Rossmann, DM und das menschliche Faultier. Ein Phänomen der Pubertät

Es gibt Dinge, die verstehe ich einfach nicht. Zum Beispiel die Anziehungskraft von Rossmann und DM. Wirklich. Was haben diese Läden, was andere Läden nicht haben? Goldene Wasserhähne? Einen geheimen Eingang nach Hogwarts? Einen versteckten Schalter, der pubertierende Mädchen aktiviert? Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, dass mein Exemplar normalerweise nicht unbedingt für spontane Aktivitäten bekannt ist. Wenn ich sage: „Ich fahre einkaufen.“ Dann bekomme ich meistens ein gelangweiltes: „Nee, keine Lust.“ Wenn ich frage: „Willst du mit spazieren gehen?“ Dann folgt oft ein Blick, als hätte ich gerade vorgeschlagen, den Mount Everest zu besteigen.

Mein Exemplar befindet sich aktuell in einer Lebensphase, die ich liebevoll als Energiesparmodus bezeichne. Kennt man ungefähr von Faultieren. Nicht ganz so extrem natürlich. Sie braucht keine sieben Tage, um sich von einem Ast zum anderen zu bewegen. Aber die Grundidee ist ähnlich. Besonders nach der Schule. Dann wird das Bett aufgesucht. Und dort bleibt man. Liegend. Rollend. Existierend.

Manchmal habe ich das Gefühl, sie würde dort Wurzeln schlagen, wenn man sie ließe. Irgendwann muss der Kreislauf ja auch erst wieder hochfahren. Von Null auf Mensch dauert das manchmal etwas.

Doch dann passiert etwas. Etwas, das selbst Wissenschaftler vermutlich nicht erklären können. Ich sage: „Ich fahre kurz zu Rossmann.“

Und plötzlich verwandelt sich mein menschliches Faultier in einen olympischen Sprinter. Sie springt auf. Findet innerhalb von Sekunden ihre Kleidung. Hat Schuhe an. Jacke an. Haare gerichtet. Und steht schneller an der Haustür als ich meinen Autoschlüssel gefunden habe. „ICH KOMME MIT!“ Natürlich kommst du mit. Die eigentliche Frage ist: Warum? Was haben diese Läden? Denn wenn wir ehrlich sind, verkaufen sie Shampoo. Duschgel. Zahnpasta. Taschentücher. Dinge, die man braucht.

Aber für Jugendliche sind Rossmann und DM längst keine Drogeriemärkte mehr. Sie sind Erlebniswelten. Früher hatten wir einen SPAR-Markt. Oder einen Konsum. Und wenn wir Glück hatten, gab es eine neue Sorte Kaugummi oder ein Ü-Ei. Das war aufregend genug.

Heute betreten Jugendliche eine Drogerie und verhalten sich, als wären sie gerade in Disneyland angekommen. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass es gar nicht um die Produkte geht. Denn die Pubertät ist eine seltsame Zeit. Plötzlich verändert sich alles. Die Haut. Die Haare. Der Körper. Die Gefühle. Die Freundschaften. Manchmal wahrscheinlich sogar die eigene Persönlichkeit im Stundentakt.

Während wir Erwachsenen denken: „Meine Güte, das ist doch nur eine Gesichtscreme.“ Denken Jugendliche vielleicht: „Vielleicht hilft mir das dabei, mich wohler zu fühlen.“ Und genau das vergessen wir manchmal. Für uns ist ein Lipgloss ein Lipgloss. Für ein pubertierendes Mädchen kann es ein kleines Stück Selbstvertrauen sein. Oder einfach das Gefühl, langsam erwachsener zu werden.

Natürlich spielt dabei auch TikTok eine große Rolle. Und hier muss ich wahrscheinlich zugeben, dass ich endgültig alt werde. Denn früher hatten wir die Bravo. Heute haben Jugendliche Skinfluencer. Ich muss gestehen, dass ich dieses Wort immer noch faszinierend finde. Skinfluencer. Das klingt ein bisschen wie eine seltene Hautkrankheit. Ist aber tatsächlich jemand, der anderen Menschen erklärt, wie sie ihre Haut pflegen sollen. Und diese jungen Frauen haben eine unglaubliche Reichweite. Sie testen Produkte. Empfehlen Produkte. Bewerten Produkte. Zeigen Vorher-Nachher-Bilder. Erklären Routinen. Und natürlich möchten Jugendliche diese Produkte dann selbst ausprobieren. Nicht weil sie oberflächlich sind. Sondern weil sie sich orientieren. Weil sie dazugehören möchten. Weil sie ausprobieren. Weil sie herausfinden möchten, wer sie eigentlich sind.

