Was ist eigentlich mit den jungen Leuten los? Oder: Warum seid ihr mit 22 schon so müde?

Ich frage mich das wirklich.
Was ist eigentlich mit den heutigen jungen Menschen los?


Und bevor jetzt jemand Schnappatmung bekommt: Nein, das wird kein „Früher war alles besser“-Artikel. War es nämlich nicht. Wir hatten fragwürdige Frisuren, Hüfthosen, die wirklich niemandem einen Gefallen getan haben, und mussten SMS mit 160 Zeichen schreiben.


Aber eine Sache beschäftigt mich.
Warum seid ihr alle so müde?
Bei uns sitzen morgens um sechs die Anfang-20-Jährigen bei der Übergabe.
Zumindest körperlich.
Ob die Seele bereits anwesend ist, kann ich nicht beurteilen.
Die Augen suchen wahrscheinlich noch den Weg zur Arbeit. Die Jalousien sind jedenfalls nur einen kleinen Spalt geöffnet. Das Gehirn hat offenbar vergessen, gemeinsam mit dem Körper aufzustehen.
Und ansprechen?
Schwierig.
Denn sie sind müde.
Nicht einfach müde.
MÜDE.
In einer Form, bei der du das Gefühl bekommst, Müdigkeit sei inzwischen ein eigenständiges Krankheitsbild.
So ein Zombieding.
Aber ich bin mutig.
Ich frage trotzdem:
„Was hast du denn die ganze Nacht gemacht?“
Und dann kommt die Antwort:
„Ich habe geschlafen.“
Geschlafen?!
Acht Stunden?
Und du bist jetzt so müde?
Das ist echt am Limit. 😂


Und genau dann möchte ich manchmal die Zeit ungefähr 20 Jahre zurückdrehen.
Ich mit 22.
Freitag.
Nach der Arbeit ging es nach Hause und erst einmal zwei bis drei Stunden Mittagsschlaf.
Wir waren ja nicht vollkommen lebensmüde.
Danach duschen, Haare, Klamotten und gegen 19 Uhr Treffen in der Cocktailbar.
Damals konnte man sich übrigens noch mehrere Cocktails bestellen, ohne vorher mit der Bank über einen Kleinkredit zu sprechen.
Bei uns hieß das Vorglühen.
Gegen 22 Uhr ging es weiter in die Diskothek des Vertrauens.
Und dann wurde getanzt.
Nicht eine Stunde.
Nicht bis Mitternacht.
Um vier Uhr morgens standen wir immer noch auf der Tanzfläche.
Um sechs war Feierabend.
Blöd nur, wenn anschließend die Arbeit wartete.
Also schnell nach Hause.
Duschen.
Denn damals durfte in Diskotheken noch geraucht werden und nach einer Nacht dort roch man ungefähr so, als hätte man persönlich in einem Aschenbecher übernachtet.
Frische Sachen an.
Und ab zur Arbeit.
Acht Stunden.
War ich müde?
Natürlich war ich müde!
Ich war ja nicht mit Duracell-Batterien ausgestattet.
Aber irgendwie ging es.
Nach Feierabend?
Mittagsschlaf.
Denn am Samstagabend wartete bereits Diskothek Nummer zwei.
Und Sonntag?
Sonntag war heilig.
Da wurde geschlafen.
Richtig.
Der Körper durfte kurz überprüfen, ob noch alle Organe vorhanden waren.
Und Montag ging das normale Leben wieder los.


Wenn ich heute daran denke, bekomme ich allein vom Schreiben Rückenschmerzen.
Heute würde ich wahrscheinlich nach dem Vorglühen sagen:
„Also, es war wirklich schön. Ich gehe jetzt nach Hause.“
Um 21:14 Uhr.
Aber ich bin schließlich im Ruhestand.
Zumindest was Partys angeht.


Und trotzdem frage ich mich:
Was ist in diesen 20 Jahren passiert?
Vielleicht sind junge Menschen heute tatsächlich nicht einfach „wehleidiger“.
Vielleicht ist ihre Welt schlicht eine andere.
Wir hatten mit 22 auch Stress. Arbeit, Ausbildung, Beziehungen, Geldsorgen und Zukunftsfragen gab es damals ebenfalls.
Aber wenn ich nach Hause gegangen bin, war vieles irgendwann vorbei.
Das Internet steckte noch nicht permanent in meiner Hosentasche.
Es gab nicht rund um die Uhr Nachrichten, Videos, Chats, Trends und Menschen, mit denen man sich vergleichen konnte.
Heute kann ein 22-jähriger Mensch acht Stunden im Bett gelegen haben und trotzdem nicht unbedingt acht Stunden erholsam geschlafen haben. Spätes Scrollen, ständige Erreichbarkeit, Schichtarbeit, Stress oder ein verschobener Schlafrhythmus können dabei eine Rolle spielen. Und wer trotz ausreichend Schlaf dauerhaft extrem müde ist, sollte das natürlich auch gesundheitlich abklären lassen.
Vielleicht ist also nicht alles Faulheit.
Vielleicht ist manches tatsächlich Erschöpfung.
Trotzdem muss ich manchmal schmunzeln.
Denn wenn mir morgens ein 22-Jähriger mit acht Stunden Schlaf erklärt, dass ich ihn vor dem ersten Kaffee besser nicht ansprechen soll, sitzt in meinem Kopf meine 22-jährige Version.
Mit Restalkohol.
Drei Stunden Schlaf.
Leichtem Diskonebel im Gehirn.
Und wahrscheinlich noch einem Stempel vom Vorabend auf der Hand.
Und sie schaut mich an und sagt:
„Acht Stunden? Damit hätte ich damals ein ganzes Wochenende überbrückt.“


