
Im Januar bekam ich einen Gutschein geschenkt.
Für einen Kletterwald.
Ja.
Kletterwald.
Ich weiß bis heute nicht genau, welcher Mensch mich angesehen und gedacht hat: „Die Stephanie, die braucht unbedingt mal ein bisschen Action in zehn Metern Höhe.“
Ich habe schließlich schon öfter erwähnt, dass Sport und ich eine eher distanzierte Beziehung führen.
Ich bin ungefähr so sportlich wie eine Schnecke.
Joggen?
Kein Problem.
Solange wir uns beim Tempo an der Schnecke orientieren.
Aber nun war dieser Gutschein da. Und Gutscheine haben diese unangenehme Eigenschaft, dass sie irgendwann eingelöst werden wollen.
Also war heute der große Tag.
Mutti mit Wechseljahren fährt in den Kletterwald.
Was soll schon schiefgehen?
Mein Exemplar und ich machten uns auf den Weg. Und noch bevor wir richtig angefangen hatten, stellte sie eine wichtige Regel auf:
„Aber keiner seilt sich über den See ab!“
Ja.
Fand ich gut.
Sehr vernünftig.
Ein Plan ganz nach meinem Geschmack.
Dann stellte sich heraus:
Das war der einzige Weg in den Kletterwald.
Natürlich.
Warum sollte man auch einfach über eine kleine Holzbrücke gehen, wenn man sich stattdessen an einem Seil über einen See bewegen kann?
Also doch über den See.
Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass ich bereits damit meine persönliche Tagesleistung erbracht hatte.
Eigentlich hätte ich danach einen Kaffee verdient gehabt.
Aber nein.
Jetzt sollte geklettert werden.
Es gab verschiedene Parcours. Leichte. Mittlere. Schwere.
Ich betrachtete das Ganze und dachte noch optimistisch:
Ach komm. Das schaffst du.
Das ist übrigens einer dieser Gedanken, die man später bereut.
Also Sicherung dran und los.
Mein Exemplar natürlich vorneweg.
Jung.
Beweglich.
Motiviert.
Und dahinter ich.
42 Jahre Lebenserfahrung, Wechseljahre und ein Körper, der bereits morgens beim Aufstehen gelegentlich eine interne Beschwerde einreicht.
Und dann kam sie.
Die Kletterwand.
Nicht einfach irgendwo befestigt.
Nein.
Sie hing in der Luft.
Man musste sich daran entlanghangeln beziehungsweise hochziehen.
Ich schaute sie an.
Die Wand schaute mich an.
Wir wussten beide sofort:
Das wird nichts mit uns.
Aber natürlich probierte ich es.
Ich griff hin.
Zog.
Und stellte innerhalb weniger Sekunden fest, dass meine Arme offenbar hauptsächlich dekorative Zwecke erfüllen.
Sie sehen aus, als könnten sie etwas.
Können sie aber nicht.
Ich hing also an dieser Wand.
Unter mir Luft.
Vor mir Wand.
Hinter mir vermutlich meine komplette Würde.
Und dachte:
Wie komme ich hier wieder weg?
Denn wenn ich mich irgendwo mit meiner eigenen Armkraft hochziehen soll, ist Schluss.
Mit Pudding am Stock kann man sich eben schlecht festhalten.
Während mein Exemplar weiterzog, hing ihre Mutter dort wie ein schlecht angebrachtes Dekorationselement.
Irgendwann musste ich einsehen:
Das wird heute nichts mehr.
Also zurück.
Und ja, mein Exemplar war begeistert.
Nicht.
Dieser Blick eines fast dreizehnjährigen Kindes, wenn die eigene Mutter den Parcours abbrechen muss, ist übrigens etwas ganz Besonderes.
Eine Mischung aus:
Das kann jetzt nicht dein Ernst sein.
und:
Warum habe ausgerechnet ich diese Mutter bekommen?
Entschuldigung.
Die Genetik hat entschieden.
Ich konnte nichts dafür.
Also wechselte ich auf einen leichteren Parcours.
Und siehe da:
Es ging!
Keine spektakulären Kletteraktionen.
Keine Bewerbung für Ninja Warrior.
Keine heldenhaften Sprünge.
Aber ich bewegte mich.
Ich kam vorwärts.
Und vor allem kam ich wieder heil unten an.
Das reicht mir vollkommen.
Am Ende waren mein Exemplar und ich uns übrigens erstaunlich einig.
Kletterwald?
War eine Erfahrung.
Eine interessante Erfahrung.
Eine Erfahrung, die man gemacht haben kann.
Und jetzt auch nicht zwingend wiederholen muss.
Wir haben für uns beschlossen, dass wir zukünftig lieber Dinge unternehmen, bei denen die Füße zumindest größtenteils Kontakt zum Erdboden haben.
Wandern.
Spazieren.
Tiere anschauen.
Vielleicht irgendwo gemütlich etwas essen.
Das kann ich hervorragend.
Und natürlich mussten wir am Ende wieder zurück.
Über den See.
Weil das Universum offenbar der Meinung war, dass einmal noch nicht reicht.
Also wieder ans Seil.
Und rüber.
Danach stand für mich endgültig fest:
Ich bin nicht für alles gemacht.
Und wisst ihr was?
Das ist vollkommen in Ordnung.
Vielleicht ist genau das etwas, was wir viel öfter akzeptieren sollten.
Wir müssen nicht alles können.
Wir müssen nicht jede Herausforderung meistern, nur weil andere sie schaffen.
Manchmal besteht Mut auch darin, etwas auszuprobieren und anschließend zu sagen:
„Nö. Das ist einfach nicht meins.“
Ich war dort.
Ich habe es versucht.
Ich hing an einer Kletterwand.
Ich habe festgestellt, dass meine Arme aus Pudding bestehen.
Und ich bin trotzdem wieder heil nach Hause gekommen.
Eigentlich eine ziemlich erfolgreiche Bilanz.
Der Gutschein ist eingelöst.
Mein Exemplar hat eine neue Geschichte über ihre Mutter.
Und ich habe eine wichtige Erkenntnis gewonnen:
Sollte mir irgendwann wieder jemand einen Erlebnisgutschein schenken, dann wünsche ich mir vielleicht lieber Wellness.
Da muss ich mich höchstens vom Massagetisch hochziehen.
Und selbst dafür kann man bestimmt Hilfe bekommen.
Und wenn irgendwo ein kleiner Wichtel mit Klettergurt vor einer riesigen Wand steht, nach oben schaut und feststellt, dass seine Arme heute ebenfalls eher aus Pudding bestehen, dann dreht er einfach wieder um und murmelt: „Man muss nicht jeden Berg bezwingen. Manchmal reicht es völlig, mutig genug gewesen zu sein, überhaupt hinaufzuschauen.“
Schön das du hier bist 🩶