Was wir von Vögeln über Teamarbeit lernen können

Teamarbeit.
Allein dieses Wort kann wahrscheinlich in manchen Betrieben schon leichte Unruhe auslösen.
Denn es gibt Teams, da läuft es. Es gibt Teams, da läuft es meistens. Und dann gibt es vermutlich auch Teams, bei denen man morgens die Tür öffnet und schon an der Stimmung merkt:
Heute wird interessant.
Ich kann tatsächlich sagen, dass ich ein gutes Team habe. Und trotzdem glaube ich nicht, dass ein gutes Team einfach vom Himmel fällt. Es ist Arbeit. Immer wieder.
Für mich bedeutet ein gutes Team nämlich überhaupt nicht, dass sich alle rund um die Uhr liebhaben.
Wir dürfen uns streiten.
Wir dürfen voneinander genervt sein.
Und ja, wir dürfen auch mal über den anderen meckern.
Ich finde das sogar ziemlich normal.
Wir verbringen ungefähr acht Stunden am Tag miteinander. Manchmal mehr. Da wäre es schon eine beachtliche menschliche Leistung, wenn man sich niemals gegenseitig auf die Nerven gehen würde.
Ich schaffe das ja nicht einmal mit Menschen, die ich selbst ausgesucht habe.
Entscheidend ist für mich etwas anderes:
Wenn es wirklich darauf ankommt, trägt ein gutes Team einander.
Dann ist plötzlich völlig egal, wer gestern vergessen hat, etwas wegzuräumen oder wer morgens schon wieder schlechte Laune hatte.
Wenn es brennt, stehen alle da.
Und danach darf man sich trotzdem sagen:
„Übrigens, das eben fand ich richtig blöd.“
Am besten direkt ins Gesicht.
Damit kann ich umgehen.
Was ich viel schwieriger finde, sind Probleme, die wochenlang durch irgendwelche Flure getragen werden und irgendwann größer sind als das eigentliche Problem.
Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch. Ich möchte es um mich herum schön haben. Oder wenigstens erträglich.
Das bedeutet aber nicht, dass ich meinen Mund halte.
Wer mich kennt, weiß:
Das eine schließt das andere bei mir keineswegs aus.
Ich möchte Harmonie und sage trotzdem meine Meinung. Auch wenn mein Gegenüber sie vielleicht gerade nicht hören möchte.
Für mich gehört genau das zu einem funktionierenden Team.
Offen miteinander reden, sich auch mal ärgern und am Ende des Tages trotzdem gemeinsam weiterarbeiten können.
Wir müssen uns schließlich nicht heiraten.
Wir müssen miteinander arbeiten.
Ein Punkt ist für mich persönlich mit den Jahren ebenfalls wichtig geworden: Ich trenne Freundschaft und Arbeit.
Meine Kollegen sind Kollegen, mit denen ich mich sehr gut verstehe.
Fertig.
Nicht mehr und nicht weniger.
Das ist natürlich nur meine persönliche Erfahrung. Andere finden ihre besten Freunde am Arbeitsplatz oder sogar ihren Partner und sind damit wunderbar glücklich.
Für mich funktioniert die Trennung besser.
Und dann gibt es da eine Spezies, die über all diese Dinge vermutlich wesentlich weniger Teambesprechungen abhält:
Vögel.
Habt ihr schon einmal einen Vogelschwarm beobachtet?
Ich könnte da ewig zugucken.
Schwalben schießen durch die Luft, drehen gleichzeitig ab, verändern plötzlich ihre Richtung und erzeugen dabei diese faszinierenden Formationen am Himmel.
Manchmal könnte man wirklich Bilder darin suchen.
Da ist ein Drache!
Nein, ein Hase!
Nein.
Es waren einfach 200 Vögel, die offensichtlich besser organisiert sind als manche WhatsApp-Gruppe.
Besonders faszinierend finde ich aber Zugvögel.