Natürlich verklärt man die eigene Jugend auch ein bisschen.
Ich erinnere mich schließlich an die Nächte auf der Tanzfläche und nicht an jeden Montagmorgen, an dem ich wahrscheinlich ebenfalls aussah wie ein schlecht wiederbelebter Gartenzwerg.
Aber ich würde keinen dieser Tage zurücknehmen.
Diese Nächte gehören zu meiner Geschichte.
Die Cocktailbar.
Unsere Diskothek des Vertrauens.
Das Tanzen bis morgens.
Die vollkommen bescheuerte Idee, direkt danach arbeiten zu gehen.
Die Freunde.
Die Musik.
Das Gefühl, dass ein Wochenende unendlich lang sein kann.
Vielleicht muss die heutige Generation auch gar nicht genauso leben wie wir.
Ihre Geschichten werden andere sein.
Vielleicht sitzen sie in 20 Jahren da und fragen die nächste Generation:
„Was ist eigentlich mit euch los?“
Und ihre Kinder schauen sie genauso verständnislos an wie sie heute uns.
Das gehört wahrscheinlich dazu.
Jede Generation glaubt irgendwann, die nach ihr sei ein bisschen merkwürdig.
Und jede Generation vergisst dabei, dass sie selbst einmal die merkwürdige war.
Aber eine Bitte hätte ich trotzdem:
Wenn du 22 bist, acht Stunden geschlafen hast und morgens um sechs neben mir sitzt, dann darfst du müde sein.
Wirklich.
Aber ich muss dich trotzdem ansprechen.
Wir sind auf Arbeit.

Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel morgens um sechs mit einer winzigen Kaffeetasse bei der Übergabe, schaut erst zu dem müden 22-Jährigen und dann zu mir und murmelt:

„Vielleicht seid ihr gar nicht so verschieden. Du hast damals bis morgens getanzt, er war vielleicht bis nachts in seiner Welt unterwegs. Jede Generation wird auf ihre eigene Art müde. Aber bitte seid so freundlich und wacht wenigstens kurz auf, wenn jemand mit euch spricht. Den Rest klären wir nach dem ersten Kaffee.“

Schön das du hier bist 🩶

4 Kommentare zu „Was ist eigentlich mit den jungen Leuten los? Oder: Warum seid ihr mit 22 schon so müde?“

  1. Ich habe die gleichen Gedanken beim Umgang mit heutigen Praktikanten: Die werden jeden Morgen von der Mama angeliefert und auch abgeholt, damit sie den weiten Weg nicht selbst bewältigen müssen, selbstverständlich mit einem Essenspaket wie zur Himalayabesteigung. Sind natürlich müde. Ständig beschäftigt ihre Accounts abzuchecken. Und nicht imstande irgendetwas alleine zu realisieren.
    Ich bin im Nachhinein meinen Eltern und Ausbildern für manche Nichtunterstützung dankbar, denn so habe ich gelernt was inzwischen kaum jemand mehr kann und will: Probleme zu lösen.

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    1. Ich bin ja immer froh nicht alleine Augenrollend dazustehen😂

      Es ist doch echt komisch geworden. Und genauso sehe ich das auch. Wir mussten uns alleine durchs Leben beißen und dafür bin ich heute dankbar. Mein Arschtritt war das Leben selbst.

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      1. Ich habe immer den Eindruck dass heutige Eltern die meisten Tage als Servicezentrale ihrer Nachkommen verbringen. Ich war immer froh möglichst viel selbst hinzukriegen.

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      2. Das Versuche ich meinem Exemplar heute auch beizubringen. Regel das alleine. Es hilft niemanden wenn sie später erwachsen ist und nicht gelernt hat wie man Angelegenheiten regelt. Wie man seine Meinung vertritt. Oder wie man sich ein Brot für die Arbeit macht. Mutti macht das schon. Ja mit 12 aber nicht bis sie 60 ist😂

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