Ich freue mich auf den Herbst und der Sommer darf jetzt langsam seine Sachen packen

Im Moment passiert bei mir etwas, das wahrscheinlich einige Menschen überhaupt nicht nachvollziehen können.
Ich freue mich auf den Herbst.
So richtig.
Ich schaue aus dem Fenster, sehe noch Sommer und denke: Ja, war schön mit dir. Aber wann gehst du eigentlich?
Dabei habe ich gar nichts gegen den Sommer. Wirklich nicht. Ich möchte nur nicht bei 30 Grad irgendwo sitzen und das Gefühl haben, mein Körper hätte beschlossen, sämtliche Funktionen bis auf Atmen und Schwitzen vorübergehend einzustellen.
Extreme Hitze ist nichts für mich.
Extreme Kälte übrigens auch nicht.
Kann man es mir überhaupt recht machen?
Ja!
Frühling und Herbst.
Gebt mir 18 Grad, ein bisschen Sonne, ein paar Wolken und eine leichte Jacke, die ich bei Bedarf ausziehen kann. Mehr verlange ich doch gar nicht vom Universum.
Den Frühling liebe ich, weil plötzlich alles wieder anfängt.
Die ersten Blumen stecken vorsichtig ihre Köpfe aus der Erde. Die Bäume bekommen dieses helle Grün, das es wirklich nur für kurze Zeit gibt. Die Sonne gewinnt langsam an Kraft und trotzdem kann man noch draußen sitzen, ohne nach zehn Minuten nach Schatten, Wasser und einem Sauerstoffzelt zu verlangen.
Und dann kommt irgendwann der Sommer.
Als Kind war Sommer einfach Sommer.
Ferien. Eis. Draußen sein.
Heute habe ich manchmal das Gefühl, der Sommer hätte einen persönlichen Arbeitsauftrag für mich vorbereitet.
DU MUSST JETZT DAS LEBEN GENIESSEN!
Sofort!
Es ist schließlich Sommer!
Du musst raus. Du musst Ausflüge machen. Du musst grillen. Du musst an den Strand. Du musst Freunde treffen. Du musst irgendwo sitzen, weil das Wetter schön ist.
Und vergiss bloß nicht, jeden Sonnenstrahl sinnvoll zu nutzen!
Meine Güte.
Ich wollte eigentlich nur einen Kaffee trinken.
Je älter ich werde, desto stärker spüre ich diesen merkwürdigen Sommerdruck. Vielleicht liegt es daran, dass man Zeit inzwischen anders wahrnimmt. Als Kind scheint ein Sommer endlos. Heute weiß ich ganz genau, wie schnell ein Jahr vorbeigeht. Also entsteht dieses Gefühl: Jetzt musst du etwas daraus machen.
Dabei widerspricht das meinem Inneren inzwischen völlig.
Ich möchte nicht jeden schönen Tag verplanen.
Ich möchte auch nicht ständig Menschen um mich herum haben.
Mehr als ein Mensch kann mir manchmal schon reichen. Nicht, weil ich Menschen grundsätzlich nicht mag. Ich arbeite, rede, höre zu, nehme Geräusche wahr, habe Termine und bekomme den ganzen Tag Eindrücke geliefert.
Irgendwann ist mein innerer Speicher einfach voll.
Da brauche ich nicht noch ein gesellschaftliches Abendprogramm mit zwölf Personen und der Aufforderung: „Nun entspann dich doch mal!“
Ich entspanne mich. Zu Hause. Alleine. Mit Tee. Danke.
Und genau deshalb mag ich den Herbst so sehr.
Der Herbst verlangt irgendwie weniger.
Wenn es draußen regnet, muss ich kein schlechtes Gewissen haben, weil ich drinnen sitze.
Ich darf eine Kerze anzünden.
Tee machen.
Basteln.
Geschichten schreiben.
Mit meinem Exemplar backen.
Einen Film schauen.
Oder einfach gar nichts machen.
Und niemand sagt: „Aber draußen ist doch soooo schönes Wetter!“
Herrlich.
Mein Exemplar und ich lieben es außerdem, durch heruntergefallene Blätter zu laufen.
Dieses Rascheln!
Da kann man 42 sein oder 12, vollkommen egal. Wenn da ein ordentlicher Blätterhaufen liegt, muss man durch.
Wobei mein Exemplar grundsätzlich eher Team Sommer und Winter ist.
Hat sie nicht von mir.
Sie nimmt offenbar gerne die Jahreszeiten mit vollem Körpereinsatz. Entweder richtig warm oder richtig kalt.
Ich hingegen nehme bitte die gemäßigte Mitte.
Aber der Herbst ist für mich noch aus einem anderen Grund besonders.
Ich finde, Frühling und Herbst erzählen etwas über unser Leben.
Im Frühling entsteht etwas.
Alles wächst. Alles streckt sich dem Licht entgegen. Es wird geboren, beginnt und entwickelt sich.
Und im Herbst passiert das Gegenteil.
Die Natur lässt los.
Blätter verändern ihre Farbe und fallen irgendwann zu Boden. Pflanzen ziehen sich zurück. Die Tage werden kürzer.
Und trotzdem empfinde ich den Herbst nicht als traurig.
Im Gegenteil.
Die Bäume sterben nicht, nur weil sie ihre Blätter verlieren.
Sie ruhen.
Vielleicht ist genau das etwas, das wir Menschen manchmal vergessen.
Dass Rückzug nicht automatisch Stillstand bedeutet.
Dass wir nicht immer wachsen, leisten, erleben und funktionieren müssen.
Vielleicht brauchen auch wir Jahreszeiten.
Zeiten, in denen wir hinausgehen.
Und Zeiten, in denen wir wieder näher zu uns selbst rücken.
Auch körperlich kann der Sommer mit zunehmendem Alter anstrengender wirken. Hitze fordert unseren Kreislauf, der Körper muss mehr arbeiten, um seine Temperatur zu regulieren, wir schlafen bei warmen Nächten oft schlechter und erholen uns dadurch weniger. Und irgendwann merkt man solche Dinge vielleicht einfach deutlicher als früher.
Dazu kommt dieser selbst gemachte Druck.
Der Sommer ist kurz.
Also los!
Und irgendwann steht man völlig erschöpft mitten im August und fragt sich, wann eigentlich das Genießen beginnt, das man so sorgfältig geplant hat.
Vielleicht muss ich gar nicht jeden Sommerabend ausnutzen.
Vielleicht darf ein schöner Sommertag auch einfach vorbeigehen.
Ohne Ausflug.
Ohne Grillabend.
Ohne besondere Erinnerung fürs Fotoalbum.
Ich habe inzwischen verstanden, dass mein Leben nicht voller wird, nur weil mein Kalender voller ist.
Und deshalb freue ich mich jetzt auf den Herbst.
Auf Nebel am Morgen.
Auf buntes Laub.
Auf dieses Rascheln unter den Schuhen.
Auf Kerzenlicht, wenn es draußen früher dunkel wird.
Auf Tee.
Auf Kuchen aus dem Ofen.
Auf kleine Bastelprojekte und Geschichten.
Auf Tage, an denen die Welt draußen ein bisschen leiser zu werden scheint.
Vielleicht liebe ich Frühling und Herbst genau deshalb so sehr.
Der Frühling sagt:
Komm, fang noch einmal an.
Und der Herbst sagt:
Du darfst auch einmal loslassen.
Beides gehört zum Leben.
Und vielleicht brauchen wir manchmal keine weitere Aufforderung, mehr daraus zu machen.
Vielleicht brauchen wir nur eine Tasse Tee, einen raschelnden Blätterhaufen und die Erlaubnis, für einen Moment einfach zu verweilen.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel zwischen bunten Blättern, wärmt seine Hände an einer winzigen Tasse Tee und flüstert:

„Unsere Hände müssen nicht immer etwas festhalten oder erschaffen. Manchmal dürfen sie einfach eine warme Tasse umfassen, während das Leben draußen ganz von allein seine Farben wechselt.“

Schön das du hier bist 🩶

9 Kommentare zu „Ich freue mich auf den Herbst und der Sommer darf jetzt langsam seine Sachen packen

    1. Der Sommer kann wirklich seine schönen Seiten haben, aber ich suche nur noch den Schatten, weil mir die Wärme zu anstrengend ist. Und ins Wasser mag ich nicht gehen, weil es mit zu kalt ist😂 also nehme ich das Kerzenwetter, das gefällt mir. Schön Gleichgesinnte zu finden. Das bei euch jetzt bald der Frühling beginnt, ist sehr interessant.

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  1. Deine Worte liebe Stephanie könnten recht ähnlich von mir stammen,lach.In diesem extrem heißen Sommer besonders,da war und ist loslassen und sich ruhig zu verhalten gesundheitserhaltend.Je älter man wird um so mehr,so kommt es mir mit 73 Jahren vor.:) Das Mäusebild ist voll süß und mach Vorfreude auf den Herbst.
    Wünsche dir eine coole Zeit,
    Gruß Helga

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  2. Ich empfand den Sommer dieses Jahr als gar nicht so schlimm,
    da hatten wir hier im Norden in den letzten Jahren schon schlimmere finde ich und normaler war der letztes Jahr mit dem verregneten August.
    Aber ich liebe den Herbst und bin eh ein Herbstkind.
    Aber den Frühling liebe ich auch.

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      1. Hm, da bin ich ja auch gerade drin.
        Das mit dem veregneten August ist aber für Nirddeutschland und insbesondere Hamburg definitiv normaler.
        Zumal der Alsterzulauf ist dieses Jahr nicht ausgetrocknet,
        von daher kann es hier nicht so schlimm gewesen sein.
        Das sah am Rhein definitiv schlimmer aus.😉

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      2. Ja wir haben hier im Rostock auch sehr viel Wind und auch Regen ist hier Mal normal, selbst im Sommer. Der Wind ist hier auch gerne willkommen.
        Bei uns um der Ecke sind einige Seen betroffen mit Niedrigstand, aber hier merkt man davon auch nicht soviel.

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