
Da komme ich gestern mit meinem Exemplar nach Hause und da hängt ein Zettel an unserer Hauseingangstür.
Ein Zettel.
Nun muss man dazu sagen: Zettel sind bei uns erst einmal nichts Ungewöhnliches. Manchmal liegen irgendwelche Botschaften über die Bibel im Briefkasten oder werden vor die Haustür gelegt. Nichts gegen die Bibel. Wirklich nicht. Aber ich persönlich finde ja, man muss mir die Zettel deshalb nicht unbedingt vor die Füße schmeißen. Mein Briefkasten besitzt eine Öffnung. Die darf benutzt werden.
Aber dieser Zettel war anders.
Schon der Weg vor dem Haus war mit Kreide bemalt. Irgendjemand hatte sich dort ausgetobt, und dann hing da dieser kleine Zettel. Für jeden sichtbar. Vermutlich für alle Bewohner des Hauses gedacht.
Aber wir haben ihn gesehen.
Also war er selbstverständlich für uns.
So funktioniert das Universum.
Und auf diesem Zettel standen nur drei Wörter:
„Du bist schön!“
JAAAAA!
Mehr nicht.
Keine Erklärung. Kein Absender. Keine Werbung. Kein „Du bist schön, deshalb kaufe jetzt diese Anti-Falten-Creme für 39,99 Euro“.
Einfach:
Du bist schön.
Ich war begeistert.
Ich guckte mein Exemplar an und sagte:
„Na endlich sieht das mal einer.“
Und sie:
„Ja toll. Und ich bin keiner?“
Zack.
Teenager.
Du kannst keine drei Sekunden deinen persönlichen Moment genießen, ohne dass irgendwo aus dem Hintergrund eine pubertäre Beschwerdestelle eröffnet wird.
Natürlich findet mein Exemplar mich schön.
Aber darum ging es in diesem Moment überhaupt nicht.
Da hing ein offizieller Zettel!
An einer Haustür!
Schriftlich!
Ich würde sagen: Beweislage eindeutig.
Eins zu null für mich.
Mein Exemplar war davon nur mäßig beeindruckt.
Ich hingegen ging ziemlich zufrieden ins Haus.
Und je länger ich über diesen kleinen Zettel nachdachte, desto schöner fand ich eigentlich die Idee dahinter.
Denn irgendjemand hat sich hingesetzt, einen Zettel genommen und darauf geschrieben:
Du bist schön.
Vielleicht ein Kind. Vielleicht ein Jugendlicher. Vielleicht ein Erwachsener. Keine Ahnung.
Und eigentlich spielt es auch gar keine Rolle.
Dieser Mensch wusste nicht, wer diesen Satz lesen würde.
Vielleicht jemand, der gerade einen richtig guten Tag hatte.
Vielleicht jemand, der morgens vor dem Spiegel stand und überhaupt nicht zufrieden mit sich war.
Vielleicht eine Frau, die sich seit Jahren nicht mehr schön fühlt.
Vielleicht ein Mann, dem noch nie jemand so etwas gesagt hat.
Vielleicht ein Teenager, der gerade glaubt, mit seinem Aussehen nicht in diese vollkommen gefilterte Welt zu passen.
Oder eben ich.
Die sich selbstverständlich sofort persönlich angesprochen fühlte.
Warum auch nicht?
Und genau das finde ich so wunderbar daran.
Wir wissen manchmal überhaupt nicht, was ein einziger freundlicher Satz bei einem anderen Menschen auslösen kann.
Wir unterschätzen das völlig.
Ein „Du siehst heute schön aus.“
Ein „Das hast du gut gemacht.“
Ein „Ich bin froh, dass es dich gibt.“
Ein „Danke.“
Oder einfach ein Lächeln.
Das kostet nichts.
Gar nichts.
Und trotzdem geizen wir manchmal damit, als hätten wir nur zwölf freundliche Sätze im Monat zur Verfügung und müssten sie uns gut einteilen.
Gleichzeitig sind wir wahnsinnig schnell darin geworden, uns gegenseitig zu sagen, was uns nicht passt.
Im Internet sowieso.
Da reicht manchmal ein Bild, ein Satz oder eine Meinung und schon wird bewertet, korrigiert und gezickt. Menschen, die sich noch nie im Leben gesehen haben, erklären sich gegenseitig, was mit dem anderen nicht stimmt.
