
Gestern habe ich eine Entscheidung getroffen.
Ich habe einen Kiosk gekauft.
Keinen richtigen natürlich. Obwohl ich vermutlich auch dafür irgendeine Verwendung finden würde. Es ist ein kleiner gebrauchter Kiosk für mein Puppenhaus. Und während andere Menschen vielleicht Möbel kaufen oder ihren Garten umgestalten, sitze ich da und denke darüber nach, wie ich einen Kiosk aus den 90er Jahren möglichst originalgetreu nachbauen kann.
Vollkommen normal.
Und eines steht fest:
Ein Kaugummiautomat muss her.
Kennt ihr die noch? Diese Automaten, in die man zehn Pfennig steckte, einmal drehte und unten kam ein Kaugummi heraus.
Heute denke ich darüber nach und frage mich: Wie unhygienisch war das eigentlich?
Damals?
Vollkommen egal.
Zehn Pfennig rein. Drehen. Kaugummi raus. Glücklich.
Was ich mich allerdings bis heute frage: Wer hat diese Dinger eigentlich befüllt?
Ich habe in meiner gesamten Kindheit niemals einen Menschen gesehen, der einen Kaugummiautomaten aufgefüllt hat. Die waren einfach immer voll.
Wahrscheinlich kamen nachts kleine Kaugummiwichtel, schlossen die Automaten auf und verschwanden vor Sonnenaufgang wieder.
Anders kann ich mir das nicht erklären.
Und während ich über meinen kleinen Kiosk nachdachte, kamen plötzlich immer mehr Erinnerungen zurück.
Wir haben früher in der Stadt über einem Konsum gewohnt. Vor dem Haus war eine Straße, auf der vergleichsweise wenige Autos fuhren. Alles wirkte irgendwie ruhiger.
Und da waren diese Parkuhren.
Nicht ein Automat für die ganze Straße.
Nein.
Jedes Auto hatte praktisch seine eigene Parkuhr. Man steckte 50 Pfennig hinein und musste drehen.
Ich fand das großartig.
Heute bezahle ich Parkgebühren mit dem Handy und bekomme eine digitale Erinnerung, bevor meine Parkzeit abläuft.
Praktisch?
Natürlich.
Magisch?
Nicht besonders.
Und genau da liegt vielleicht der Punkt.
In einem Kiosk bekam man damals nicht 48 Sorten Mineralwasser, 27 verschiedene Joghurts und eine komplette Regalwand mit Süßigkeiten aus aller Welt.
Man bekam nicht besonders viel.
Aber offensichtlich genug, um zu überleben.
Und es gab Bonbons.
Diese Bonbons waren für mich Magie.
Vielleicht werde ich deshalb in meinem kleinen Kiosk ein großes Bonbonglas aufstellen. Eines, in das meine Mäuse hineinschauen und sich nicht entscheiden können. Vielleicht darf eine kleine Maus sogar hineingreifen.
Denn je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich:
Ich vermisse eigentlich gar nicht die Bonbons.
Ich vermisse das Gefühl dieser Zeit.
Natürlich verklärt man seine Kindheit. Das weiß ich. Früher war nicht alles besser. Es gab andere Probleme, andere Sorgen und ganz sicher auch unfreundliche Menschen.
Aber meine Erinnerung an diese kleinen Alltagssituationen ist eine andere.
Menschen hatten scheinbar mehr Zeit füreinander.
An der Wursttheke bekam ein Kind eine Scheibe Wurst auf die Hand.
Einfach so.
Und dieses Kind freute sich.
Die Verkäuferin freute sich vielleicht über das strahlende Gesicht.
Fertig.
Keiner machte daraus ein gesellschaftliches Grundsatzproblem.
Und dann kam irgendwann Corona.
Ich erinnere mich an eine Situation, die sich bei mir erstaunlich tief eingebrannt hat.
Ich war mit meinem Kind einkaufen. Vorher gab es dort immer eine Bockwurst auf die Hand. Während Corona plötzlich nicht mehr.
Also nahmen wir eine. Selbstverständlich wollten wir sie bezahlen. Mein Kind aß sie während des Einkaufs, wie sonst auch. Es hat ja vorher niemanden interessiert.
Und eine Verkäuferin lief mir bis zur Kasse hinterher und erklärte mir, sie könne mich dafür anzeigen.
