Brennball-Weltmeisterschaft und ich schaue freiwillig vom Spielfeldrand zu

Ich habe einen neuen Podcast entdeckt.
Ja, ich weiß. Ich höre Podcasts inzwischen ungefähr so, wie andere Menschen Fernsehen schauen. Aber dieser hier ist wirklich schön. Zwei junge Frauen unterhalten sich über Literatur, positive Gedanken und darüber, was das Leben eben so mit sich bringt.
Mehr nicht.
Kein Geschrei. Kein künstliches Drama. Niemand muss innerhalb von drei Minuten die Welt retten oder sich mit irgendwem streiten.
Menschen reden einfach miteinander.
Finde ich gut.
Jedenfalls hörte ich diesen Podcast, während ich, wie sollte es anders sein, an einer neuen kleinen Welt baute. Diesmal wird es sportlich.
Meine Mäuse bekommen ein Sportfest.
Ich weiß.
Ausgerechnet ich.
Die Frau, die Sport bereits in der Schule für eine vollkommen überbewertete Erfindung hielt, baut freiwillig ein Sportfest.
Aber ich muss ja nicht mitmachen.
Das ist der entscheidende Punkt.
Meine Mäuse dürfen sich verausgaben. Ich sitze daneben, trinke Kaffee und dokumentiere das Ganze. Hervorragende Arbeitsteilung.
Für das Sportfest entstehen gerade verschiedene Stationen. Tauziehen, Staffellauf, Hindernislauf, Sackhüpfen und sogar Schneckenrennen.
Wobei Schneckenrennen vermutlich die einzige Disziplin wäre, bei der ich ernsthaft über eine Teilnahme nachdenken würde.
Das Tempo gefällt mir.
Nun kam in besagtem Podcast plötzlich ein Thema auf, das tief verschüttete Erinnerungen aus meiner Schulzeit hervorgeholt hat:
Brennball.
Könnt ihr euch noch daran erinnern?
Allein das Wort.
BRENNBALL.
Klingt eigentlich schon so, als sollte man vorsichtshalber die Feuerwehr verständigen.
Ich mache ja kein Geheimnis daraus, dass ich Schulsport gehasst habe. Ein paar Sachen waren okay. Bockspringen mochte ich tatsächlich. Bodenturnen ging auch.
Und dann war mein sportliches Interesse im Grunde vollständig ausgeschöpft.
Ballspiele hingegen waren mein persönlicher Endgegner.
Denn beim Schulsport gab es immer diese Menschen, die plötzlich eine völlig neue Persönlichkeit entwickelten, sobald sie einen Ball in der Hand hatten.
Im normalen Unterricht noch vollkommen friedlich.
Ball in der Hand?
Machtübernahme.
Plötzlich ging es um Ehre, Ruhm und vermutlich die Rettung der gesamten Menschheit.
Und wehe, du warst nicht besonders gut.
Dann wurde dir sehr schnell vermittelt, dass du persönlich dafür verantwortlich warst, wenn die Mannschaft verlor.
Ich wollte einfach nur diese Sportstunde überleben.
Und wenn man ganz großes Pech hatte, flog einem der Ball auch noch mitten ins Gesicht.
Dann war nicht nur die Würde dahin, sondern für einen kurzen Moment auch die ursprüngliche Anordnung der Gesichtszüge.
Nein.
Ballspiele und ich wurden keine Freunde.
Bis heute nicht.
Ich gehe allerdings sehr gerne zum Football.
Das klingt jetzt sportlicher, als es ist.
Dort gibt es nämlich Burger.
Und damit haben wir eine sportliche Veranstaltung gefunden, bei der ich meine persönlichen Stärken hervorragend einsetzen kann.
Andere rennen über das Feld.
Ich esse.
Jeder tut, was er kann.
Nun sprachen diese beiden Frauen im Podcast tatsächlich über Brennball. Und eine von ihnen sagte sinngemäß, dass sie sich eine Brennball-Weltmeisterschaft wünschen würde.