Im Alltag ist es manchmal nicht viel anders.
Der fährt zu langsam.
Die steht im Weg.
Der sieht komisch aus.
Die hat aber zugenommen.
Das Kind ist zu laut.
Der Nachbar nervt.
Die Verkäuferin ist zu langsam.
Wir finden erstaunlich schnell etwas, worüber wir uns aufregen können.
Aber wann haben wir eigentlich zuletzt etwas Nettes gesagt, einfach nur, weil wir es gedacht haben?
Warum sagen wir nicht viel öfter:
„Hey, das steht dir richtig gut.“
Warum sagen wir einer Kollegin nicht einfach, dass wir froh sind, mit ihr zusammenzuarbeiten?
Warum sagen wir einem Menschen nicht, dass wir seine Art mögen?
Warum denken wir schöne Dinge über andere und behalten ausgerechnet die für uns?
Vielleicht aus Gewohnheit.
Vielleicht weil es uns komisch vorkommt.
Vielleicht weil wir gelernt haben, dass Komplimente immer irgendeinen tieferen Sinn haben müssen.
Dabei dürfen sie vollkommen sinnlos sein.
Oder besser gesagt: zwecklos.
Ich muss nichts dafür bekommen.
Ich muss den anderen nicht kennen.
Ich muss nicht einmal wissen, ob mein Satz etwas bewirkt.
Vielleicht reicht es, ihn einfach in die Welt zu setzen.
So wie diesen kleinen Zettel.
„Du bist schön.“
Natürlich ist Schönheit viel größer als das, was wir im Spiegel sehen.
Schön kann ein Gesicht sein.
Aber schön kann auch eine Art sein, wie jemand lacht.
Wie jemand zuhört.
Wie jemand mit Tieren umgeht.
Wie jemand sein Kind tröstet.
Wie jemand einer älteren Dame die Tür aufhält.
Wie jemand über seine eigenen Fehler lachen kann.
Wie jemand einem völlig fremden Menschen einen Zettel an die Haustür hängt.
Vielleicht brauchen wir genau davon wieder ein bisschen mehr.
Nicht dieses künstliche „Wir müssen alle immer positiv denken“.
Nein.
Das Leben ist nicht jeden Tag schön. Menschen nerven. Tage gehen schief. Manchmal darf man auch genervt sein und manchmal darf man jemanden doof finden.
Aber vielleicht können wir trotzdem aufpassen, dass das Negative nicht automatisch lauter wird als alles andere.
Denn wir können einen Menschen innerhalb weniger Sekunden verunsichern.
Aber wir können ihn innerhalb weniger Sekunden eben auch stärken.
Und das finde ich viel schöner.
Vielleicht sollten wir anfangen, kleine positive Botschaften zu verteilen.
Nicht nur auf Zetteln.
Mit Worten.
Mit Gesten.
Mit Aufmerksamkeit.
Vielleicht sagen wir morgen einfach einem Menschen etwas Schönes, ohne darauf zu warten, dass er zuerst etwas Schönes zu uns sagt.
Vielleicht entsteht daraus nichts Großes.
Vielleicht rettet es nicht die Welt.
Aber vielleicht rettet es jemandem fünf Minuten.
Oder einen Nachmittag.
Oder, wie bei mir, den ganzen Tag.
Ich weiß nicht, wer diesen Zettel aufgehängt hat.
Aber sollte dieser Mensch jemals einen Ehrenpreis für spontane Alltagsverschönerung bekommen, bin ich dafür.
Und ich hoffe, der Zettel bleibt noch eine Weile hängen.
Damit möglichst viele Menschen daran vorbeigehen und für einen Moment denken:
Vielleicht bin ja wirklich ich gemeint.
Ja.
Bist du.
Und mein Exemplar natürlich auch.
Damit wäre der Teenagerfrieden wiederhergestellt.
Obwohl ich für gestern trotzdem bei meinem Ergebnis bleibe:
Eins zu null für Mutti.
Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel mit einem pinken Stift auf der Fensterbank, malt ein Herz auf einen winzigen Zettel und flüstert:
„Hände können so vieles hinterlassen. Manchmal braucht es nur drei geschriebene Worte, damit ein anderer Mensch ein kleines bisschen heller durch seinen Tag geht.“
Schön das du hier bist 🩶