Du stehst nicht still, du reist gerade durch das Universum

Stell dir für einen Moment vor, du gehst heute Abend nach draußen.
Einfach nur vor die Tür.
Keine große Unternehmung. Keine Wanderschuhe. Kein Rucksack. Du musst nicht einmal sportlich sein, was mir persönlich bei Unternehmungen ohnehin immer sehr entgegenkommt.
Stell dich einfach hin.
Mit beiden Füßen auf die Erde.
Vielleicht ist es schon dunkel. Vielleicht siehst du den Mond und die ersten Sterne. Du spürst ein bisschen Wind auf deiner Haut und unter deinen Füßen festen Boden.
Alles fühlt sich ruhig an.
Und wahrscheinlich hast du das Gefühl, vollkommen stillzustehen.
Tust du aber nicht.
Nicht einmal annähernd.
Während du da so friedlich herumstehst, dreht sich die Erde unter deinen Füßen mit 1670km/h um ihre eigene Achse. Gleichzeitig bewegt sie sich mit 107.000km/h um die Sonne. Und auch unsere Sonne steht nicht still, sondern bewegt sich gemeinsam mit uns durch die Milchstraße mit 800.000km/h.
Das bedeutet:
Du reist gerade durch das Universum.
Jetzt.
In diesem Moment.
Auch während du diesen Artikel liest.
Vielleicht sitzt du auf dem Sofa und trinkst Kaffee. Vielleicht liegst du im Bett. Vielleicht sitzt du auf der Toilette. Das wäre zwar weniger poetisch, ändert aber nichts an der Tatsache.
Du reist durchs All.
Und merkst nichts davon.
Kein Fahrtwind.
Kein Wackeln.
Du musst dich nirgendwo festhalten.
Eigentlich vollkommen verrückt.
Und dann schauen wir nachts nach oben und sagen:
„Ich schaue ins Universum.“
Dabei schauen wir gar nicht von außen hinein.
Wir stehen längst mittendrin.
Das Universum beginnt nicht irgendwo hinter dem Mond.
Die Erde gehört dazu.
Das Meer.
Der Baum vor deinem Fenster.
Der Vogel darauf.
Die Luft, die du gerade einatmest.
Und du.
Sogar viele der Elemente, aus denen unser Körper besteht, haben eine Geschichte, die viel älter ist als die Erde. Elemente wurden im Inneren von Sternen gebildet und durch kosmische Prozesse ins All verteilt. Aus diesem Material entstanden später wieder Sterne, Planeten und irgendwann die Voraussetzungen für uns.
Dieser wunderschöne Satz …
„Wir sind Sternenstaub.“
… ist also gar nicht nur Poesie.
Und vielleicht berührt mich dieser Gedanke auch deshalb so sehr, weil ich jemanden zu Hause habe, dem ich ihn manchmal gerne direkt ins Herz legen würde.
Mein Exemplar.
Sie ist inzwischen in einem Alter, in dem man sich selbst plötzlich mit ganz anderen Augen betrachtet.
Und leider nicht immer mit besonders freundlichen.
Bin ich schön genug?
Bin ich gut genug?
Kann ich das überhaupt?
Warum kann die andere das besser?
Warum sehe ich nicht so aus?
Warum bin ich so?
Und manchmal sehe ich sie zweifeln.
An Dingen, bei denen ich sie anschaue und am liebsten sagen würde:
Wenn du dich doch einmal mit meinen Augen sehen könntest.
Vielleicht kennen das viele Eltern.
Du siehst diesen Menschen, den du liebst, und für dich ist vollkommen klar, wie wunderbar er ist.
Nicht, weil er perfekt ist.
Mein Exemplar ist nicht perfekt.
Zum Glück.
Ich übrigens auch nicht.
Wir wären vermutlich beide wahnsinnig anstrengend, wenn wir es wären.
Aber ich sehe ihre Art zu lachen. Ihre Gedanken. Ihren Humor. Ihre Ideen. Ihre Stärke. Ihre Unsicherheiten. Ihre kleinen Macken. Ich sehe, wie sie größer wird und versucht herauszufinden, wer sie eigentlich ist.
