Wechseljahres-Wundertüte  Teil 5: Ich bin nicht schlecht gelaunt. Ihr atmet nur alle zu laut.

Jetzt wird es interessant.
Denn nachdem meine Wechseljahres-Wundertüte mir bereits Hitzewallungen, schmerzende Gelenke, Kribbeln und schlaflose Nächte angeboten hat, kommen wir zu einem Thema, das vermutlich auch mein Umfeld bestätigen könnte.
Meine Zündschnur.
Die war früher ziemlich lang.
Vor einigen Jahren konnte um mich herum einiges passieren und ich blieb erstaunlich entspannt. Ich habe gewartet. Ich habe Verständnis gehabt. Ich habe mir gedacht: Ach komm, reg dich nicht auf.
Heute?
Heute braucht man mich manchmal nur schief anzugucken.
Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich betonen:
Ich bin nicht schlecht gelaunt. Ihr atmet nur alle zu laut.
Neulich war ich in einem Vogelpark.
Eigentlich eine schöne Sache. Natur, Tiere, ein bisschen herumspazieren. Was soll da schon passieren?
Nun ja.
Die Kasse.
Viele Menschen standen davor und die Geschwindigkeit der Abfertigung bewegte sich ungefähr auf dem Niveau der Deutschen Bahn bei Schneefall.
Ich sah die Schlange.
Ich sah die Kasse.
Ich sah wieder die Schlange.
Und innerlich war der Vogelpark für mich eigentlich schon beendet.
Ich hatte keine Lust mehr.
Wir waren noch nicht einmal richtig drin.
Früher hätte ich wahrscheinlich gedacht: Ach, wir haben doch Zeit.
Heute denkt mein inneres Wechseljahreswesen:
Warum dauert das so lange? Was machen die da vorne? Werden die Eintrittskarten von Hand geklöppelt?
Irgendwann waren wir drin.
Schöne Vögel.
Alles gut.
Bis zum Essen.
Und zack.
Schlechte Laune.
So richtig schnell.
Nicht langsam aufbauend.
Nein.
Von null auf hundert.
Und warum soll ich damit eigentlich hinter dem Berg halten?
Man sieht es mir sowieso an.
Ich habe inzwischen nämlich eine erstaunliche Fähigkeit entwickelt:
Ich muss gar nichts mehr sagen. Mein Gesicht regelt das für mich.
Mein Augenrollen ist mittlerweile derart perfektioniert, dass es vermutlich als eigenständige Kommunikationsform anerkannt werden könnte.
Ein Blick reicht.
Mein Gegenüber weiß:
Wir sollten das Thema wechseln.
Oder den Raum.
Vielleicht sogar das Bundesland.
Diese kurze Zündschnur begegnet mir inzwischen bei Dingen, über die ich früher vermutlich nicht einmal nachgedacht hätte.
Jemand schmatzt neben mir.
Fertig.
Jemand kaut besonders engagiert.
Warum?
Jemand räumt minutenlang eine Plastiktüte aus.
Muss die so laut sein?
Und dann natürlich mein Exemplar.
Ich liebe dieses Kind wirklich von ganzem Herzen.
Aber dann kommt:
„Six seven.“
Und ich spüre, wie irgendwo in meinem Körper ein winziges Kabel durchbrennt.
Ich sage nichts.
Ich schaue nur.
Augen nach oben.
Fertig.
Mein Exemplar weiß Bescheid.
Manchmal denke ich, dass meine Augenmuskulatur durch die Wechseljahre inzwischen besser trainiert ist als der Rest meines Körpers.
Immerhin Sport.
Aber hinter dieser ganzen Situationskomik steckt tatsächlich etwas, das viele Frauen in den Wechseljahren kennen: Die Stimmung kann sich verändern. Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, innere Unruhe oder eine geringere Belastbarkeit können in dieser Lebensphase auftreten.
