzunehmen. Ohne Bewertung. Ohne Druck. Vielleicht verändert genau das schon etwas.


Warum ich darüber schreibe
Ich schreibe das nicht, weil ich etwas aufarbeiten muss. Das habe ich getan. Ich schreibe das, weil ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin. Dass es da draußen Menschen gibt, die ähnliche Gedanken haben. Ähnliche Gefühle. Und vielleicht sitzen sie da und denken: Warum fühle ich das?
Oder: Stimmt etwas nicht mit mir? Nein. Es stimmt alles mit dir. Vielleicht hattest du nur nie die Möglichkeit, darüber zu sprechen. Oder es für dich einzuordnen. Denn nicht jeder bekommt die Chance, seine Gefühle so aufzuarbeiten, wie ich es durfte. Und genau deshalb schreibe ich. Nicht, um Antworten zu geben. Sondern um Raum zu schaffen.
Für Gedanken.
Für Gefühle.
Für alles, was da ist.
Und vielleicht auch für dich.


Ein Anfang
Das hier ist kein kompletter Blick auf alles. Es ist ein Anfang..Ein leiser Einstieg in ein Thema, das viele Seiten hat. Und vielleicht erkennst du dich in manchen Zeilen wieder. Vielleicht auch nicht. Beides ist in Ordnung. Denn jeder Weg ist anders. Jede Geschichte ist anders. Aber vielleicht gibt es irgendwo eine Verbindung.
Ein Gefühl.
Ein Gedanke.
Und wenn genau das passiert….Dann hat dieser Text seinen Sinn erfüllt.
Und während du diese Worte vielleicht noch einen Moment nachklingen lässt, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz ruhig am Rand deiner Gedanken, schaut dich an und flüstert leise:
„Nicht alles, was du fühlst, muss erklärt werden – manches darf einfach da sein.“

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Teil 2: Zwischen der Freude der Eltern und dem Unterbewusstsein das mehr weiß

Zwischen Herkunft und Gefühl

Ein Thema, das mehr ist als eine Geschichte.

Was ist, wenn du etwas erlebt hast, woran du dich nicht erinnern kannst… aber dein Unterbewusstsein schon? Was ist, wenn dich genau dieses Erlebnis begleitet… leise, unsichtbar, und trotzdem spürbar? Was ist, wenn es dich verändert hat… ohne dass du weißt, warum? Was ist, wenn du Ängste entwickelst, die du nicht einordnen kannst? Und was ist, wenn du dich manchmal fragst: Warum fällt mir manches schwer, was für andere ganz selbstverständlich scheint? Warum kann ich Freundschaften nicht halten? Warum habe ich diese tiefe Angst, Menschen zu verlieren? Vielleicht kennst du solche Gedanken. Vielleicht auch nicht. Aber vielleicht hast du dieses Gefühl schon einmal gespürt: Dass etwas da ist….ohne dass du genau sagen kannst, was es ist.


Dinge, die man nicht sieht

Es gibt Erlebnisse im Leben, die wir bewusst wahrnehmen. Wir erinnern uns an sie.
An Situationen.
An Gespräche.
An Entscheidungen.
Und dann gibt es die anderen. Die, an die wir uns nicht erinnern. Nicht, weil sie unwichtig waren. Sondern weil wir zu klein waren. Zu jung. Und trotzdem… sind sie da. Nicht im Kopf. Aber im Gefühl. Im Verhalten. In Reaktionen, die wir uns manchmal selbst nicht erklären können. Und genau hier beginnt ein Thema, über das ich schreiben möchte. Ein Thema, das mich mein ganzes Leben begleitet hat. Meine Adoption.

Mehr als nur eine Geschichte

Adoption ist für viele ein schönes Wort. Ein Kind bekommt ein Zuhause.
Eine Familie.
Liebe.
Und das stimmt. Aber es ist nicht die ganze Geschichte. Denn Adoption betrifft mehr als einen Moment. Mehr als eine Entscheidung.
Sie betrifft:
das Kind
die Eltern
die Herkunft
die Zukunft

Und vor allem: Sie betrifft Gefühle. Viele davon sind sichtbar. Aber viele sind es nicht.