Viele größere Zugvögel, zum Beispiel Gänse, fliegen in einer V-Formation. Das hat tatsächlich einen Sinn: Die Tiere können Luftströmungen nutzen, die durch die Flügelschläge der vorausfliegenden Vögel entstehen, und dadurch Energie sparen.
Und jetzt kommt der Teil, den ich für uns Menschen ziemlich interessant finde:
Der Vogel ganz vorne hat diesen Vorteil nicht.
Er hat die anstrengendste Position.
Aber der fliegt nicht von der Ostsee bis Afrika vorneweg und denkt:
Na wunderbar. Wieder alles an mir hängen geblieben.
Die Tiere wechseln ihre Position.
Der eine führt.
Dann übernimmt ein anderer.
Jeder trägt einen Teil.
Und genau da dachte ich:
Vielleicht sollten wir Menschen häufiger in den Himmel schauen.
Stellt euch das einmal bei uns vor.
„Kannst du heute vorne fliegen?“
„Nee. Mein Zeh.“
„Okay.“
„Und Rheuma.“
„Verstehe.“
„Außerdem habe ich meine Tage.“
„Natürlich.“
„Und ich glaube, meine Wechseljahre fangen an.“
Dann steht der arme Vogel vorne vermutlich immer noch da und überlegt, ob Afrika die Sache überhaupt wert ist.
Natürlich ist dieser Vergleich ein bisschen gemein.
Menschen sind keine Gänse.
Wir haben Krankheiten, Belastungsgrenzen, unterschiedliche Fähigkeiten und Lebenssituationen. Und selbstverständlich darf jemand sagen, wenn er etwas gerade nicht schafft.
Teamarbeit bedeutet schließlich nicht, sich selbst kaputtzumachen.
Aber hinter dieser Formation steckt trotzdem ein schöner Gedanke:
Nicht immer derselbe muss vorne fliegen.
Mal habe ich Kraft.
Mal hast du Kraft.
Mal ziehe ich dich ein Stück mit.
Und irgendwann brauche vielleicht ich deinen Windschatten.
Vielleicht ist genau das ein gutes Team.
Nicht, dass alle gleich viel leisten.
Nicht, dass niemand schlechte Tage hat.
Nicht, dass wir uns niemals streiten.
Sondern dass wir merken, wann jemand vorne schon viel zu lange gegen den Wind fliegt.
Dass dann jemand sagt:
„Komm. Geh ein Stück zurück. Ich übernehme.“
Und dass man genauso akzeptiert, wenn derjenige später wieder Kraft hat und seinen Platz einnimmt.
Vielleicht macht gerade das ein Team stark.
Nicht perfekte Harmonie.
Sondern Verlässlichkeit.
Ehrlichkeit.
Und das Wissen:
Wenn es darauf ankommt, fliegen wir gemeinsam.
Die Natur macht uns vieles vor, ohne ein einziges Seminar über Teambuilding besucht zu haben.
Kein Flipchart.
Keine Motivationskärtchen.
Keine Gruppenübung, bei der sich einer rückwärts fallen lassen muss und hoffen soll, dass die Kollegen ihn auffangen.
Die Vögel fliegen einfach los.
Einer vorne.
Die anderen dahinter.
Und irgendwann wird gewechselt.
Vielleicht sollten wir tatsächlich öfter hinschauen.
Denn wir müssen auf Arbeit keine besten Freunde sein. Wir müssen uns nicht immer einig sein. Und wir müssen ganz sicher nicht acht Stunden am Tag gemeinsam vor Glück zwitschern.
Aber wir können versuchen, einander ein bisschen Windschatten zu geben.
Und wenn einer müde wird, fliegt eben jemand anderes eine Weile vorne.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf einem Ast, schaut dem Vogelschwarm hinterher und flüstert: „Ein gutes Team erkennt man vielleicht nicht daran, dass alle immer im gleichen Takt fliegen. Sondern daran, dass keiner allein gegen den Wind kämpfen muss. Manchmal trägt uns der Windschatten eines anderen und manchmal sind es unsere eigenen Flügel, die jemandem den Weg ein kleines Stück leichter machen.“

Schön das du hier bist 🩶

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