
Als ich ungefähr zwölf Jahre alt war, waren Menschen mit 42 für mich alt.
Nicht ein bisschen älter.
Alt.
So richtig.
42 war in meiner damaligen Vorstellung vermutlich kurz vor Rheumadecke, Gebiss im Wasserglas und dem dringenden Bedürfnis, anderen Menschen ungefragt zu erzählen, dass früher alles besser war.
Heute bin ich selbst in diesem Alter und möchte meinem zwölfjährigen Ich nachträglich sagen:
Du hattest ja überhaupt keine Ahnung.
Das Problem ist nur: Mein Exemplar sieht das offenbar ähnlich wie ich damals.
Für sie bin ich alt.
Ich empfinde das als persönliche Beleidigung.
Ich meine, Entschuldigung?
Ich sehe nun wirklich nicht alt aus. Ich stehe morgens vor dem Spiegel und finde durchaus noch dieselbe Frau darin, die dort vor ein paar Jahren auch schon stand. Vielleicht braucht sie morgens ein paar Sekunden länger, bis sämtliche Körperteile gemeinsam beschlossen haben, den Tag anzutreten. Aber ansonsten?
Kaum Falten.
Alle Zähne da.
Ich kann ohne Hilfe vom Sofa aufstehen.
Meistens jedenfalls.
Und trotzdem schaut mein Exemplar mich manchmal an, als hätte ich persönlich noch erlebt, wie das Rad erfunden wurde.
Dabei erinnere ich mich genau daran, wie es andersherum war. Meine Mutter war Anfang 40 und für mich war sie eben, eine Mutter.
Und Mütter waren alt.
Heute weiß ich: Sie war überhaupt nicht alt.
Sie war wahrscheinlich genauso verwundert wie ich heute darüber, dass dieses Kind, das man selbst in die Welt gesetzt hat, plötzlich vor einem steht und einem ungefragt die eigene Restlebenszeit verkürzt.
Aber warum empfinden Kinder uns eigentlich als so alt?
Weil Alter für Kinder etwas völlig anderes bedeutet als für uns.
Mit zwölf sind 20-Jährige schon richtig erwachsen. 30 ist irgendwo in weiter Ferne. Und 40?
Da wird die Luft dünn.
Kinder vergleichen unser Alter nicht mit 80. Sie vergleichen es mit ihren zwölf Jahren. Vierzig Jahre erscheinen aus dieser Perspektive vermutlich ungefähr so weit entfernt wie das Mittelalter.
Und eigentlich befinden wir uns in diesem Alter in einer ziemlich kuriosen Zwischenwelt.
Für die Jungen bin ich älter.
Für die Alten bin ich noch jung.
Für die Sportlichen bin ich unsportlich.
Für die Unsportlichen bin ich erstaunlich motiviert.
Für die Vernünftigen bin ich chaotisch.
Für die Chaoten erschreckend organisiert.
Ich bin quasi die menschliche Grauzone.
Mit Kaffee in der Hand.
Und Hitzewallungen.
Denn während mein Gesicht offenbar noch nicht verstanden hat, dass ich laut meinem Exemplar uralt bin, scheint mein Körper bereits eigene Vorstellungen von diesem Lebensabschnitt zu entwickeln.
Da sitze ich völlig friedlich auf meiner Couch.
Ich bewege mich nicht.
Ich habe nichts Anstrengendes getan.
Und plötzlich denke ich:
Meine Güte, ist das warm hier.
Es ist aber nicht warm hier.
Mir ist warm.
Sehr warm.
Von jetzt auf gleich hat mein Körper offenbar beschlossen, kurzfristig die Funktion einer Fußbodenheizung zu übernehmen.
Ich sitze also da, fächere mir Luft zu und frage mich, wer heimlich die Heizung auf Stufe sieben gestellt hat.
Niemand.
Es sind die Hormone.
Diese kleinen biochemischen Überraschungseier haben in diesem Lebensabschnitt offensichtlich beschlossen, dass ein bisschen Abwechslung nicht schaden kann.
Und das Beste daran?