Und ich dachte:
Moment.
Das wäre genial.
Stellt euch das bitte einmal vor.
Ein riesiges Stadion.
Zwei Nationalmannschaften laufen ein.
Kommentatoren analysieren wochenlang die Taktik.
„Deutschland muss heute unbedingt schneller zur Brennstation kommen.“
Expertenrunden diskutieren anschließend darüber, warum Spieler Nummer sieben nicht rechtzeitig gerettet wurde.
Die Fans tragen Trikots.
Das Stadion ist ausverkauft.
Tausende Menschen stehen auf und brüllen:
LAUF! LAUF! LAUF!
Irgendwo sitzt einer mit einem Bier und erklärt seinem Sitznachbarn seit zwanzig Minuten, dass der Trainer vollkommen falsch aufgestellt hat.
Und Millionen Menschen schauen zu Hause zu, wie Erwachsene versuchen, beim Brennball nicht zu verbrennen.
Ich würde es anschauen.
Hundertprozentig.
Mit Burger.
Und damit war eigentlich auch entschieden, dass Brennball einen Platz in meinem Mäuse-Sportfest bekommen muss.
Wenn schon, denn schon.
Vielleicht beginnt die große Karriere des Brennballs eben nicht in einem Stadion.
Vielleicht beginnt sie bei vier kleinen Mäusen zwischen Tau, Säcken, Hindernissen und Schnecken.
Meine Mäuse werden es jedenfalls lieben.
Die sind nämlich komplett anders als ihre Menschin.
Action?
Super.
Rennen?
Noch besser.
Wettkampf?
Her damit.
Mein Exemplar übrigens genauso.
Als ich sie fragte, was es eigentlich noch so alles bei einem Sportfest gibt, war sie sofort Feuer und Flamme.
Sie liebt Sport.
Sie liebt Bewegung.
Sie liebt es zu rennen.
Sie liebt den Wettkampf.
Und natürlich liebt sie es, am Ende eine Urkunde in der Hand zu halten.
Hat sie nicht von mir.
Ich hätte als Kind vermutlich gefragt, ob ich statt der Urkunde auch ein Schnitzel mit Pommes bekommen kann.
Und irgendwie finde ich genau diese Unterschiede inzwischen ziemlich schön.
Mein Exemplar darf Sport lieben.
Meine Mäuse dürfen beim Tauziehen alles geben.
Die Schnecken dürfen mit ungefähr drei Zentimetern pro Stunde um den Sieg kämpfen.
Und ich?
Ich darf am Rand stehen und applaudieren.
Denn vielleicht müssen wir gar nicht alle dasselbe mögen, um gemeinsam Spaß daran zu haben.
Der eine möchte gewinnen.
Der nächste möchte ausprobieren.
Einer rennt, weil er Bewegung liebt.
Und ein anderer steht lieber daneben, feuert an und fragt, wann es endlich etwas zu essen gibt.
Auch das gehört dazu.
Vielleicht wird genau das die wichtigste Botschaft meines kleinen Sportfestes:
Du musst nicht der Schnellste sein. Du musst nicht gewinnen. Und du musst Sport nicht einmal lieben. Es reicht, wenn du deinen eigenen Platz findest und anderen ihren lässt.
Und wer weiß.
Vielleicht gibt es irgendwann wirklich eine Brennball-Weltmeisterschaft.
Bis dahin findet die erste große Ausgabe eben bei meinen Mäusen statt.
Ich melde mich freiwillig als Zuschauerin.
Erste Reihe.
Nähe Burgerstand.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel am Rand des Sportplatzes, lässt die Beine von einer winzigen Bank baumeln und flüstert:

„Du musst nicht jedes Rennen mitlaufen, um dazuzugehören. Manchmal ist dein Platz mitten auf dem Feld und manchmal genau dort, wo du anderen zujubelst und dabei einfach du selbst sein darfst.“

Schön das du hier bist 🩶

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