
Es gab ja mal Zeiten, da war mein Exemplar ganz klein.
Ach, das war herrlich.
Ihre Sachen verschwanden einfach mit in meinem Koffer.
Ein paar T-Shirts, eine kurze Hose, Schlafanzug, Zahnbürste, Kuscheltier, fertig.
Damals fragte ich mich höchstens, ob wir den Teddy wirklich brauchen.
Heute stellt sich eher die Frage, ob wir überhaupt noch Platz für Kleidung haben.
Denn inzwischen ist mein Exemplar zwölf Jahre alt.
Und natürlich braucht man mit zwölf seinen eigenen Koffer.
Völlig verständlich.
Was ich allerdings nicht verstehe, ist die Tatsache, dass dieser Koffer schon zu klein ist, bevor überhaupt richtig gepackt wurde.
Ich packe Koffer übrigens unglaublich gerne.
Ja, wirklich.
Ich gehöre zu den Menschen, die mit einer Checkliste reisen.
Ich liebe es, Häkchen zu setzen.
Zahnbürste? ✔️
Ladekabel? ✔️
Unterwäsche? ✔️
Ich bin dann einfach entspannter, weil ich weiß, dass ich nichts vergessen habe.
Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich damit nicht allein bin.
Mein Exemplar hat sich das sogar ein bisschen abgeschaut.
Die Checkliste wird ordentlich abgearbeitet.
Bis hierhin läuft alles wunderbar.
Dann beginnt allerdings der eigentliche Packvorgang.
Und genau an dieser Stelle trennen sich unsere Welten.
Kennt ihr Menschen, die in einen großen Koffer erst einmal zwanzig kleine Taschen packen müssen?
Ich bis vor Kurzem auch nicht.
Ich habe eine Kosmetiktasche.
Vielleicht noch eine kleine für Medikamente.
Mehr brauche ich nicht.
Mein Exemplar dagegen scheint heimlich einen Vertrag mit einem Hersteller für Mini-Taschen abgeschlossen zu haben.
Da gibt es eine Kosmetiktasche.
Eine Tasche nur für Schminke.
Eine Tasche für Deos.
Eine für Haarbänder.
Eine für Hautpflege.
Eine für Kabel.
Eine für… ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, wofür die anderen alle sind.
Irgendwann hörte ich einfach auf zu fragen.
Ich wartete eigentlich nur noch darauf, dass sich in einer der kleinen Taschen noch eine kleinere Tasche befindet.
Wie diese russischen Matroschka-Puppen.
Nur eben mit Reißverschluss.
Und als wäre das alles noch nicht genug, mussten wir heute tatsächlich noch einmal los.
Denn mein Exemplar brauchte…
…noch eine Tasche.
Ja.
Eine weitere.
Ich stand im Geschäft, schaute auf die bereits vorhandenen Mini-Taschen und fragte mich kurz, ob wir heimlich ein Taschengeschäft eröffnen möchten.
Sie hingegen war sich absolut sicher.
Genau diese eine Tasche hat noch gefehlt.
Ich habe beschlossen, darüber nicht weiter nachzudenken.
Es gibt Dinge, die versteht man vermutlich nur mit zwölf Jahren.
Oder vielleicht auch nie.
Dann kam der große Moment.
Alles sollte in den Koffer.
Oder besser gesagt:
Alles sollte theoretisch in den Koffer.
Praktisch sah das etwas anders aus.
Denn während ich Kleidung sorgfältig zusammenrolle, jede Ecke ausnutze und versuche, den Platz optimal zu verwenden, verfolgt mein Exemplar eine etwas andere Strategie.
Sie nimmt ein T-Shirt.
Und wirft es hinein.
Dann die Hose.
Rein.
Pullover.
Rein.
Jacke.
Auch rein.
Nach dem Motto:
Der Koffer wird das schon regeln.
Hat er aber nicht.
Überraschenderweise war er voll.
Mein Exemplar schaute mich an und sagte völlig ernst:
„Da passt nichts mehr rein.“
Ach.
Meinst du?
Ich hätte da eine Vermutung.
Vielleicht liegt es an den ungefähr achtundvierzig kleinen Taschen.
Oder daran, dass jedes Kleidungsstück beschlossen hat, sich möglichst breit auszubreiten.
Mein innerer Ordnungsmensch hielt das irgendwann nicht mehr aus.
Also alles wieder raus.
Kleidung ordentlich zusammenrollen.
Lücken nutzen.
Taschen sinnvoll verteilen.
Ein bisschen schieben.
Ein bisschen drücken.
Und plötzlich…
passte alles hinein.
Sogar mit etwas Platz.
Mein Exemplar schaute mich an, als hätte ich gerade einen Zaubertrick vorgeführt.
Dabei ist das gar keine Zauberei.
Das ist jahrelange Erfahrung.
Und vielleicht ein bisschen Tetris.
Während wir so gemeinsam auf dem Boden saßen und packten, musste ich schmunzeln.
Früher lagen ihre Sachen einfach mit in meinem Koffer.
Heute diskutieren wir darüber, ob wirklich jede einzelne Mini-Tasche mit in den Urlaub muss.
So schnell vergeht die Zeit.
Aus einem kleinen Mädchen, das nur seinen Teddy dabeihaben wollte, wird irgendwann ein Teenager, der gefühlt mehr Taschen besitzt als Kleidung.
Und wisst ihr was?
Ich finde das eigentlich sogar schön.
Nicht unbedingt die fünfzig Taschen.
Die dürften gerne etwas weniger werden.
Aber dieses gemeinsame Packen.
Dieses leichte Genervtsein.
Dieses gegenseitige Kopfschütteln.
Und dieses gemeinsame Freuen auf den Urlaub.
Denn genau daraus entstehen später die Geschichten, über die wir irgendwann lachen.
Vielleicht erinnere ich mich in ein paar Jahren gar nicht mehr daran, welche Kleidung wir eingepackt haben.
Aber ich werde mich ganz bestimmt daran erinnern, dass wir gemeinsam vor diesem Koffer saßen und versucht haben, die Gesetze der Physik auszutricksen.
Und falls mein Exemplar irgendwann einmal selbst Mutter wird, wünsche ich ihr von Herzen eine Tochter…
…mit einem riesengroßen Koffer.
Ungefähr fünfzig kleinen Taschen.
Und dem festen Wunsch, am Tag vor dem Urlaub unbedingt noch eine weitere Tasche kaufen zu müssen.
Ein bisschen Gerechtigkeit muss schließlich sein.
Und wenn irgendwo ein kleiner Wichtel mit einer winzigen Checkliste neben einem viel zu vollen Koffer sitzt und beobachtet, wie ein anderer Wichtel stolz noch ein weiteres Täschchen hervorzaubert, dann lächelt er, setzt seinen letzten Haken und denkt:
„Manche Reisen beginnen nicht erst am Urlaubsort. Sie beginnen zwischen Reißverschlüssen, Socken und den kleinen Eigenheiten der Menschen, die wir von Herzen lieben.“
Schön das du hier bist 🩶