Ein Thema, über das kaum jemand spricht.

Es gibt Momente in meinem Beruf, die sieht niemand.
Nicht die Angehörigen. Nicht die Menschen draußen. Und ehrlich gesagt sprechen auch wir Pflegekräfte nur selten darüber.
Dabei gehört es zum Leben.
Ich habe Frauen erlebt, die anderen Frauen plötzlich an den Po gefasst haben. Nicht, weil sie Grenzen überschreiten wollten. Sondern weil eine Demenz das Gehirn verändert hat und vieles nicht mehr so funktioniert wie früher.
Ich habe Männer erlebt, die Pflegekräften oder Mitbewohnerinnen ungefragt an die Brust gefasst haben. Auch sie waren dement. Für Außenstehende wirkt das oft schockierend. Für uns ist es eine Situation, mit der wir professionell umgehen müssen. Wir wissen, dass Krankheit Verhalten verändern kann – trotzdem müssen wir die Grenzen aller Beteiligten schützen.
Und dann gibt es die anderen Momente.
Die stillen.
Die schönen.


Zwei alte Menschen, die sich gefunden haben.
Sie sitzen stundenlang nebeneinander.
Halten Händchen.
Kuscheln.
Manchmal kriechen sie gemeinsam ins Bett.
Vielleicht küssen sie sich.
Vielleicht schlafen sie einfach Arm in Arm ein.
Und weißt du was?
Beide möchten das.
Und genau das ist das Entscheidende.
Als Pflegekraft steht man manchmal daneben und denkt sich im ersten Moment: „Na, das hätte ich jetzt auch nicht erwartet.“
Aber dann schaut man genauer hin.
Und plötzlich sieht man nicht mehr zwei Pflegebedürftige.
Man sieht zwei Menschen.
Menschen, die Nähe brauchen.
Denn genau darum geht es.
Nicht immer um Sex.
Sondern oft einfach darum, berührt zu werden.
Eine Hand zu halten.
Eine Umarmung zu bekommen.
Zu spüren, dass da jemand ist.
Dass man trotz Krankheit noch gesehen wird.
Noch geliebt werden kann.
Noch lebt.
Und genau deshalb möchte ich heute über ein Thema sprechen, über das kaum jemand nachdenkt.


Sexualität in Pflegeeinrichtungen.
Allein dieses Wort bringt viele Menschen zum Schmunzeln oder sorgt für betretenes Schweigen.
Denn irgendwie glauben wir, dass Sexualität mit einem bestimmten Alter einfach verschwindet.
Als würde sie mit dem Renteneintritt ihre Koffer packen und sagen: „So, ich bin dann mal weg.“
Tut sie aber nicht.
Der Körper verändert sich.
Krankheiten kommen dazu.
Manchmal funktionieren Arme oder Beine nicht mehr.
Manchmal verhindert ein Schlaganfall jede Bewegung.
Manchmal nimmt eine Erkrankung die Sprache.
Aber Wünsche?
Bedürfnisse?
Das Gefühl nach Nähe?
Das bleibt oft bestehen.
Ich erinnere mich an Gespräche mit einer Ergotherapeutin, die mich selbst noch einmal zum Nachdenken gebracht haben.
Sie erzählte mir von Menschen, die körperlich kaum noch etwas können.
Aber deren Kopf genau weiß, was ihnen fehlt.
Nicht unbedingt Geschlechtsverkehr.
Sondern Nähe.
Berührung.
Zärtlichkeit.


Einige Bewohner verlieren ihren Ehepartner und leben noch viele Jahre allein.
Andere kommen schon mit vierzig oder fünfzig Jahren nach einem schweren Unfall oder einer neurologischen Erkrankung in eine Einrichtung.
Stell dir einmal vor, du bist Mitte vierzig.
Plötzlich verändert ein Schicksal dein ganzes Leben.
Du bist auf Hilfe angewiesen.
Junge Pflegekräfte versorgen dich täglich.
Dein Körper funktioniert nicht mehr so, wie du es gewohnt warst.
Aber dein Gehirn?
Deine Gefühle?
Deine Sehnsucht?
Die sind noch da.
Wie frustrierend muss das sein?
Und genau deshalb gibt es etwas, von dem die meisten Menschen gar nichts wissen.


Es gibt Sexualbegleiterinnen und Sexualbegleiter.
Menschen, die speziell dafür ausgebildet sind, pflegebedürftigen Menschen respektvoll, achtsam und professionell Nähe zu ermöglichen – immer freiwillig und immer entsprechend der Wünsche der betroffenen Person. Diese Leistungen müssen in der Regel selbst bezahlt werden und gehören nicht zum Leistungskatalog der Pflegeversicherung.
Viele reagieren überrascht, wenn sie das hören.
Andere lehnen es sofort ab.
Aber wenn man genauer darüber nachdenkt, geht es um etwas sehr Menschliches.
Um Würde.
Um Selbstbestimmung.
Und um das Recht, auch mit einer Krankheit noch Bedürfnisse haben zu dürfen.
Natürlich gibt es Grenzen.
Nicht jeder Mensch möchte Nähe.
Nicht jeder Bewohner hat Lust.
Viele Medikamente verändern das sexuelle Empfinden.
Manche Erkrankungen nehmen jede Form von Verlangen.


Und manchmal sorgt eine Demenz dafür, dass Menschen ihre Impulse nicht mehr kontrollieren können. Dann müssen Pflegekräfte eingreifen, Grenzen setzen und alle Beteiligten schützen.
Aber genauso wichtig ist es, die Menschen ernst zu nehmen, die sich freiwillig füreinander entscheiden.
Die sich gegenseitig Halt geben.
Denn Liebe fragt nicht nach dem Alter.
Und Einsamkeit leider auch nicht.
Ich glaube, wir vergessen manchmal, dass unter all den Diagnosen, Rollstühlen und Medikamenten immer noch ein Mensch sitzt.
Ein Mensch, der geliebt hat.
Der geküsst hat.
Der Kinder bekommen hat.
Der gelacht hat.
Der Sehnsucht kennt.
Krankheit löscht diese Erinnerungen nicht einfach aus.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis.
Pflege bedeutet nicht nur Medikamente verteilen oder Verbände wechseln.
Pflege bedeutet auch, den Menschen hinter der Krankheit zu sehen.
Mit all seinen Gefühlen.
Mit all seinen Bedürfnissen.
Mit all seiner Würde.
Und wenn irgendwo in einer Pflegeeinrichtung zwei alte Menschen Händchen haltend auf einer Bank sitzen, dann sehe ich keine zwei Bewohner.
Ich sehe zwei Herzen, die sich gefunden haben.
Und ganz ehrlich?
Das gehört zu den schönsten Momenten meines Berufs.

Und während irgendwo ein kleiner Wichtel auf der Fensterbank einer Pflegeeinrichtung sitzt, leise lächelt und den Bewohnern beim Kartenspielen zusieht, flüstert er:
„Würde bedeutet nicht nur, gut gepflegt zu werden. Würde bedeutet auch, gesehen zu werden, mit allem, was einen Menschen ausmacht.“


Schön, dass du hier bist 🩶

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