Wann hat dir ein fremder Mensch deinen Glauben an die Menschheit komplett zurückgegeben?
Heute bin ich über eine Frage gestolpert:

„Wann hat dir ein fremder Mensch deinen Glauben an die Menschheit komplett zurückgegeben?“
Und irgendwie blieb ich daran hängen.
Nicht, weil mir sofort eine herzzerreißende Geschichte eingefallen wäre, in der ein fremder Mensch einen Hund aus einem Fluss rettet, anschließend einer alten Dame die Einkaufstaschen nach Hause trägt und auf dem Rückweg noch schnell den Weltfrieden organisiert.
Nein.
Mein erster Gedanke war tatsächlich:
Habe ich den Glauben an die Menschheit überhaupt verloren?
Eigentlich nicht.
Aber sagen wir es einmal so: Manchmal wackelt er bedenklich.
Es gibt Tage, an denen ich Menschen beobachte und denke: Was ist eigentlich mit uns passiert? Warum sind wir so ungeduldig geworden? Warum so schnell genervt? Warum fällt es uns manchmal so schwer, einfach freundlich miteinander umzugehen?
Und dann gibt es wiederum diese anderen Begegnungen.
Im Urlaub zum Beispiel.
Wir waren einige Tage im Schwarzwald und hatten eine kleine Pension gebucht. Der Inhaber war für uns zunächst nichts anderes als ein fremder Mensch. Jemand, bei dem wir ein Zimmer gebucht hatten. Wir würden ankommen, unseren Schlüssel bekommen, dort ein paar Tage verbringen und anschließend wieder nach Hause fahren.
So dachte ich zumindest.
Aber schon bei unserer Ankunft war da diese unglaubliche Herzlichkeit.
Wir wurden mit unseren Vornamen angesprochen. Es wurde gelacht, erzählt und gefragt, wie unsere Fahrt gewesen war. Und innerhalb kürzester Zeit hatte ich nicht mehr das Gefühl, irgendwo einfach nur Gast zu sein.
Ich fühlte mich willkommen.
Und wisst ihr, wie kostbar dieses Gefühl eigentlich ist?
Dieser Mensch musste dafür gar nichts Außergewöhnliches tun. Er musste uns nichts schenken und keine große Geste vollbringen.
Er war einfach herzlich.
Menschlich.
Und genau das blieb bei mir hängen.
An einigen Abenden saßen wir zusammen draußen, unterhielten uns und erzählten. Eigentlich vollkommen unspektakulär und gleichzeitig so besonders.
Und da war plötzlich dieser Gedanke:
Siehst du. Da sind sie doch. Diese Menschen. Es ist noch lange nicht alles verloren.
Vielleicht nehme ich solche Momente heute auch viel bewusster wahr als früher.
Ich habe mich in den vergangenen Jahren immer weiter aus dieser permanenten Medien- und Fernsehwelt zurückgezogen. Nicht vollständig. Ich möchte natürlich wissen, was in der Welt passiert. Aber ich möchte nicht mehr jeden Tag von morgens bis abends hören, was alles schlecht ist.
Eine Nachricht.
Die nächste Katastrophe.
Eine Meinung.
Dann jemand, der diese Meinung zerlegt.
Anschließend jemand, der erklärt, warum beide keine Ahnung haben.
Und bevor ich überhaupt selbst darüber nachdenken konnte, hatten mir schon sieben Menschen erklärt, wie ich darüber denken sollte.
Irgendwann wollte ich meine eigenen Gedanken wieder hören.
Und je leiser es um mich herum wurde, desto mehr begann ich wieder auf mein Gefühl zu hören.
Ich wurde aufmerksamer.
Intuitiver.
Vielleicht ist genau daraus auch meine Liebe zu meinen Geschichten entstanden.
Ich schreibe nicht, weil ich glaube, damit die Welt retten zu können. Meine Mäuse werden vermutlich keinen Weltfrieden aushandeln. Obwohl ich Bruno mit ausreichend Käse durchaus einiges zutrauen würde.
