
Gestern wollte ich meinem Exemplar etwas sagen. Was genau, weiß ich nicht mehr. Und das ist leider kein Stilmittel für diesen Artikel. Ich weiß es wirklich nicht mehr. Es ist weg. Gelöscht. Verschwunden. Wahrscheinlich irgendwo zwischen meinen letzten drei Gedanken, dem Einkaufszettel, den Wechseljahren und der Frage, warum ich eigentlich in die Küche gegangen bin. Jedenfalls wollte ich meinem Exemplar etwas mitteilen. Vielleicht war es eine Anweisung. Vielleicht eine Bitte. Vielleicht etwas Wichtiges. Man wird es nie erfahren.
Während ich mit ihr sprach, passierte nämlich das, was in letzter Zeit erstaunlich oft passiert: Mein Gehirn schickte Wörter los, die überhaupt nicht zu dem passten, was ich sagen wollte.
Sie sollte ihre Brotdose aus dem Rucksack holen und in die Küche bringen. Ein einfacher Satz. Wirklich nicht kompliziert. Mein Gehirn machte daraus: „Bring mal die Brotdose ins Badezimmer.“
Stille. Mein Exemplar schaut mich an. Ich schaue mein Exemplar an. Mein Gehirn versucht verzweifelt aufzuholen. Und mein Kind blickt mich an, als hätte ich gerade vorgeschlagen, den Kühlschrank ins Wohnzimmer zu stellen und dort einzuschulen. „Ins Badezimmer?“ fragt sie.
Und in diesem Moment weiß ich selbst nicht mehr, warum die Brotdose plötzlich duschen gehen sollte. Willkommen in meinem Alltag. Willkommen beim Brainfog.
Früher war mein Gehirn besser organisiert
Früher war ich anders. Nicht perfekt. Aber ich war schlagfertig. Ich wusste, was ich sagen wollte. Ich hatte eine klare Meinung. Einen klaren Standpunkt, hab ich heute immer noch, nur mit verwirrten Sätzen.
Wenn ich diskutieren wollte, konnte ich das. Wenn ich etwas erklären wollte, fand ich die richtigen Worte, und ja die finde ich immer noch, nur nicht in manchen Situationen.
Heute stehe ich manchmal mitten im Satz und denke: Wie heißt dieses Ding nochmal? Dieses Dings. Na dieses Gedönst. Du weißt schon. Dieses… Ding eben.
Und plötzlich haben sämtliche Gegenstände dieser Welt denselben Namen. Dings. Gedönst. Das da. Das andere da. Das weiße Teil. Das runde Ding. Mein Wortschatz hat sich zeitweise auf ungefähr acht Begriffe reduziert.
Mein Exemplar liebt diese Momente übrigens überhaupt nicht. Sie steht dann vor mir. Wartet auf eine klare Anweisung. Ich suche nach dem passenden Wort. Sie wird genervt. Ich werde genervt. Sie rollt mit den Augen. Ich rolle innerlich mit den Augen. Und ehe man sich versieht, diskutieren zwei Menschen miteinander, obwohl keiner mehr genau weiß, worum es ursprünglich eigentlich ging.
Der Türsteher in meinem Gehirn
Noch schlimmer wird es allerdings, wenn mein Exemplar mir etwas erzählen möchte. Und glaubt mir: Ich höre zu. Wirklich. Ich bin da. Ich schaue sie an. Ich nicke. Ich gebe mir größte Mühe. Ich möchte wissen, was sie erzählt.
Aber dann passiert etwas. Plötzlich macht mein Gehirn einfach zu. Nicht absichtlich. Nicht aus Desinteresse. Nicht weil ich sie nicht ernst nehme. Sondern weil da offenbar irgendwo in meinem Kopf ein kleiner Türsteher sitzt.
Und dieser Türsteher entscheidet irgendwann: „So Freunde. Feierabend. Mehr kommt heute nicht rein.“ Mein Exemplar redet weiter. Der erste Satz kommt noch an. Vielleicht auch der zweite. Beim dritten Satz klappt die Schranke herunter. Zack. Geschlossen. Der Türsteher verschränkt die Arme. Nichts geht mehr.
Wörter prallen ab wie Flummis an einer Betonwand. Und dann kommt die unvermeidliche Frage: „Mama, hörst du mir überhaupt zu?“
Natürlich höre ich zu. Also zumindest hatte ich das vor. „Doch!“ sage ich empört. „Was habe ich denn gerade gesagt?“ fragt sie. Und genau in diesem Moment weiß ich: Ich habe verloren. Ich habe verkackt. Da komm ich nicht mehr raus. Komplett. Endgültig. Sie dreht sich weg, ich Versuche die Situation zu retten.
Mein Gehirn durchsucht hektisch sämtliche Archive. Nichts. Leere. Wüste. Funkstille. Mein innerer Türsteher lehnt gelangweilt an seiner Schranke und hilft mir kein bisschen. „Ähm …“ Stille. Mein Exemplar grinst bereits.
„Siehst du? Du hast mir gar nicht zugehört.“ Und da hat sie mich. Technisch gesehen habe ich zugehört. Praktisch gesehen ist die Information irgendwo zwischen Ohr und Gehirn verloren gegangen. Vermutlich sitzt sie jetzt neben dem Wort, das ich gestern gesucht habe, und der Erinnerung daran, warum ich eigentlich in die Küche wollte.
Was passiert da eigentlich im Gehirn?
