Der Tag, an dem mein Exemplar einen Pyjama verprügelte

So. Jetzt ist sie endgültig unterbrochen.
Die Verbindung, die das Universum irgendwann einmal zwischen meinem Exemplar und mir hergestellt hat.
Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Und ich möchte gleich vorwegnehmen: Das kann sich wirklich keiner ausdenken. Ich könnte wahrscheinlich drei Tage mit Kaffee auf meiner Couch sitzen und mir Geschichten über Pubertät ausdenken, auf diese wäre ich nicht gekommen.
Es war ein ganz normaler Tag.


Mein Exemplar hatte sich auf einer bekannten Seite etwas bestellt. Einen Pyjama. Nichts Spektakuläres. Keine seltene Antiquität aus einem ägyptischen Grab. Kein Paket aus einem unbekannten Labor. Einfach einen Pyjama.
Nun weiß ich nicht, wie ihr eure Pakete öffnet.
Ich persönlich mache das ziemlich unspektakulär.
Paket kommt.
Paket auf.
„Oh schön.“
Sachen raus.
Anprobieren.
Fertig.
Ich tanze vorher keinen außergewöhnlichen Tanz um das Paket, spreche keine Zaubersprüche und ziehe auch keinen Schutzkreis aus Salz um den Wohnzimmertisch.
Vielleicht mache ich es aber auch einfach falsch.
Denn mein Exemplar hatte offenbar im Internet Dinge gesehen.


Und wir wissen ja: Was einmal im Internet gesehen wurde, kann nicht mehr ungesehen gemacht werden.
Ich sitze also friedlich in meinem Wohnzimmer.
Vermutlich dachte ich gerade an vollkommen harmlose Dinge. Kaffee. Essen. Wäsche. Wechseljahre. Was man als Mutter eben so denkt.
Da fliegt die Tüte mit dem neuen Pyjama auf den Wohnzimmertisch.
Gut.
Dann verschwindet mein Exemplar in Richtung Küche.
Auch noch gut.
Dann kommt sie zurück.


Mit einem Fleischklopfer.


An dieser Stelle hätte mein Gehirn eigentlich schon reagieren müssen.
Tat es aber nicht.
Vielleicht habe ich in den vergangenen zwölf Jahren einfach zu viel erlebt.
Ich beobachtete also, wie mein Exemplar den Fleischklopfer nahm und anfing, auf die Verpackung einzuschlagen.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Der Pyjama wurde verprügelt.
Ich saß daneben.
Meine Kinnlade bewegte sich langsam in Richtung Fußboden.
„Was… machst du da?“
Und dann kam diese Antwort.
Völlig selbstverständlich.
Als wäre ich diejenige, die gerade eine ausgesprochen dumme Frage gestellt hätte.


„Na, ich muss doch sichergehen, dass die Spinnen und Skorpione da drin tot sind.“


Jaaaaa.
Natürlich.
Warum bin ich darauf nicht gekommen?
Mein Fehler.
Offenbar gab es Berichte und Videos darüber, dass Menschen in Paketen oder Kleidungsstücken schon unerwünschte tierische Mitreisende entdeckt haben sollen. Und wenn man zwölf ist und solche Geschichten im Internet sieht, entwickelt man offenbar eigene Sicherheitskonzepte.
Andere Menschen schütteln ihre Kleidung aus.


Mein Kind wählt die Methode Fleischklopfer.
Man muss Prioritäten setzen.
Und so lag dort dieser arme Pyjama.
Er hatte nichts getan.
Er wollte einfach nur getragen werden.
Vielleicht ein gemütlicher Sonntagabend werden. Ein bisschen Couch. Ein bisschen Fernsehen.
Stattdessen wurde er direkt nach seiner Ankunft Opfer einer präventiven Schädlingsbekämpfung.
Spinnen?
Keine.
Skorpione?
Auch keine.
Sonstige Wesen aus einer anderen Dimension?
Ebenfalls Fehlanzeige.
Dafür vermutlich ein Pyjama mit einer mittelschweren Identitätskrise.


Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir:
Unschuldiger Pyjama brutal attackiert. Täterin spricht von Notwehr.“
Darunter ein kleines Interview.
Pyjama: „Ich wollte doch nur gemütlich sein.“
Aber genau solche Situationen zeigen mir immer wieder, wie unterschiedlich Kinder und Erwachsene manche Dinge wahrnehmen.
Ich sehe eine Plastiktüte mit Kleidung.
Mein Exemplar sieht möglicherweise ein mobiles Terrarium mit unbekanntem Inhalt.
Ich denke: Mach die Tüte auf.
Sie denkt: Erst Gefahrenlage neutralisieren.
Vielleicht ist das auch unsere neue Form der Generationenunterschiede.
Wir hatten früher Angst vor dem Monster unter dem Bett.
Unsere Kinder haben Angst vor dem Skorpion im Versandpaket.
Wir haben nachts unter die Bettdecke geschaut.
Sie holen den Fleischklopfer.
Evolution.
Und natürlich habe ich gelacht.
Sehr.
Denn irgendwann stand mein Exemplar da, vollkommen überzeugt von ihrer Vorgehensweise, während ich mich fragte, an welcher Stelle unserer gemeinsamen Entwicklung wir falsch abgebogen sind.


Vielleicht habe ich früher zu wenig mit ihr über sachgerechtes Öffnen von Paketen gesprochen.
Das steht wahrscheinlich in irgendeinem Erziehungsratgeber.
Kapitel 14:
Wenn das Kind beginnt, Textilien mit Küchenutensilien zu bearbeiten.“
Aber wisst ihr was?
Genau solche Momente liebe ich.
Nicht unbedingt in der Sekunde, in der sie passieren. Da frage ich mich meistens zunächst, ob ich irgendwo eine versteckte Kamera übersehen habe.
Aber später.
Wenn man darüber spricht und wieder lachen muss.
Denn irgendwann wird mein Exemplar erwachsen sein.
Dann werden keine Pakete mehr auf meinen Wohnzimmertisch fliegen.
Vielleicht wird auch niemand mehr meinen Fleischklopfer zweckentfremden.
Und wahrscheinlich werde ich dann genau diese vollkommen bekloppten Situationen vermissen.


Die Situationen, die man niemandem erzählen kann, ohne vorher zu sagen:
Nein. Wirklich. Das ist tatsächlich passiert.“
Der Pyjama hat den Vorfall übrigens überlebt.
Zumindest körperlich.
Was er psychisch davongetragen hat, kann ich nicht beurteilen.


Aber sollte demnächst irgendwo ein kleiner Wichtel mit Helm, Schutzbrille und einem winzigen Fleischklopfer neben einem Paket sitzen, dann wisst ihr Bescheid. Er wartet nicht auf Weihnachten. Er wurde von meinem Exemplar zum Sicherheitsbeauftragten ernannt und überprüft vorsichtshalber schon mal die Lage auf Spinnen, Skorpione und andere unerlaubte Mitreisende.

Schön das du hier bist 🩶

7 Kommentare zu „Der Tag, an dem mein Exemplar einen Pyjama verprügelte

  1. Ich glaube ich hätte ähnlich wie Du reagiert.
    Besonders weil Skorpione teilweise unter Naturschutz stehen.
    Im allgemeinen wird Ware in China mit Mitteln besprüht damit sich keine Tiere einnisten können.
    Klar gibt es das trotzdem.
    Und irgendwie kann ich dein Töchterchen verstehen.
    Das ist wie mit den Spinnen in den Bananenpflanzen…🤣
    Interessanter Bericht von Euch.
    Achja ich benutzte Fleischklopfer um Zecken tot zu hauen.
    Die der Hund im Fell hatte.
    😉

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