
Ich liege im Bett.
Es ist Samstag. Mitten am Tag.
Eigentlich muss ich heute noch zu einer Hochzeit. Es gäbe also durchaus Dinge zu tun. Fertigmachen. Haare. Klamotten. Alles, was man eben so macht, bevor man versucht, auf einer Hochzeit auszusehen, als hätte man sein Leben vollständig im Griff.
Mein Körper hat allerdings einen anderen Tagesordnungspunkt:
Liegen.
Einfach liegen.
Und ich glaube, meine Seele findet das gerade hervorragend.
Nun muss ich dazu sagen, dass ich Mittagsschlaf eigentlich überhaupt nicht mag. Ich habe ihn mein ganzes Leben vermieden. Wenn ich tagsüber schlafe, fühle ich mich danach manchmal, als wäre ich versehentlich im Jahr 2047 aufgewacht.
Wo bin ich?
Welcher Tag ist heute?
Warum ist es draußen noch hell?
Und abends liege ich dann selbstverständlich wach.
Deshalb: Mittagsschlaf und ich, schwierige Beziehung.
Und trotzdem merke ich inzwischen, dass sich etwas in mir darüber freut, wenn ich einfach einmal liegen bleibe.
Meine Seele.
Seele?
Was soll die denn jetzt damit zu tun haben?
Eigentlich ziemlich viel.
Denn ich frage mich schon länger, warum wir Menschen manchmal so unglaublich schlecht mit uns selbst umgehen.
Wir achten darauf, dass es anderen gut geht.
Wir fragen: „Alles in Ordnung bei dir?“
Wir hören zu.
Wir trösten.
Wir kümmern uns um unsere Kinder, unsere Eltern, unsere Freunde, unsere Partner, unsere Tiere.
Wenn vor uns ein Mensch weint, passiert etwas in uns. Wir sehen seinen Schmerz und möchten reagieren.
Wenn ein Tier verletzt vor uns liegt, empfinden wir Mitgefühl.
Aber was ist eigentlich mit uns?
Wer fragt unsere Seele:
„Geht es dir gerade gut?“
Vielleicht machen wir das so selten, weil wir sie nicht sehen können.
Was ist eine Seele überhaupt?
Schon bei dieser Frage wird es kompliziert.
Psychologisch sprechen wir eher über unsere Psyche, unser Erleben, unsere Gefühle, Gedanken, Stimmungen und inneren Vorgänge. Philosophie und Religion beschäftigen sich dagegen seit Jahrtausenden mit der Vorstellung einer Seele. In vielen religiösen Traditionen ist sie etwas, das über unseren Körper hinausgeht und nach dem Tod weiterbesteht.
Und die Wissenschaft?
Die kann unser Gehirn untersuchen. Sie kann Hirnaktivitäten messen, Hormone bestimmen und beobachten, was Stress mit unserem Körper macht.
Aber eine kleine Seele, die irgendwo zwischen Herz und linker Lunge sitzt und sagt:
„Entschuldigung, mir wird das hier gerade alles ein bisschen viel“, hat bisher niemand gefunden. Es gab sogar Versuche, herauszufinden, ob die Seele etwas wiegt oder den Körper beim Tod messbar verlässt. Einen verlässlichen wissenschaftlichen Nachweis dafür gibt es bis heute nicht.
Und vielleicht muss es den für meinen Gedanken auch gar nicht geben.
René Descartes beschäftigte sich bereits vor Jahrhunderten mit der Frage, was wir überhaupt sicher wissen können. Von ihm stammt der berühmte Gedanke:
„Ich denke, also bin ich.“
Er zweifelte an allem, woran man zweifeln konnte. Doch um zweifeln zu können, musste da etwas sein, das zweifelt.
Also etwas, das denkt.
Und genau an diesem Punkt wird es für mich spannend.
Denn unabhängig davon, ob wir Seele nun religiös, philosophisch oder psychologisch verstehen:
Da ist etwas in uns.
Etwas, das empfindet.
Etwas, das sich freut.
Etwas, das verletzt werden kann.
Etwas, das müde wird, obwohl unsere Beine eigentlich noch funktionieren.
Und vielleicht sollten wir diesem Etwas viel häufiger zuhören.
Ich habe meiner Seele deshalb irgendwann ein Bild gegeben.
Wenn ich die Augen schließe und sie mir vorstelle, lebt sie in einer kleinen Höhle irgendwo in meiner Brust.
Keine unheimliche Höhle.
Eine gemütliche.
Natürlich.
Meine Seele soll schließlich vernünftig wohnen.
Dort liegt ein weiches Kissen. Daneben brennt ein kleines warmes Licht, denn meine Seele mag keine Dunkelheit.
Vielleicht steht dort sogar eine winzige Tasse Tee.
Wenn ich etwas tue, das mir wirklich Freude macht, sitzt dieses kleine Wesen auf seinem Kissen und klatscht begeistert in die Hände.
Wenn ich bastle.
Wenn ich Geschichten schreibe.
Wenn ich mit meinem Exemplar über irgendeinen vollkommenen Unsinn lachen muss.
Wenn ich durch einen Wald gehe.
Wenn ich eine Entscheidung treffe und plötzlich merke:
Ja. Genau das fühlt sich richtig an.
