
Heute bin ich am Holunder vorbeigelaufen.
Eigentlich nichts Besonderes. Ich kenne ihn schon seit vielen Jahren. Er steht da, bekommt im Frühjahr seine weißen Blüten und später seine dunklen Beeren. Manche mögen Holunder, manche können schon beim Gedanken an Holundersaft dankend verzichten. Ist ja bei vielen Beeren so.
Ich allerdings muss beim Holunder sofort an meine Oma denken.
Wenn die Erkältungszeit kam, hatte sie nämlich einen ziemlich eindeutigen Behandlungsvorschlag:
„Mach dir einen warmen Holundersaft und gib einen Schnaps mit rein. Dann ist die Erkältung in null Komma nichts weg.“
Ja.
Omas Medizin.
Wahrscheinlich hätte der warme Holundersaft auch ohne Schnaps seinen Dienst getan. Aber früher wurde offenbar nach dem Prinzip behandelt: Wenn die Erkältung schon nicht sofort verschwindet, dann soll sie einem wenigstens kurz egal sein.
Ganz unsinnig war Omas Holundersaft allerdings nicht.
Holunder enthält Vitamin C und verschiedene Pflanzenstoffe, darunter die dunklen Farbstoffe der Beeren. Gerade deshalb wird er schon sehr lange in der Erkältungszeit genutzt. Warm getrunken tut er einfach gut, wenn man mit Decke und Taschentüchern auf dem Sofa liegt und der eigene Körper beschlossen hat, vorübergehend sämtliche Körperöffnungen außer Betrieb zu nehmen.
Nur eines sollte man wissen: Die Beeren gehören nicht einfach roh vom Strauch in den Mund. Rohe und besonders unreife Holunderbeeren können Stoffe enthalten, die einem ziemlich schnell den Magen verderben. Deshalb werden sie vor dem Verzehr erhitzt.
So weit, so Holundersaft.
Aber heute ging es mir plötzlich um etwas ganz anderes.
Denn während ich vor diesem Holunder stand, fiel mir wieder eine Geschichte ein, die ich irgendwann einmal gehört hatte.
Eine Geschichte über Frau Holle.
Ja, genau die.
Die mit den Betten.
Die Frau, die in unserer Kindheit offenbar allein für den kompletten Winterdienst zuständig war.
Frau Holle schüttelt ihre Betten aus und bei uns schneit es.
Fertig.
Als Kind braucht man für manche Dinge wirklich keine kompliziertere Erklärung.
Aber Frau Holle ist viel mehr als die freundliche alte Frau aus dem Märchen. Hinter ihr stecken viel ältere Erzählungen. Sie wurde mit der Natur, dem Winter, dem Wechsel der Jahreszeiten und in manchen Überlieferungen sogar mit der Welt der Verstorbenen verbunden.
Und dann kommt der Holunder ins Spiel.
Denn er galt früher als Frau Holles Baum.
Man erzählte sich, dass Frau Holle im Holunder wohne oder sich dort aufhalte. Der Strauch wurde deshalb mit Schutz verbunden und mit Respekt behandelt.
Und genau das finde ich faszinierend.
Denn Holunder stand früher häufig in der Nähe von Häusern und Höfen.
Damit stand er schon ganz praktisch an einer Grenze.
Hinter dir das Haus.
Familie.
Wärme.
Feuer.
Das Bekannte.
Und vor dir?
Die Natur.
Der Wald.
Die Dunkelheit.
Das Unbekannte.
Aber irgendwann wurde aus dieser sichtbaren Grenze in den alten Vorstellungen noch eine ganz andere.
Der Holunder wurde zu einem Baum zwischen den Welten.
Zwischen drinnen und draußen.
Zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren.
Zwischen Leben und Tod.
Zwischen Werden und Vergehen.
Und sogar zwischen dem hellen und dem dunklen Jahr.
Das finde ich besonders schön.
Denn wenn man sich den Holunder einmal genauer anschaut, erzählt er diese Geschichte eigentlich selbst.
Im Frühjahr und Frühsommer trägt er seine hellen, fast weißen Blüten.
Die Tage werden länger. Alles wächst. Es summt und brummt. Die Natur legt los und sieht aus, als hätte sie nach dem Winter sämtliche Fenster aufgerissen.
Das helle Jahr.
Und dann vergeht der Sommer.
Die Blüten verschwinden.
Die Tage werden kürzer.
Der Herbst kommt.
Und genau dann trägt derselbe Holunder plötzlich seine tiefdunklen, fast schwarzen Beeren.
Aus Weiß wird Schwarz.
Aus Blüte wird Frucht.
Aus Frühling wird Herbst.
Aus langen Tagen werden lange Nächte.
