Telefonate in der Pubertät- Ein Mysterium, das ich nicht verstehe

Manchmal sitze ich da und frage mich, wann genau die Welt eigentlich falsch abgebogen ist. Nicht komplett. Nur so ein bisschen.

Früher war vieles komplizierter. Heute ist vieles einfacher. Und trotzdem verstehe ich manche Dinge überhaupt nicht mehr. Zum Beispiel Telefonate. Oder besser gesagt: Die Art, wie Jugendliche heute telefonieren.

Ich komme ja noch aus einer Zeit, in der ein Telefon etwas Besonderes war. Ein Festnetztelefon. Mit Kabel. Mit Wählscheibe oder Tasten. Und meistens stand es irgendwo im Flur oder auf einer Telefonbank. Allein dieses Wort klingt heute schon wie aus einem Museum. Telefonbank.

Wir saßen dort nicht stundenlang. Wir führten keine Videokonferenzen. Wir hielten keine digitalen Freundschaftspflege-Marathons ab. Wir riefen an, weil wir etwas wollten. „Kommst du raus?“ „Hast du die Hausaufgaben?“ „Kann ich mit Kathrin sprechen?“ Fertig. Gespräch beendet.

Wenn es länger wurde, stand meistens schon jemand neben dem Telefon und rief: „Leg endlich auf, das kostet Geld!“ Und genau da beginnt mein Problem.

Denn mein Exemplar lebt offensichtlich in einer völlig anderen Dimension. Ihre beste Freundin wohnt direkt unter uns. Nicht in einem anderen Stadtteil. Nicht in einer anderen Stadt. Nicht einmal auf der anderen Straßenseite. Unter uns. Zwanzig Stufen. Zwanzig! Wenn ich zwanzig Stufen runtergehe, stehe ich praktisch schon bei ihr im Wohnzimmer.

Aber nein. Warum sollte man zwanzig Stufen laufen, wenn man sich stattdessen über WhatsApp anrufen kann? Und zwar mit Kamera. Natürlich mit Kamera. Denn offenbar reicht telefonieren allein nicht mehr. Man muss sich gleichzeitig sehen. Jederzeit. Permanent. Als würde sonst ein lebenswichtiger Kontakt abbrechen.

Und jetzt denkt ihr vielleicht, die beiden würden sich dann wenigstens angeregt unterhalten. Über die Schule. Über Freunde. Über das Leben. Über Träume und Zukunftspläne. Ach was. Die Realität sieht anders aus. Die beiden sitzen jeweils in ihren Zimmern. Jede vor ihrem Tablet. Jede vor ihrem Handy. Und spielen Roblox. Stundenlang.

Dabei schauen sie sich gegenseitig beim Spielen zu. Und reden über das Spiel, das sie gerade spielen. „Guck mal!“ „Ja!“ „Da drüben!“ „Warte!“ „Oh mein Gott!“ „Nein!“ „Doch!“ „Haha!“ Ende der Unterhaltung.

Und das wiederholt sich ungefähr vier Stunden lang. Ich weiß nicht, ob ich beeindruckt oder besorgt sein soll. Vermutlich beides. Manchmal laufe ich am Zimmer vorbei und denke: Reden die eigentlich noch miteinander? Oder kommentieren sie nur noch gegenseitig ihre Bildschirme?

Es ist faszinierend. Wie ein Naturfilm. Man beobachtet eine fremde Spezies in ihrem natürlichen Lebensraum. Und versucht zu verstehen, was da eigentlich passiert. Bisher ohne Erfolg.

Das Verrückte ist: Die beiden haben offensichtlich Spaß dabei. Richtigen Spaß. Sie lachen. Sie albern herum. Sie freuen sich. Sie verbringen Zeit miteinander. Nur eben komplett anders, als wir es früher getan haben. Und wahrscheinlich ist genau das der Punkt.

Für meine Generation bedeutete Freundschaft oft: Draußen sein. Fahrrad fahren. Auf Spielplätzen herumhängen. Durch die Gegend laufen. Sich treffen. Gemeinsam Blödsinn machen. Heute findet vieles digital statt. Nicht weniger intensiv. Nicht weniger wichtig. Nur anders.

Trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich versuche, mein Exemplar für Dinge zu begeistern, die ich selbst toll finde.

Zum Beispiel Bücher. Neulich war es endlich so weit. Sie stand vor einem Regal. Schaute sich um. Nahm ein Buch in die Hand. Las den Klappentext. Und sagte: „Das klingt gut.“ Ich hätte beinahe geweint vor Glück.