Das haben wir früher übrigens genauso gemacht. Nur eben mit anderen Mitteln. Wir hatten Zeitschriften. Sie haben TikTok. Wir hatten Bravo-Stars. Sie haben Influencer. Wir haben Frisuren aus Magazinen kopiert. Sie speichern Tutorials. Im Grunde hat sich gar nicht so viel verändert. Nur die Plattform.

Und dann gibt es noch etwas, das ich erst vor Kurzem verstanden habe. Diese ganzen Beauty-Routinen. Ich dachte lange Zeit, das wäre einfach nur Kosmetik. Aber vielleicht steckt viel mehr dahinter. Denn die Pubertät ist eine riesige Baustelle. Und zwar nicht nur äußerlich. Auch im Kopf. Alles wird umgebaut. Gefühle. Gedanken. Wünsche. Träume. Das Gehirn selbst befindet sich im Dauerumbau.

Und genau deshalb suchen viele Jugendliche nach Dingen, die ihnen Sicherheit geben. Eine Routine. Etwas Vertrautes. Etwas, das jeden Tag gleich ist. Gesicht reinigen. Creme auftragen. Haare machen. Fertig. Für uns klingt das vielleicht banal. Für Jugendliche kann es ein kleiner Anker sein. Ein Stück Kontrolle in einer Lebensphase, die sich oft anfühlt wie ein Überraschungsei auf Hormonen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum mein Exemplar manchmal mit einer Ernsthaftigkeit über Gesichtsmasken spricht, als würde sie einen medizinischen Fachkongress leiten.

Wobei ich zugeben muss: Die Industrie macht ihren Job auch erschreckend gut. Denn selbst ich bleibe manchmal stehen und denke: „Ach Gott, ist das süß.“ Lipgloss mit Popcorn als Deckel. Verpackungen mit kleinen Cowboy-Stiefeln. Hello Kitty. Bärchen. Herzchen. Glitzer. Farben. Manche Produkte sehen inzwischen eher aus wie Süßigkeiten als wie Kosmetik. Und genau deshalb fühlen sich Jugendliche dort vermutlich wie im Schlaraffenland.

Meine Tochter jedenfalls könnte dort wahrscheinlich übernachten. Ihre beste Freundin übrigens auch. Die beiden besitzen Gesichtsmasken in Mengen, die vermutlich hundert Jahre reichen würden. Die Schubladen sind so voll, dass sie selbst nicht mehr wissen, was sich darin befindet.

Wenn morgen sämtliche Drogeriemärkte schließen würden, könnten die beiden vermutlich problemlos einen eigenen Kosmetikladen eröffnen. Mit Kundenkarte. Bonusprogramm. Und eigener Filiale. Trotzdem wird weiter gesucht. Nach neuen Produkten. Nach neuen Farben. Nach neuen Verpackungen. Und irgendwo zwischen Lipgloss, Gesichtsmasken und TikTok-Trends wird langsam eine Persönlichkeit aufgebaut. Ein eigener Stil entwickelt. Eine junge Frau erwachsen. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum diese Läden so faszinierend sind.

Nicht wegen der Produkte. Sondern wegen der Möglichkeiten. Weil man dort ausprobieren darf. Entdecken darf. Verwerfen darf. Neu anfangen darf. Und weil man dort ein kleines Stück von sich selbst findet. Auch wenn das für uns Eltern manchmal aussieht wie eine sehr teure Schnitzeljagd.

Trotzdem bleibt für mich die größte Erkenntnis: Wenn mein Exemplar für Bewegung, frische Luft oder spontane Unternehmungen ungefähr die Energie eines Akkus bei drei Prozent besitzt, dann reichen drei magische Worte: „Ich fahre zu DM.“ Und plötzlich wird aus einem Faultier ein Düsenjet. Allein dafür sollten diese Läden wissenschaftlich untersucht werden.

Denn offenbar schaffen sie etwas, woran Eltern seit Generationen scheitern: Sie aktivieren pubertierende Mädchen innerhalb von Sekunden.

Und während du vielleicht gerade schmunzelnd an dein eigenes Exemplar denkst, das beim Wort „DM“ plötzlich schneller ist als jeder Spitzensportler, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel am Ende dieses Artikels, beobachtet das Ganze mit einem Lächeln und flüstert:

„Vielleicht sind es gar nicht die Lipglosse, Gesichtsmasken oder Hello-Kitty-Verpackungen, die Jugendliche so glücklich machen. Vielleicht ist es einfach die Freude, die Welt zu entdecken – auch wenn dabei das Taschengeld und die Geduld der Eltern gelegentlich auf der Strecke bleiben.“

Schön, dass du hier bist 🩶

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