Der Mann im Mond oder der Beweis, dass diese Generation nicht mehr zu retten ist

So.
Mein Exemplar hat mir gestern endgültig bewiesen, dass diese Generation nicht mehr zu retten ist.
Wir waren auf einer Hochzeit und fuhren später am Abend wieder nach Hause. Es war dunkel, die Straßen waren ruhig und über uns stand der Mond.
Groß.
Hell.
Und um ihn herum zogen diese wunderbaren Wolken, die im Mondlicht plötzlich aussehen, als würden sie zu irgendeiner anderen Welt gehören.
Ihr kennt das vielleicht.
Eigentlich ist es nur der Himmel. Man hat ihn schon tausendmal gesehen. Und trotzdem gibt es Abende, an denen man hinschaut und denkt:
Meine Güte, ist das schön.
Auch mein Exemplar beobachtete während der Fahrt immer wieder den Mond.
Ich war begeistert.
Da ist sie also doch!
Die Romantik!
Die Fantasie!
Das Kind ihrer Mutter!
Vielleicht musste sie nur zwölf Jahre alt werden, damit endlich meine Gene durchkommen.
Also sagte ich irgendwann:
„Guck mal, heute hat der Mond wieder dieses schöne Gesicht.“
Stille.
Dann kam von der Seite:
„Was für Gesicht?“ (Achtung Jugendsprache)
Bitte was?
„Na das Gesicht vom Mond.“
Wieder dieser Blick.
Dieser typische Teenagerblick, bei dem man innerhalb von drei Sekunden sämtliche Entscheidungen seines bisherigen Lebens infrage stellt.
„Hä?“
Wenn ein Satz mit „Hä?“ beginnt, weiß man als Mutter eigentlich schon, dass man sich auf schwieriges Gelände begibt.
Also erklärte ich:
„Na, der Mond hat doch ein Gesicht. Das sieht man doch. Da lebt der Mann im Mond.“
Nun sah sie mich an, als hätte ich gerade behauptet, unser Auto würde nachts heimlich mit anderen Autos sprechen.
„Jetzt bindest du mir aber einen Bären auf.“
Einen Bären aufbinden?!
Ich?
Ich war beinahe persönlich beleidigt.
Der Mann im Mond gehört für mich zur Grundausstattung einer Kindheit.
Den gab es einfach.
Natürlich wusste ich auch als Kind irgendwann, dass dort nicht tatsächlich ein kleiner Mann zwischen den Kratern sitzt, morgens seinen Briefkasten leert und sich darüber beschwert, dass schon wieder Astronauten über sein Grundstück laufen.
Aber darum geht es doch überhaupt nicht!
Es geht um Fantasie.
Man schaut zum Mond und sieht ein Gesicht.
Fertig.
Das wurde seit Generationen so gemacht.
Ich musste also handeln.
Wenn dieses Kind schon nicht an den Mann im Mond glaubt, musste die Geschichte offensichtlich ausgebaut werden.
Also sagte ich:
„Natürlich lebt dort jemand. Der Mann im Mond. Und er hat einen Leuchtturm.“
Mein Exemplar schaute mich an.
„Einen Leuchtturm?“
„Ja.“
Jetzt war ich drin.
Es gab kein Zurück mehr.
Natürlich hat der Mann im Mond einen Leuchtturm.
Eigentlich ergibt das sogar erstaunlich viel Sinn.
Wenn irgendwo ein Leuchtturm stehen sollte, dann doch wohl auf dem Mond.
Also stellte ich ihn mir sofort vor.
Einen alten, hohen Leuchtturm irgendwo am Rand eines großen Mondkraters. Oben dreht sich langsam ein warmes Licht. Darunter steht ein kleines Häuschen. Vielleicht gibt es einen Garten aus Mondsteinen. Und abends sitzt der Mann im Mond vor seiner Tür, trinkt Tee und schaut zur Erde hinüber.
Ich finde das wunderschön.
Mein Exemplar fand es besorgniserregend.
Sie schaute mich an, als müsste sie demnächst mit jemandem darüber sprechen, ob ihre Mutter noch allein geschäftsfähig sein darf.
Und in diesem Moment wurde mir wieder einmal bewusst:
Das ist mit Abstand eines der fantasielosesten Lebewesen, die ich kenne.
Wirklich.
