Wechseljahres-Wundertüte Teil 3: Hormontag, wenn es plötzlich überall kribbelt

Es gibt Symptome der Wechseljahre, bei denen denkt man: Ja, kenne ich.
Hitzewallungen.
Schlechter Schlaf.
Gelenke, die morgens offenbar erst einmal eine Betriebsbesprechung abhalten müssen.
Und dann gibt es Beschwerden, bei denen man irgendwann dasitzt und denkt:
Was zur Hölle macht mein Körper da jetzt schon wieder?
Willkommen bei Teil drei meiner Wechseljahres-Wundertüte.
Heute gibt es Kribbeln.
Und zwar nicht dieses angenehme Kribbeln, wenn man verliebt ist.
Das wäre ja auch zu einfach.
Es gibt Tage, da kribbelt es bei mir auf der Haut. Oder unter der Haut. Manchmal fühlt es sich an wie Jucken, aber irgendwie auch wieder nicht.
Und das Faszinierende daran ist, dass mein Körper Stellen dafür auswählt, an denen Kratzen überhaupt nichts bringt.
Nehmen wir das Ohr.
Da sitzt du vollkommen friedlich irgendwo herum und plötzlich juckt dein Ohr.
Nicht außen.
Natürlich nicht.
INNEN.
Genau dort, wo du nicht hinkommst.
Du kannst am Ohr ziehen.
Du kannst daran herumreiben.
Du kannst einen Gesichtsausdruck machen, als würdest du versuchen, dein Ohr durch reine Gedankenkraft von innen zu kratzen.
Nichts.
Und nein, wir stecken uns jetzt bitte keine Gegenstände ins Ohr. Auch wenn der Verstand in solchen Momenten durchaus bereit wäre, über kreative Lösungen zu verhandeln.
Irgendwann hört es wieder auf.
Meistens genau dann, wenn du kurz davor bist, mit deinem Ohr einen Termin beim Exorzisten zu vereinbaren.
Aber die Wechseljahres-Wundertüte wäre natürlich keine richtige Wundertüte, wenn sie nur eine Körperstelle im Angebot hätte.
Also nehmen wir die Füße.
Plötzlich dieses stechende Kribbeln.
Du kratzt.
Fehler.
Denn danach fühlt es sich teilweise noch schlimmer an.
Und wann passiert so etwas vorzugsweise?
Nachts.
Natürlich nachts.
Macht ja nichts.
Du kannst ja sowieso nicht mehr schlafen.
Dann liegst du da, versuchst das Kribbeln zu ignorieren und dein Fuß scheint währenddessen eine eigene kleine elektrische Veranstaltung zu organisieren.
Und irgendwann kommt die Kopfhaut dazu.
Das war bei mir tatsächlich einer dieser Momente, bei denen ich dachte:
Was ist das?
Es kribbelt.
Es zieht.
Es fühlt sich an, als würde sich irgendwo unter meiner Kopfhaut etwas bewegen.
Und wenn man nachts lange genug darüber nachdenkt, gibt es irgendwann nur noch eine vernünftige Erklärung:
Unter meiner Kopfhaut lebt ein Ameisenstaat.
Ich bin vermutlich die Königin.
Herzlichen Glückwunsch.
Endlich Karriere.
Nur leider ohne Krone.
Solche ungewöhnlichen Empfindungen können unter den Begriff Parästhesien fallen. Damit bezeichnet man Missempfindungen wie Kribbeln, Prickeln, Brennen oder ein Gefühl von „Ameisenlaufen“, ohne dass dafür gerade ein offensichtlicher äußerer Reiz vorhanden sein muss.
Und ja: Auch in den Wechseljahren berichten Frauen über solche Empfindungen.
Hormone wie Östrogen wirken nämlich nicht nur dort, wo wir sie gedanklich gerne einsortieren würden. Unser Nervensystem und unsere Haut reagieren ebenfalls auf hormonelle Veränderungen. Deshalb können die starken Schwankungen der Perimenopause möglicherweise dazu beitragen, dass sich Empfindungen verändern oder Kribbeln und andere Missempfindungen auftreten.
