
Gott bewahre.
Es gibt Dinge im Leben, von denen denkt man als Mutter lange genug: Wenn ich sie einfach ignoriere, gehen sie vielleicht von alleine wieder weg.
Hat bei uns schon bei Glitzer nicht funktioniert.
Und bei Snapchat offenbar auch nicht.
Mein Exemplar bettelte nämlich schon eine ganze Weile darum, dass ich mir Snapchat installiere. Ich habe mich erfolgreich gewehrt. Sehr erfolgreich sogar. Zumindest empfand ich das so.
„Mama, mach dir doch Snapchat.“
Nein.
„Mamaaaaa, dann kann ich dir Snaps schicken.“
Du kannst mir auch bei WhatsApp Bilder schicken.
„Das ist nicht dasselbe.“
Natürlich nicht.
Warum sollte etwas einfach sein, wenn man auch noch eine zusätzliche App installieren kann?
Ich dachte jedenfalls, das Thema würde sich irgendwann erledigen.
Tat es nicht.
Mein Exemplar besitzt eine Hartnäckigkeit, die ich mir manchmal bei anderen Dingen wünschen würde. Vokabeln zum Beispiel. Oder Zimmer aufräumen. Aber wenn es darum geht, ihre Mutter zu Snapchat zu bekommen, entwickelt dieses Kind eine Ausdauer, mit der man vermutlich problemlos einen Marathon laufen könnte.
Also habe ich aufgegeben.
Ich habe Snapchat installiert.
Und soll ich euch sagen, warum?
WEGEN FLAMMEN.
Ja.
Flammen.
Ich musste mir erst einmal erklären lassen, was das überhaupt bedeutet. Offenbar schickt man sich jeden Tag gegenseitig Snaps und wenn man das regelmäßig macht, entsteht eine sogenannte Flamme beziehungsweise eine Serie.
Man hält also Kontakt, damit eine kleine digitale Flamme nicht ausgeht.
Ich werde irgendwann drölfzigtausend Flammen besitzen und weiß noch immer nicht, was ich damit anfangen soll.
Kann man die eintauschen?
Bekomme ich bei 500 Flammen einen Kaffee?
Einen Tankgutschein?
Eine Packung Wechseljahreshormone?
Nein?
Dann verstehe ich das Konzept noch nicht vollständig.
Andererseits musste ich überlegen, was wir damals eigentlich gesammelt haben.
Trollfiguren.
Plastikschnuller, die wir an Ketten gehängt haben.
Parfümfläschchen.
Sticker.
Diddl-Blätter.
Und anderen Kram, dessen gesellschaftlicher Nutzen ebenfalls überschaubar war.
Vielleicht sollte ich mich mit meiner Kritik also etwas zurückhalten.
Wir hatten wenigstens etwas in der Hand.
Die heutige Generation sammelt Feuer auf einem Bildschirm.
Fortschritt.
Nun bekam ich tatsächlich meinen ersten Snap von einer Freundin meines Exemplars.
Ich war gespannt.
Was würde dieses junge Wesen mir schicken?
Ein schönes Foto?
Eine lustige Situation?
Eine Botschaft?
Nein.
Ein schwarzes Bild.
Darauf eine Uhrzeit.
Das war alles.
Ich betrachtete dieses Bild eine ganze Weile.
Vielleicht hatte ich etwas übersehen.
Vielleicht war das moderne Kunst.
Vielleicht befand sich irgendwo eine geheime Botschaft, die nur Menschen unter 18 entschlüsseln können.
Nichts.
Schwarz.
Uhrzeit.
Also fragte ich mein Exemplar sinngemäß, was ich denn jetzt machen soll.
Antwort:
Zurücksnappen.
Aha.
Aber was?
Offenbar vollkommen egal.
Und genau an diesem Punkt habe ich verstanden, dass ich für dieses soziale Netzwerk vermutlich intellektuell überqualifiziert bin.
Ich wollte nämlich einen Sinn finden.
Es gab keinen.
Aber gut.
Ich bin anpassungsfähig.
Ich nahm mein Handy und fotografierte eine Klopapierrolle.
Uhrzeit drauf.