Und während ich all das sehe, sieht sie manchmal nur das, was vermeintlich nicht reicht.
Und ich denke:
Wie schade eigentlich.
Aber wahrscheinlich machen wir Erwachsenen genau dasselbe.
Wir stehen morgens vor dem Spiegel und entdecken innerhalb von drei Sekunden fünf Dinge, die uns nicht gefallen.
Wir vergleichen unser Leben mit dem anderer Menschen.
Unsere Wohnung.
Unseren Körper.
Unsere Kinder.
Unsere Arbeit.
Unsere Beziehungen.
Unsere Urlaube.
Unsere Erfolge.
Und dank Social Media können wir das inzwischen rund um die Uhr tun.
Früher musste man wenigstens noch irgendwo hingehen, um jemanden zu finden, dessen Leben scheinbar besser war als das eigene.
Heute reicht das Sofa.
Einmal wischen.
Und schon findest du jemanden mit schönerem Wohnzimmer, strafferem Bauch, glücklicherer Familie und selbst der Hund scheint emotional ausgeglichener zu sein als du.
Großartig.
Dabei vergessen wir etwas.
Wir vergleichen unser ganzes echtes Leben mit kleinen Ausschnitten aus dem Leben anderer.
Und irgendwann glauben wir tatsächlich, wir müssten irgendeine bestimmte Version von uns selbst werden, um wertvoll zu sein.
Genau deshalb würde ich mein Exemplar manchmal gerne an die Hand nehmen, mit ihr nach draußen gehen und sagen:
Schau nach oben.
Nicht, weil dort eine Antwort auf jede Frage steht.
Sondern weil sich manche Fragen plötzlich ein bisschen verändern.
Denn dort draußen sind Entfernungen, die unser Kopf kaum begreifen kann.
Sterne, deren Licht jahrelang, jahrhundertelang oder noch viel länger unterwegs war, bevor es unsere Augen erreicht.
Welten, die wir vermutlich niemals betreten werden.
Und irgendwo in dieser unglaublichen Weite befindet sich dieser kleine blaue Planet.
Unsere Erde.
Und darauf steht mein Exemplar und fragt sich vielleicht, ob ihre Haare heute richtig liegen.
Oder ob jemand in der Schule sie komisch findet.
Oder ob sie gut genug ist.
Und ich würde ihr gerne sagen:
Du musst nicht erst jemand anderes werden, damit dein Leben Bedeutung bekommt.
Du bist bereits hier.
Du bist ein Teil davon.
Genauso wie jeder andere Mensch.
Und genau deshalb schreibe ich diesen Artikel nicht nur für sie.
Ich schreibe ihn für jeden Menschen, der manchmal an sich zweifelt.
Für den Menschen, der morgens in den Spiegel schaut und zuerst seine Fehler sieht.
Für denjenigen, der glaubt, alle anderen hätten ihr Leben besser im Griff.
Für den Menschen, der denkt, er sei zu laut.
Zu leise.
Zu dick.
Zu dünn.
Zu empfindlich.
Zu anstrengend.
Zu unscheinbar.
Nicht erfolgreich genug.
Nicht mutig genug.
Nicht interessant genug.
Vielleicht sogar für den Menschen, der irgendwo sitzt und sich fragt, ob es überhaupt einen Unterschied macht, dass er da ist.
Ja.
Nicht, weil das Universum uns irgendeinen persönlichen Rang verleiht.
Und auch nicht, weil einer von uns wichtiger wäre als ein anderer.
Im Gegenteil.
Vielleicht liegt genau darin etwas Schönes:
Wir müssen nicht bedeutender als andere sein, um besonders zu sein.
Wir alle bekommen diesen kurzen Augenblick.
Wir alle tragen unsere eigene Geschichte durch dieses Universum.
Mit Erinnerungen.
Fehlern.
Träumen.
Ängsten.
Verrückten Ideen.
Und all diesen winzigen Momenten, von denen später vielleicht niemand außer uns selbst weiß.
