
Gestern hatte ich eine Idee.
Das ist bei mir grundsätzlich erst einmal gefährlich, weil aus „Ich könnte ja mal …“ relativ schnell ein kompletter Marktplatz, vier Mäuse, Requisiten und eine Geschichte entstehen können.
Diesmal traf es Romeo und Julia.
Bei uns zu Hause wird nämlich inzwischen eine Sprache gesprochen, von der ich lange dachte, sie sei einfach Deutsch mit ein paar merkwürdigen Wörtern dazwischen.
Jugendsprache.
Ich habe das immer ein bisschen belächelt.
Digga.
Bro.
Cringe.
Cooked.
Sus.
Was soll daran bitte kompliziert sein?
Man hört den Kindern ein bisschen zu, merkt sich drei Wörter und schon kann man mitreden.
Dachte ich.
Inzwischen bin ich überzeugt: Jugendsprache könnte problemlos ein eigenes Unterrichtsfach sein.
Mit Grundkurs.
Leistungskurs.
Mündlicher Prüfung.
Und ich würde vermutlich durchfallen.
Also nahm ich meine Mäuse, meinen selbstgebauten Marktplatz und stellte mit ihnen Szenen aus Romeo und Julia nach.
Romeo unten.
Julia oben.
Große Liebe.
Verbotene Familien.
Drama.
Alles wie gehabt.
Nur sprachlich eben ein kleines bisschen modernisiert.
Shakespeare hätte vermutlich kurz geschluckt.
Aus der berühmtesten Liebesgeschichte der Welt wurde bei mir plötzlich eine Unterhaltung, bei der Romeo ungefähr klarmachen musste, dass die ganze Sache ziemlich „cooked“ ist, falls Julias Familie ihn erwischt.
Ich fand es großartig.
Meine Mäuse sahen überzeugend aus.
Die Bilder passten.
Der Text passte.
Ich war zufrieden.
Und dann machte ich einen entscheidenden Fehler.
Ich las die Geschichte meinem Exemplar laut vor.
Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte.
Vielleicht Anerkennung.
Vielleicht ein respektvolles:
„Mama, gar nicht schlecht.“
Vielleicht sogar diesen seltenen Moment, in dem ein Kind feststellt, dass die eigene Mutter doch erstaunlich cool ist.
Es kam anders.
Mein Exemplar bekam einen Lachanfall.
Nicht dieses freundliche kleine Lachen, wenn etwas wirklich witzig ist.
Nein.
Dieses Lachen, bei dem irgendwann keine Geräusche mehr kommen.
Tränen in den Augen.
Keine Luft.
Zwischendurch der Versuch, mir zu erklären, was ich falsch gemacht hatte.
„Mama! Das spricht man doch nicht SO aus!“
Ach.
Entschuldigung.
Ich wusste nicht, dass „Bro“ eine eigene Sprachmelodie besitzt.
Ich versuchte es noch einmal.
Wieder falsch.
„Boah Mama, voll peinlich.“
Danke.
Man zieht diese Kinder groß.
Man füttert sie.
Man fährt sie irgendwohin.
Man hört sich ihre Sorgen an.
Und irgendwann sitzen sie neben einem und lachen Tränen, weil man ein Wort falsch betont hat, das vor zehn Jahren vermutlich noch nicht einmal existierte.
In diesem Moment fühlte ich mich ungefähr 147 Jahre alt.
Plötzlich verstand ich meine eigene Mutter ein bisschen besser.
Vielleicht dachte sie damals auch, sie wäre sprachlich noch vollkommen auf der Höhe.
Und dann kam ich nach Hause und sagte irgendeinen Satz, bei dem sie mich ansah, als hätte ich gerade rückwärts Latein gesprochen.
Heute bin ich diese Mutter.
Und während mein Exemplar neben mir immer noch versuchte, sich von meinem Vortrag zu erholen, hatte ich plötzlich ein Bild im Kopf.
Irgendwann in ferner Zukunft entdecken Archäologen eine Höhle.
