
Vergesslichkeit.
Auch so ein kleines Geschenk aus der Wechseljahres-Wundertüte, über das erstaunlich wenig gesprochen wird.
Und bevor jetzt jemand sagt: „Oh Gott, ich habe gestern meinen Schlüssel gesucht, brauche ich einen Demenztest?“
Nein.
Du musst nicht sofort anfangen, Uhren auf einen Zettel zu malen, dir 30 Wörter einzuprägen und anschließend panisch zu überlegen, ob Nummer 17 nun „Apfel“, „Haus“ oder „Elefant“ war.
Vergesslichkeit und Konzentrationsprobleme können tatsächlich in den Wechseljahren auftreten.
Und bei mir äußert sich das manchmal auf eine ganz besondere Art:
Mein Gehirn weiß etwas. Es möchte es mir nur nicht sagen.
Zum Beispiel Wörter.
Gestern war dieses Wort noch da.
Ganz sicher.
Es lag irgendwo ordentlich abgeheftet zwischen Großhirn und Sprachzentrum und wartete darauf, benutzt zu werden.
Heute unterhalte ich mich mit jemandem und plötzlich:
Weg.
Ein ganz einfaches Wort.
Ich weiß genau, was ich sagen möchte.
Ich sehe den Gegenstand praktisch vor mir.
Ich kann ihn beschreiben.
Ich könnte vermutlich eine PowerPoint-Präsentation darüber halten.
ABER WIE HEISST DAS DING?
Dann beginnt in meinem Kopf die Suche.
Schublade eins.
Nichts.
Schublade zwei.
Auch nichts.
Vielleicht liegt es bei den Erinnerungen an meine Grundschulzeit.
Nein.
Da ist nur ein Gedicht, das ich 1993 auswendig lernen musste.
Danke Gehirn.
Sehr hilfreich.
Also bekommt das gesuchte Wort einfach einen neuen Namen.
Man wird kreativ.
„Gibst du mir mal dieses … dieses … Ding da?“
Welches Ding?
„Na DAS! Das zum … du weißt doch!“
Nein.
Der andere weiß natürlich überhaupt nichts.
Und irgendwann fällt einem das Wort wieder ein.
Vier Stunden später.
Beim Zähneputzen.
SCHNEEBESEN!
Danke.
Das Gespräch ist zwar seit dem Nachmittag beendet, aber schön, dass sich die zuständige Abteilung doch noch gemeldet hat.
Besonders interessant wird es bei Namen.
Ich arbeite jeden Tag mit denselben Menschen.
Ich kenne meine Kollegen.
Ich weiß, wer sie sind.
Ich weiß, was sie machen.
Ich habe mit ihnen gesprochen.
Und plötzlich steht einer vor mir und mein Gehirn sagt:
Kenn ich.
Ja, wie heißt er denn?
Keine Ahnung. Aber kenn ich.
Großartig.
Dann schaust du den Menschen an, mit dem du gefühlt seit der Steinzeit zusammenarbeitest, und hoffst einfach, dass du seinen Namen in den nächsten fünf Minuten nicht benutzen musst.
Manchmal höre ich mich inzwischen selbst reden und denke:
Was laberst du hier eigentlich wieder?
Denn auch die Konzentration hat gelegentlich Betriebsurlaub.
Du fängst etwas an.
Dann fällt dir etwas anderes ein.
Du gehst in einen anderen Raum.
Und dort stehst du.
Warum?
Keine Ahnung.
Ich schaue mich dann manchmal tatsächlich um, als könnte mir die Einrichtung einen Hinweis geben.
Küche.
Okay.
Wollte ich trinken?
Etwas essen?
Müll wegbringen?
Einen Löffel holen?
Warum bin ich hier?
Nichts.
Also gehe ich zurück.
Und kaum sitze ich wieder:
Ach ja!
Natürlich.
Also wieder aufstehen.
Immerhin Bewegung.
Vielleicht ist das der geheime Fitnessplan der Wechseljahre.