Wir Menschen haben nur leider ein ziemlich ausgeklügeltes System entwickelt, um unseren Wert zu messen.
Follower.
Geld.
Aussehen.
Beruf.
Noten.
Haus.
Auto.
Kleidergröße.
Erfolg.
Und natürlich die alles entscheidende Frage:
Was denken die anderen über mich?
Das Universum interessiert das erstaunlich wenig.
Da entstehen Sterne, Galaxien bewegen sich durch unvorstellbare Weiten und Planeten ziehen seit Milliarden Jahren ihre Bahnen.
Und wir sitzen morgens um halb sieben am Küchentisch und denken:
Birgit hat mein Bild bei Instagram nicht geliked.

Vielleicht hilft manchmal ein bisschen Perspektive.
Nicht, weil unsere Probleme dadurch unwichtig werden.
Für uns sind sie real.
Eine schlechte Note kann ein Kind traurig machen.
Ein gemeiner Satz kann verletzen.
Liebeskummer tut weh.
Verlust tut weh.
Angst tut weh.
Und kein Sternenhimmel macht das einfach weg.
Aber vielleicht erinnert er uns daran, dass unser Wert nicht davon abhängt.
Eine schlechte Note macht dich nicht zu einem schlechten Menschen.
Ein Mensch, der dich nicht mag, macht dich nicht weniger liebenswert.
Ein Körper, der nicht irgendeinem Ideal entspricht, ist kein weniger wertvoller Körper.
Und ein Fehler nimmt dir nicht das Recht, stolz auf dich zu sein.
Vielleicht müssen wir unseren Kindern genau das viel häufiger sagen.
Und vielleicht auch uns selbst.
Denn während ich meinem Exemplar sage:
„Du bist gut, genauso wie du bist.“
muss ich aufpassen, dass ich nicht fünf Minuten später selbst vor dem Spiegel stehe und denke:
Meine Güte, was macht denn diese Falte da?
Kinder hören nämlich nicht nur unsere Worte.
Sie beobachten auch, wie wir mit uns selbst umgehen.
Vielleicht muss ich ihr deshalb nicht nur sagen, dass sie wertvoll ist.
Vielleicht muss ich ihr zeigen, dass man sich selbst freundlich behandeln darf.
Auch mit Fehlern.
Auch mit Zweifeln.
Auch an Tagen, an denen man sich überhaupt nicht besonders fühlt.
Denn besonders sein bedeutet nicht, jeden Raum zu betreten und alle Blicke auf sich zu ziehen.
Es bedeutet auch nicht, der Beste zu sein.
Vielleicht besteht unser Wert manchmal in viel leiseren Dingen.
Du kannst jemanden zum Lachen bringen.
Du kannst zuhören.
Du kannst einen Menschen trösten.
Du kannst Musik hören und Gänsehaut bekommen.
Du kannst barfuß durchs Gras laufen.
Den ersten Schnee beobachten.
Am Meer stehen.
Du kannst jemanden vermissen, weil dieser Mensch einen Platz in deinem Leben bekommen hat.
Und du kannst für andere Menschen etwas bedeuten, ohne jemals zu erfahren, wie viel.
Vielleicht erinnerst du dich selbst längst nicht mehr an einen Satz, den du irgendwann einmal gesagt hast.
Aber ein anderer Mensch tut es.
Vielleicht hast du jemanden angelächelt, der an diesem Tag dringend ein freundliches Gesicht gebraucht hat.
Vielleicht hat dein Kind später eine Erinnerung an dich, von der du heute überhaupt nicht weißt, dass sie gerade entsteht.
Vielleicht gibt es Menschen, deren Welt ein kleines bisschen anders wäre, wenn es dich nicht gäbe.
Wir suchen so häufig nach dem großen Sinn unseres Lebens.
Vielleicht besteht ein Teil davon aber auch einfach darin, dass wir überhaupt hier sein dürfen.
Für diesen winzigen Augenblick.
Denn gemessen an der Geschichte des Universums ist unser ganzes Leben kaum mehr als ein Wimpernschlag.