Ich schreibe, weil ich Menschen vielleicht für einen kleinen Moment zum Stehenbleiben bringen möchte.
Vielleicht liest jemand meine Geschichte und schaut beim nächsten Spaziergang etwas genauer hin.
Auf eine Blume zwischen zwei Pflastersteinen.
Auf einen Käfer.
Auf einen alten Baum.
Oder auf einen Menschen.
Vielleicht entdeckt man dabei eines dieser kleinen Wunder, die überall um uns herum passieren und die wir so oft übersehen.
Denn die schönen Dinge sind meistens ziemlich leise.
Hass dagegen kann hervorragend schreien.
Und gerade als ich dachte, ich hätte meinen Frieden mit der Menschheit wiedergefunden, ging ich einkaufen.
Ja.
Manchmal reicht dafür ein Supermarkt.
Ich stand an den SB-Kassen und eine der Kassen verlangte nach einer Verkäuferin.
Mitarbeiter erforderlich.
Die Verkäuferin kam allerdings nicht innerhalb der nächsten drei Nanosekunden.
Katastrophe.
Zwei Männer wurden unruhig. Andere Menschen warteten ebenfalls und plötzlich konnte man diese Ungeduld beinahe körperlich spüren.
Ich stand daneben und dachte:
Leute. Wir kaufen Lebensmittel. Es geht hier gerade nicht um unser Leben.
Niemand muss reanimiert werden.
Es brennt nichts.
Es läuft auch kein hungriger Löwe durch den Supermarkt.
Eine Kasse wartet auf eine Verkäuferin.
Mehr nicht.
Und da war sie wieder.
Meine Skepsis.
Wie wenig braucht es inzwischen eigentlich, damit wir unsere Freundlichkeit verlieren?
Zwei Minuten?
Eine rote Lampe?
Eine SB-Kasse, die nicht sofort funktioniert?
Wann haben wir beschlossen, dass alles augenblicklich passieren muss?
Unser Essen wird geliefert. Filme starten auf Knopfdruck. Nachrichten erreichen innerhalb von Sekunden die andere Seite der Welt. Wir bestellen heute etwas und schauen morgen schon leicht beleidigt auf die Sendungsverfolgung.
Vielleicht haben wir tatsächlich ein wenig verlernt zu warten.
Einfach nur dazustehen.
Nichts zu tun.
Zu schauen.
Zu denken.
Zu atmen.
Und vielleicht sogar einmal daran zu denken, dass die Verkäuferin, die gerade nicht sofort kommt, ebenfalls ein Mensch ist.
Ein Mensch, der vielleicht gleichzeitig an drei anderen Kassen gebraucht wird.
Im Urlaub las ich einen Satz an einer Wand:
„Die Welt, auf der wir leben, ist gut. Nur wir Menschen haben sie nicht verdient.“
Der Satz blieb bei mir.
Und trotzdem kann ich ihm nicht vollständig zustimmen.
Denn dann würde ich all die Menschen vergessen, die jeden Tag das Gegenteil beweisen.
Menschen, die Tiere retten.
Menschen, die Bäume pflanzen.
Menschen, die andere pflegen.
Menschen, die Kinder trösten.
Menschen, die einem Fremden helfen.
Oder einen Gast so herzlich empfangen, dass dieser Wochen später noch darüber schreibt.
Aber ich verstehe, was dieser Satz sagen möchte.
Wir haben etwas unglaublich Kostbares bekommen.
Diese Welt.
Und manchmal benehmen wir uns tatsächlich so, als hätten wir noch drei Ersatzwelten im Keller stehen.
Wir verschwenden.
Wir zerstören.
Wir urteilen.
Wir hetzen.
Wir wollen schneller, höher und weiter.
Und manchmal schaffen wir es nicht einmal mehr, zwei Minuten freundlich auf eine Verkäuferin zu warten.
