
Es gibt Menschen, die gehen gerne einkaufen.
Diese Menschen schlendern entspannt durch die Gänge, vergleichen Produkte, entdecken neue Dinge und lassen sich inspirieren.
Ich gehöre nicht zu diesen Menschen.
Vielleicht war ich das früher einmal.
Vielleicht gab es eine Zeit vor den Wechseljahren, in der ich durch einen Supermarkt laufen konnte, ohne innerlich einen Notfallplan für mein vegetatives Nervensystem zu entwickeln.
Aber diese Zeit ist vorbei.
Heute reicht oft schon der Gedanke ans Einkaufen, um in meinem Gehirn eine Fehlermeldung auszulösen.
Error 404 – Entspannung nicht gefunden.
Dabei beginnt alles eigentlich ganz harmlos.
Der Feierabendfehler
Stell dir folgende Situation vor: Du hast den ganzen Tag gearbeitet. Nicht irgendwo allein in einem Büro. Nein. Mit Menschen.
Viele Menschen. Menschen mit Fragen. Menschen mit Problemen. Menschen mit Bedürfnissen. Menschen, die etwas von dir möchten. Irgendwann ist Feierabend.
Und genau in diesem Moment möchte dein Körper eigentlich nur noch eines: Nach Hause. Ruhe. Jogginghose. Couch. Vielleicht eine Tasse Kaffee. Vielleicht auch einfach bewusstes Nichtstun.
Doch dann fällt dir ein: Du musst einkaufen. Und plötzlich wird aus einem normalen Feierabend ein persönlicher Endgegner.
Ich bin ein Monk
Ich muss an dieser Stelle etwas gestehen. Ich bin monkisch. Nicht ein bisschen. Richtig. Ich mag Strukturen. Ich mag Abläufe. Ich mag Pläne.
Und deshalb gehe ich grundsätzlich montags einkaufen. Nicht, weil der Montag besonders schön wäre. Der Montag ist eigentlich ein ziemlich überbewerteter Wochentag. Aber er gehört nun einmal zu meinem inneren System. Montag ist Einkaufstag. Punkt.
Außerdem gehe ich niemals ohne Einkaufszettel los. Niemals. Menschen, die ohne Einkaufszettel einkaufen, leben gefährlich. Sie vertrauen ihrem Gedächtnis. Ich vertraue Papier. Das Papier verrät mich nicht. Mein Gehirn dagegen schon. Vor allem in den Wechseljahren.
Der Supermarkt als soziale Herausforderung
Nun könnte man denken: „Wie schlimm kann Einkaufen schon sein?“
Diese Frage stellen meistens Menschen, die offensichtlich nie nach einem langen Arbeitstag in den Wechseljahren durch einen Supermarkt gelaufen sind.
Denn dort lauert etwas, das ich inzwischen nur noch als soziale Herausforderung bezeichnen kann.
Andere Menschen. Überall. Sie stehen vor Regalen. Sie blockieren Gänge. Sie diskutieren über Käse. Sie telefonieren. Sie fahren Einkaufswagen wie Schwertransporter durch enge Straßen. Und manche möchten sogar reden. Mit mir. Freiwillig. Warum? Ich verstehe es nicht.
Die Brottheke
Besonders kritisch wird es an der Brottheke. Dort passieren Dinge. Merkwürdige Dinge. Plötzlich entstehen Gespräche. Empfehlungen. Meinungen. Diskussionen.
Manchmal möchte mir jemand erklären, welches Brot besser ist. Oder wie man etwas lagern sollte. Oder warum Dinkel gesünder ist. Ich stehe dann da und denke: „Ich wollte nur ein Brot kaufen.“
Nicht mehr. Nicht weniger. Ich bin nicht auf einer Kontaktbörse. Ich suche keine neuen Bekanntschaften. Ich möchte kein Seminar über Backwaren besuchen. Ich möchte einfach nur mein Brot. Und zwar möglichst schnell.
Die Wechseljahre und die Menschenverträglichkeit
Früher war ich wahrscheinlich deutlich geduldiger. Heute merke ich, dass die Wechseljahre etwas mit meiner Menschenverträglichkeit gemacht haben. Nicht grundsätzlich.
Ich mag Menschen. Meistens. Zumindest in kleinen Dosen. Aber mein Nervensystem entscheidet inzwischen sehr genau, wann genug ist. Und meistens ist genug deutlich früher als früher. Ich glaube, viele Frauen kennen dieses Gefühl.
Man wird empfindlicher gegenüber Lärm. Gegenüber Chaos. Gegenüber Reizüberflutung. Gegenüber unnötigen Diskussionen. Der Akku ist schneller leer. Und genau deshalb kann ein normaler Einkauf plötzlich die emotionale Belastung eines Mittelgebirgsaufstiegs annehmen.
Der Endgegner heißt Kasse
Irgendwann habe ich alles gefunden. Der Einkaufswagen ist voll. Die Mission scheint fast geschafft. Doch dann kommt der schwierigste Teil. Die Kasse.
Natürlich sind alle Kassen voll. Immer. Egal wann. Egal wo. Egal wie. Vor mir steht grundsätzlich jemand, der seinen Geldbeutel erst sucht, wenn die Kassiererin bereits den gesamten Einkauf gescannt hat. Oder jemand, der beschließt, seinen Wocheneinkauf noch einmal direkt an der Kasse zu sortieren. Oder jemand, der plötzlich feststellt, dass er doch noch eine Kleinigkeit vergessen hat. Währenddessen stehe ich da. Innerlich alternd.
Die Kassiererin und ich
Das Interessante ist: Die Kassiererin wirkt oft genauso genervt wie ich. Und irgendwie verbindet uns das.
Wir beide wollen einfach nur diesen Vorgang überleben. Sie scannt. Ich packe hektisch ein.
