Die verschwundene Haarbürste und andere Prüfungen der Mutterschaft

Heute Morgen begann mein Tag mit einer sehr einfachen Aufgabe. Ich wollte mir die Haare bürsten. Mehr nicht. Kein Weltfrieden. Keine Steuererklärung. Keine große Lebensentscheidung. Einfach nur Haare bürsten.

Aber wie das Leben mit einem pubertierenden Exemplar nun einmal so ist, wurde aus dieser einfachen Aufgabe eine Suchmission. Meine Haarbürste war weg. Wieder mal. Und natürlich wusste ich sofort, wo sie ist. Bei meinem Exemplar. Wo auch sonst?

Es gibt in diesem Haushalt offenbar ein geheimes Gesetz, das besagt: Alles, was Mama regelmäßig braucht, darf ungefragt ausgeliehen und anschließend an einem unbekannten Ort abgelegt werden. Also stand ich da. Morgens. Im Badezimmer. Noch nicht richtig wach. Schon leicht genervt. Schwitzend.

Und mein Kopf versuchte zu verstehen, warum ich mich bereits vor dem zweiten Kaffee wie ein Pfadfinder auf Spurensuche fühlen musste. Nur leider ohne Abzeichen. Dabei hätte ich eins verdient.

„Haarbürste gefunden unter erschwerten Bedingungen.“

Das wäre doch mal ein schönes Abzeichen. Vielleicht mit kleinen Glitzersteinchen. Damit es wenigstens zu den Schminkschubladen meines Exemplars passt. Ich versuche wirklich, ein gutes Vorbild zu sein. Ich räume meine Sachen weg. Ich lege Dinge dorthin zurück, wo sie hingehören. Ich lasse nicht alles einfach fallen, sobald mein Körper eine andere Richtung einschlägt.

Aber mein Exemplar lebt offenbar nach einem anderen System. Einem System, das ich nicht verstehe. Vielleicht ist es Kunst. Vielleicht ist es Pubertät. Vielleicht ist es beides. Überall, wo Platz ist, bleibt etwas liegen. Und manchmal sogar dort, wo eigentlich gar kein Platz ist.

Teller im Kinderzimmer? Warum? Hat sie dort jemanden, den sie heimlich füttert? Lebt unter dem Bett ein kleiner Mitbewohner? Oder sammelt sie Geschirr für schlechte Zeiten? Ich weiß es nicht. Ich frage auch nicht mehr. Weil ich Angst vor der Antwort habe.

Dann diese Wäscheberge. Wirklich. Manchmal sieht es aus, als würde sie für eine Gebirgsausbildung trainieren. Vielleicht möchte sie lernen, wie man einen Berg besteigt. Vielleicht übt sie für den Mount Everest. Nur eben mit Hoodies, Socken und Hosen.

Und irgendwo dazwischen liegt dann meine Haarbürste. Natürlich nicht sichtbar. Nein. Das wäre zu einfach. Man muss sie suchen. Zwischen Kissen. Unter Decken. Neben einem halb leeren Glas. Unter einem Shirt, das angeblich noch sauber ist. Wobei ich mich inzwischen frage, woran man das in diesem Zimmer überhaupt erkennt.

Und dann stehst du morgens im Badezimmer. Die Hitze überkommt dich schon allein von der Routine. Zähneputzen, Gesicht waschen, Haare machen. Eigentlich überschaubar. Aber in den Wechseljahren kann selbst diese kleine Morgenroutine körperlich wirken wie ein Halbmarathon in der Sahara. Und genau in diesem Moment fehlt die Haarbürste. Da kann sich vermutlich jeder vorstellen, wie sich meine innere Gelassenheit verabschiedet. Leise. Aber endgültig.

Ich überlege inzwischen ernsthaft, das WLAN-Passwort zu ändern. Nicht in irgendeinen komplizierten Zahlencode. Sondern in:

„Räum-dein-Zimmer-auf.“

Vielleicht klappt es dann. Vielleicht tippt sie es oft genug ein und irgendwann bleibt es hängen. Man darf ja noch hoffen.

Natürlich weiß ich, dass Pubertät nicht einfach ist. Für die Kinder nicht. Und für die Eltern auch nicht. Sie suchen sich selbst. Wir suchen unsere Haarbürsten. Jeder hat sein eigenes Thema. Und wahrscheinlich muss man manchmal unterscheiden, worüber man wirklich diskutieren möchte.

Ist ein Teller im Zimmer nervig? Ja. Ist es lebensbedrohlich? Noch nicht. Kommt darauf an, wie lange er dort steht. Ist die Haarbürste weg? Ja. Macht mich das wahnsinnig? Ebenfalls ja. Aber vielleicht gehört genau das dazu. Zu diesem seltsamen Abschnitt zwischen Kindsein und Erwachsenwerden. Sie lernen Verantwortung. Langsam. Sehr langsam. In einem Tempo, das für mein Nervensystem kaum messbar ist. Und ich lerne Geduld. Auch langsam. Manchmal sehr widerwillig.

Vielleicht ist das Zusammenleben mit einem Teenager genau das: Ein tägliches Training in Gelassenheit. Mit Hindernissen. Mit verschwundenen Bürsten. Mit Wäschebergen. Mit Tellern an Orten, an denen kein Teller jemals sein sollte. Und mit der Hoffnung, dass irgendwann alles wieder auftaucht. Die Haarbürste. Die Ordnung. Und vielleicht auch ein bisschen Vernunft. Bis dahin mache ich morgens weiter meine Suchrunden. Wie ein Pfadfinder. Nur ohne Abzeichen. Aber mit Kaffee.

Und während irgendwo eine Mutter morgens schwitzend im Badezimmer steht und ihre Haarbürste sucht, sitzt ein kleiner Wichtel auf einem Wäscheberg im Teenagerzimmer, hält triumphierend eine Bürste in die Luft und flüstert:

„Manchmal ist Pubertät nicht nur eine Phase für die Kinder. Manchmal ist sie auch ein Geduldstraining für die Eltern. Und wer morgens trotz Hitzewallung, verschwundener Haarbürste und Tellerfund im Kinderzimmer noch halbwegs freundlich bleibt, hat eigentlich längst ein Abzeichen verdient.“

Schön das du hier bist 🩶

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