Wenn Gefühle keinen Namen haben

Vielleicht hast du schon einmal etwas gefühlt, ohne zu wissen, woher es kommt. Eine Unsicherheit. Eine Angst. Ein Gedanke, der sich immer wieder zeigt. Und du hast versucht, ihn zu verstehen. Hast dich gefragt: Warum bin ich so? Warum reagiere ich so? Warum fällt mir manches schwer? Und vielleicht hast du keine Antwort gefunden. Nicht, weil es keine gibt. Sondern weil sie tiefer liegt. Dort, wo Erinnerungen nicht bewusst gespeichert sind. Aber Gefühle.


Zwischen Verstehen und Fühlen
Ich schreibe diesen Artikel nicht, um dir etwas zu erklären. Ich schreibe ihn,
weil ich etwas teilen möchte. Etwas, das ich selbst erlebt habe. Vielleicht um dir zu helfen, deine Gefühle besser zu verstehen, wenn es dir genauso geht. Oder vielleicht hast du es gar nicht selbst erlebt und kennst jemanden. Nicht perfekt. Nicht vollständig. Aber ehrlich. Denn ich habe gelernt: Nicht alles, was wir fühlen, entsteht im Hier und Jetzt. Manches entsteht viel früher. Und bleibt. Auch wenn wir es nicht greifen können.

Eine Einladung

Wenn du das hier liest, dann vielleicht, weil dich dieses Thema interessiert. Vielleicht, weil du selbst betroffen bist. Oder weil du jemanden kennst. Oder einfach, weil dich diese Gedanken berühren.
Egal, warum du hier bist: Du bist richtig. Ich nehme dich mit. Nicht in eine perfekte Geschichte. Sondern in eine echte. Mit Gedanken, die nicht immer leicht sind. Mit Gefühlen, die nicht immer logisch sind. Aber vielleicht… mit Momenten, in denen du dich wiedererkennst.

Was dich erwartet

Diese Reihe besteht aus mehreren Teilen. Nicht, weil ich viel erzählen möchte. Sondern weil dieses Thema Zeit braucht.
Raum.
Und unterschiedliche Perspektiven. Ich werde schreiben über:
das, was bleibt, auch wenn man es nicht sieht
Gefühle, die man nicht erklären kann
Gedanken, die sich erst später einordnen lassen
und darüber, wie sich all das anfühlt
Nicht als Wahrheit. Sondern als Erfahrung. Meine. Und vielleicht… auch ein Stück deine.


Und jetzt du

Bevor du weiterliest, möchte ich dir eine Frage stellen:
Gibt es etwas in deinem Leben, das du fühlst… aber nicht erklären kannst?

Etwas, das dich begleitet, ohne dass du genau weißt, warum? Wenn ja… dann bist du nicht allein.
Und vielleicht hilft dir das, was jetzt kommt.
Nicht, um alles zu verstehen. Aber um dich selbst ein Stück besser zu fühlen.

Ein leiser Anfang

Das hier ist kein Abschluss. Es ist ein Anfang. Ein Einstieg in etwas, das oft unausgesprochen bleibt. Und vielleicht ist genau das der erste Schritt: Darüber zu sprechen. Nicht laut. Aber ehrlich.
Und während du diese Zeilen liest und vielleicht beginnst, dich selbst ein Stück anders zu betrachten, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz still am Rand deiner Gedanken, hört zu, nickt leise und flüstert: „Manchmal versteht dein Herz Dinge, lange bevor dein Kopf sie greifen kann.“

Der erste Schritt
Vielleicht hast du beim Lesen gemerkt, dass manche Gedanken nachklingen. Dass da etwas ist, das sich nicht sofort greifen lässt, aber trotzdem da bleibt. Und genau so beginnt auch meine Geschichte. Nicht laut. Nicht mit einem großen Ereignis. Sondern leise. Mit einem Gefühl, das schon lange da war, bevor ich es verstehen konnte. Bevor ich überhaupt wusste, was Adoption wirklich bedeutet. Denn manchmal beginnt eine Geschichte nicht mit dem, was man weiß. Sondern mit dem, was man fühlt. Und genau dort nehme ich dich jetzt mit hin. In den ersten Teil. In ein Thema, das mich schon immer begleitet hat, auch dann, wenn ich es noch nicht benennen konnte.


