
Manchmal sitze ich einem Menschen gegenüber und frage mich, ob ich eigentlich gerade ein Gespräch führe oder nur die Hintergrundbeschallung für sein Smartphone bin.
Kennt ihr das?
Man trifft sich auf einen Kaffee. Vielleicht hat man sich schon länger nicht gesehen. Man freut sich darauf, miteinander zu reden, ein bisschen zu lachen oder auch einmal etwas loszuwerden, das einem auf der Seele liegt.
Und dann liegt es da.
Das Handy.
Mitten auf dem Tisch.
Wie ein dritter Gesprächspartner, der zwar nichts zu sagen hat, aber trotzdem ständig dazwischenfunkt.
Es leuchtet.
Es vibriert.
Es macht irgendein Geräusch.
Und plötzlich wandert der Blick meines Gegenübers nach unten.
„Entschuldige, ich muss nur mal kurz schauen.“
Natürlich.
Nur ganz kurz.
Ich könnte in dieser Zeit vermutlich einen Kaffee kochen, einen Kuchen backen und meine Steuererklärung erledigen.
Ich beobachte schon länger, wie sich unsere Gesellschaft verändert. Und ich möchte mich da überhaupt nicht herausnehmen.
Auch ich besitze ein Smartphone. Auch ich schreibe Nachrichten, nutze soziale Medien und freue mich darüber, mit Menschen in Kontakt bleiben zu können.
Aber ich merke zunehmend, wie empfindlich ich darauf reagiere, wenn mein Gegenüber ständig erreichbar sein muss.
Es gab dafür einmal einen wunderbaren Ausdruck:
Smombie.
Eine Mischung aus Smartphone und Zombie.
Menschen, die mit gesenktem Kopf durch die Gegend laufen, auf einen Bildschirm starren und ihre Umwelt kaum noch wahrnehmen.
Ich finde dieses Wort herrlich.
Und gleichzeitig erschreckend passend.
Denn manchmal habe ich das Gefühl, wir sind inzwischen alle ein bisschen zu solchen Smombies geworden.
Wir sind ständig miteinander verbunden.
Wir können innerhalb von Sekunden Nachrichten um die halbe Welt schicken. Wir wissen, was ehemalige Schulfreunde zum Mittagessen hatten, können Menschen folgen, die wir noch nie persönlich getroffen haben, und erfahren, wer gerade im Urlaub ist.
Wir wissen manchmal mehr über den Alltag fremder Menschen als über die Gedanken der Person, die neben uns auf der Couch sitzt.
Aber bedeutet verbunden sein eigentlich auch, miteinander in Verbindung zu stehen?
Ich glaube, da liegt ein gewaltiger Unterschied.
Denn was passiert, wenn wir uns tatsächlich gegenübersitzen?
Wenn kein Bildschirm zwischen uns ist?
Können wir dann noch richtig zuhören?
Und damit meine ich nicht dieses höfliche Nicken, während wir innerlich schon unsere Antwort vorbereiten.
Ich meine wirklich zuhören.
Das Gesagte aufnehmen.
Darüber nachdenken.
Vielleicht auch einmal eine Frage stellen, weil uns interessiert, was der andere fühlt.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir das ein bisschen verlernen.
Da erzählt jemand von einem schwierigen Tag, einer Sorge oder etwas, das ihn beschäftigt.
Und mitten im Gespräch greift das Gegenüber zum Handy.
„Ich muss nur schnell etwas bei Amazon bestellen.“
Ach so.
Natürlich.
Ich schütte dir gerade mein Herz aus und du schaust nach Gegenständen auf Amazon.
Ich hoffe wenigstens, es ist ein gutes Angebot.
Vielleicht gibt es ja gerade zwischen Küchenrollen und Staubsaugerbeuteln auch ein bisschen Aufmerksamkeit im Sonderverkauf.
Aber mal im Ernst.
Was macht so etwas mit einem Menschen?
Was passiert in mir, wenn ich etwas Persönliches erzähle und merke, dass mein Gegenüber gedanklich längst woanders ist?
Ich glaube, es hinterlässt etwas.
Vielleicht nicht beim ersten Mal.
Aber wenn es immer wieder passiert, beginnt man irgendwann, weniger zu erzählen.
Man spart sich die langen Geschichten.
Die kleinen Sorgen.
Die Gedanken, für die man eigentlich jemanden gebraucht hätte.
Nicht unbedingt, weil man beleidigt ist.
Sondern weil man das Gefühl bekommt, dass das eigene Erleben gerade weniger wichtig ist als eine Nachricht auf einem Bildschirm.
Und irgendwann sitzt man sich zwar noch gegenüber, hat sich aber eigentlich nicht mehr viel zu sagen.
Das finde ich traurig.
Besonders in Freundschaften und Beziehungen.