Ich würde es allerdings nicht so formulieren, dass sinkendes Östrogen einfach die Reizweiterleitung „temporär stört“ und dadurch zwangsläufig Fehlsignale produziert. Dafür ist unser Körper ein bisschen komplizierter.
Und genau hier kommt der Teil, der mir bei meiner Wechseljahres-Wundertüte wichtig ist:
Nicht jedes Kribbeln sind die Wechseljahre.
Kribbeln und Missempfindungen können viele andere Ursachen haben, zum Beispiel gereizte oder eingeengte Nerven, bestimmte Mangelzustände, Stoffwechselerkrankungen, Medikamente oder andere Erkrankungen.
Deshalb gilt besonders bei neuen, häufigen, zunehmenden oder anhaltenden Beschwerden:
Bitte abklären lassen.
Und wenn Kribbeln plötzlich zusammen mit Lähmungserscheinungen, deutlicher Schwäche, Sprach- oder Sehstörungen oder anderen akuten neurologischen Beschwerden auftritt, gehört das nicht in die Kategorie „Ach, bestimmt die Hormone“, sondern muss sofort medizinisch beurteilt werden.
Das möchte ich in dieser Reihe immer wieder sagen.
Nicht weil ich Angst machen möchte.
Sondern weil ich genau das Gegenteil erreichen will.
Ich möchte, dass Frauen ihren Körper besser verstehen.
Denn ich finde es genauso schwierig, wenn jede Beschwerde sofort den Wechseljahren zugeschoben wird, wie wenn bei einer Frau Anfang 40 überhaupt niemand daran denkt, dass hormonelle Veränderungen bereits eine Rolle spielen könnten.
Dazwischen liegt irgendwo der vernünftige Weg.
Hinschauen.
Ernst nehmen.
Abklären.
Und dann vielleicht feststellen:
Ach guck – noch ein Geschenk aus der Wechseljahres-Wundertüte.
Was ich an dieser Lebensphase inzwischen wirklich faszinierend finde, ist, wie viele Körperempfindungen plötzlich auftauchen können, über die vorher kaum jemand gesprochen hat.
Von Hitzewallungen hatte ich gehört.
Aber niemand hat mir mit 30 erzählt:
„Übrigens, möglicherweise sitzt du irgendwann nachts um drei im Bett, weil dein Ohr von innen juckt und du gleichzeitig davon überzeugt bist, dass unter deiner Kopfhaut eine Ameisenkolonie eingezogen ist.“
Das wäre wenigstens eine Vorbereitung gewesen.
Vielleicht ist genau deshalb der Austausch unter Frauen so wichtig.
Damit eine andere Frau diesen Artikel liest, die seit Wochen dieses merkwürdige Kribbeln kennt und bisher dachte:
Bin eigentlich nur ich so?
Nein.
Bist du nicht.
Vielleicht sind es die hormonellen Veränderungen.
Vielleicht steckt etwas ganz anderes dahinter.
Aber du bildest dir deine Empfindungen nicht einfach ein und du darfst sie ernst nehmen.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel mit einer winzigen Lupe auf meinem Kopf, sucht zwischen meinen Haaren nach dem vermeintlichen Ameisenstaat und flüstert:

„Ich habe nachgesehen. Keine Ameisen. Aber vielleicht möchte dein Körper gerade trotzdem, dass du ein bisschen genauer hinhörst. Nicht alles müssen wir aushalten, nicht alles müssen wir den Hormonen zuschieben und nicht für alles brauchen wir sofort eine Antwort. Manchmal beginnt Fürsorge einfach damit, eine Veränderung ernst zu nehmen und nachzufragen.“

Schön das du hier bist 🩶

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