Dann freut sich dieses kleine Wesen.
Ich kann es beinahe sehen.
Und dann gibt es die anderen Tage.
Die Tage, an denen ich an mir zweifle.
An denen ich traurig bin.
An denen ich mich selbst kritisiere.
An denen ich Dinge tue, obwohl in mir eigentlich längst alles „Nein“ ruft.
Dann sitzt meine Seele vielleicht nicht mehr mitten in ihrer kleinen Höhle.
Dann zieht sie sich zurück.
Vielleicht nimmt sie ihr Kissen mit und setzt sich ganz hinten in eine Ecke.
Und genau dieses Bild hat etwas in mir verändert.
Denn plötzlich behandle ich meine Gefühle nicht mehr wie einen lästigen Störfaktor.
Ich kann sie mir vorstellen.
Und etwas, das wir sehen können, selbst wenn es nur in unserer Fantasie existiert, behandeln wir manchmal ganz anders.
Probiert es einmal.
Schließt für einen Moment die Augen.
Wie sieht eure Seele aus?
Vielleicht ist sie gar kein kleines Wesen.
Vielleicht ist sie ein Kind.
Ein Tier.
Ein Licht.
Ein Vogel.
Vielleicht lebt sie in einem Garten, einem Haus, einem Wald oder am Meer.
Wie sieht es dort gerade aus?
Ist sie glücklich?
Ist sie erschöpft?
Sitzt sie irgendwo und wartet schon seit Wochen darauf, dass ihr endlich einmal vorbeikommt?
Und vor allem:
Was würde sie euch sagen, wenn sie sprechen könnte?
Vielleicht:
„Ich brauche Ruhe.“
Vielleicht:
„Das tut mir nicht gut.“
Vielleicht aber auch:
„Mach das öfter!“
„Geh dahin!“
„Ruf diesen Menschen an.“
„Schreib diese Geschichte.“
Oder einfach:
„Bleib heute noch zehn Minuten liegen.“
Ich glaube, wir haben unglaublich gut gelernt, unsere eigenen Grenzen zu übergehen.
Wir funktionieren.
Wir machen weiter.
Wir erfüllen Erwartungen.
Und wenn der Körper oder die Psyche irgendwann sagen, dass es reicht, sind wir manchmal sogar noch sauer auf uns selbst.
Warum schaffe ich das nicht?
Warum bin ich so müde?
Warum möchte ich meine Ruhe?
Vielleicht weil wir keine Maschinen sind.
Ich bin in den vergangenen Jahren immer mehr auf dem Weg des Rückzugs gewesen.
Und Rückzug klingt für manche Menschen erst einmal negativ.
Für mich ist er das nicht.
Ich habe angefangen zu verstehen, dass ich nicht überall sein muss.
Dass ich nicht jede Einladung annehmen muss.
Dass ich nicht möglichst viele Menschen um mich herum brauche, damit mein Leben erfüllt ist.
Dass ein ruhiger Nachmittag kein verschwendeter Nachmittag ist.
Und vor allem, dass ich Dinge nicht mehr nur deshalb tun möchte, weil man sie eben so macht.
Ich möchte häufiger fragen:
Tut mir das gut?
Nicht egoistisch.
Sondern fürsorglich.
Denn vielleicht sollten wir mit uns selbst genauso umgehen wie mit einem Menschen, den wir lieben.
Wir würden doch auch nicht zu einem völlig erschöpften Freund sagen:
„Nun stell dich nicht so an. Funktionier gefälligst.“
Warum reden wir dann manchmal genau so mit uns?
Heute liege ich also im Bett.
Ich muss später noch zu einer Hochzeit.
Und vielleicht schlafe ich gleich tatsächlich ein bisschen.
Mein früheres Ich hätte wahrscheinlich gedacht:
Bloß nicht. Danach bist du wieder völlig matschig.
Mein heutiges Ich denkt:
Dann bin ich eben matschig.
Vielleicht braucht mein Körper das gerade.
Vielleicht braucht meine Seele das gerade.
Und wenn ich mir vorstelle, wie dieses kleine Wesen in meiner Brust auf seinem Kissen sitzt, das warme Licht neben sich, dann glaube ich, dass es gerade ziemlich zufrieden guckt.
Endlich hat sie es verstanden.
Endlich bleibt sie einfach mal liegen.
Vielleicht sollten wir unsere Seele nicht erst dann bemerken, wenn sie laut wird.
Vielleicht sollten wir sie kennenlernen, solange sie noch flüstert.
Und vielleicht beginnt Selbstfürsorge manchmal nicht mit einem großen Lebenswandel.
Sondern an einem Samstagmittag.
Im Bett.
Mit geschlossenen Augen.
Und der Entscheidung:
Ich darf jetzt einfach hier liegen.
Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel am Eingang dieser warmen Höhle, hält mit beiden Händen ein winziges Licht und flüstert:
„Vielleicht können unsere Hände nicht nach unserer Seele greifen. Aber sie können ihr Gutes tun, indem sie auch einmal loslassen, die Decke ein Stück höher ziehen und ihr zeigen: Ich sehe dich. Ich höre dich. Und heute passe ich ein bisschen besser auf dich auf.“
Schön das du hier bist 🩶