Teil 1: Ein Thema, das bleibt👇 https://wichtelwechseljahre.blog/2026/04/21/teil-1-ein-thema-das-bleibt/

Macht Luxus wirklich glücklich?

Neulich habe ich eine interessante Doku gesehen. Es ging um Luxus. Um Wohnungen in New York. Diese Art von Wohnungen, bei denen man schon beim Zuschauen merkt: Das ist eine andere Welt.
Groß.
Hell.
Perfekt eingerichtet. Mit Ausblicken, die einem fast den Atem nehmen. Und während ich das so gesehen habe, kam mir ein Gedanke: Wäre das überhaupt etwas für mich? Und ich habe gemerkt: Ich kann diese Frage gar nicht richtig beantworten. Denn wie soll man wissen, wie sich etwas anfühlt, das man nie erlebt hat? Man kennt ja nur sein eigenes Leben. Seinen eigenen Alltag. Seine eigene Realität. Und trotzdem saß ich da und habe mich gefragt:


Was ist eigentlich Luxus?
Und vor allem: Macht er wirklich glücklich? Mein erster Gedanke Ich würde von mir sagen: Luxus ist mir nicht wichtig. Und gleichzeitig merke ich: Ganz stimmt das nicht. Denn mir ist etwas anderes wichtig: Geld zu haben. Nicht im Sinne von „immer mehr“. Sondern im Sinne von: Sicherheit. Zu wissen: Wenn etwas ist, kann ich reagieren. Wenn etwas kaputt geht, kann ich es ersetzen. Wenn ich etwas brauche, kann ich es mir leisten. Ist das nicht auch schon Luxus? Gerade heute? In einer Zeit, in der alles teurer wird, in der viele rechnen müssen, in der „über den Monat kommen“ für manche schon eine Herausforderung ist? Vielleicht ist genau das schon Luxus. Nicht der Blick über die Skyline von New York. Sondern das Gefühl: Ich komme klar.


Welche Arten von Luxus gibt es?
Als ich weiter darüber nachgedacht habe, habe ich gemerkt: Luxus hat viele Gesichter. Und vielleicht ist genau das das Problem. Wir sehen oft nur eine Seite.


Äußerer Luxus
Das, was man sieht. Das, was glänzt. Das, was man zeigen kann.
Dinge kaufen
Besitz haben
„haben wollen“
Große Wohnungen. Teure Autos. Markenkleidung. All das, was nach außen sichtbar ist. Und ja… Das kann schön sein. Keine Frage. Aber ist es das, was uns wirklich erfüllt?


Innerer Luxus
Und dann gibt es da noch etwas anderes. Etwas, das man nicht kaufen kann.
Ruhe
Zeit
Natur
ein ehrliches Gespräch
ein Moment für dich


Das sind die Dinge, die nicht laut sind. Die nicht glänzen. Aber die bleiben. Und wenn ich ehrlich bin: Das ist die Art von Luxus, die ich wirklich brauche. Wann habe ich mich wirklich reich gefühlt? Das ist eine Frage, die ich mir gestellt habe. Und ich bin gedanklich mein Leben durchgegangen. Es gab Zeiten, da lief es gut..Und Zeiten, da lief es weniger gut. Höhen. Tiefen. So wie bei wahrscheinlich jedem. Und trotzdem: Wenn ich ganz ehrlich bin, gab es nie einen Moment, in dem ich mich durch einen Gegenstand wirklich reich gefühlt habe. Nicht durch etwas, das ich besitze. Sondern durch etwas, das ich erlebe. Ich fühle mich reich… wenn meine Tochter ihre Arme um meinen Hals legt. Dieser Moment. Dieses Gefühl. Diese Nähe. Das ist unbezahlbar. Kein Schmuck dieser Welt kann das ersetzen. Kein Geld. Kein Besitz.