Ich weiß noch, wie meine Kinnlade nach unten fiel.
Nicht einmal unbedingt wegen dieser einen Frau.
Sondern weil ich mich fragte:
Was ist hier eigentlich gerade mit uns passiert?
Wie konnte sich unser Umgang miteinander innerhalb so kurzer Zeit so verändern?
Natürlich war diese Zeit außergewöhnlich. Menschen hatten Angst. Es gab Regeln, Unsicherheit und niemand wusste so richtig, was als Nächstes kommt. Vielleicht hat genau das etwas mit uns gemacht.
Aber ich habe dieses Gefühl danach nie wieder ganz abgeschüttelt.
Diese Frage, wie schnell Menschen bereit sind, Härte plötzlich für normal zu halten.
Wie schnell aus einem freundlichen Miteinander ein Gegeneinander werden kann.
Und vielleicht schaue ich deshalb heute genauer hin.
Ich erlebe, wie Angehörige ungehalten werden, weil eine Dienstleistung Geld kostet. Dahinter stehen aber Menschen, die ihre Arbeit machen und es stehen die eigenen Eltern die das ausbaden müssen.
Ich stehe beim Einkaufen und sehe Kunden, die Verkäuferinnen und Verkäufer behandeln, als wären sie persönlich dafür verantwortlich, dass etwas teurer geworden ist oder nicht schnell genug geht.
Und dann öffnet man die Nachrichten.
Krise.
Streit.
Krieg.
Angst.
Die nächste schlechte Nachricht wartet schon.
Manchmal möchte ich es einfach nicht mehr hören.
Nicht, weil mir die Welt egal ist.
Vielleicht sogar genau deshalb, weil sie mir nicht egal ist.
Ich kann nicht jeden Tag alles aufnehmen.
Vielleicht baue ich deshalb diese kleinen Welten.
Vielleicht ist mein Kiosk gar nicht nur ein Bastelprojekt.
Vielleicht ist er meine kleine Tür zurück in eine Zeit, an deren Gefühl ich mich gerne erinnere.
Nicht zurück zu weniger Möglichkeiten.
Nicht zurück zu Dingen, die früher schlechter waren.
Sondern zurück zu etwas, das wir heute manchmal zwischen Selbstbedienungskassen, Terminen, Smartphones und Dauererreichbarkeit verlieren:
Menschlichkeit im Kleinen.
Ich wünsche mir meine Bonbonzeit zurück.
Eine Zeit, in der irgendwo jemand auf einer Bank sitzt und eine kleine Tüte Bonbons in der Hand hält.
Ein Kind steht am Wasser und beobachtet völlig versunken die Enten.
Eine Verkäuferin reicht einem Kind eine Wurst über die Theke und freut sich über dessen leuchtende Augen.
Menschen bleiben stehen und reden miteinander.
Nicht über Weltpolitik.
Nicht darüber, wer recht hat.
Einfach so.
Vielleicht über das Wetter.
Über den Nachbarn.
Oder darüber, dass die Bonbons schon wieder teurer geworden sind.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich meine Geschichten schreibe.
Ich kann die große Welt nicht leiser machen.
Aber ich kann eine kleine bauen.
Eine mit Mäusen und einem alten Kiosk.
Mit einem Kaugummiautomaten für zehn Pfennig.
Mit Bonbongläsern.
Mit einer Parkuhr vor der Tür.
Und mit Menschen, die noch Zeit haben, einander anzusehen.
Vielleicht ist das naiv.
Dann bin ich eben gerne ein bisschen naiv.
Denn manchmal möchte ich nicht wissen, was irgendwo auf der Welt gerade wieder schiefläuft.
Manchmal möchte ich einfach die Tür meines kleinen Kiosks öffnen, zehn Pfennig in einen Kaugummiautomaten stecken und für einen Augenblick glauben:
Die Welt ist noch in Ordnung.
Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf dem Deckel eines Bonbonglases, lässt die Beine baumeln und flüstert:
„Vielleicht können unsere Hände die Zeit nicht zurückdrehen. Aber sie können kleine Welten erschaffen, in denen wir uns daran erinnern, wie sich Menschlichkeit einmal angefühlt hat und wie sie sich auch heute noch anfühlen kann.“
Schön das du hier bist 🩶