Das dunkle Jahr beginnt.
Und genau da steht der Holunder.
Dazwischen.
An einer Grenze.
Wobei ich inzwischen glaube, dass „Grenze“ eigentlich fast das falsche Wort dafür ist.
Denn eine Grenze klingt nach:
Bis hierhin und nicht weiter.
Beim Holunder ist es aber kein Ende.
Es ist ein Übergang.
Das helle Jahr verschwindet nicht einfach. Es geht in das dunkle über.
Die Blüte ist nicht einfach weg. Aus ihr ist etwas Neues entstanden.
Die Natur stirbt im Herbst nicht einfach. Sie zieht sich zurück.
Und während draußen irgendwann alles kahl und still aussieht, wartet irgendwo längst der nächste Frühling.
Vielleicht haben unsere Vorfahren deshalb gerade den Holunder mit einer Grenze zwischen den Welten verbunden.
Sie hatten schließlich keine Pflanzen-App in der Hosentasche.
Sie konnten nicht mal eben googeln:
„Warum bekommt mein Holunder schwarze Beeren?“
Sie haben beobachtet.
Jahr für Jahr.
Den Frühling.
Den Sommer.
Den Herbst.
Den Winter.
Geburt.
Wachstum.
Tod.
Und Neubeginn.
Und aus diesen Beobachtungen entstanden Geschichten.
Vielleicht ist es deshalb auch so passend, dass gerade Frau Holle mit dem Holunder verbunden wurde.
Denn auch sie steht in den alten Erzählungen für Übergänge.
Nicht nur für Schnee.
Sondern für Winter und Wandel, für Natur und für dieses geheimnisvolle Dazwischen.
Die Frau zwischen den Welten und der Baum an der Grenze.
Ich mag diesen Gedanken unglaublich gern.
Nicht, weil ich jetzt davon ausgehe, dass Frau Holle tatsächlich in meinem nächsten Holunder sitzt und darauf wartet, dass ich vorbeikomme.
Wobei …
Falls sie dort sitzt, hoffe ich sehr, dass sie nicht gleichzeitig kontrolliert, ob meine Wohnung ordentlich ist.
Dann laufe ich lieber schnell weiter.
Aber ich mag die Vorstellung, weil sie zeigt, wie anders Menschen die Natur früher betrachtet haben.
Ein Baum war nicht einfach nur ein Baum.
Eine Blüte war nicht einfach nur eine Blüte.
Die Natur erzählte Geschichten.
Heute wissen wir unglaublich viel.
Wir kennen Pflanzenstoffe, Vitamine und können ziemlich genau erklären, warum sich eine Pflanze im Laufe der Jahreszeiten verändert.
Und das ist wunderbar.
Aber trotzdem dürfen wir zwischen all diesem Wissen noch ein kleines Plätzchen für Frau Holle lassen.
Denn genau das ist heute passiert.
Ich stand vor einem Holunder, an dem ich wahrscheinlich schon hundertmal vorbeigelaufen bin.
Und plötzlich sah ich nicht mehr nur schwarze Beeren.
Ich sah meine Oma.
Mit ihrem warmen Holundersaft.
Natürlich mit Schnaps.
Ich sah die weißen Blüten vom Frühjahr.
Die dunklen Beeren des Herbstes.
Das helle Jahr.
Das dunkle Jahr.
Frühling und Winter.
Leben und Tod.
Damals und heute.
Wissen und alte Geschichten.
Alles an einem einzigen Strauch.
Und vielleicht werde ich beim nächsten Holunder wieder kurz stehen bleiben.
Vielleicht sogar grüßen.
Nur vorsichtshalber.
Man weiß schließlich nie, wer zwischen den Zweigen gerade seine Betten ausschüttelt.
Und vielleicht erinnert mich dieser Baum dann wieder daran, dass eine Grenze nicht immer das Ende von etwas sein muss.
Manchmal ist sie einfach der Punkt, an dem sich etwas verändert.
Wo etwas Altes gehen darf und etwas Neues beginnt.
Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel unter Frau Holles Holunder genau zwischen den letzten warmen Sonnenstrahlen und dem ersten kalten Wind. Über ihm hängen die dunklen Beeren, während er eine getrocknete weiße Blüte vom Sommer in den Händen hält. Und er flüstert:
„Vielleicht gibt es zwischen hell und dunkel gar keine feste Grenze. Vielleicht gibt es nur diesen kleinen Moment dazwischen, in dem etwas Altes gehen darf und etwas Neues schon auf uns wartet. Und manchmal steht genau dort ein Holunder.“
Schön das du hier bist 🩶

Das ist eine sehr schöne Geschichte!
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vielen lieben Dank ❤️
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