Dieses Kind kann sich stundenlang irgendwelche Dinge auf dem Handy anschauen. Sie findet innerhalb von Millisekunden irgendwo eine 67. Sie versteht Snapchat-Flammen und Kommunikationsformen, bei denen Menschen sich gegenseitig schwarze Bilder mit einer Uhrzeit schicken.
Aber ich erzähle ihr von einem Mann, der in einem Leuchtturm auf dem Mond lebt, und plötzlich braucht sie wissenschaftliche Beweise.
Da hört es bei mir auf.
Was ist denn mit dieser Generation passiert?
Wir hatten früher den Mann im Mond.
Wir glaubten an die Zahnfee.
Wir schrieben dem Weihnachtsmann.
Wir wussten ganz genau, dass nachts Dinge passieren konnten, von denen Erwachsene keine Ahnung hatten.
Ein Baum konnte ein Zuhause für kleine Wesen sein.
Eine Höhle konnte einen geheimen Eingang haben.
Und wenn Nebel über einer Wiese lag, war vollkommen klar, dass dort irgendetwas Magisches passieren musste.
Natürlich wurden wir irgendwann erwachsen.
Wir haben gelernt, was Mondkrater sind.
Wir wissen, dass im Wald nicht hinter jedem Baum ein Wichtel wohnt.
Zumindest gibt es dafür bisher keine eindeutigen Beweise.
Aber müssen wir deshalb aufhören, ihn uns vorzustellen?
Ich finde nicht.
Vielleicht brauchen wir diese kleinen Fantasien sogar umso mehr, je älter wir werden.
Denn die echte Welt erklärt uns schon genug.
Wir wissen, warum es regnet.
Wir wissen, warum der Mond leuchtet.
Wir können innerhalb von Sekunden googeln, wie weit er von der Erde entfernt ist, wie seine Oberfläche aussieht und wann die nächste Mondfinsternis stattfindet.
Wissen ist wunderbar.
Aber Wissen und Fantasie müssen doch keine Feinde sein.
Ich kann wissen, dass auf dem Mond kein Mann in einem Leuchtturm sitzt.
Und trotzdem kann ich nachts nach oben schauen und mir vorstellen, wie dort gerade ein kleines Licht angeht.
Vielleicht ist das sogar einer der Gründe, warum ich meine kleinen Welten baue und Geschichten schreibe.
Ich möchte mir diesen Teil bewahren.
Den Teil, der nicht bei allem sofort fragt:
Ist das realistisch?
Manchmal möchte ich einfach sagen:
Nein.
Ist es nicht.
Aber es ist schön.
Und vielleicht ist das genug.
Mein Exemplar wird sich jedenfalls daran gewöhnen müssen.
Solange sie mit mir zusammenlebt, gibt es einen Mann im Mond.
Punkt.
Und ab gestern besitzt er offiziell einen Leuchtturm.
Ich überlege noch, ob er eine Katze hat.
Vielleicht eine silbergraue.
Oder eine kleine Maus.
Und vermutlich braucht er einen Namen.
Mein Exemplar würde an dieser Stelle wahrscheinlich wieder „Hä?“ sagen.
Aber irgendwann wird sie erwachsen sein.
Vielleicht fährt sie dann selbst nachts nach Hause. Über ihr steht ein heller Mond, darunter ziehen Wolken vorbei und für einen winzigen Moment wird sie dieses Gesicht sehen.
Und vielleicht denkt sie dann:
Meine Mutter hat behauptet, da oben lebt ein Mann in einem Leuchtturm.
Vielleicht muss sie lachen.
Und vielleicht schaut sie ein kleines bisschen länger hin.
Mehr möchte ich eigentlich gar nicht.
Denn Fantasie bedeutet nicht, dass wir die Wirklichkeit nicht verstehen.
Manchmal bedeutet Fantasie einfach, dass uns die Wirklichkeit allein ein bisschen zu wenig ist.


Und irgendwo, ganz weit oben, sitzt ein kleiner Wichtel auf der Treppe eines alten Leuchtturms, schaut gemeinsam mit dem Mann im Mond zur Erde hinunter und flüstert:

„Vielleicht werden unsere Augen irgendwann erwachsen. Aber unsere Fantasie muss es nicht werden. Solange du im Mond noch ein Gesicht, in einer Wolke eine Geschichte und in einem kleinen Licht ein bisschen Magie entdecken kannst, bleibt irgendwo in dir immer eine Tür offen.“

Schön das du hier bist 🩶

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