Abgeschickt.
Bitte sehr.
Wenn wir schon sinnlos kommunizieren, dann möchte ich wenigstens meinen eigenen Stil hineinbringen.
Vielleicht werde ich noch berühmt damit.
Morgen fotografiere ich einen Kartoffelschäler.
Übermorgen eine einzelne Socke.
Ich habe Möglichkeiten!
Hauptsache, die Flamme lebt.
Und während ich noch versuche, die Kommunikation der heutigen Jugend zu verstehen, kommt schon das nächste Phänomen um die Ecke:
67.
Six Seven.
Ich kann es nicht mehr hören.
Mein Exemplar hat diese 67 inzwischen im Blick wie andere Menschen seltene Vögel.
Irgendwo steht 67?
„MAMA! 67!“
Die Uhr zeigt irgendeine passende Kombination?
„67!“
Auf irgendeinem Schild tauchen diese beiden Zahlen auf?
„SIX SEVEN!“
Es ist ein bisschen wie Drüsenfieber.
Wenn es einmal da ist, wirst du es gefühlt nicht mehr los.
Und ich stehe daneben und frage mich, wie ein Gehirn, das diese Zahl wirklich überall entdeckt, gleichzeitig bei einer Matheaufgabe sagen kann:
„Hab ich nicht verstanden.“
Mein Kind, du findest die 67 in einem Radius von 14 Kilometern.
Vielleicht suchen wir die nächste Englischvokabel einfach irgendwo dazwischen.
Aber neulich las ich einen Spruch, bei dem selbst ich zugeben musste:
Der war gut.
Sinngemäß ging es darum, ob die 67-Generation eigentlich weiß, dass sie später einmal von morgens um six bis abends um seven arbeiten muss.
Ich konnte nicht mehr.
Das war exakt mein Humor.
Endlich ergab 67 für mich einen Sinn.
Vermutlich einen anderen als für mein Exemplar, aber wir wollen nicht kleinlich sein.
Und während ich nun Flammen sammle, Klopapierrollen verschicke und versuche, bei „six seven“ nicht jedes Mal mit den Augen zu rollen, merke ich etwas:
So bescheuert ich vieles davon finde, irgendwie mag ich es auch.
Nicht unbedingt Snapchat.
Und 67 ganz sicher nicht.
Aber diese kleine Tür in die Welt meines Kindes.
Denn irgendwann wird mein Exemplar erwachsen sein.
Dann werde ich vermutlich keine schwarzen Bilder mit Uhrzeiten mehr bekommen.
Niemand wird neben mir stehen und plötzlich begeistert „67!“ rufen, während ich überhaupt nicht weiß, was gerade passiert.
Und vielleicht werde ich genau diese vollkommen sinnlosen Dinge irgendwann vermissen.
Unsere Eltern haben vermutlich bei unseren Plastikschnullern auch gedacht, dass mit dieser Generation irgendetwas gewaltig schiefgelaufen ist.
Und siehe da:
Wir sind trotzdem groß geworden.
Mehr oder weniger.
Also sammle ich jetzt eben Flammen.
Ich schicke Fotos von Klopapierrollen.
Und wenn mein Exemplar sich darüber freut, dass ihre Mutter ein kleines Stück ihrer Welt mitmacht, dann ist das vielleicht gar nicht so sinnlos.
Aber eines möchte ich vorsorglich festhalten:
Sollte diese Flamme irgendwann ausgehen, weil ich vergessen habe, eine Küchenrolle zu fotografieren, wird unsere Beziehung das überstehen müssen.
Ich bin schließlich ihre Mutter.
Nicht die Feuerwehr von Snapchat.
Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf einer Klopapierrolle, hält mein Handy in der Hand, betrachtet kopfschüttelnd seine neueste Flamme und flüstert:
„Du musst nicht alles verstehen, was deine Kinder begeistert. Manchmal reicht es, ein kleines Stück ihrer verrückten Welt mitzugehen, denn irgendwann sind genau diese scheinbar sinnlosen Momente die Erinnerungen, über die ihr gemeinsam am lautesten lacht.“
Schön das du hier bist 🩶