Vielleicht habe ich deshalb meinen Glauben an die Menschheit nicht verloren.
Vielleicht ist er einfach vorsichtiger geworden.
Ich glaube nicht daran, dass automatisch alles gut wird.
Aber ich glaube daran, dass Menschen Gutes tun können.
Und ich möchte mich nicht von den lautesten Stimmen davon überzeugen lassen, dass alles schlecht geworden ist.
Genauso wenig möchte ich so tun, als wäre alles wunderbar.
Ich möchte selbst hinschauen.
Und wenn ich das tue, sehe ich beides.
Ich sehe die ungeduldigen Menschen an der SB-Kasse.
Aber ich sehe auch den herzlichen Gastgeber im Schwarzwald.
Ich sehe Menschen, die achtlos aneinander vorbeilaufen.
Und ich sehe andere, die stehen bleiben.
Vielleicht entscheidet sich unser Glaube an die Menschheit gar nicht in den großen Schlagzeilen.
Vielleicht entscheidet er sich genau dort.
Im Kleinen.
In einer geöffneten Tür.
In einem freundlichen Wort.
In einem Lächeln.
In zwei Minuten Geduld.
Vielleicht brauchen wir gar nicht diesen einen fremden Menschen, der uns mit einer riesigen Heldentat den Glauben an die gesamte Menschheit zurückgibt.
Vielleicht brauchen wir einfach wieder Augen für all die Menschen, die ihn uns jeden Tag ein kleines bisschen erhalten.
Und vielleicht möchte ich genau deshalb weiter meine Geschichten schreiben.
Mit Mäusen.
Mit Wichteln.
Mit Tieren.
Mit kleinen Welten, die auf den ersten Blick vielleicht vollkommen belanglos erscheinen.
Denn vielleicht bleibt dadurch jemand für einen Moment stehen.
Vielleicht entdeckt jemand eine Schnecke am Wegesrand.
Ein besonderes Licht zwischen den Bäumen.
Eine freundliche Geste.
Oder einen Menschen, den er sonst gar nicht wahrgenommen hätte.
Wir können nicht bestimmen, wie sich die gesamte Menschheit verhält.
Aber wir können jeden Morgen aufs Neue entscheiden, welcher Mensch wir selbst in dieser Menschheit sein möchten.
Vielleicht beginnt Veränderung gar nicht mit einer riesigen Bewegung.
Vielleicht beginnt sie an einer SB-Kasse.
Mit dem Gedanken:
Die Verkäuferin kann nichts dafür. Ich warte einfach.
Das wird vermutlich niemals in den Nachrichten erscheinen.
Und vielleicht ist genau das das Problem.
Über die kleinen guten Dinge wird viel zu selten gesprochen.
Dabei sind es möglicherweise genau diese Dinge, die unsere Welt jeden einzelnen Tag zusammenhalten.
Und deshalb habe ich meinen Glauben an die Menschheit noch nicht verloren.
Weil mir immer wieder irgendwo ein Mensch begegnet, der mich daran erinnert, dass es sich lohnt, ihn zu behalten.
Man muss nur genau genug hinsehen.
Denn die kleinen Wunder dieser Welt stehen selten mitten auf dem Weg und winken mit einem großen Schild.
Manchmal muss man sie selbst entdecken.
Und dafür müssen wir vielleicht einfach wieder ein bisschen öfter stehen bleiben.
Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel am Rand dieser manchmal ziemlich verrückten Welt, lässt seine Beine baumeln, schaut den Menschen eine Weile zu und flüstert:
„Du kannst nicht entscheiden, wie die ganze Welt miteinander umgeht. Aber du kannst jeden Tag entscheiden, mit wie viel Menschlichkeit du selbst durch sie gehst. Und manchmal reicht genau das, damit ein anderer seinen Glauben an das Gute nicht verliert.“
Schön das du hier bist 🩶