
Neulich hörte ich einen Podcast.
Ja, das kommt tatsächlich vor. Manchmal bekommt mein Gehirn auch etwas anderes zu hören als die Frage, wo mein Exemplar schon wieder meine Haarbürste versteckt hat.
Darin ging es um einen Begriff, den wahrscheinlich die wenigsten außerhalb der Pflege kennen:
Deprivationsprophylaxe.
Allein dieses Wort klingt schon so kompliziert, dass man erst einmal tief Luft holen muss.
Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir bewusst, dass wir über dieses Thema eigentlich viel zu selten sprechen.
Dabei betrifft es irgendwann fast jede Familie.
Ich arbeite in der Pflege.
Und ich erlebe Dinge, die Außenstehende oft gar nicht sehen.
Ich habe Frauen erlebt, die anderen Frauen plötzlich an den Po gefasst haben.
Nicht, weil sie Grenzen überschreiten wollten.
Sondern weil eine Demenz das Gehirn verändert hat.
Ich habe Männer erlebt, die Pflegekräften oder Mitbewohnerinnen ungefragt an die Brust gefasst haben.
Auch sie waren dement.
Für Außenstehende wirkt so etwas oft befremdlich.
Für uns Pflegekräfte bedeutet es, professionell zu handeln, Grenzen zu schützen und gleichzeitig zu verstehen, dass Krankheit das Verhalten eines Menschen verändern kann.
Und dann gibt es diese ganz stillen Momente. Momente, die mich jedes Mal berühren. Zwei alte Menschen, die sich gefunden haben. Sie sitzen Hand in Hand auf einer Bank. Sie kuscheln. Sie geben sich einen Kuss. Manchmal schlafen sie sogar gemeinsam in einem Bett ein. Nicht, weil jemand sie dazu drängt. Sondern weil beide das möchten. Und weißt du was? Ich finde das wunderschön. Denn meistens geht es gar nicht um Sexualität.
Es geht um Nähe. Um Wärme. Um Geborgenheit. Um das Gefühl, noch ein Mensch zu sein. Noch gesehen zu werden. Noch gemocht zu werden. Denn genau das wünschen wir uns doch alle.
Das passiert alles ganz oft weil sie Einsam sind und jeder auf seine Art und Weise Nähe sucht. Nicht jeder kann es einfach so ausdrücken.
Während ich den Podcast hörte, kamen plötzlich ganz andere Gedanken.
Ich musste an den Entlastungsbetrag nach § 45b SGB XI denken. Er soll nächstes Jahr ausgetauscht werden gegen das Sozialraumbudget.
Viele kennen ihn wahrscheinlich nur als irgendeine Leistung der Pflegeversicherung.
Für mich bedeutet er etwas ganz anderes. Er bedeutet Zeit. Gespräche. Gemeinsame Spaziergänge. Spielen. Lachen. Einfach da sein.
Vor allem ermöglicht er vielen pflegebedürftigen Menschen, in ihrer gewohnten Umgebung bleiben zu können, anstatt jeden Tag eine Tagespflege besuchen zu müssen.
Gerade Menschen im betreuten Wohnen oder in der ambulanten Pflege profitieren davon.
Sie bleiben dort, wo ihre Erinnerungen wohnen. Wo ihre Bilder an der Wand hängen. Wo jede Tasse ihren Platz hat. Wo sich Zuhause eben nach Zuhause anfühlt.
Und dann stellte ich mir plötzlich eine Frage.
Was passiert eigentlich, wenn dieser Entlastungsbetrag irgendwann verändert wird oder in seiner bisherigen Form wegfallen sollte?
Ich weiß, dass darüber gesprochen wird und sich vieles noch entwickeln wird. Aber allein dieser Gedanke hat mich beschäftigt. Wer übernimmt dann diese Zeit? Natürlich wäre es schön, wenn Angehörige das könnten. Aber das Leben sieht oft anders aus.
Viele Kinder pflegebedürftiger Menschen arbeiten Vollzeit. Andere wohnen hunderte Kilometer entfernt. Manche Angehörige sind selbst schon siebzig oder achtzig Jahre alt. Nicht weil sie ihre Eltern nicht lieben. Sondern weil sie schlicht an ihre Grenzen kommen.
Besonders denke ich dabei an Menschen mit Demenz. Eine Demenz bedeutet nicht nur Vergesslichkeit. Diese Menschen brauchen Orientierung. Verlässlichkeit. Rituale. Gespräche. Jemanden, der mit ihnen spazieren geht. Fotos anschaut. Spielt. Einfach Zeit schenkt.
Denn genau das ist Deprivationsprophylaxe.
Nicht Beschäftigung, damit der Tag schneller vorbeigeht. Sondern Vorbeugung gegen Einsamkeit.
Vorbeugung gegen sozialen Rückzug. Vorbeugung dagegen, dass ein Mensch immer stiller wird und sich irgendwann aus seiner eigenen Welt zurückzieht. Wir wissen heute, dass Einsamkeit krank machen kann. Nicht nur die Seele. Auch den Körper. Menschen, die regelmäßig soziale Kontakte haben, bleiben häufig länger aktiv. Sie lachen mehr. Sie sprechen mehr. Sie bewegen sich mehr. Sie fühlen sich als Teil dieser Welt.
Ich glaube manchmal, wir unterschätzen völlig, wie wichtig Zeit ist. Wir messen Blutdruck. Wir kontrollieren Medikamente. Wir wechseln Verbände. Alles wichtig. Aber wer misst eigentlich, wie lange ein Mensch heute gelacht hat? Wer misst, wie oft er heute berührt wurde? Wie oft ihn jemand gefragt hat:
„Wie geht es Ihnen eigentlich?“
Pflege besteht nicht nur aus medizinischer Versorgung. Pflege besteht aus Beziehung. Aus Zuhören. Aus gemeinsamen Erinnerungen. Aus einem Spaziergang. Aus einem Kaffee. Aus einem Menschen, der sich Zeit nimmt.
Und manchmal ist genau diese Zeit die beste Medizin, die wir einem anderen Menschen schenken können.
Deshalb wünsche ich mir, dass wir über dieses Thema sprechen. Nicht, um politisch zu diskutieren. Sondern um den Menschen dahinter nicht zu vergessen. Denn irgendwann wünschen wir uns wahrscheinlich alle dasselbe. Nicht das größte Haus. Nicht das neueste Auto. Sondern jemanden, der sich zu uns setzt, unsere Hand hält und fragt:
„Wie war eigentlich dein Tag?“
Und während irgendwo ein kleiner Wichtel auf einer Bank im Garten einer Pflegeeinrichtung sitzt, die Beine baumeln lässt und zwei Bewohnern beim Lachen zusieht, flüstert er ganz leise:
„Zeit ist das Wertvollste, was wir einem Menschen schenken können. Denn wer sich gesehen, gehört und berührt fühlt, ist niemals wirklich allein.“
Schön das du hier bist 🩶