Die hormonellen Veränderungen können dabei eine Rolle spielen. Östrogen wirkt nicht nur auf unseren Zyklus, sondern steht auch mit Botenstoffsystemen im Gehirn in Verbindung, die unter anderem Stimmung und Wohlbefinden beeinflussen.
Und dann kommt noch etwas dazu, das wir in den vergangenen Teilen meiner Wundertüte schon kennengelernt haben:
Schlafmangel.
Wenn du nachts um drei Uhr wach bist, halb blind zur Toilette gelaufen bist, dein Fuß anschließend kribbelt und um sechs der Wecker klingelt, startest du möglicherweise nicht mit der emotionalen Belastbarkeit eines buddhistischen Mönchs in den Tag.
Dann reicht vielleicht tatsächlich jemand, der neben dir schmatzt.
Oder atmet.
Sehr laut.
Ich finde es aber wichtig, dass wir dabei nicht jedes Gefühl mit einem lachenden „Ach, die Hormone!“ wegwischen.
Denn Gefühle sind trotzdem echt.
Wenn mich etwas nervt, nervt es mich.
Vielleicht wäre meine Toleranzgrenze an einem anderen Tag größer gewesen – aber das macht mein Empfinden in diesem Moment nicht weniger real.
Und gleichzeitig muss natürlich auch mein Umfeld nicht alles ertragen, nur weil ich gerade in den Wechseljahren bin.
Das wäre ja praktisch.
„Entschuldigung, dass ich den Frühstückstisch umgeworfen habe. Östrogen.“
So funktioniert es leider nicht.
Vielleicht geht es vielmehr darum, sich selbst besser kennenzulernen.
Ich merke heute schneller, wann mir etwas zu viel wird.
Zu viele Menschen.
Zu viel Lärm.
Zu viel Warten.
Zu viele Reize.
Zu viel Six seven.
Und vielleicht ist meine kürzere Zündschnur manchmal auch ein Hinweis:
Ich brauche gerade Ruhe.
Denn Wechseljahre finden schließlich nicht in einem leeren Raum statt. Wir arbeiten, kümmern uns, organisieren, schlafen möglicherweise schlechter und sollen nebenbei ganz normal weiterfunktionieren.
Da darf die persönliche Toleranzgrenze gelegentlich die Größe einer Briefmarke haben.
Wichtig ist nur, hinzuschauen.
Wenn Stimmungstiefs, Ängste, starke Reizbarkeit oder andere psychische Veränderungen länger anhalten, sehr ausgeprägt sind oder den Alltag deutlich belasten, sollte man sich Unterstützung holen und nicht einfach alles den Wechseljahren zuschreiben.
Aber vielleicht hilft es einer Frau schon, diesen Artikel zu lesen und zu denken:
Ach guck. Ich bin gar nicht plötzlich ein schlechter Mensch. Mich nervt nur gerade alles.
Nein.
Du bist nicht allein.
Vielleicht brauchen wir heute einfach ein bisschen weniger Lärm.
Ein bisschen mehr Ruhe.
Und einen Menschen, der beim Essen bitte den Mund zumacht.
Willkommen bei Teil fünf meiner Wechseljahres-Wundertüte.
Heute enthalten:
Eine sehr kurze Zündschnur.
Perfektioniertes Augenrollen.
Und eine Toleranzgrenze in Briefmarkengröße.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf meiner Schulter, schaut vorsichtig zu meinem Exemplar, das gerade wieder „Six seven“ sagt, und flüstert:

„Manchmal bedeutet innere Ruhe nicht, dass uns plötzlich nichts mehr nervt. Vielleicht bedeutet sie auch, rechtzeitig zu merken, wann es uns zu viel wird. Dann dürfen wir Abstand nehmen, durchatmen und freundlich mit uns selbst sein. Und falls das heute nicht funktioniert, roll ruhig einmal mit den Augen. Manche Gefühle müssen schließlich irgendwo hin.“

Schön das du hier bist 🩶

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