Von Blush, Haarbürsten und der Erkenntnis, dass ich plötzlich die „Alte“ bin

Heute ist mir etwas aufgefallen.

Eigentlich existiert dieses Phänomen schon länger. Wahrscheinlich sogar seit mehreren Jahren. Aber manchmal gibt es diese Momente, in denen etwas, das längst da ist, plötzlich bewusst wird.

Und natürlich geht es um mein Exemplar. Wobei. Nicht nur um mein Exemplar.

Eigentlich geht es auch um mich. Früher habe ich mich gerne geschminkt. So richtig.

Ich hatte Schubladen voller Schminke. Lippenstifte in Farben, die ich nie benutzt habe. Lidschatten, die wunderschön aussahen, aber irgendwie nie zu meinem Gesicht passen wollten. Make-up. Puder. Mascara.

Dazu kamen gefärbte Haare. Mal heller. Mal dunkler. Mal bunt.  Mal die Idee, dass irgendeine neue Farbe mein Leben verändern könnte. Hat sie natürlich nie. Aber ausprobiert habe ich es trotzdem.

Heute sieht mein Badezimmer völlig anders aus. Meine Haare sind wieder natürlich. Geschminkt bin ich gar nicht. Und meine tägliche Hautpflege besteht hauptsächlich aus Hyalurongel von Garnier. Mehr Luxus bekommt mein Gesicht aktuell nicht.

Wobei ich zugeben muss, dass ich schon immer eine gewisse Angst davor hatte, irgendwann auszusehen wie eine welke Pflaume. Das klingt gemein. Ist aber die Wahrheit.

Als ich ein Kind war, gab es diese Frauen, die mit Mitte dreißig plötzlich aussahen, als hätten sie beschlossen, direkt in die Rente zu wechseln. Kittelschürze. Dauerwelle. Praktische Schuhe. Und irgendwie wirkten sie für mein Kinderhirn uralt.

Heute bin ich älter als viele dieser Frauen damals. Und trage weder Kittelschürze noch Dauerwelle. Dafür Wechseljahre. Man kann eben nicht alles haben.

Aber zurück zum Badezimmer. Denn mittlerweile steht dort zwar jede Menge Schminke. Nur nicht meine. Da stehen Abschminktücher. Blush. Concealer. Pinsel. Irgendwelche Produkte, deren Namen ich nicht einmal aussprechen kann. Und sie gehören alle meinem Exemplar.

Früher gehörte mir das Badezimmer. Heute bin ich dort eher Gast. Noch schlimmer wird es bei meiner Haarbürste. Meine Haarbürste. Nicht ihre. Meine. Warum sie ständig meine benutzt? Weil sie ihre nie findet. Oder weil sie zu faul ist zu suchen. Ich schwanke noch zwischen beiden Theorien.

Jedenfalls suche ich mittlerweile regelmäßig meine eigene Bürste wie ein Archäologe auf Ausgrabung. Manchmal finde ich sie. Manchmal nicht. Und manchmal liegt sie dort, wo sie definitiv nicht hingehört. Pubertät scheint eine natürliche Fähigkeit zu entwickeln, Gegenstände zu verlegen, die einem gar nicht gehören.

Doch heute erreichte das Ganze eine neue Stufe. Im letzten Artikel habe ich bereits von den legendären Roblox-Telefonaten berichtet. Diese stundenlangen Gespräche mit der besten Freundin. Zwanzig Stufen entfernt. Über WhatsApp. Während beide Roblox spielen. Ein Konzept, das ich bis heute nicht vollständig verstanden habe.

Heute kam allerdings eine Erweiterung hinzu. YouTube lief auf dem Tablet, das auf der Toilette lag.  Dort lief Musik. Auf dem Handy, das daneben lag, war ihre beste Freundin zu sehen. Und mein Exemplar schminkte sich. Währenddessen kommentierte sie jeden einzelnen Schminkschritt. Jeden. Einzelnen.

„Jetzt mache ich Blush drauf.“

„Warte, ich nehme doch den anderen.“

„Nee, das sieht komisch aus.“

„Findest du?“

„Ich glaube, das passt besser.“

„Warte.“

„Jetzt noch Concealer.“

„Oh nein.“

„Doch.“

„Nee.“

„Doch.“

Ich stand in der Küche und fragte mich, ob ich versehentlich in einer Live-Übertragung gelandet war. Denn gefühlt kommentierte sie ihr Gesicht wie ein Fußballmoderator ein Bundesligaspiel. Und ihre Freundin machte begeistert mit.