Was wirklich bleibt
Manchmal denkt man, man braucht mehr. Mehr Dinge. Mehr Sicherheit. Mehr von allem. Und vielleicht stimmt das auch ein Stück weit. Aber irgendwann merkt man: Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen. Ein Zuhause, das sich wirklich wie eines anfühlt. Geborgenheit. Liebe. Nähe. Und dieses Gefühl: Du darfst so sein, wie du bist. Ohne dich zu verstellen. Ohne dich zu erklären. Einfach sein.


Das ist für mich Reichtum.
Die Welt da draußen Wenn ich mich umschaue, sehe ich: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Immer mehr Menschen haben sehr viel. Und andere kämpfen. Und irgendwo dazwischen stehen wir. Mit unseren Gedanken. Unseren Wünschen. Unseren Vorstellungen davon, wie ein gutes Leben aussieht. Und vielleicht vergleichen wir uns manchmal. Unbewusst. Sehen, was andere haben. Und fragen uns: Brauche ich das auch? Würde mich das glücklicher machen? Eine ehrliche Antwort. Ich glaube: Luxus kann glücklich machen. Kurzzeitig. Er kann Freude bringen. Ein gutes Gefühl. Aber ich glaube nicht, dass er erfüllt. Nicht auf Dauer. Denn echte Erfüllung kommt nicht von außen. Sie kommt von innen. Von dem, was wir fühlen. Von den Menschen, die wir lieben. Von den Momenten, die bleiben.

Und jetzt du
Was bedeutet Luxus für dich? Ist es etwas, das du besitzen kannst? Oder etwas, das du erlebst? Wann hast du dich das letzte Mal wirklich reich gefühlt? War es ein Kauf? Oder ein Moment? Vielleicht magst du dir diese Frage einmal ehrlich stellen. Ohne Druck. Ohne Bewertung. Einfach nur für dich.


Mein Fazit
Ich brauche nicht viel, um mich reich zu fühlen. Ich brauche keine Luxuswohnung in New York. Keinen perfekten Ausblick. Keinen Besitz, der mich definiert. Ich habe etwas anderes. Meine Zufriedenheit.Meinen inneren Reichtum. Und vielleicht ist genau das der größte Luxus von allen. Nicht das, was man zeigen kann. Sondern das, was man fühlt.


Und während ich darüber nachdenke, was wirklich bleibt und was am Ende zählt, sitzt vielleicht irgendwo ein kleiner Wichtel auf einer Fensterbank, schaut hinaus in eine Welt voller Glanz und Möglichkeiten, lächelt leise vor sich hin und denkt:
„Der wahre Reichtum ist nicht das, was du hast… sondern das, was dich erfüllt.“

Schön das du hier bist 🩶

Die Entscheidungen, die uns verändern

Beschreibe eine Entscheidung, die du in der Vergangenheit getroffen hast und die dir geholfen hat, zu lernen oder zu wachsen.

Das ganze Leben besteht aus Entscheidungen. Manche treffen wir spontan, andere wohlüberlegt. Einige fühlen sich im Moment richtig an und entpuppen sich später als Fehler, und wieder andere wirken zunächst unscheinbar, haben aber langfristig einen enormen Einfluss auf unser Leben.

Besonders in jungen Jahren neigt man dazu, Entscheidungen eher beiläufig zu treffen. Man denkt nicht lange darüber nach, lässt sich treiben und reagiert oft aus dem Moment heraus. Doch mit der Zeit verändert sich das. Mit zunehmendem Alter wächst auch das Bewusstsein dafür, dass jede Entscheidung eine Richtung vorgibt. Man beginnt, innezuhalten, abzuwägen und genauer hinzuschauen, bevor man handelt.

