Du bist gut genug, aber bin ich das auch für die Gesellschaft?

Es gibt gerade ein Lied, das gefühlt überall läuft.
„Du bist gut genug.“
Und bevor jetzt jemand denkt, ich hätte etwas gegen diese Botschaft: Nein. Im Gegenteil. Ich finde sie richtig.
Aber das Lied geht mir trotzdem langsam auf die Nerven.
Vielleicht auch deshalb, weil bei mir bei diesem Satz sofort eine andere Frage im Kopf auftaucht:
Bin ich wirklich gut genug? Nicht für mich. Sondern für unsere Gesellschaft?
Eine ernst gemeinte Frage.
Denn wenn ich mir anschaue, wie sich unsere Vorstellung davon, was ein Mensch sein sollte, innerhalb der letzten hundert Jahre verändert hat, dann finde ich das ziemlich spannend und manchmal auch ein bisschen beängstigend.
Gehen wir einmal zurück.
Unsere Großeltern und Urgroßeltern erlebten Zeiten, in denen es häufig gar nicht darum ging, sich selbst zu verwirklichen. Menschen wurden in Kriege geschickt, mussten fliehen, verloren ihre Heimat und ihre Familien. Menschen wurden wegen ihrer Herkunft, einer Erkrankung oder einer Behinderung ausgegrenzt, verfolgt oder als weniger wert betrachtet.
Das darf man niemals romantisieren.
Auch Erziehung hatte lange ein völlig anderes Gesicht.
Kinder sollten funktionieren.
Sei höflich.
Widersprich nicht.
Hilf mit.
Lerne etwas Ordentliches.
Arbeite.
Und mach bloß keinen Unsinn.
Das große Ziel war häufig nicht: „Finde heraus, wer du wirklich bist.“
Das Ziel war: Komm vernünftig durchs Leben.
Und wenn das mit Worten nicht funktionierte, kam in manchen Familien eben auch einmal die Küchenkelle zum Einsatz.
Und nein, die hatte damals vermutlich noch kein niedliches Herz in der Mitte.


Diese Art der Erziehung hielt sich in abgeschwächter Form erstaunlich lange. Auch ich bin noch mit vielen dieser Vorstellungen groß geworden.
Dann veränderte sich etwas.
Spätestens in den 90ern und danach wurde Individualität immer wichtiger. Psychische Gesundheit bekam langsam mehr Aufmerksamkeit. Menschen begannen offener darüber zu sprechen, dass eben nicht jeder einfach funktionieren kann.
Plötzlich durfte man fragen:
Was möchte eigentlich ich?
Ich war damals selbst in der Blüte meines Lebens und versuchte herauszufinden, was mir eigentlich so liegt.
Hat eine Weile gedauert.
Vielleicht bin ich auch noch nicht fertig.
Aber inzwischen habe ich das Gefühl, dass wir an manchen Stellen von einem Extrem ins nächste geraten.
Denn aus:
„Du musst funktionieren.“
wurde irgendwann:
„Du musst dich selbst verwirklichen.“
Und daraus wird heute teilweise:
„Du musst die beste Version deiner selbst werden.“
Und genau da wird es für mich schwierig.
Denn was ist denn bitte die beste Version?
Schlanker?
Schöner?
Erfolgreicher?
Produktiver?
Faltenfreier?
Immer gut gelaunt?
Natürlich mit perfekter Wohnung, harmonischer Beziehung, glücklichen Kindern, erfolgreichem Beruf und einem Frühstück, das morgens aussieht, als hätte es drei Stunden beim Fotografen verbracht.
Wir sehen Perfektion überall.
Im Trash-TV.
Auf Social Media.
In der Werbung.
Und wenn das eigene Gesicht nicht mithalten kann, gibt es Filter.
Damit meine ich übrigens nicht den Kaffeefilter.
Der darf bleiben.