Das Verrückte ist: Viele Frauen denken irgendwann: „Oh Gott. Werde ich jetzt dement?“
„Warum vergesse ich plötzlich alles?“
„Warum finde ich die einfachsten Wörter nicht mehr?“ Dabei passiert etwas ganz anderes. Unser Gehirn baut nicht ab. Es arbeitet nur unter anderen Bedingungen. Stell dir dein Gehirn wie eine riesige Stadt vor. Normalerweise fahren die Informationen dort über gut ausgebaute Straßen.
Alles läuft. Alles funktioniert. Dann kommen die Wechseljahre. Und plötzlich werden überall Baustellen eröffnet. Nicht weil etwas kaputt ist. Sondern weil der Körper umbaut. Kennen wir ja von Großstädten, überall wird eine Baustelle eröffnet, nirgends kommt man durch und, dann muss man lange Umwege nehmen und man kommt verspätet bis gar nicht an. Tja und meine Informationen steigen schon irgendwo aus und machen nen Picknick. Und genau deshalb dauert manches länger.
Die Hormone mischen kräftig mit
Was viele nicht wissen: Östrogen ist nicht nur für die Periode zuständig. Und auch nicht nur für Hitzewallungen. Östrogen arbeitet tatsächlich an vielen Stellen im Gehirn mit. Unter anderem in Bereichen, die zuständig sind für: Konzentration, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache, Lernen, Emotionen.
Wenn die Hormonspiegel schwanken, merkt das Gehirn das sofort. Es ist ein bisschen so, als würde jemand ständig die WLAN-Verbindung an- und ausschalten. Das Internet funktioniert noch. Aber eben nicht mehr durchgehend stabil. Und genau so fühlt sich Brainfog manchmal an.
Warum fallen uns plötzlich Wörter nicht mehr ein?
Das frage ich mich ungefähr achtmal am Tag. Manchmal stehe ich vor meinem Exemplar und möchte etwas ganz Einfaches sagen. Dann suche ich nach einem Wort. Und suche. Und suche. Und suche. Das Wort ist da. Irgendwo. Ich weiß es. Aber mein Gehirn hat beschlossen, es vorübergehend in einem Schrank abzulegen, dessen Schlüssel verschwunden ist. Neurologisch betrachtet ist das sogar logisch. Unser Gehirn muss ständig Informationen abrufen. Normalerweise funktioniert das automatisch.
Bei Brainfog wird dieser Abruf manchmal langsamer. Das Wort ist nicht weg. Es kommt nur nicht rechtzeitig an. Wie ein Zug, der Verspätung hat. Irgendwann taucht es wieder auf. Meistens nachts um drei. Wenn man es überhaupt nicht mehr braucht.
Warum wir plötzlich so schnell überfordert sind
Das hat übrigens nicht nur mit den Hormonen zu tun. Viele Frauen in den Wechseljahren tragen gleichzeitig unglaublich viel Verantwortung. Familie. Kinder. Beruf. Termine. Haushalt. Pflege von Angehörigen. Organisation.
Und ganz nebenbei sollen wir auch noch funktionieren. Unser Gehirn verarbeitet jeden Tag unzählige Informationen. Irgendwann sagt es: „Mehr geht heute nicht.“ Und genau da sitzt mein kleiner Türsteher und macht die Schranke dicht.
Du bist nicht verrückt
Und das finde ich wichtig. Weil viele Frauen sich deshalb Vorwürfe machen. Wenn wir etwas vergessen.
Wenn wir mitten im Satz den Faden verlieren. Wenn wir den Autoschlüssel suchen, während wir ihn in der Hand halten oder so wie ich jeden Morgen mein gesamtes Auto suche weil ich vergessen habe wo ich es Abends abgestellt habe. Jeden Morgen. Wirklich. Dann denken wir oft: „Ich müsste doch besser funktionieren.“
Nein. Musst du nicht. Dein Gehirn arbeitet jeden Tag auf Hochtouren. Es leistet gerade Anpassungsarbeit. Und Anpassung kostet Energie. Sehr viel Energie.
Du darfst Pausen machen
Und genau deshalb möchte ich dir heute etwas sagen: Du darfst Pausen machen. Wirklich. Du darfst dich fünf Minuten zurückziehen. Du darfst die Tür schließen. Du darfst kurz durchatmen. Du musst nicht immer funktionieren. Du musst nicht immer stark sein. Du musst nicht jede Aufgabe sofort erledigen.
Wenn du das Gefühl hast, dass das Karussell in deinem Kopf gerade einen Wackelkontakt hat, dann steig kurz aus. Trink einen Tee. Setz dich hin. Atme tief durch. Sammle deine Gedanken. Du bist es wert. Wir Frauen kümmern uns oft um alle anderen. Um Kinder. Partner. Familie. Arbeit. Freunde.
Und manchmal vergessen wir dabei die wichtigste Person. Uns selbst. Vielleicht besteht Selbstfürsorge manchmal nicht aus Wellness oder einem perfekten Spa-Tag. Vielleicht besteht sie einfach darin, sich fünf Minuten Ruhe zu erlauben, bevor man versucht, die Brotdose erneut ins Badezimmer zu schicken.
Und während du vielleicht gerade schmunzelnd an deinen eigenen Brainfog-Moment denkst, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel auf einem Stapel verlorener Gedanken, schaukelt mit den Beinen und flüstert ganz leise:
„Vielleicht musst du nicht immer alles sofort wissen, alles sofort schaffen und alles sofort erinnern. Manchmal reicht es, freundlich mit dir selbst zu sein. Denn auch ein müdes Gehirn verdient Verständnis. Und vielleicht ist eine kleine Pause manchmal keine Schwäche, sondern genau das, was dein Kopf gerade braucht, um wieder seinen Weg durch all die Gedanken zu finden.“
Schön, dass du hier bist. 🤍