Vom Balkonapplaus zum Nutznießer und was passiert eigentlich mit unserem Gesundheitssystem?

Vor ein paar Jahren standen Menschen auf ihren Balkonen und klatschten.
Für Pflegekräfte.
Für Ärztinnen und Ärzte.
Für Rettungsdienste.
Für all diejenigen, die morgens ihre Maske aufsetzten und arbeiten gingen, während andere möglichst zu Hause bleiben sollten.
Wir waren plötzlich systemrelevant.
Ein Wort, das damals überall zu hören war.
Ich habe nie einen Balkonapplaus gebraucht. Davon konnte ich weder meine Rechnungen bezahlen noch mehr Zeit für die Menschen bekommen, die ich pflege. Aber trotzdem hatte dieses Klatschen eine Botschaft:
Wir sehen euch.
Und heute?
Heute höre ich das Wort „Nutznießer“.
Bundeskanzler Friedrich Merz benutzte es vor wenigen Tagen in einer Fernsehsendung gegenüber der Kinderärztin Dr. Bea Merscher. Sie hatte die Sparpolitik im Gesundheitswesen scharf kritisiert. Merz verwies auf die hohen Ausgaben und bezeichnete sie als Teil des Gesundheitssystems auch als „Nutznießer“. Die Aussage hat inzwischen deutliche Kritik aus Teilen der Ärzteschaft ausgelöst.

Und ich saß da und dachte:
Wie schnell können wir eigentlich vergessen?
Ich bin Pflegekraft.
Ich habe meine dreijährige Ausbildung selbst finanziert.
Ich gehe arbeiten.
Ich stehe morgens auf, auch wenn ich müde bin.
Ich halte Hände.
Ich höre Geschichten zum zehnten Mal.
Ich sehe Menschen, die Angst haben.
Ich sehe Angehörige, die nicht mehr weiterwissen.
Und ich sehe ein System, in dem immer häufiger gerechnet werden muss.
Minuten.
Leistungen.
Pflegegrade.
Personalkosten.
Eigenanteile.
Budgets.
Irgendwo dazwischen sitzt ein Mensch.
Und genau um diesen Menschen mache ich mir Sorgen.
Die Kinderärztin Bea Merscher hat sich öffentlich hingestellt und ein System kritisiert, in dem sie selbst arbeitet. Man muss nicht jede Formulierung teilen, die in einer hitzigen Diskussion fällt. Aber dass jemand aus diesem System heraus sagt: Schaut endlich hin, verdient für mich Respekt.
Denn es geht längst nicht nur um Ärzte oder Pflegekräfte.
Es geht um die Menschen, die uns brauchen.
Und irgendwann sind das vielleicht wir.
Ich frage mich inzwischen ernsthaft, wie unser Gesundheitssystem in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird.
Bekomme ich dann noch zeitnah einen Facharzttermin?
Oder heißt es:
In acht Monaten hätten wir etwas frei.
Es sei denn natürlich, Sie bezahlen selbst.
Schon heute erleben Menschen lange Wartezeiten und gleichzeitig begegnen ihnen immer häufiger Leistungen, die sie privat bezahlen können oder müssen, wenn sie über die gesetzliche Versorgung hinausgehen. IGeL sind ausdrücklich Leistungen außerhalb des GKV-Leistungskatalogs und müssen privat bezahlt werden.

Und genau diese Entwicklung macht etwas mit meinem Vertrauen.
Nicht, weil jede Selbstzahlerleistung automatisch schlecht wäre.
Und auch nicht, weil unser Gesundheitssystem bisher alles bezahlt hätte.
Aber weil sich langsam die Frage einschleicht:
Wie viel Gesundheit kann ich mir eigentlich leisten?
Physiotherapie ist grundsätzlich weiterhin eine Kassenleistung, wenn sie medizinisch erforderlich und entsprechend verordnet wird. Aber auch hier bestimmen Richtlinien und Heilmittelkatalog, wann und in welchem Umfang verordnet werden kann.

Beim Zahnarzt gibt es ebenfalls weiterhin Kassenleistungen. Wer aber eine Versorgung wählt, die darüber hinausgeht, trägt Mehrkosten selbst.

