Wechseljahres-Wundertüte  Teil 2: Ich habe geschlafen. Warum tut mir jetzt alles weh?

Es gibt Dinge, auf die war ich bei den Wechseljahren vorbereitet.
Hitzewallungen zum Beispiel.
Die kennt man. Irgendwann sitzt man friedlich beim Frühstück und plötzlich schaltet der Körper die Zentralheizung auf Stufe „Sauna“. Damit hatte ich gerechnet.
Womit ich nicht gerechnet hatte?
Dass mir plötzlich Dinge wehtun, von deren Existenz ich vorher kaum etwas wusste.
Und damit willkommen zu Teil zwei meiner Wechseljahres-Wundertüte.
Heute greifen wir hinein und ziehen etwas heraus, das sich hervorragend verstecken kann:
Muskel- und Gelenkschmerzen.
Bei mir fing das nämlich irgendwann ganz unspektakulär an. Ich stand morgens auf und etwas tat weh.
Also überlegte ich.
Was habe ich gestern gemacht?
Sport?
Natürlich nicht.
Falsch gehoben?
Nein.
Bin ich irgendwo runtergefallen?
Auch nicht.
Ich habe geschlafen.
Ich habe einfach nur geschlafen.
Früher war Schlaf Erholung. Heute scheint Schlaf gelegentlich eine Risikosportart zu sein.
Mit 25 konnte ich wahrscheinlich halb verdreht auf einer Couch einschlafen, mit einem Bein über der Lehne, einem Arm unter meinem Körper und dem Kopf auf einem Sofakissen, das ungefähr die ergonomischen Eigenschaften eines Stücks Knäckebrot hatte.
Acht Stunden später stand ich auf.
Heute habe ich eine vernünftige Matratze, ein ordentliches Kissen und genügend Platz und morgens muss offenbar erst eine Schadensbegutachtung stattfinden.
Nacken?
Geht.
Rücken?
Verdächtig.
Knie?
Meldet sich.
Großer Zeh?
Warum tut mein großer Zeh weh?!
Ich lag doch nur da.
Und genau solche Muskel- und Gelenkbeschwerden können tatsächlich während der Wechseljahre auftreten. Das Spannende ist nämlich, dass Östrogen nicht nur etwas mit Zyklus und Fortpflanzung zu tun hat. Östrogen wirkt an vielen Stellen unseres Körpers mit – unter anderem an Knochen, Muskeln, Gelenken und an Prozessen, die unser Schmerzempfinden beeinflussen.
Während der Perimenopause fällt der Östrogenspiegel außerdem nicht einfach ganz gemütlich wie ein Fahrstuhl vom fünften in den ersten Stock.
Schön wär’s.
Er kann schwanken.
Mal hoch.
Mal runter.
Mal irgendwo dazwischen.
Mein Körper scheint dabei gelegentlich zu denken:
„Wir drücken heute einfach mal alle Knöpfe.“
Diese hormonellen Veränderungen können bei manchen Frauen mit Muskel- und Gelenkbeschwerden einhergehen. Steifigkeit, Ziehen oder Schmerzen können plötzlich stärker auffallen. Gleichzeitig können natürlich viele andere Dinge dahinterstecken. Deshalb sollte man neue, starke, geschwollene oder länger anhaltende Gelenkbeschwerden nicht einfach mit „Ach, Wechseljahre“ abstempeln, sondern ärztlich abklären lassen.
Denn meine Wechseljahres-Wundertüte darf vieles enthalten.
Eine medizinische Ferndiagnose gehört nicht dazu.
Was mich daran aber besonders fasziniert: Die Schmerzen müssen sich nicht unbedingt logisch anfühlen.
Wenn ich einen Tag lang den Garten umgrabe und am nächsten Morgen Rückenschmerzen habe, kann ich damit arbeiten.
Ursache.
Wirkung.
Verstanden.
Aber wenn ich abends vollkommen normal ins Bett gehe und morgens mein Knie beschließt, dass Treppen ab sofort eine persönliche Beleidigung darstellen, fehlen mir Informationen.
Da stehe ich mit 42 vor der Treppe und denke:
Gestern bin ich hier noch hochgelaufen.
Heute gibt es offenbar nur noch zwei Möglichkeiten.
Geländer.
Oder kriechen.
Und komm mir jetzt bitte nicht mit Sport.
Ich weiß es.
Bewegung ist wichtig. Krafttraining kann gerade in dieser Lebensphase sinnvoll sein, weil Muskeln und Knochen davon profitieren.
Ich habe die Information erhalten.
Sie wurde ordnungsgemäß in meinem Gehirn abgelegt.
Aber wenn mein Knie morgens um sechs Uhr schlechte Laune hat, möchte ich nicht hören:
„Du müsstest einfach mehr Kniebeugen machen.“
Ich möchte Kaffee.
Und vielleicht eine Rolltreppe.
Was die ganze Sache zusätzlich interessant macht, ist der Schlaf.
Denn der kann in den Wechseljahren ebenfalls schlechter werden. Und wenn der Körper nachts nicht richtig zur Ruhe kommt, fühlt sich der nächste Morgen natürlich nicht unbedingt besser an.
Früher habe ich mich hingelegt und geschlafen.
Heute kann aus einem nächtlichen Toilettengang eine militärische Geheimoperation werden.
Du wachst auf und merkst:
Ich muss mal.
Ab diesem Moment lautet die wichtigste Regel:
NICHT WACH WERDEN.
Also Augen möglichst geschlossen lassen.
Licht?
Auf keinen Fall!
Du tastest dich an der Wand entlang zur Toilette, als würdest du nachts heimlich aus einem Hochsicherheitstrakt fliehen.
Dabei gibt es nur ein Ziel:
Den großen Zeh nicht irgendwo gegenrammen.
Denn Schmerz bedeutet wach.
Wach bedeutet denken.
Und denken bedeutet um drei Uhr morgens:
„Habe ich eigentlich die Rechnung bezahlt? Was koche ich Sonntag? Ich müsste den Schrank mal ausmisten. Warum habe ich 2007 eigentlich zu dieser Frau gesagt …“
Vorbei.
Der Schlaf ist weg.
Und am nächsten Morgen tut dir dann möglicherweise trotzdem der große Zeh weh.
Danke, Körper.
Das wirklich Schwierige an solchen Beschwerden finde ich aber gar nicht nur den Schmerz selbst.
Es ist dieses Gefühl, den eigenen Körper plötzlich nicht mehr ganz zu kennen.
Vor ein paar Jahren konnte ich kaum still sitzen. Heute habe ich Tage, an denen ich nach zwei Stunden Arbeit denke, dass meine Couch und ich uns dringend wiedersehen sollten.
Manchmal sitze ich dort und überlege sogar, ob sich der Weg zum Kühlschrank wirklich lohnt.
Zehn Meter.
Da beginnt eine ernsthafte Kosten-Nutzen-Rechnung.
Wie hungrig bin ich wirklich?
Vielleicht vergeht es wieder.
Und genau deshalb möchte ich über diese Seite der Wechseljahre sprechen.
Weil Hitzewallungen fast jeder kennt.
Aber wenn plötzlich Knie, Hüfte, Hände, Schultern, Muskeln oder andere Gelenke anfangen zu meckern, denken viele vielleicht zunächst nicht an hormonelle Veränderungen.
Natürlich ist nicht jeder Schmerz ein Wechseljahressymptom.
Aber Wechseljahre sind eben auch sehr viel mehr als ein bisschen Schwitzen und eine irgendwann ausbleibende Periode.
Unser Körper befindet sich in einer großen hormonellen Umstellung.
Und vielleicht hilft es einer Frau, die diesen Artikel liest und sich seit Monaten fragt:
„Warum fühle ich mich plötzlich morgens wie 87, obwohl ich gestern Abend noch 42 war?“
Zumindest damit ist sie nicht allein.
Und vielleicht ist genau das der Sinn meiner Wechseljahres-Wundertüte.
Nicht jedes Symptom kleinzureden.
Nicht hinter jedem Schmerz sofort die Hormone zu vermuten.
Sondern überhaupt erst einmal zu wissen, was alles mit dieser Lebensphase zusammenhängen kann, damit wir gezielter hinschauen, nachfragen und uns Hilfe holen können.
Denn Wissen macht den großen Zeh vielleicht nicht schmerzfrei.
Aber wenigstens weiß man beim nächsten Mal:
Ich bilde mir das nicht ein. Mein Körper hat gerade einfach ziemlich viel zu tun.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel morgens auf meiner Bettkante, hält meinen großen Zeh vorsichtig in beiden Händen und flüstert:

„Manchmal verändert sich ein Körper leise. Er zieht hier, zwickt dort und bittet uns auf seine ziemlich eigenwillige Art, genauer hinzuhören. Du musst nicht jeden Schmerz tapfer weglächeln und auch nicht alles auf die Wechseljahre schieben. Aber du darfst langsamer werden, nachfragen und gut zu dir sein. Und wenn heute nur der Aufzug geht, dann fahren wir eben Aufzug. Wir müssen niemandem mehr beweisen, dass wir die Treppe schaffen.“

Schön das du hier bist 🩶

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