Besonders gern vergesse ich Gegenstände.
Meine Brille zum Beispiel.
Ich brauche meine Brille.
Das weiß ich.
Meine Augen wissen es ebenfalls.
Nur morgens scheint diese Information mein Gehirn nicht zuverlässig zu erreichen.
Dann ziehe ich mich an, nehme meine Sachen, verlasse die Wohnung und stehe draußen.
Ich schaue Richtung Straßenlaterne.
Straßenlaterne?
Könnte auch ein Baum sein.
Oder ein sehr dünner Mensch.
Keine Ahnung.
Und dann fällt es mir ein:
Die Brille.
Natürlich.
Liebes Großhirn!
Ich wohne nicht im Erdgeschoss.
Ich hasse Treppensteigen.
Könntest du dich bitte vorher konzentrieren?
Nein.
Also wieder zurück.
Treppen hoch.
Brille holen.
Treppen runter.
Mein Gehirn hat vermutlich irgendwo einen Schrittzähler und freut sich.
Und das Verrückte daran ist: Diese Momente können einen durchaus verunsichern.
Gerade wenn man merkt, dass man häufiger nach Wörtern sucht, unkonzentrierter ist oder Dinge vergisst.
Viele Frauen berichten in der Perimenopause und den Wechseljahren von solchen „Brain-Fog“-Momenten. Hormonelle Veränderungen können dabei eine Rolle spielen. Gleichzeitig können aber auch Dinge dazukommen, die wir aus meiner Wundertüte inzwischen bestens kennen: schlechter Schlaf, Stress, Erschöpfung und Stimmungsschwankungen.
Wenn ich nachts fünfmal wach war, morgens eine Hitzewallung hatte und mein Nervenkostüm bereits beim Frühstück beschlossen hat, Feierabend zu machen, kann ich von meinem Gehirn vielleicht auch nicht erwarten, dass es anschließend auf Hochleistungsniveau arbeitet.
Trotzdem gilt auch hier:
Nicht jede Vergesslichkeit sind die Wechseljahre.
Wenn Gedächtnisprobleme deutlich zunehmen, ungewöhnlich sind, den Alltag beeinträchtigen oder man sich selbst beziehungsweise Angehörige ernsthaft Sorgen machen, sollte man das ärztlich ansprechen.
Aber ein Wort nicht sofort zu finden oder in der Küche zu stehen und sich zu fragen, weshalb man eigentlich dort ist, bedeutet nicht automatisch, dass etwas Schlimmes dahintersteckt.
Vielleicht hat das Gehirn gerade einfach sehr viele offene Tabs.
Bei mir sind vermutlich ungefähr 47 geöffnet.
Drei spielen gleichzeitig Musik.
Einer ist abgestürzt.
Und irgendwo läuft ein Update.
Ich weiß nur nicht, wo.
Also versuche ich inzwischen, darüber zu lachen.
Ich schreibe mir Dinge auf.
Ich lege wichtige Sachen möglichst immer an dieselbe Stelle.
Und wenn mir ein Wort nicht einfällt, bekommt es eben vorübergehend einen neuen Namen.
Die deutsche Sprache ist schließlich flexibel.
Nur bei meiner Brille hätte ich eine Bitte:
Liebes Großhirn, sag mir das bitte, bevor ich unten angekommen bin.
Meine Knie und ich wären dir sehr dankbar.
Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel zwischen all den Schubladen in meinem Kopf, hält einen winzigen Karteikasten auf dem Schoß und flüstert:
„Manchmal ist etwas nicht verschwunden, nur weil du es gerade nicht findest. Vielleicht braucht dein Kopf heute einfach ein bisschen länger, um die richtige Schublade zu öffnen. Du darfst darüber lachen, dir Dinge aufschreiben und nachfragen, wenn dich Veränderungen beunruhigen. Und jetzt geh deine Brille holen. Sie liegt oben. Ja, ich weiß. Die Treppen. Tut mir leid.“
Schön das du hier bist 🩶