Früher war nicht alles besser, aber manches war menschlicher

Kennt ihr diesen Satz?

„Früher war alles besser!“

Ich glaube, diesen Satz hat schon jede Generation mindestens einmal ausgesprochen. Wahrscheinlich saßen bereits unsere Vorfahren vor ihren Höhlen und beschwerten sich darüber, dass die Jugend von heute nicht einmal mehr ordentlich Mammuts jagen kann.

Aber mal im Ernst.

Ich finde es nicht richtig, unseren Kindern und Jugendlichen ständig unter die Nase zu reiben, wie viel besser früher angeblich alles gewesen sein soll.

Jede Generation hat ihre eigene Zeit. Ihre Möglichkeiten, ihre Probleme und ihre Herausforderungen.

Nur weil wir früher keine Smartphones hatten, bedeutet das nicht automatisch, dass unser Leben schöner war.

Wir hatten schließlich auch unsere Sorgen.

Und Menschen, die etwas zu meckern haben wollten, gab es damals genauso wie heute.

Trotzdem erinnere ich mich gerne zurück.

Besonders an meine Kindheit auf dem Dorf.

Ich bin dort viele Jahre aufgewachsen. Nach der Wende sah vieles noch ganz anders aus. Die Häuser waren alt, nicht alles war modern und manche Dinge, die heute selbstverständlich sind, gab es einfach nicht.

Natürlich hatten wir einen Fernseher.

Mit gefühlt vier Programmen.

Wenn nichts Vernünftiges lief, hatte man eben Pech.

Da konnte man nicht durch fünfhundert Streamingangebote scrollen, um anschließend festzustellen, dass man sowieso nichts schauen möchte.

Wir verbrachten viel Zeit draußen. Und vor allem kannten wir die Menschen in unserem Dorf.

Da wusste man, wer wo wohnte, wer Hilfe brauchte und bei wem man besser nicht ungefragt die Gartentür öffnete.

Und vor allem passte irgendwie jeder auf jeden auf.

Wenn irgendwo ein Kind hingefallen war, kam jemand und half ihm auf.

Wenn ein älterer Mensch Unterstützung brauchte, wurde mit angepackt.

Und wenn wir Kinder irgendwo Unsinn machten, dauerte es meistens nicht besonders lange, bis unsere Eltern davon erfuhren.

Da brauchte niemand ein Smartphone, eine Überwachungskamera oder eine Eltern-WhatsApp-Gruppe.

Die Dorfnachrichten funktionierten vollkommen ohne Internet.

Und zwar schneller als jedes Glasfasernetz.

Man konnte am anderen Ende des Dorfes irgendeinen Blödsinn anstellen und hatte manchmal das Gefühl, die eigene Mutter wusste bereits Bescheid, bevor man überhaupt wieder zu Hause angekommen war.

„Ich habe gehört, du warst heute …“

Und schon wusste man: Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen.

Eine Verteidigung lohnt sich nicht mehr.

Natürlich konnte das auch anstrengend sein. Nicht jeder wollte schließlich, dass das ganze Dorf über seine Angelegenheiten Bescheid wusste.

Aber dieses Gefühl, dass jemand hinschaute und sich kümmerte, hatte auch etwas Beruhigendes.

Man war nicht einfach nur irgendein Mensch unter vielen.

Man gehörte dazu.

An eine ältere Dame erinnere ich mich bis heute besonders gut.

Sie war kleinwüchsig. Als Kind war sie während des Krieges von einer Treppe gestoßen worden, was nach ihrer Geschichte zu ihrer körperlichen Beeinträchtigung geführt hatte.

Sie war nicht verheiratet und wurde deshalb von allen nur mit „Fräulein“ angesprochen.

Das fand ich damals schon ungewöhnlich.

Heute denke ich mir: Nach dieser alten Regel wäre ich möglicherweise auch ein Fräulein.

Schließlich muss man nicht heiraten, nur weil man erwachsen ist.

Und das ist tatsächlich etwas, das sich in unserer Gesellschaft zum Positiven verändert hat.

Heute darf man Single sein.

Auch langfristig.

Man darf alleine leben, sein eigenes Geld verdienen, Entscheidungen treffen und sein Leben so gestalten, wie es zu einem passt.

Man muss nicht heiraten, um gesellschaftlich anerkannt oder finanziell abgesichert zu sein.

Natürlich sind nicht alle Menschen finanziell unabhängig, und auch heute gibt es noch genügend Erwartungen von außen.

Aber eine Ehe ist längst nicht mehr die einzige Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Und niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen, wenn er keinen Partner hat.

Oder keinen möchte.

Vielleicht hat man den richtigen Menschen einfach noch nicht gefunden.

Vielleicht ist man nach vergangenen Erfahrungen vorsichtiger geworden.

Oder vielleicht ist man auch ganz bewusst glücklich mit sich selbst.

Nicht jeder Mensch braucht eine zweite Zahnbürste im Badezimmer, um ein erfülltes Leben zu führen.

Und ganz ehrlich?

Den richtigen Menschen zu finden, ist heute  auch nicht unbedingt leichter geworden.

Aber gut, ich schweife ab.

Zurück zu unserem Fräulein.

Diese ältere Dame konnte viele Dinge nicht mehr allein erledigen.

Getränke aus dem Konsum holen zum Beispiel.

Oder größere Besorgungen machen.

Sie hatte keine Kinder, die ihr helfen konnten.

Also halfen wir.

Wir Kinder holten ihre Getränke und erledigten kleine Aufgaben.

Einfach so.

Wir bekamen dafür kein Geld.

Manchmal ein Lächeln.

Ein freundliches Wort.

Und ein ehrliches Dankeschön.

Mehr nicht.

Und wisst ihr was?

Das war vollkommen ausreichend.

