Neulich stand eine Bewohnerin bei uns vor dem Fahrstuhl und wunderte sich, wo denn plötzlich der jenigen hin ist der da vorher drin war. Wenn man dement ist, kann man einfachste Zusammenhänge nicht mehr verstehen. Und so versteht man auch nicht das es keine geheimen Narnia Ausgang aus dem Fahrstuhl gibt. Oder besser noch, der Fahrstuhl ist eine Zauberkugel. Und so entstand meine Idee zu einer neuen Geschichte. Aus dem Alltag heraus.

Stell dir vor, du hast endlich Westfernsehen.
Vor dir steht kein riesiger Flachbildschirm, der ungefähr so groß ist wie eine halbe Wohnzimmerwand. Nein. Da steht ein viereckiger Kasten. Mit Knöpfen dran. Und einer Fernbedienung, mit der man im Notfall wahrscheinlich auch jemanden hätte erschlagen können.
Du sitzt auf einem hellbraunen Sessel mit diesem rauen Stoff, den damals gefühlt jedes zweite Wohnzimmer hatte.
Es ist Abend.
Du bist vielleicht sieben Jahre alt.
Vorher hast du noch in deinem Kinderzimmer gestanden, eine Haarbürste in der Hand und irgendein Lied gesungen. Also zumindest hast du gedacht, dass du singst. Die restlichen Familienmitglieder hatten dazu möglicherweise eine andere Meinung.
Aber das war egal.
Du wolltest ein Star sein.
Und dann kam diese Sendung.
Die Mini Playback Show.
Eine Frau begrüßte Kinder in einem kleinen Laden. Sie durften erzählen, wen sie gerne darstellen wollten, bekamen Kostüme und wurden verwandelt.
Allein das fand ich großartig.
Aber dann kam sie.
Die Zauberkugel.
Gott, habe ich diese Kugel geliebt.
Auf der einen Seite ging ein ganz normales Kind hinein und auf der anderen Seite kam plötzlich ein kleiner Star heraus.
Für ein paar Minuten durfte dieses Kind jemand anderes sein. Es musste nicht einmal wirklich singen können. Playback reichte vollkommen.
Das wäre meine Chance gewesen!
Ich hätte vermutlich nur noch jemanden gebraucht, der meine Eltern davon überzeugt, mich dort anzumelden.
Ich habe diese Sendung geliebt. Nicht nur einzelne Auftritte. Das gesamte Format. Dieses Verwandeln, die Kostüme, die Bühne und dieses Gefühl, dass dort gerade etwas ganz Besonderes passiert.
Und vielleicht war Fernsehen damals genau deshalb so besonders:
Wir konnten nicht alles jederzeit haben.
Wenn eine Sendung lief, dann lief sie.
Da gab es kein: „Ach, gucke ich morgen.“
Kein Streaming.
Kein Zurückspulen.
Kein Handy nebenbei.
Und wenn man durfte, blieb man länger wach.
Das war ein Ereignis.
Auch die Traumhochzeit gehörte für mich zu dieser Zeit. Abends länger aufbleiben und Fernsehen schauen, das allein fühlte sich schon ein bisschen verboten und deshalb natürlich besonders großartig an.
RTL war damals für mich tatsächlich ein Sender, den ich mit solchen Erinnerungen verbinde.
Heute empfinde ich Fernsehen vollkommen anders.
Natürlich war früher nicht automatisch alles besser. Und ganz sicher war auch damals Fernsehen gemacht, geschnitten und inszeniert. Nur haben wir als Kinder überhaupt nicht darüber nachgedacht.
Warum auch?
Für uns war es echt.
Es war neu.
Es war aufregend.
Heute weiß ich teilweise gar nicht mehr, was ich anschauen soll, obwohl ich theoretisch alles anschauen könnte.
Eigentlich verrückt.
Wir haben Streamingdienste, Mediatheken und unzählige Sender. Ich kann morgens anfangen und vermutlich bis zu meiner Rente durchgucken, ohne zweimal dieselbe Sendung einschalten zu müssen.
Und trotzdem fehlt mir etwas.
Vielleicht gerade deshalb.
Dieses Warten.
Diese Vorfreude.
Dieses gemeinsame Erleben.
Und manchmal auch ein bisschen die Unschuld des Fernsehens.
