Ihr müsst euch das nicht sagen lassen

Heute Morgen saß mein Exemplar vor mir und sagte, dass sie Bauchschmerzen hat.
Als Mutter weiß man irgendwann, dass Bauchschmerzen nicht immer aus dem Bauch kommen.
Manchmal kommen sie aus dem Kopf.
Manchmal aus dem Herzen.
Und manchmal aus Worten.
Worten, die andere Menschen in den Mund nehmen und die dort vielleicht niemals hätten hineingehören sollen.
Sie wollte nicht in die Schule.
Nicht wegen einer Klassenarbeit.
Nicht wegen schlechter Noten.
Sondern wegen der Jungs.
Wegen der Dinge, die manche Jungs zu den Mädchen sagen.
Worte, die ich selbst nicht einmal gerne ausschreibe.
Schimpfwörter.
Beleidigungen.
Abwertungen.
Und Worte, die kein Mädchen über sich hören sollte.
Natürlich weiß ich als Erwachsene, dass diese Jungen oft selbst unsicher sind.
Dass sie Grenzen austesten.
Dass sie dazugehören wollen.
Dass sie manchmal Dinge sagen, deren Bedeutung sie selbst nicht einmal vollständig verstehen.
Aber weißt du was?
Das macht die Worte nicht weniger verletzend.
Denn auf der anderen Seite sitzt ein Mädchen.
Ein Mädchen, das gerade erst herausfindet, wer es eigentlich ist.
Ein Mädchen, das morgens vor dem Spiegel steht und sich fragt, ob die Haare heute sitzen.
Ob die Pickel auffallen.
Ob die Hose komisch aussieht.
Ob die anderen sie mögen.
Und dann kommt jemand daher und wirft Worte nach ihr, als wären sie bedeutungslos.
Sind sie aber nicht.
Worte haben Gewicht.
Vor allem in einem Alter, in dem man sich selbst noch sucht.
Ich würde meinem Exemplar gerne all das ersparen.
Wirklich.
Ich würde ihr gerne meine Lebenserfahrung in die Schultasche packen.
Zwischen Matheheft und Brotdose.
Damit sie jederzeit darauf zurückgreifen kann.
Aber so funktioniert das Leben leider nicht.
Zwischen ihr und mir liegen Jahrzehnte.
Erfahrungen.
Fehler.
Enttäuschungen.
Und Erkenntnisse.
Erkenntnisse, die man oft erst bekommt, wenn man älter wird.
Eine davon lautet:
Du musst dir nicht alles gefallen lassen.
Nicht heute.
Nicht morgen.
Und nicht irgendwann.
Vor allem nicht von Menschen, die gar nicht wissen, wer du wirklich bist.
Und deshalb möchte ich heute etwas zu den Mädchen sagen.
Zu meinem Exemplar.
Und zu allen anderen Mädchen da draußen.
Wenn ein Junge dich beleidigt, macht dich das nicht zu dem, was er sagt.
Wenn jemand versucht, dich klein zu machen, wirst du dadurch nicht kleiner.
Wenn jemand deinen Wert nicht erkennt, verliert nicht du deinen Wert.
Sondern er zeigt nur, dass er ihn nicht sehen kann.
Und ganz ehrlich?
Ihr müsst euch das nicht sagen lassen.
Nicht von Jungs, die es nicht einmal wert sind, dass ihr euch in zehn Jahren noch an ihren Namen erinnert.
Nicht von Jungs, die heute laut sind und morgen keine Rolle mehr in eurem Leben spielen.
Nicht von Menschen, die ihre eigene Unsicherheit auf andere werfen wie Konfetti.
Denn die Wahrheit ist:
Die meisten dieser Menschen werden irgendwann verblassen.
Die Erinnerungen an sie werden verblassen.
Ihre Meinung wird verblassen.
Ihr Name wird verblassen.
Aber ihr bleibt.
Ihr lebt mit euch selbst euer ganzes Leben.
Deshalb ist eure eigene Meinung über euch so viel wichtiger als die irgendeines Jungen auf einem Schulhof.
Ich weiß, dass das schwer ist.
Ich weiß, dass man mit dreizehn nicht einfach beschließt, sich nichts mehr zu Herzen zu nehmen.
Das konnte ich damals auch nicht.
Wir alle wollten dazugehören.
Wir alle wollten gemocht werden.
Wir alle haben Dinge geglaubt, die andere über uns gesagt haben.
Aber wenn ich heute zurückblicke, dann weiß ich etwas ganz sicher:
Keiner der Menschen, die mich damals verletzt haben, bestimmt heute mein Leben.
Keiner.
Und die meisten könnte ich wahrscheinlich nicht einmal mehr auf der Straße erkennen.
Deshalb wünsche ich meinem Exemplar etwas anderes.
Nicht, dass sie niemals verletzt wird.
Das kann ich ihr leider nicht versprechen.
Ich wünsche ihr, dass sie lernt, ihren eigenen Wert zu kennen.
Dass sie lernt, sich selbst zu vertrauen.
Und dass sie eines Tages erkennt, dass die Meinung der falschen Menschen niemals wichtiger sein darf als die eigene.


Und während du vielleicht gerade selbst ein Mädchen bist, das an sich zweifelt, oder eine Mutter, die ihr Kind stark machen möchte, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel auf einer Schulbank, baumelt mit den Beinen und flüstert:


„Die Menschen, die wirklich wichtig werden in deinem Leben, werden dich niemals klein machen, damit sie größer wirken. Und die Menschen, die das tun, sind oft nicht einmal die Mühe wert, sich ihren Namen zu merken.“

Schön, dass du hier bist 🩶

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