Eine meiner prägendsten Entscheidungen fiel während der Coronazeit. Diese Phase hat vieles sichtbar gemacht, was zuvor im Alltag untergegangen ist. Sie hat zum Nachdenken angeregt und mir geholfen, Gewohnheiten zu hinterfragen. Eine ganz bewusste Entscheidung war es, mich von klassischen Medien zu distanzieren. Ich habe meinen Fernsehkonsum stark reduziert und wähle heute gezielt aus, was ich mir anschaue, meist ruhige, entspannte Inhalte.

Diese Veränderung hat mehr bewirkt, als ich erwartet hätte. Ich fühle mich seitdem deutlich ausgeglichener und weniger belastet. Die ständige Reizüberflutung und negative Berichterstattung sind in den Hintergrund gerückt. Wenn ich mich über das Weltgeschehen informieren möchte, nutze ich andere, bewusst gewählte Quellen. Dadurch habe ich das Gefühl, besser zu steuern, was auf mich einwirkt.

Eine weitere wichtige Entscheidung war, mich von bestimmten Menschen zu distanzieren. Dabei geht es nicht darum, sich komplett von anderen abzuschotten, im Gegenteil. Familie, Freunde und auch der Kontakt zu Menschen im Alltag bleiben ein wichtiger Teil des Lebens. Vielmehr geht es darum, bewusst auszuwählen, mit welchen Energien man sich umgibt.

Ich habe angefangen, mich von Menschen fernzuhalten, die dauerhaft negativ sind, alles schlechtreden oder ständig Unzufriedenheit ausstrahlen. Auch von Situationen, in denen unnötige Konflikte oder belehrendes Verhalten dominieren, ziehe ich mich heute eher zurück. Diese bewusste Abgrenzung hat meinen Blick auf andere Menschen verändert. Ich gehe offener, ruhiger und positiver auf mein Umfeld zu und bekomme das oft auch zurück.

Rückblickend sind es genau solche Entscheidungen, die persönliches Wachstum ermöglichen. Sie zeigen, dass es nicht immer die großen, spektakulären Wendepunkte sind, die uns verändern, sondern oft die stillen, bewussten Anpassungen im Alltag.

Entscheidungen formen unser Leben. Und manchmal beginnt Wachstum genau dort, wo man den Mut hat, etwas loszulassen.

Orte, die mich nicht reizen und der eine, der alles überstrahlt

Welchen Ort auf der Welt möchtest du niemals besuchen? Warum?

Es gibt unzählige Orte auf dieser Welt, die darauf warten, entdeckt zu werden. Neue Kulturen, beeindruckende Landschaften und Geschichten, die über Jahrhunderte gewachsen sind, all das übt auf mich eine große Faszination aus (wahrscheinlich eher in einer guten Doku). Gerade deshalb fällt mir die Frage, welchen Ort ich niemals besuchen möchte, gar nicht so leicht. Denn grundsätzlich steckt in jedem Fleck dieser Erde etwas Spannendes. Und doch gibt es einige Arten von Reisezielen, die mich wenig bis gar nicht ansprechen.

An erster Stelle stehen für mich klassische All-Inclusive-Anlagen. Diese großen Resorts mit riesigen Pools, durchgetaktetem Unterhaltungsprogramm und einer Vielzahl an oft sehr lauten Gästen, insbesondere Familien mit Kindern, wirken auf mich eher abschreckend als einladend. Die Vorstellung, meinen Urlaub in einer abgeschlossenen Anlage zu verbringen, fernab von echter Kultur und ohne das Gefühl, ein Land wirklich kennenzulernen, erscheint mir wenig reizvoll. Für viele mag das Entspannung pur bedeuten, für mich fühlt es sich eher eintönig und künstlich an. Deshalb bleibe ich auch meistens in Deutschland.

Ein weiterer Punkt sind stark politisch geprägte Reiseziele. Orte, die vor allem durch ihre aktuelle politische Lage oder Konflikte im Fokus stehen, können historisch und gesellschaftlich unglaublich interessant sein. Dennoch würde mich ein Besuch aus genau diesem Grund eher zurückhalten. Reisen ist für mich eng mit Leichtigkeit, Offenheit und einer gewissen Unbeschwertheit verbunden, Aspekte, die in solchen Regionen oft schwer zu finden sind.