Heute habe ich bei manchen Formaten das Gefühl, dass alles noch lauter, extremer und billiger inszeniert werden muss, damit überhaupt jemand hinschaut. Menschen werden vorgeführt, Streit wird zum Unterhaltungsprogramm und Fremdschämen scheint teilweise Bestandteil des Sendekonzeptes zu sein.
Vielleicht habe ich mich verändert.
Ganz bestimmt sogar.
Aber vielleicht hat sich auch unsere Art von Unterhaltung verändert.
Und genau deshalb stand irgendwann diese kleine Bühne vor mir.
Mein neues Bastelprojekt.
Sand, Muscheln, kleine Lichter, Wimpel, eine Bühne und natürlich eine Kugel.
Meine eigene Mini-Playback Show.
Nur soll sie keine Kopie von damals werden.
Ich möchte etwas von diesem alten Gefühl nehmen und daraus etwas Neues machen.
Etwas, das zu mir und meinen Geschichten passt.
Im September wird deshalb ein kleiner Fuchs zu meinen Mäusen kommen.
Dieser Fuchs hat einen großen Traum.
Er möchte singen.
Es gibt nur ein winziges Problem:
Er kann es nicht.
Also wirklich nicht.
Er reist durch Wälder und Wiesen und versucht es trotzdem. Doch die anderen Tiere halten sich irgendwann die Ohren zu.
Und aus einem großen Traum wird langsam ein ziemlich trauriger Fuchs.
Bis er auf vier Mäuse trifft.
Die hören ihm zu.
Nicht weil er wunderschön singt.
Sondern weil sie merken, wie wichtig ihm dieser Traum ist.
Und dann haben sie eine Idee.
Wenn der Fuchs nicht singen kann, dann muss er eben eine Möglichkeit bekommen, bei der er gar nicht singen muss.
Sie bauen ihm eine Bühne.
Mit Licht.
Mit Musik.
Mit einer Zauberkugel.
Und natürlich mit ein bisschen Ostseesand.
Eine Mini-Playback Show, die etwas anderes erzählen soll als damals und trotzdem dieses wunderbare Gefühl von damals in sich trägt.
Denn meine Geschichte soll am Ende vor allem eines sagen:
Du musst nichts beweisen, um der sein zu dürfen, der du sein möchtest.
Vielleicht wirst du niemals der beste Sänger.
Vielleicht nicht die Schnellste, Schönste, Klügste oder Erfolgreichste.
Na und?
Vielleicht liegt dein Platz trotzdem genau dort.
Wir sprechen heute so viel über Selbstoptimierung. Darüber, besser zu werden. Mehr zu leisten. An uns zu arbeiten.
Dabei dürfen wir vielleicht manchmal auch einfach sagen:
Das bin ich. Mit dem, was ich kann. Und mit dem, was ich eben nicht kann.
Und wisst ihr, was mich an diesem Projekt besonders berührt hat?
Neulich saßen wir mit Freunden zusammen und kamen auf diese Zeit zu sprechen.
Plötzlich erzählte einer etwas.
Dann der Nächste.
„Weißt du noch …?“
Natürlich wussten wir noch.
Auf einmal war da wieder dieser Fernseher. Dieser Sessel. Diese Musik. Diese Sendung.
Wir waren für einen kurzen Moment wieder die Kinder von damals.
Und meine kleine gebastelte Geschichte hatte etwas geschafft, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte:
Sie hatte Menschen miteinander verbunden.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich solche Dinge baue.
Nicht, weil früher alles besser war.
Das war es nicht.
Sondern weil Erinnerungen etwas mit uns machen.
Wir können sie nehmen, ein bisschen Sand darüber streuen, ein paar Lichter aufhängen und etwas Neues daraus entstehen lassen.
Und vielleicht sitzt im September irgendwo jemand vor meiner kleinen Mini-Playback Show, lächelt und denkt:
Gott … die Zauberkugel. Weißt du noch?
Dann hat mein kleiner Fuchs eigentlich schon gewonnen.
Noch bevor die Musik überhaupt angefangen hat.
Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel am Rand der Bühne, lässt die Füße im Ostseesand verschwinden und flüstert:
„Du musst nicht perfekt sein, damit das Licht auf dich fallen darf. Manchmal reicht es, den Mut zu haben, auf deine eigene kleine Bühne zu treten und einfach du selbst zu sein.“
Schön das du hier bist 🩶