Sie scannt schneller. Ich werde nervöser. Es ist wie ein olympischer Wettbewerb. Nur mit Joghurt, Gurken und Tiefkühlpizza.
Das dreifache Auspacken
Was mich allerdings bis heute irritiert: Warum muss ich meinen Einkauf eigentlich dreimal anfassen?
Ich packe ihn ins Regal. Dann aufs Band. Dann zurück in die Tasche. Dann zu Hause wieder raus. Dann in den Schrank. Wer hat sich das ausgedacht? Und warum wurde diese Person nie zur Verantwortung gezogen?
Die Revolution
Doch dann geschah etwas. Etwas Wundervolles.
Etwas, das mein Vertrauen in die Menschheit ein kleines Stück zurückgebracht hat. Scanner. Diese kleinen Geräte sind vermutlich die größte Erfindung seit geschnittenem Brot. Plötzlich kann ich alles direkt scannen. Direkt in meine Tasche legen. Direkt bezahlen. Ohne alles wieder auszupacken. Ohne Hektik. Ohne Stress. Ohne unnötige Begegnungen. Ich glaube wirklich, dass irgendwo ein Entwickler saß und dachte:
„Wir müssen etwas für genervte Frauen über 40 tun.“ Und ich möchte dieser Person danken. Von Herzen.
Mein vegetatives Nervensystem sagt Danke
Seitdem verlasse ich den Supermarkt deutlich entspannter. Mein Puls bleibt im Normalbereich. Meine Hitzewallungen werden nicht zusätzlich durch Menschenmassen provoziert.
Und mein Nervensystem muss nicht mehr bei jeder Kassenschlange einen Notfallplan entwickeln. Natürlich hasse ich Einkaufen immer noch.
Aber inzwischen hasse ich es etwas weniger. Und das ist in den Wechseljahren bereits ein großer Erfolg.
Vielleicht geht es vielen Frauen so
Vielleicht geht es gar nicht nur ums Einkaufen. Vielleicht geht es darum, dass wir irgendwann merken, wie viele Reize täglich auf uns einprasseln. Arbeit. Familie. Termine. Verantwortung. Lärm. Menschen. Gedanken.
Und irgendwann ist das Fass einfach voll. Dann wird selbst der Supermarkt zur Herausforderung. Nicht weil wir schwach sind. Sondern weil unser Nervensystem irgendwann sagt: „Für heute reicht es.“
Mein Fazit
Ich werde wahrscheinlich nie zu den Menschen gehören, die entspannt samstags durch Einkaufszentren bummeln.
Und das ist völlig in Ordnung. Ich mag meinen Einkaufszettel. Ich mag meine festen Abläufe.
Und ich liebe inzwischen meinen Scanner. Manchmal sind es die kleinen Erfindungen, die den Alltag leichter machen.
Vor allem dann, wenn man sich gerade durch Wechseljahre, Hitzewallungen, Arbeitsstress und das ganz normale Leben navigiert. Und falls du dich beim Einkaufen auch manchmal fühlst, als würdest du eine Expedition durch unbekanntes Terrain antreten: Du bist nicht allein.
Irgendwo zwischen Brottheke, Kassenschlange und Tiefkühltruhe steht wahrscheinlich gerade eine andere Frau, die ebenfalls nur nach Hause möchte. Und vielleicht hält sie heimlich Ausschau nach einem Scanner.
Und während du vielleicht gerade deinen Einkaufszettel suchst oder überlegst, ob du wirklich noch einmal los musst, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel auf einem Einkaufswagen und flüstert: „Manchmal sind die größten Abenteuer nicht Drachen oder Schatzkarten, sondern ein Montagabend im Supermarkt, wenn man ihn trotzdem überlebt hat.“
Schön das du hier bist 🩶
Für mich ist es zwar „zu spät“, um mich in der Lebensphase der Wechseljahre von deinem Beitrag mitgenommen zu fühlen, weil ich sie schon durchlebt und ad acta gelegt habe, aber zumindest erinnere ich mich an die irritierenden Zustände von Verwirrung, Vergessens oder an die spontanen Wortfindungsstörungen bezüglich vertrauter Gegenstände, die mitten in einer Kommunikation schon Mut zur Wahrheit erfordern – zumindest war die Flucht nach vorn die Taktik meiner Wahl: „Warte einen Moment, die kleine Kugel rollt noch durchs Labyrinth!“ Diese Phase vergeht, und das Gehirn sortiert sich wieder, das ist zum Glück eine Tatsache. Ich würde sogar behaupten, dass man nachher emotional weniger aus dem Gleis zu schubsen ist, als je zuvor.
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Das beruhigt mich sehr 😂
Es ist tatsächlich eine kuriose Zeit
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Kurios ist schönes Wort dafür, die interessant vielfältigen Bedeutungen sind eine schöne Unterstützung, um die eigene Einstellung dazu um einige positive Aspekte zu erweitern:
https://www.dwds.de/wb/kurios
Auf sich selbst neugierig zu bleiben finde ich eine gute Sache, die gerade deshalb später noch gilt, weil einem allzu oft suggeriert wird, mit den Wechseljahren am Ende des wichtigsten (weiblichen) Lebensabschnitts zu stehen. Pah.
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Ja zumindest lernt man seinen Körper wieder neu kennen und anders. Ich merke eigentlich gerade vor allem das man jetzt auch eher Mal nein sagt und nicht immer alles über sich ergehen lässt.
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Irgendwann regt man sich auch mit weniger emotionaler Verzweiflung auf, wenn sich daraus eine Auseinandersetzungen im Beziehungskontext ergibt. Das heisst nicht zwangsläufig, dass man den anderen weniger mag, aber womöglich wird derjenige verwirrt sein.
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