Aber es ist unser Wimpernschlag.
Und den möchte ich nicht damit verbringen, meinem Exemplar beizubringen, dass sie erst irgendetwas leisten, erreichen oder darstellen muss, damit sie genug ist.
Ich möchte, dass sie neugierig bleibt.
Dass sie Fehler macht.
Dass sie sich ausprobiert.
Dass sie auch mal auf die Nase fällt und irgendwann merkt:
Ich bin trotzdem noch ich.
Ich möchte, dass sie weiß, dass Zweifel dazugehören dürfen.
Selbstzweifel machen einen Menschen nicht schwach.
Aber sie sollten nicht die Stimme sein, die unser ganzes Leben erzählt.
Vielleicht verändert sich diese Stimme, wenn wir gelegentlich den Blick heben.
Weg vom Spiegel.
Weg vom Handy.
Weg von den anderen.
Hoch zu den Sternen.
Nicht um zu denken:
Wie unbedeutend bin ich eigentlich?
Sondern:
Wie unglaublich ist es bitte, dass ich überhaupt hier bin?
Dass ich für diesen kurzen Augenblick mitfahren darf.
Denn während Sterne geboren werden und Galaxien sich bewegen, stehen wir in unserer Küche und suchen die Brille.
Wir machen Hausaufgaben.
Wir streiten.
Wir versöhnen uns.
Wir kochen Abendessen.
Wir lachen.
Wir weinen.
Wir lieben.
Wir zweifeln.
Und am nächsten Morgen stehen wir wieder auf.
Das ganz Große und das vollkommen Alltägliche existieren gleichzeitig.
Und beides gehört zu diesem Universum.
Also werde ich irgendwann mit meinem Exemplar draußen stehen.
Vielleicht schaut sie mich an und denkt:
Mama, was wird das jetzt wieder?


Und ich werde trotzdem mit ihr nach oben schauen.
Vielleicht muss ich gar nicht viel sagen.
Vielleicht reicht irgendwann ein Satz:
„Weißt du eigentlich, wie unglaublich es ist, dass es dich gibt?“
Und diesen Satz möchte ich genauso an dich weitergeben.
An dich, wenn du gerade an dir zweifelst.
Wenn du glaubst, nicht genug zu sein.
Wenn du dich vergleichst.
Wenn du gerade nicht weißt, wohin du gehörst.
Geh irgendwann nach draußen.
Bleib kurz stehen.
Spüre den Boden unter deinen Füßen.
Schau nach oben.
Du stehst nicht einfach nur dort.
Du reist auf einem kleinen Planeten durch ein riesiges Universum.
Und mitten in dieser unglaublichen Weite gibt es dich.
Genau jetzt.
Mit deinen Gedanken.
Deinen Erinnerungen.
Deinem Lachen.
Deinen Macken.
Deinen Ängsten.
Deinen Träumen.
Deiner Geschichte.
Du musst nichts Außergewöhnliches leisten, um das Recht zu haben, dich selbst wichtig zu nehmen.
Vielleicht war das größte Wunder längst passiert, bevor du überhaupt angefangen hast, an dir zu zweifeln:
Du bist hier.
Und vielleicht sollten wir unseren Kindern und uns selbst, genau das viel öfter sagen.
Nicht:
Schau, wie klein du im Universum bist.
Sondern:
Schau, wie unglaublich es ist, dass du ein Teil davon bist.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel mit meinem Exemplar auf einer Wiese. Beide haben die Köpfe in den Nacken gelegt und schauen zu den Sternen. Nach einer Weile rückt der Wichtel seine Mütze zurecht und sagt ganz leise:

„Falls du irgendwann wieder glaubst, du wärst nicht genug, komm hierher und schau nach oben. Nicht damit du siehst, wie klein du bist, sondern damit du dich erinnerst, wie unglaublich es ist, dass es dich gibt. Du musst nicht schöner, lauter, erfolgreicher oder wie jemand anderes sein. Das Universum hat schon Sterne genug. Dich gibt es nur einmal.“

Schön das du hier bist 🩶

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