Und inzwischen kann künstliche Intelligenz Bilder erzeugen, Texte schreiben und uns theoretisch eine Welt zeigen, in der kaum noch etwas unperfekt aussehen muss.
Aber dann frage ich mich:
Wo bleibt eigentlich der Mensch?
Und inzwischen geht die Diskussion sogar noch viel weiter.
In den USA gibt es tatsächlich Unternehmen wie Orchid, die genetische Untersuchungen von Embryonen im Rahmen einer künstlichen Befruchtung anbieten. Dabei können Embryonen unter anderem auf genetische Risiken untersucht werden. Das bedeutet allerdings ausdrücklich nicht, dass man sich ein garantiert „perfektes Kind“ zusammenstellen oder Krankheiten, Behinderungen und psychische Erkrankungen einfach vollständig ausschließen könnte. Gerade sogenannte polygenetische Risikowerte arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten und sind wissenschaftlich und ethisch stark umstritten.
Und trotzdem finde ich allein die Richtung dieser Entwicklung unglaublich spannend.
Denn plötzlich steht eine Frage im Raum, die weit über Medizin hinausgeht:
Wie viel Optimierung wollen wir eigentlich?
Natürlich wünsche ich meinem Kind Gesundheit.
Welche Mutter würde das nicht?
Wenn ich eine schwere Erkrankung verhindern könnte, würde ich selbstverständlich darüber nachdenken.
Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem aus Gesundheit möglicherweise Optimierung wird.
Und dann müssen wir uns fragen:
Wer bestimmt eigentlich, was ein guter Mensch ist?
Der intelligenteste?
Der gesündeste?
Der schönste?
Der leistungsfähigste?
Und was passiert mit denen, die diese Kriterien nicht erfüllen?
Genau deshalb fand ich einen Gedanken von Leon Windscheid so interessant: Vielleicht ist gerade das Unperfekte am Menschen das, was ihn interessant macht.
Und ich glaube, da steckt unglaublich viel drin.
Denn ich möchte nicht in einer Welt leben, in der jeder Mensch gleich funktioniert.
Eine Gesellschaft braucht unterschiedliche Menschen.
Den Lauten und den Leisen.
Denjenigen, der unglaublich schnell denken kann, und denjenigen, der vielleicht länger braucht, dafür aber etwas bemerkt, das alle anderen übersehen.
Den Menschen, der Karriere machen möchte.
Und denjenigen, der zufrieden ist, wenn er abends mit seiner Familie am Tisch sitzt.
Den strukturierten Menschen.
Und denjenigen, dessen Leben gelegentlich aussieht, als hätte jemand eine Schublade ausgekippt.
Vielleicht sogar mich.
Denn eine Gesellschaft funktioniert doch nicht deshalb, weil jeder perfekt ist.
Sie funktioniert dann, wenn Menschen ihre unterschiedlichen Fähigkeiten miteinander verbinden.
Wo einer etwas nicht kann, kann ein anderer helfen.
Eigentlich ziemlich einfach.
Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass wir genau das zunehmend verlernen.
Wir vergleichen mehr.
Wir bewerten schneller.
Wir sortieren Menschen ein.
Dabei wissen wir überhaupt nichts über den Menschen, der uns gerade begegnet.
Wenn mir jemand morgens auf der Straße entgegenkommt, weiß ich nicht, was dieser Mensch gestern erlebt hat.
Vielleicht hat er gerade jemanden verloren.
Vielleicht hat er Angst vor einer Diagnose.
Vielleicht pflegt er seit Monaten einen Angehörigen und kann kaum noch.
Vielleicht hat er finanzielle Sorgen.
Vielleicht kämpft er gerade einfach nur damit, morgens überhaupt aufzustehen.
Ich sehe das alles nicht.
Also könnte ich doch wenigstens freundlich sein.
Ein Lächeln.
Ein Guten Morgen.
Jemandem die Tür aufhalten.
Kurz warten.
Nicht sofort urteilen.
Eigentlich Dinge, die nichts kosten.
Vielleicht liegt genau darin etwas, das wir bei all unserer Selbstoptimierung nicht vergessen sollten:
Der Wert eines Menschen entsteht nicht daraus, wie perfekt er funktioniert.
Nicht aus seinem Kontostand.
Nicht aus seinem Aussehen.
Nicht aus seiner Intelligenz.
Nicht aus seinen Genen.
Nicht daraus, wie viel er leisten kann.
Und auch nicht daraus, wie gut er in irgendein gesellschaftliches Raster passt.
Vielleicht müssen wir gar nicht alle die beste Version unserer selbst werden.
Vielleicht reicht es vollkommen, eine menschliche Version unserer selbst zu sein.
Mit Ecken.
Mit Fehlern.
Mit schlechten Tagen.
Mit Lachfalten.
Mit Ängsten.
Mit Fähigkeiten und Dingen, die wir eben überhaupt nicht können.
Und vielleicht sollten wir weniger darüber nachdenken, wie wir Menschen perfekter machen können und wieder häufiger darüber, wie wir miteinander umgehen wollen.
Denn „Du bist gut genug“ ist ein schöner Satz.
Noch schöner wäre allerdings eine Gesellschaft, die einem Menschen dieses Gefühl nicht nur in einem Lied vermittelt.
Sondern im echten Leben.


Und wenn irgendwo ein kleiner Wichtel sitzt, seine schiefe Zipfelmütze richtet und feststellt, dass selbst seine beiden Schuhe nicht ganz gleich aussehen, dann lächelt er vielleicht und denkt:

Zum Glück. Denn eine Welt voller perfekter Wichtel wäre nicht nur ziemlich langweilig, sie hätte vermutlich auch vergessen, dass man einander gerade deshalb braucht, weil keiner von uns alles kann.

Schön das du hier bist 🩶

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