Endlich. Ein Buch. Ein echtes Buch. Mit Seiten. Mit Papier. Mit Worten. Keine App. Kein Video. Keine Chats. Keine Roblox-Figur. Ein Buch.

Ich war innerlich schon dabei, zukünftige Leserunden zu planen. Vielleicht würden wir gemeinsam darüber sprechen. Vielleicht würde sie plötzlich die Liebe zum Lesen entdecken. Vielleicht würde sie freiwillig weniger Bildschirmzeit haben. Vielleicht würden Einhörner über den Balkon fliegen.

Man darf ja träumen. Mit großer Vorfreude kaufte sie das Buch. Trug es nach Hause. Legte es auf ihren Schreibtisch. Und dort liegt es bis heute. Unberührt. Ungelesen. Vermutlich wartet es inzwischen selbst darauf, entdeckt zu werden.

Manchmal schaue ich es an und denke: Du hast gekämpft, kleines Buch. Du hast wirklich gekämpft. Aber gegen Roblox hattest du keine Chance.

Wobei ich fairerweise sagen muss: Unsere Eltern haben wahrscheinlich dasselbe über uns gedacht. Vielleicht saßen sie da und fragten sich: Warum hängen die ständig draußen herum? Warum fahren die stundenlang Fahrrad? Warum sitzen die auf Mauern und reden über Dinge, die niemand versteht? Warum müssen die immer unterwegs sein?

Jede Generation hat ihre Eigenheiten. Und jede Generation versteht die nächste ein bisschen weniger. Wahrscheinlich gehört das einfach dazu. Trotzdem muss ich manchmal lachen.

Vor allem dann, wenn ich die Unterschiede zwischen uns bemerke. Ich telefoniere, wenn ich etwas mitteilen möchte. Mein Exemplar telefoniert offenbar, weil das Telefonat selbst Teil der Freundschaft ist. Ich telefoniere fünf Minuten. Sie telefoniert fünf Stunden. Ich rufe an und sage: „Ich komme später.“ Sie ruft an und sagt: „Guck mal, mein Roblox-Charakter hat neue Schuhe.“ Und dann wird darüber diskutiert. Ausführlich. Sehr ausführlich.

Manchmal frage ich mich tatsächlich, wie viel WLAN man an einem Nachmittag verbrauchen kann. Die Antwort lautet: Mehr als man für möglich hält. Früher hatten wir Telefonrechnungen. Heute haben wir WLAN-Router, die vermutlich regelmäßig um Hilfe schreien.

Früher hieß es: „Leg auf, das wird zu teuer!“ Heute heißt es: „Warum ist das Internet schon wieder langsam?“ Die Zeiten ändern sich.

Und vielleicht ist das auch gut so. Denn wenn ich ganz ehrlich bin, sehe ich trotz allem etwas Schönes darin. Mein Exemplar hat eine beste Freundin. Sie lachen miteinander. Sie vertrauen sich. Sie verbringen Zeit zusammen. Ja, manchmal auf eine Art, die ich nicht verstehe. Ja, manchmal würde ich sie lieber draußen im Wald sehen als in Roblox. Ja, manchmal würde ich mir wünschen, dass das Buch auf dem Schreibtisch endlich geöffnet wird.

Aber am Ende sehe ich vor allem eines: Ein Kind, das glücklich ist. Und vielleicht muss ich nicht alles verstehen. Vielleicht reicht es manchmal aus zu beobachten. Zu schmunzeln. Den Kopf zu schütteln. Und festzustellen, dass jede Generation ihre ganz eigenen Verrücktheiten hat. Wir hatten unsere. Sie haben ihre. Und wahrscheinlich werden ihre Kinder eines Tages genauso über sie denken.

Bis dahin werde ich weiter staunend vor ihrem Zimmer vorbeilaufen, den Roblox-Gesprächen lauschen und mich fragen, wie zwei Menschen über vier Stunden lang ein Spiel kommentieren können.

Und das Buch? Das liegt immer noch dort. Aber wer weiß. Vielleicht kommt seine Zeit ja noch. Irgendwann. Zwischen zwei Roblox-Sitzungen. Oder in ungefähr drei bis vier Jahren. Man soll die Hoffnung schließlich nie aufgeben.

Und falls heute irgendwo ein kleiner Wichtel auf einer Telefonbank sitzt und sich wundert, warum niemand mehr das Festnetz benutzt: Keine Sorge. Die Freundschaften sind noch da. Sie haben nur das WLAN übernommen.

Schön das du hier bist 🩶

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