Nicht, weil unsere Hilfe nichts wert gewesen wäre.

Sondern weil wir gar nicht darüber nachdachten, was wir dafür bekommen könnten.

Wir sahen einen Menschen, der Unterstützung brauchte.

Also halfen wir.

Natürlich war auch damals nicht jeder hilfsbereit. Es gab Neid, Streit und Menschen, die lieber wegsahen.

Ich möchte die Vergangenheit nicht romantisieren.

Aber dieses Gefühl von Nachbarschaft, von gegenseitiger Unterstützung und kleinen Selbstverständlichkeiten ist mir in Erinnerung geblieben.

Und manchmal vermisse ich genau das.

Nicht die alten Häuser.

Nicht die vier Fernsehprogramme.

Und ganz bestimmt nicht jede Schwierigkeit dieser Zeit.

Sondern das Gefühl, dass man füreinander da war.

Heute erlebe ich immer wieder, wie schwer sich manche Menschen mit kleinen Gesten tun.

Dabei kostet es doch nichts, jemandem ein ehrliches Kompliment zu machen.

Sich für einen anderen Menschen zu freuen.

Zu sagen: „Das hast du wirklich schön gemacht.“

Warum muss daraus so häufig ein Vergleich entstehen?

Warum kann jemand nicht einfach etwas Schönes besitzen, etwas erreichen oder glücklich sein, ohne dass ein anderer sich dadurch benachteiligt fühlt?

Das Glück eines anderen Menschen nimmt mir doch nichts von meinem eigenen weg.

Und genau das beschäftigt mich zunehmend.

Ich bin auf Instagram aktiv und habe mir dort meine kleine kreative Community aufgebaut.

Und ausgerechnet dort, in dieser digitalen Welt, erlebe ich etwas, das ich im Alltag manchmal vermisse.

Menschlichkeit.

Menschen, die sich gegenseitig unterstützen.

Die sich über kleine Geschichten freuen.

Die liebe Worte hinterlassen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Die anderen etwas gönnen.

Natürlich ist auch Instagram nicht frei von Neid und Missgunst.

Aber meine persönliche Erfahrung zeigt mir, dass es auch anders geht.

Dass wir uns selbst in einer Welt voller Bildschirme noch ehrlich begegnen können.

Und dann erlebe ich wieder den Gegensatz.

Menschen, die anderen nichts gönnen.

Die nicht helfen, obwohl es sie kaum etwas kosten würde.

Die wegschauen, sobald es unbequem wird.

Oder die lieber übereinander reden, statt miteinander.

Und ich frage mich:

Was macht das langfristig mit unserer Gesellschaft?

Was passiert, wenn jeder nur noch darauf achtet, selbst möglichst gut davonzukommen?

Wenn wir Erfolge anderer als Bedrohung empfinden?

Wenn Hilfsbereitschaft davon abhängt, ob wir irgendwann etwas zurückbekommen?

Vielleicht liegt es an den sozialen Medien, in denen wir ständig vergleichen, was andere besitzen.

Vielleicht an der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich.

Vielleicht auch an Unsicherheit, Stress und der Angst, selbst zu kurz zu kommen.

Ich glaube, es gibt darauf keine einfache Antwort.

Aber ich glaube auch, dass wir es uns zu leicht machen, wenn wir die Verantwortung ausschließlich bei der Gesellschaft suchen.

Denn wer ist eigentlich diese Gesellschaft?

Wir sind es.

Du.

Ich.

Unsere Nachbarn.

Unsere Kollegen.

Die Menschen an der Supermarktkasse.

Wir alle.

Und vielleicht beginnt Veränderung deshalb nicht mit einer großen politischen Rede oder irgendeinem neuen gesellschaftlichen Trend.

Sondern mit uns selbst.

Mit einem freundlichen Wort.

Mit einer helfenden Hand.

Mit der Entscheidung, einem anderen Menschen etwas zu gönnen.

Mit dem Mut, nicht wegzuschauen.

Ich muss dafür nicht die ganze Welt retten.

Manchmal reicht es, einer älteren Dame ihre Getränke nach Hause zu tragen.

Oder einem Menschen zu sagen, dass man stolz auf ihn ist.

Vielleicht sind wir alle nur ein kleines Zünglein an der Waage.

Aber wenn viele Menschen anfangen, ihr eigenes Verhalten zu verändern, könnte daraus etwas Größeres entstehen.

Und vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, ob früher alles besser war.

Sondern uns häufiger fragen, was wir heute besser machen können.

Denn Menschlichkeit gehört keiner bestimmten Generation.

Sie ist keine Erinnerung aus vergangenen Zeiten.

Sie ist eine Entscheidung, die wir jeden Tag aufs Neue treffen können.

Und ich hoffe sehr, dass mein Exemplar eines Tages nicht nur von meiner Kindheit und diesem kleinen Fräulein aus unserem Dorf erzählt bekommt.

Sondern selbst erlebt, wie schön es ist, einem anderen Menschen ohne Hintergedanken zu helfen.

Einfach, weil es sich richtig anfühlt.

Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel vor seinem Häuschen und beobachtet, wie ein anderer Wichtel seine schweren Einkäufe nach Hause trägt. Ohne lange nachzudenken, steht er auf und hilft ihm. Als dieser fragt, was er ihm dafür schulde, schüttelt der kleine Wichtel lächelnd den Kopf und sagt:

„Nichts. Vielleicht begegnest du morgen jemandem, der deine Hilfe braucht. Dann gib einfach ein bisschen von dem weiter, was du heute bekommen hast. Denn eine menschlichere Welt entsteht nicht dadurch, dass wir darauf warten, dass andere freundlicher werden. Sie beginnt in dem Moment, in dem wir selbst damit anfangen.“

Schön das du hier bist 🩶

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