Denn Nähe entsteht für mich nicht dadurch, dass ich jederzeit eine Nachricht verschicken kann.
Nähe entsteht, wenn ich mich gesehen fühle.
Wenn jemand merkt, dass mich etwas beschäftigt.
Wenn ein Mensch nachfragt und sich anschließend auch für die Antwort interessiert.
Natürlich gibt es Situationen, in denen man erreichbar sein muss.
Kinder, Angehörige, Notfälle.
Das verstehe ich vollkommen.
Aber nicht jede Benachrichtigung ist ein Notfall.
Nicht jede Nachricht muss innerhalb von dreißig Sekunden beantwortet werden.
Und die Bestellung eines neuen Duschvorhangs kann vermutlich auch noch zehn Minuten warten.
Ich frage mich manchmal, ob wir inzwischen sogar Angst davor haben, etwas zu verpassen.
Eine Nachricht.
Eine Neuigkeit.
Einen Kommentar.
Während wir damit beschäftigt sind, bloß nichts im Internet zu verpassen, verpassen wir vielleicht genau den Moment, der gerade vor uns stattfindet.
Ein ehrliches Gespräch.
Ein gemeinsames Lachen.
Oder den Augenblick, in dem jemand endlich den Mut findet, über etwas zu sprechen, das ihn schon lange belastet.
Und was bedeutet das langfristig für unsere Gesellschaft?
Ich weiß es nicht.
Aber ich frage mich, ob wir einsamer werden können, obwohl wir theoretisch mit Hunderten Menschen verbunden sind.
Ob Freundschaften oberflächlicher werden, wenn wir uns gegenseitig zwar täglich kleine Nachrichten schicken, aber kaum noch wirklich miteinander reden.
Ob wir irgendwann glauben, jemanden zu kennen, nur weil wir seine Beiträge gesehen haben.
Dabei wissen wir vielleicht gar nicht, wie es ihm wirklich geht.
Und dann gibt es noch etwas, das mich beschäftigt.
Heute kann jeder seine Meinung im Internet veröffentlichen.
Innerhalb weniger Sekunden.
Man muss dem anderen nicht einmal ins Gesicht schauen.
Ein Kommentar ist schnell geschrieben.
Ein Urteil schnell gefällt.
Aber würden wir dieselben Worte auch aussprechen, wenn uns der Mensch gegenübersäße?
Wenn wir seine Reaktion sehen könnten?
Vielleicht würden wir dann vorsichtiger sein.
Vielleicht würden wir erst einmal zuhören.
Vielleicht würden wir sogar feststellen, dass wir nicht immer einer Meinung sein müssen, um einander respektieren zu können.
Denn auch das gehört für mich zu einem guten Gespräch.
Nicht nur darauf zu warten, endlich selbst wieder reden zu dürfen.
Sondern auch einmal einen Gedanken stehen zu lassen.
Ich wünsche mir gar keine Welt ohne Smartphones.
Dafür nutze ich meines selbst viel zu gerne.
Und ganz ehrlich: Auf meine kleinen Mäusegeschichten, Fotos und kreativen Ideen im Internet möchte ich auch nicht verzichten.
Aber ich wünsche mir, dass wir wieder bewusster entscheiden, wann wir online sind und wann wir einem Menschen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit schenken.
Vielleicht legen wir das Handy beim nächsten Kaffee einfach einmal weg.
Nicht demonstrativ.
Nicht als große gesellschaftliche Revolution.
Sondern weil der Mensch vor uns gerade wichtiger ist.
Und vielleicht stellen wir ihm eine Frage, die eigentlich ganz einfach klingt:
„Wie geht es dir wirklich?“
Und dann warten wir auf die Antwort.
Ohne nebenbei etwas zu bestellen.
Ohne auf eine Nachricht zu reagieren.
Ohne schon nach dem nächsten Gesprächsthema zu suchen.
Einfach zuhören.
Denn vielleicht ist genau das etwas, das uns in unserer ständig verbundenen Welt zunehmend fehlt:
Nicht mehr Möglichkeiten, miteinander zu sprechen, sondern mehr Bereitschaft, einander wirklich zuzuhören.
Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf einer alten Holzbank. Neben ihm liegt ein winziges Telefon, das immer wieder aufleuchtet. Doch der Wichtel schaut nicht hin. Er betrachtet lieber seinen Freund, der ihm gerade von einem schweren Tag erzählt. Als das Telefon erneut vibriert, lächelt er und sagt:
„Weißt du, Nachrichten kann ich später noch lesen. Aber diesen Moment mit dir bekomme ich nicht zurück. Und manchmal ist das schönste Geschenk, das wir einem anderen Menschen machen können, etwas, das nichts kostet und trotzdem unbezahlbar ist: unsere ungeteilte Aufmerksamkeit.“
Schön das du hier bist 🩶