In ungefähr zwei Monaten werde ich meine Rheumaheizdecke wieder aus dem Schrank holen.
Ja.
Ich besitze eine Rheumaheizdecke.
Allein dieses Wort hilft meinem Exemplar natürlich überhaupt nicht dabei, mich als jugendlich wahrzunehmen.
Ich könnte mir vermutlich Glitzer ins Gesicht kleben, TikTok-Tänze lernen und „Bro“ sagen – sobald irgendwo meine Rheumaheizdecke auftaucht, ist das Image vorbei.
Aber ich liebe dieses Ding.
Im September sitze ich auf der Couch und verbrenne innerlich.
Im November liege ich unter meiner Heizdecke und friere wie Espenlaub.
Derselbe Körper.
Dieselbe Frau.
Zwei Monate Unterschied.
Da soll mal einer schlau draus werden.
Und dann sind da noch diese gelegentlichen Schmerzen an Stellen, von deren Existenz ich früher überhaupt nichts wusste.
Mit 25 konnte ich auf einem Fußboden schlafen und am nächsten Morgen einfach aufstehen.
Heute kann es passieren, dass ich morgens aufwache und denke:
Warum tut meine Schulter weh?
Was habe ich gemacht?
Nichts.
Ich habe geschlafen.
Offenbar ist Schlafen inzwischen eine Risikosportart.
Manchmal stehe ich auf und irgendeine Stelle meines Körpers meldet sich, obwohl ich mich nicht daran erinnern kann, sie am Vortag benutzt zu haben.
Vielleicht ist das aber genau das Verrückte an diesem Alter.
Ich fühle mich nämlich überhaupt nicht alt.
Ich fühle mich auch nicht mehr wie 20.
Und das möchte ich ehrlich gesagt auch gar nicht.
Mit 20 wusste ich vieles noch nicht, was ich heute weiß. Ich habe mir mehr Gedanken darüber gemacht, was andere von mir halten. Ich musste vieles erst lernen, ausprobieren und manchmal ziemlich umständlich herausfinden.
Heute kenne ich mich besser.
Ich weiß, was mir guttut.
Ich weiß inzwischen auch ziemlich gut, was mir auf die Nerven geht.
Und ich habe deutlich weniger Schwierigkeiten damit, mich davon fernzuhalten.
Vielleicht ist Anfang 40 deshalb gar kein Alter.
Vielleicht ist es wirklich diese wunderbare Grauzone.
Noch jung genug, um Blödsinn zu machen.
Alt genug, um zu wissen, welchen Blödsinn man lieber lässt.
Jung genug für neue Abenteuer.
Alt genug, um danach freiwillig auf die Couch zu gehen.
Und irgendwo dazwischen kommen die Wechseljahre langsam um die Ecke, winken freundlich und sagen:
„Übrigens, wir hätten da noch ein paar Überraschungen.“
Na wunderbar.
Dann nehme ich eben noch einen Kaffee.
Mein Exemplar darf mich währenddessen ruhig alt finden.
Ich weiß schließlich, dass sie eines Tages selbst 42 sein wird.
Und vielleicht steht dann ihr eigenes Exemplar vor ihr, schaut sie mitleidig an und sagt:
„Mama, du bist schon ziemlich alt.“
Ich hoffe, sie erinnert sich dann an mich.
Ich werde vermutlich irgendwo sitzen.
Unter meiner Rheumaheizdecke.
Mit Kaffee.
Und ich werde lachen.
Sehr laut.
Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf der Sofalehne, wärmt sich die Hände an meiner Hitzewallung und flüstert:
„Vielleicht liegt das Schönste am Älterwerden genau dazwischen: Wir müssen nicht mehr die sein, die wir mit zwanzig waren, und noch lange nicht die, für die unsere Kinder uns halten. Wir dürfen einfach genau hier sein, mit ein paar neuen Fältchen, einer warmen Decke, einer großen Tasse Kaffee und genügend Humor, um über diesen wunderbar seltsamen Körper zu lachen.“
Schön das du hier bist 🩶