Hinzu kommt meine Abneigung gegen extreme Kälte. So faszinierend eisige Landschaften, verschneite Weiten oder die raue Schönheit polarer Regionen auch sein mögen, ich weiß, dass ich mich dort schlicht nicht wohlfühlen würde. Reisen soll für mich auch ein körperliches Wohlgefühl mit sich bringen, und das fällt mir bei eisigen Temperaturen schwer.

Doch genau diese Überlegungen machen mir gleichzeitig bewusst, was ich mir wirklich von einem Reiseziel wünsche. Und wenn ich an einen Ort denke, der all meine Sehnsüchte vereint, dann führt mich dieser Gedanke unweigerlich nach Schottland.

Schottland hat für mich etwas Magisches. Die raue, ungezähmte Natur, die weiten Highlands, geheimnisvolle Seen und eine Geschichte, die in jeder Burg und jedem Tal spürbar ist, all das übt eine enorme Anziehungskraft auf mich aus. Selbst das oft wechselhafte Wetter schreckt mich nicht ab, im Gegenteil: Regen, Nebel und Wind scheinen dort Teil der Atmosphäre zu sein und verleihen dem Land seinen ganz besonderen Charakter.

Während mich sterile Hotelanlagen, politische Spannungen oder eisige Kälte eher fernhalten, ist Schottland für mich der Inbegriff eines Reiseziels, das Abenteuer, Geschichte und Natur miteinander verbindet. Ein Ort, an dem man nicht nur etwas sieht, sondern etwas fühlt.

Und vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: Nicht jeder Ort muss uns gefallen, aber der richtige Ort kann uns vollkommen in seinen Bann ziehen.

Periode, Aufklärung und 30 Jahre Unterschied

Periode und Aufklärung. Ein Thema, das uns aktuell begleitet. Und ehrlich gesagt: Es ist spannend. Nicht nur, weil es um den Körper geht. Sondern weil es zeigt, wie unterschiedlich zwei Generationen aufwachsen können.
Meine Tochter und ich. 30 Jahre auseinander. Und gefühlt… manchmal Welten.


Früher oder: „Das kam halt einfach“
Bei uns wurde damals nicht viel darüber gesprochen. Eigentlich… gar nicht. Sexualkunde? Fehlanzeige. Aufklärung zu Hause? Auch nicht wirklich. Ich weiß gar nicht, ob es ein Tabu war. Oder ob man einfach dachte: „Das ergibt sich schon.“
Als ich ungefähr zehn war, haben meine Eltern mir die Bravo gekauft. Wahrscheinlich, weil sie dachten: „Da sind schöne Poster drin.“ Und ja… die habe ich natürlich auch aufgehängt. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht darüber nachgedacht haben, dass es da noch etwas anderes gab. Das Dr. Sommer Team. Und plötzlich waren da Fragen. Antworten. Themen, über die man sonst nicht gesprochen hat. Zu Hause jedenfalls nicht. Und dann gab es diesen einen Moment in der Schule. Pause. Ich hatte meine Bravo dabei. Und die Jungs? Die fanden das unglaublich witzig. Sie haben die Seite vom Dr. Sommer Team aufgeschlagen und mitten auf den Tisch gelegt. Großartig. Meine Klassenlehrerin fand das weniger witzig. Ich kassierte einen ordentlichen Anschiss. Und ich stand da und dachte mir: „Okay… also das ist wohl falsch.“ Und genau so hat sich das angefühlt. Nicht wie Aufklärung. Sondern wie etwas, das man lieber nicht zeigt. Nicht anspricht. Nicht lebt.


