Wenn Pflege eine Stimme bekommt

Vor einiger Zeit habe ich hier schon einmal darüber geschrieben, dass ich etwas gemacht habe, das für mich alles andere als selbstverständlich war.
Ich war Gast in einem Podcast.
Allein dieser Satz fühlt sich für mich immer noch ein bisschen merkwürdig an.
Ich.
In einem Podcast.
Mit meiner Stimme.
Wir hatten die Aufnahme gemacht, ich war aufgeregt, glücklich und anschließend natürlich neugierig darauf, wie das Ganze irgendwann klingen würde. Und nun ist dieser Moment tatsächlich da:
Der Podcast ist draußen.
Und dann sitzt du da und hörst plötzlich deine eigene Stimme.
Kennt ihr das?
Man spricht jeden Tag und denkt eigentlich, man wüsste ziemlich genau, wie man klingt. Bis man sich selbst aus einem Lautsprecher hört und kurz überlegt:
Wer ist diese Frau und warum redet die so?
Aber nach den ersten Minuten passierte etwas anderes.
Ich hörte nicht mehr nur meine Stimme.
Ich hörte das, worüber wir gesprochen hatten.
Pflege.
Menschen.
Unsere Erfahrungen.
Unsere Gedanken.
Und plötzlich war da dieses Gefühl:
Das ist wichtig.
Nicht, weil ausgerechnet ich etwas zu sagen habe, was noch nie jemand gesagt hat. Sondern weil ich glaube, dass viel mehr Menschen aus der Pflege erzählen sollten.
Menschen, die jeden Tag dort stehen.
Die wissen, wie Pflege wirklich aussieht.
Nicht auf einem Papier.
Nicht in irgendeiner Statistik.
Sondern morgens um sechs, wenn der Dienst beginnt.
Wenn ein Mensch Hilfe beim Waschen braucht.
Wenn jemand Angst hat.
Wenn jemand zum fünften Mal dieselbe Frage stellt.
Wenn eine Hand gehalten werden muss.
Wenn Angehörige verzweifelt sind.
Wenn eigentlich keine Zeit ist und man trotzdem versucht, sich diese zwei Minuten zu nehmen.
Warum geben wir diesen Menschen nicht viel öfter eine Stimme?
Was könnten wir vielleicht erreichen, wenn wir ihnen zuhören würden?
Denn wenn ich an die Zukunft der Pflege denke, macht mir manches inzwischen wirklich Sorgen.
Ich frage mich zum Beispiel:
Kann ich mir später überhaupt leisten, gepflegt zu werden?
Vielleicht kann ich mir irgendwann noch eine Einrichtung leisten.
Aber die Pflege?
Pflege kostet Geld. Sehr viel Geld. Hinter diesen Kosten stehen aber nicht nur Gebäude, Essen oder irgendwelche Zahlen auf einer Rechnung. Dort stehen Menschen.
Pflegekräfte müssen bezahlt werden.
Einrichtungen müssen wirtschaftlich arbeiten. Pflegeleistungen werden über ein kompliziertes System aus Pflegeversicherung, Eigenanteilen, Vergütungsvereinbarungen und weiteren Kosten finanziert. Und natürlich müssen am Ende die Einnahmen reichen, damit Personal bezahlt und gute Versorgung überhaupt möglich gemacht werden kann.
Aber während wir über Geld sprechen, dürfen wir etwas Entscheidendes nicht vergessen:
Pflege ist keine Ware.
Da liegt kein Gegenstand im Bett.
Da sitzt kein Kostenfaktor am Frühstückstisch.
Da lebt ein Mensch.
Ein Mensch mit einer Geschichte.
Mit Ängsten.
Mit Würde.
Mit Erinnerungen.
Vielleicht mit einer Demenz.
Vielleicht mit einem Körper, der plötzlich nicht mehr das kann, was früher selbstverständlich war.
Und genau deshalb beschäftigt mich eine Frage immer wieder:
Wo bleibt die Menschlichkeit zwischen all diesen Zahlen?
Natürlich brauchen wir gute Pflege.
Wir brauchen Fachwissen, Medikamente, Wundversorgung, Dokumentation, Hygiene und Strukturen.
Aber ein Mensch braucht manchmal etwas, das sich schwer in Minuten abrechnen lässt.
Jemanden, der sich kurz hinsetzt.
Eine Hand.
Ein Lächeln.
Einen kleinen Scherz.
Vielleicht die Geduld, eine Geschichte zum dritten Mal anzuhören, obwohl man sie längst kennt.
Das sind keine Nebensächlichkeiten.
Das ist Pflege.
Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass genau dieser Teil immer schwieriger wird, wenn alles wirtschaftlich funktionieren muss.
Dabei betrifft diese Diskussion nicht irgendeine fremde Generation.
Es geht um unsere Eltern.
Und irgendwann geht es um uns.
Vielleicht sollten wir deshalb viel früher anfangen, uns zu fragen:
Wie möchte ich eigentlich später leben?
Wie möchte ich behandelt werden, wenn ich meine Schuhe nicht mehr allein anziehen kann?
Wenn ich mich nicht mehr erinnern kann?
Wenn ich jemanden brauche, der mir beim Essen hilft?
Möchte ich dann, dass jemand nur seine Aufgaben abarbeitet?
Oder möchte ich, dass mich jemand noch als den Menschen sieht, der ich mein ganzes Leben lang gewesen bin?
Ich kenne meine Antwort.
Und ich glaube, die meisten von euch kennen ihre ebenfalls.
Genau deshalb war diese Podcast-Erfahrung für mich so besonders.
Ich durfte dort nicht nur sprechen.
Ich durfte einen wunderbaren Menschen kennenlernen, der Pflege sichtbar machen möchte.
Schwester Stephanie hat ein Projekt in die Welt gerufen, das ich von Herzen unterstützen möchte.
Denn vielleicht braucht Veränderung genau solche Menschen.
Menschen, die anfangen.
Die Fragen stellen.
Die zuhören.
Die anderen eine Stimme geben.
Und vielleicht braucht es dann noch viele weitere, die sagen:
Ich mache mit.
Ich teile meine Erfahrungen.
Ich höre zu.
Ich spreche darüber.
Denn alleine werden wir das Gesundheitswesen vermutlich nicht verändern.
Aber vielleicht unterschätzen wir manchmal, was passieren kann, wenn viele einzelne Stimmen irgendwann nicht mehr zu überhören sind.
Der Podcast ist nun veröffentlicht und ihr könnt ihn euch anhören. Den Link setze ich euch unter diesen Artikel.
Für mich war es etwas ganz Besonderes, meine eigene Stimme dort noch einmal zu hören.
Nicht weil ich mich plötzlich wahnsinnig gerne selbst reden höre.
Keine Sorge.
So weit sind wir noch nicht.
Sondern weil ich gemerkt habe, dass diese Stimme für etwas steht, das mir wichtig ist.
Für Pflege.
Für Menschlichkeit.
Für Menschen, die jeden Tag versuchen, beides miteinander zu verbinden.
Und vielleicht sollten wir uns nicht erst Gedanken darüber machen, wenn unsere Eltern Pflege brauchen oder wir selbst plötzlich darauf angewiesen sind.
Vielleicht sollten wir heute schon fragen:
Was können wir besser machen?
Wie viel ist uns gute Pflege wert?
Und wie schaffen wir es, dass zwischen Kosten, Personalschlüsseln, Dokumentationen und Reformen eines niemals verloren geht:
der Mensch?
Ich wünsche Schwester Stephanie sehr, dass ihr Projekt viele Menschen erreicht. Dass noch viele Pflegekräfte ihre Geschichten erzählen. Dass zugehört wird. Und dass aus einzelnen Stimmen irgendwann etwas Größeres entsteht.
Denn zusammen können wir vielleicht tatsächlich etwas bewirken.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf einem alten Radio, hält ein winziges Mikrofon mit beiden Händen fest und flüstert:

„Manchmal glauben wir, eine einzelne Stimme sei viel zu leise, um etwas zu verändern. Aber wenn einer beginnt zu sprechen und ein anderer den Mut bekommt, ebenfalls seine Stimme zu erheben, wird aus einem Flüstern irgendwann etwas, das niemand mehr überhören kann. Und vielleicht beginnt genau dort Veränderung.“

Schön das du hier bist 🩶

https://open.spotify.com/episode/3dxR1kNdKmCyO3ajMUO4ml?si=KY6-TaoqTtOdc1MA48HWgA&utm_source=copy-link

2 Kommentare zu „Wenn Pflege eine Stimme bekommt

  1. Solange allgemein akzeptiert wird dass Sozialwesen nach kapitalistischer Denkart geplant , betrieben und abgerechnet wird kann sich nichts verändern.
    Politiker vertreten heutzutage nicht das Volk sondern Kapitalgesellschaften und die eigene Macht- und Geldgier.
    Auf dieser Basis kann sich niemand für die Belange von Pflegekräften und Patienten interessieren.
    Das gesamte System krankt daran dass sich alles nur noch um Monetarisierung und Gewinnmaximierung dreht.

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    1. Da gebe ich dir in vielen Punkten recht. Genau darum ging es mir auch im Podcast und in meinem Artikel. Natürlich muss Pflege finanziert werden und Einrichtungen müssen wirtschaftlich arbeiten können. Aber für mich beginnt das Problem dort, wo der Mensch hinter all den Zahlen immer kleiner wird. Und wenn sich schon viel zu wenig für die Pflegekräfte interessiert wird, dann sollten uns wenigstens die Menschen interessieren, die am Ende dieses ganze System und seine wirtschaftlichen Interessen „befriedigen“ müssen. Denn hinter jeder Rechnung steht ein Mensch, der gepflegt werden muss, ein Mensch, der vielleicht sein ganzes Leben gearbeitet und in dieses System eingezahlt hat und nun darauf angewiesen ist, dass jemand für ihn da ist. Genau da frage ich mich: Wo bleibt die Menschlichkeit, wenn Geld und Wirtschaftlichkeit immer mehr bestimmen, wie viel Zeit und Zuwendung ein Mensch bekommen kann? Pflege darf niemals nur ein Geschäft sein. Es geht um Würde, Sicherheit, Nähe und darum, wie wir als Gesellschaft mit Menschen umgehen, wenn sie auf andere angewiesen sind. Denn irgendwann sind es nicht mehr „die Pflegebedürftigen“. Es sind unsere Eltern, unsere Partner oder wir selbst. Und spätestens dann werden Zahlen plötzlich zu Menschen.

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