Ich hätte niemals gedacht, dass man über Concealer länger diskutieren kann als über Politik. Aber offenbar ist alles möglich. Währenddessen stand ich in meiner eigenen kleinen Realität. Der Kuchen war im Ofen. Die Hitzewallung meines Lebens rollte an. Ich schwitzte wie ein Marathonläufer kurz vor dem Zieleinlauf. Und versuchte gleichzeitig zu verhindern, dass mein Kuchen zu einer biologischen Waffe wird.

Das ist übrigens auch so ein Wechseljahre-Ding. Man macht etwas völlig Normales. Zum Beispiel backen. Und plötzlich entscheidet der Körper: Wir simulieren jetzt tropisches Klima. Und noch besser. Backmischungen werden einfach nicht mehr richtig gelesen. So wird aus einer simplen Backmischung ein neues Rezept. Viel Spaß.

Also stand ich da. Mit rotem Gesicht. Schwitzend. Genervt. Und schaute nebenbei „Achtsam Morden“. Nicht wegen des Mordens. Das möchte ich ausdrücklich betonen. Sondern weil die Serie erstaunlich entspannend ist. Was vermutlich ebenfalls etwas über mein Alter aussagt. Mit zwanzig hätte ich Action geschaut. Mit vierzig freue ich mich über Menschen, die lernen, Grenzen zu setzen. Das ist wahrscheinlich die natürliche Entwicklung einer Frau.

Mit zwanzig kämpfst du um die Liebe. Mit vierzig kämpfst du um Ruhe. Und deshalb verstehe ich die Hauptfigur von „Achtsam Morden“ manchmal erschreckend gut. Nicht das Morden. Nur die Sehnsucht nach Ruhe. Denn ab vierzig brauchst du definitiv eine Form von Achtsamkeitstraining. Sonst würdest du irgendwann anfangen, Menschen anzuknurren.

Vor allem dann, wenn gleichzeitig: der Kuchen verbrennt, die Hitzewallung kommt, die Haarbürste verschwunden ist, Roblox im Hintergrund läuft, eine Freundin über WhatsApp zugeschaltet ist, und jemand ausführlich erklärt, warum der neue Blush besser aussieht als der alte. Das Leben mit einer pubertierenden Tochter ist faszinierend. Nicht schlimm. Nicht anstrengend im klassischen Sinn. Einfach faszinierend. Man beobachtet täglich, wie sich ein Mensch verändert. Wie plötzlich Interessen entstehen. Wie Dinge wichtig werden, die gestern noch völlig egal waren. Wie aus dem kleinen Mädchen langsam eine junge Frau wird.

Und manchmal passiert das so schleichend, dass man es erst merkt, wenn man plötzlich vor einem Badezimmer steht, das nicht mehr aussieht wie das eigene. Dann wird einem bewusst: Die Zeit vergeht. Die Rollen verändern sich. Und irgendwann steht dort nicht mehr das kleine Kind, das deine Haarbürste klaut. Sondern eine junge Frau. Mit eigenen Gedanken. Eigenem Stil. Eigenem Leben.

Und während sie sich schminkt, Roblox spielt, telefoniert und Musik hört, stehst du in der Küche, kämpfst mit den Wechseljahren und einem Kuchen. Und irgendwie sind beide Lebensphasen gar nicht so unterschiedlich. Sie entdeckt sich selbst. Und ich entdecke mich gerade neu. Sie bekommt mehr Hormone. Ich verliere welche. Sie beginnt einen neuen Abschnitt. Ich ebenfalls.

Nur an unterschiedlichen Enden des Lebens. Und vielleicht ist genau das das Verrückte daran. Wir beide verändern uns gleichzeitig. Nur in unterschiedliche Richtungen. Und trotzdem sitzen wir am Abend oft gemeinsam auf der Couch. Sie mit ihrem Handy. Ich mit meiner Serie. Und irgendwo dazwischen liegt meine verschwundene Haarbürste.

Und falls heute irgendwo ein kleiner Wichtel seine Bürste sucht, während im Hintergrund Roblox läuft und jemand über Blush diskutiert, dann weiß er: Das Leben ist manchmal chaotisch. Aber genau dieses Chaos macht die schönsten Geschichten.

Schön das du hier bist 🩶

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