Mein erster Moment
Meine erste Periode bekam ich mit elf. In der Stadt. Beim Shoppen. Mit meiner Mutter. Und dann passierte es. Ohne Vorwarnung. Ohne Gespräch vorher. Einfach da. Und ich? Ich war mir ziemlich sicher: Das war’s jetzt. Ich sterbe. Wirklich. Ich hatte keine Ahnung, was da passiert. Keinen Bezug. Keine Erklärung. Nur dieses Gefühl: Hier stimmt gerade irgendwas ganz gewaltig nicht. Naja… Ich habe es überlebt. Und schreibe heute diesen Artikel. War halt so. Und wenn ich heute darüber nachdenke, frage ich mich: War das gut? Vielleicht. Weil wir uns weniger Gedanken gemacht haben. Kein „Was ist wenn“. Kein „Wie wird das sein“. Es kam einfach. Und wir mussten damit klarkommen. Nicht vorbereitet. Aber irgendwie… unvoreingenommen.


Heute oder: „Mama, was ist eigentlich eine Periode?“
Und dann kam meine Tochter. Als sie Zehn Jahre alt war. Und stellt mir diese eine Frage: „Mama, was ist eigentlich eine Periode?“ Und ich denke mir: Okay. Jetzt bist du dran. Also habe ich es ihr erklärt. Ganz normal. Ganz ruhig. Und was passiert? Sie bricht in Tränen aus, schreit und weint und weiß nicht mehr wohin mit sich. „Ich will kein Mädchen mehr sein.“, war ihre Reaktion. Zack. Gespräch beendet. Jeder weitere Versuch? Gescheitert. Also habe ich das gemacht, was man in solchen Momenten manchmal macht: Tot schweigen. Nicht, weil es richtig ist. Sondern weil es gerade nicht anders geht.


Und dann kommt die Schule
Kurz danach: Sexualkunde. In der 4. Klasse. Vierte Klasse. Die können noch nicht mal richtig Mathe… aber Sexualkunde. Ich saß da und dachte: „Ernsthaft jetzt?“ Aber gut. Zack. Alles, was wir zu Hause hatten, diese niedlichen Bücher wie „Mami hat ein Ei gelegt“… …war plötzlich überholt. Hier wurde nichts mehr verniedlicht. Hier wurde erklärt. Und zwar richtig. Mit Bildern. Mit Begriffen. Mit allem, was dazugehört. Und meine Tochter? Wusste plötzlich Bescheid. Also richtig. Und ich dachte mir nur: „Okay… da muss ich jetzt wohl durch.“ Denn es blieb ja nicht nur beim Wissen. Es wurde getestet. Ein Test. Über Geschlechtsteile. Auswendig lernen. Und ich musste unweigerlich an meine Klassenlehrerin denken. Die gleiche Generation. Die mich damals für die Bravo „zurechtgewiesen“ hat. Und jetzt? Wird das alles ganz offiziell abgefragt. Schon verrückt, oder?


Loslassen, ein ganz eigenes Thema
Und dann ist da noch etwas. Ein Thema, das leise mitschwingt. Loslassen. Denn mein Exemplar…guckt jetzt auch schon nach Jungs. Darf sie auch. Nach dem Motto: „Nur gucken, nicht anfassen.“ Und ganz ehrlich? Die Jungs, die sie sich ausgesucht hat… sehen alle gleich aus. Diese Dauerwellen-Frisuren. Wie kleine, niedliche Alpakas. Irgendwie süß. Aber wirklich: Alle gleich. Hat aber auch Vorteile. Muss man sich nicht entscheiden. Sinkt halt der Marktwert. (Man muss ja auch mal realistisch bleiben.) Und ich denke mir:
Wie war das eigentlich bei uns? Ach ja.
Die Jungs damals… Sind schwarz gefahren. Haben an einer Simson geschraubt. Und rochen nach Motoröl. Ach herrje. Wie sich die Zeiten ändern.