Sie leuchten mit ihren Taschenlampen über uralte Wandmalereien und finden zwischen Mammuts und Handabdrücken eine bislang unbekannte Inschrift:
„Digga, Bro, wenn meine Familie dich erwischt, bist du voll cooked.“
Die Forscher sind begeistert.
Eine bisher unbekannte Zivilisation!
Sie rätseln jahrelang über die Bedeutung.
Vielleicht ein Gebet?
Eine Warnung?
Ein Liebesschwur?
Nein.
Romeo.
Der arme Kerl stand nur unter Julias Balkon und hatte Angst vor ihren Eltern.
Eigentlich finde ich Jugendsprache inzwischen sogar ziemlich spannend.
Denn Sprache hat sich schon immer verändert.
Jede Generation hatte ihre eigenen Wörter, ihre eigenen Redewendungen und vermutlich auch Eltern, die danebenstanden und sich fragten, was mit der deutschen Sprache passiert ist.
Und trotzdem existiert sie noch.
Vielleicht ist Jugendsprache deshalb gar nicht so weit von Shakespeare entfernt, wie man zunächst denkt.
Romeo und Julia ist eine Geschichte über zwei junge Menschen.
Über Liebe.
Über Eltern, die nerven.
Über Regeln, die niemand versteht.
Über Drama in einem Ausmaß, bei dem heutige Jugendliche vermutlich sagen würden:
Komplett eskaliert.
Die Wörter verändern sich.
Die Gefühle nicht.
Jugendliche verlieben sich heute genauso wie vor Hunderten von Jahren.
Sie streiten mit ihren Eltern.
Sie fühlen sich unverstanden.
Sie finden Erwachsene peinlich.
Und Erwachsene versuchen wiederum verzweifelt zu beweisen, dass sie überhaupt nicht peinlich sind.
Was sie meistens nur noch peinlicher macht.
Vielleicht ist genau das der natürliche Kreislauf des Lebens.
Als Kind denkt man:
Meine Mutter hat keine Ahnung.
Als Erwachsene denkt man:
Ich bin eine ziemlich moderne Mutter.
Und dann sagt man einmal „Digga“ falsch und kennt plötzlich seinen Platz in der Nahrungskette.
Ich bleibe trotzdem dabei:
Meine Romeo-und-Julia-Geschichte in Jugendsprache ist gut.
Ich kann sie schreiben.
Ich kann sie fotografieren.
Ich kann sie veröffentlichen.
Nur eines sollte ich vielleicht nicht mehr machen:
Sie öffentlich vorlesen.
Sonst werde ich irgendwann tatsächlich der Clown auf dem Schulhof.
Und alle lachen.
Nur leider nicht wegen meiner roten Nase.
Mein Exemplar darf sich also weiterhin über mich amüsieren. Schließlich habe ich durch sie wenigstens gelernt, dass Jugendsprache offenbar weniger eine Frage des Wortschatzes als der korrekten Darbietung ist.
Und vielleicht revanchiere ich mich eines Tages.
Wenn sie 42 ist.
Wenn ihr eigenes Exemplar neben ihr sitzt.
Und wenn sie versucht, irgendein Wort aus dem Jahr 2056 richtig auszusprechen.
Dann werde ich daneben sitzen.
Sehr zufrieden.
Vielleicht mit meiner Rheumaheizdecke.
Und sagen:
„Boah, voll peinlich.“
Darauf freue ich mich jetzt schon.
Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf einem winzigen Balkon, hält ein Shakespeare-Buch in der einen und ein Wörterbuch für Jugendsprache in der anderen Hand und flüstert:
„Manchmal verändern sich die Wörter so sehr, dass eine Generation die andere kaum noch versteht. Aber Liebe, Lachen und das herrliche Gefühl, die eigene Mutter ein bisschen peinlich zu finden, brauchen keine Übersetzung. Vielleicht ist Sprache genau deshalb so wunderbar, weil jede Generation ihre eigenen Wörter erfindet und wir trotzdem immer wieder versuchen, miteinander zu reden.“
Schön das du hier bist 🩶