Jede einzelne Regelung kann man erklären.
Für jede gibt es Gründe.
Aber wenn man all diese kleinen Dinge nebeneinanderlegt, entsteht bei vielen Menschen trotzdem ein Gefühl:
Gesundheit wird immer stärker zu einer finanziellen Frage.
Und das darf uns nicht egal sein.
Natürlich weiß ich aus meinem eigenen Beruf auch, dass es Menschen gibt, die Leistungen ausnutzen.
Das gehört zur Wahrheit ebenfalls dazu.
Es gibt Menschen, die versuchen, möglichst viel aus einem System herauszubekommen.
Und vielleicht hätten wir dort schon viel früher genauer hinschauen müssen.
Nicht pauschal kürzen.
Nicht jedem Menschen erst einmal unterstellen, dass er etwas nicht braucht.
Sondern unterscheiden.
Denn wenn zehn Menschen ein System ausnutzen, darf die Lösung nicht sein, dem elften Menschen, der wirklich Hilfe benötigt, diese Hilfe wegzunehmen.
Genau da beginnt für mich Menschlichkeit.
Ein psychisch kranker Mensch ist kein Kostenpunkt.
Ein alter Mensch mit zunehmendem Unterstützungsbedarf ist kein Pflegegrad auf zwei DIN-A4-Seiten.
Ein Kind beim Kinderarzt ist kein Budget.
Und eine Pflegekraft ist kein Nutznießer eines Systems.
Wir sind dieses System.
Die Ärztin, die untersucht.
Der Physiotherapeut, der einem Menschen wieder auf die Beine hilft.
Die Psychotherapeutin, die zuhört.
Der Rettungssanitäter, der nachts um drei kommt.
Die Pflegekraft, die morgens um sechs ein Zimmer betritt und sagt:
„Guten Morgen.“
Und vor allem sind da diejenigen, für die dieses System überhaupt existiert.
Die Patienten.
Die Pflegebedürftigen.
Die Kinder.
Unsere Eltern.
Wir selbst.
Das deutsche Gesundheitssystem steht tatsächlich unter erheblichem finanziellen Druck. Die aktuellen Sparpläne sollen Ausgaben begrenzen; wesentliche Teile der jüngsten Regelungen sollen ab 2027 greifen und bedeuten laut Ärzteblatt finanzielle Einbußen unter anderem für Ärzte und Psychotherapeuten.

Man kann darüber politisch streiten, wo gespart werden muss.
Das ist sogar notwendig.
Aber vielleicht sollten wir uns vorher eine andere Frage stellen:
Wo dürfen wir niemals anfangen zu sparen?
Für mich lautet die Antwort:
Bei der Menschlichkeit.
Denn wir können alles optimieren.
Wir können Punktesysteme entwickeln.
Budgets festlegen.
Leistungskataloge schreiben.
Wir können berechnen, was ein Mensch pro Tag, pro Behandlung und pro Pflegegrad kostet.
Aber irgendwann sitzt dieser Mensch vor uns.
Vielleicht ist es meine Mutter.
Vielleicht mein Exemplar.
Vielleicht bin ich es selbst.
Und dann interessiert mich keine Tabelle mehr.
Dann möchte ich, dass jemand hinsieht.
Dass jemand zuhört.
Dass eine notwendige Behandlung nicht daran scheitert, dass sie zu teuer geworden ist.
Und dass der Mensch, der mich versorgt, genügend Zeit und vernünftige Bedingungen hat, um seinen Beruf gut zu machen.
Vielleicht erleben wir gerade tatsächlich einen leisen Umbruch unseres Gesundheitssystems.
Und vielleicht ist genau deshalb jetzt der Zeitpunkt, laut darüber zu sprechen.
Nicht erst dann, wenn wir selbst keinen Termin bekommen.
Nicht erst dann, wenn unsere Eltern pflegebedürftig werden.
Nicht erst dann, wenn wir eine Rechnung in der Hand halten und uns fragen:
Kann ich mir das leisten?
Ich möchte keinen Balkonapplaus zurück.
Ich möchte auch nicht wieder systemrelevant genannt werden.
Ich möchte etwas viel Banaleres.
Dass wir endlich verstehen, dass ein Gesundheitssystem nicht dafür da ist, irgendeine abstrakte Maschine am Laufen zu halten.
Es ist für Menschen da.
Und die Menschen, die darin arbeiten, sind nicht seine Nutznießer.
Sie sind diejenigen, die versuchen, es jeden einzelnen Tag am Laufen zu halten.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber sprechen, was ein kranker Mensch kostet.
Und viel öfter darüber, was es uns als Gesellschaft wert sein sollte, dass ihm geholfen wird.


Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel auf einem viel zu großen Stapel aus Rechnungen, Formularen und Tabellen, schiebt all die Papiere mit beiden Händen ein Stück zur Seite und flüstert:

„Vergesst bei all den Zahlen niemals den Menschen dahinter. Denn irgendwann ist es vielleicht unsere eigene Hand, die darauf wartet, dass jemand sie hält und dann wünschen wir uns nicht, dass jemand zuerst ausrechnet, was diese Hand kostet.“

Schön das du hier bist 🩶

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