Selbstbewusstsein oder: Das, was ich anders machen will
Wenn ich ehrlich bin: Ich hatte das damals nicht. Selbstbewusstsein. Meine Grenzen? Kannte ich gar nicht. Ich habe funktioniert. Mehr nicht. Und genau das möchte ich anders machen. Wenn meine Tochter mich heute fragt: „Muss ich beim Training mitmachen?“ Dann sage ich: Ja. Ganz bewusst. Nicht, weil ich sie zwingen will. Sondern weil ich möchte, dass sie etwas lernt. Und ich sage ihr: „Du musst deine eigenen Grenzen kennenlernen. Du musst selbst wissen, wie weit du gehen kannst.“ Denn das konnte ich damals nicht. Und vielleicht ist genau das der Unterschied. Nicht nur in der Aufklärung. Sondern im Umgang mit sich selbst. Und jetzt du Wie war das bei dir?
Wurde bei dir darüber gesprochen?
Wusstest du, was passiert?
Oder kam es einfach?
Und wie machst du es heute? Mit deinen Kindern? Redest du darüber? Oder merkst du, dass es dir manchmal selbst schwerfällt? Denn egal, wie offen wir heute sind: Es bleibt ein sensibles Thema. Ein persönliches Thema. Ein Thema, das mehr ist als nur Biologie. Ein kleiner Gedanke zum Schluss Vielleicht geht es gar nicht darum, alles perfekt zu erklären. Vielleicht geht es darum, da zu sein. Fragen zuzulassen. Und auch auszuhalten, wenn es mal unangenehm wird. Denn genau darin liegt Verbindung. Zwischen Generationen. Zwischen Mutter und Tochter. Zwischen früher und heute.

Und während ich so darüber nachdenke, wie unterschiedlich unsere Wege waren und wie ähnlich sie sich doch manchmal anfühlen, sitzt vielleicht irgendwo ein kleiner Wichtel am Rand eines Kinderzimmers, hört sich all diese Gespräche an, schmunzelt leise und denkt sich: „Früher hat man es einfach erlebt… heute versucht man es zu verstehen und irgendwo dazwischen wächst man zusammen.“

Schön das du hier bist 🩶

Die leisen Wendepunkte des Lebens

Beschreibe eine positive Sache, die ein Familienmitglied für dich getan hat.

Manchmal sind es keine großen Worte oder spektakulären Gesten, die unser Leben prägen. Oft sind es stille, tiefgreifende Momente, Entscheidungen oder Ereignisse, die im Hintergrund geschehen und doch alles verändern.
Wenn ich darüber nachdenke, welche positiven Dinge meine Familie für mich getan hat, fällt mir die Antwort gleichzeitig leicht und schwer. Leicht, weil es diese Momente gibt. Schwer, weil ihre Bedeutung so viel tiefer geht, als man es auf den ersten Blick ausdrücken kann.
Der erste dieser Wendepunkte liegt ganz am Anfang meines Lebens: meine Adoption. Meine Eltern haben sich entschieden, mich aufzunehmen und mir ein Zuhause zu geben. Diese Entscheidung war vermutlich die erste und wichtigste positive Tat, die mir je widerfahren ist. Sie hat meinem Leben eine Richtung gegeben, die ich selbst nie hätte beeinflussen können. Wenn ich darüber nachdenke, wie mein Weg sonst hätte verlaufen können, wird mir bewusst, wie viel Glück und Liebe in dieser Entscheidung lagen.
Der zweite große Wendepunkt kam viele Jahre später, mit der Geburt meiner Tochter. Es ist schwer zu beschreiben, was sich in diesem Moment verändert hat. Sie hat mein Leben nicht nur bereichert, sondern ihm eine neue Tiefe und Bedeutung gegeben. Durch sie habe ich Dinge anders gesehen, Prioritäten neu gesetzt und eine Form von Liebe kennengelernt, die alles übersteigt.
Es sind also zwei Momente, die mein Leben geprägt haben: der Moment, in dem ich aufgenommen wurde, und der Moment, in dem ich selbst jemandem das Leben schenken durfte. Beide sind auf ihre eigene Weise Geschenke, getragen von Familie, verbunden durch Liebe.
Vielleicht sind es genau diese Erfahrungen, die zeigen, dass die größten positiven Taten im Leben oft nicht laut sind. Sie sind leise, aber von einer Kraft, die ein ganzes Leben verändern kann.