
Es gibt Dinge, von denen weiß ich ziemlich genau, dass sie nicht zu mir gehören.
Extremsport zum Beispiel.
Eigentlich Sport allgemein.
Ich habe mich noch nie gerne körperlich verausgabt. Nicht heute und auch nicht früher in der Schule. Schon damals konnte ich diesen Gedanken nicht verstehen, dass man möglichst schnell irgendwo hinrennen soll, nur um anschließend völlig außer Atem genau dort zu stehen.
Wir mussten damals zum Beispiel für irgendwelche Urkunden gegeneinander hundert Meter laufen.
Warum?
Ich weiß es bis heute nicht.
Am Ende bekam man einen Zettel.
Wenn man mir damals am Ziel ein Schnitzel mit Pommes hingelegt hätte, könnten wir noch einmal darüber reden. Da wäre vielleicht ungeahntes sportliches Potenzial zum Vorschein gekommen.
Aber für eine Urkunde?
Nein.
Nein.
Nein.
So zog sich das eigentlich durch mein Leben. Sport und ich akzeptierten irgendwann, dass wir unterschiedliche Wege gehen.
Und dann kam der Schwarzwald.
Wir waren im Urlaub und entdeckten eher zufällig die Möglichkeit zum Bogenschießen.
Warum nicht?
Man ist schließlich im Urlaub. Da macht man Dinge, die man zu Hause wahrscheinlich niemals geplant hätte.
Also standen mein Exemplar und ich irgendwann da.
Mit einem Bogen in der Hand.
Einem Pfeil auf der Sehne.
Vor uns das Ziel.
Und dann passierte etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte.
Mein Kopf wurde still.
Keine Gedanken daran, was ich später noch machen muss.
Keine Einkaufsliste.
Keine Arbeit.
Keine Termine.
Kein „Ich müsste eigentlich noch…“
Nichts.
Da waren plötzlich nur noch der Bogen, der Pfeil, das Ziel und ich.
Spannung aufbauen.
Konzentrieren.
Atmen.
Loslassen.
Und dieses Gefühl, wenn der Pfeil durch die Luft fliegt, lässt sich irgendwie schwer beschreiben.
Ich spürte Muskeln, von denen ich vorher offensichtlich nicht wusste, dass sie zu meinem Körper gehören.
Und gleichzeitig fühlte ich mich großartig.
In meinem Kopf lief natürlich längst ein völlig anderer Film.
Ich stand nicht mehr irgendwo im Schwarzwald.
Nein.
Ich war Katniss Everdeen.
Selbstverständlich.
Ich streifte gedanklich durch die Wildnis, Pfeil und Bogen in der Hand, bereit, meinen District zu beschützen.
Die Realität sah vermutlich etwas weniger spektakulär aus.
Da stand einfach eine Frau im Urlaub und versuchte, mit einem Pfeil eine Scheibe zu treffen.
Aber das muss ja niemand wissen.
Vielleicht war genau das der Moment, der mich so überrascht hat.
Denn überall liest man heute etwas über Achtsamkeit.
Wir sollen meditieren.
Atmen.
Uns auf den Moment konzentrieren.
Den Kopf ausschalten.
Bei mir funktioniert Achtsamkeit meistens beim Basteln oder beim Schreiben meiner Geschichten. Wenn meine Hände beschäftigt sind und in meinem Kopf kleine Welten entstehen, kann ich wunderbar abschalten.
Und das wird sich auch nicht ändern.
Aber beim Bogenschießen habe ich plötzlich eine völlig andere Form davon kennengelernt.
Eine, bei der ich gleichzeitig vollkommen konzentriert und unglaublich ruhig war.
Man kann nämlich nicht nebenbei über siebzehn andere Dinge nachdenken, wenn man einen Pfeil auf ein Ziel richten möchte.
Man muss genau dort sein.
In diesem Augenblick.
Vielleicht ist genau das Achtsamkeit.
Nicht unbedingt still auf einem Kissen zu sitzen und an nichts zu denken.
Vielleicht kann Achtsamkeit für jeden Menschen anders aussehen.
Für den einen ist es Yoga.
Für den nächsten ein Spaziergang.
Für mich sind es meine Geschichten, meine kleinen Welten und offenbar neuerdings ein Bogen.
Was macht man also, wenn man im Urlaub plötzlich etwas entdeckt, das einem richtig gut gefällt?
Natürlich sagt man nicht:
„Ach, das war schön.“
Nein.
Man beginnt darüber nachzudenken, ob man das nicht auch zu Hause machen könnte.
Und so landeten wir schließlich in einem Bogenshop.
Denn das Schöne ist: Bogenschießen kann man als Rasensport betreiben, auf geeigneten Schießplätzen und natürlich besonders schön auf richtigen Parcours. Dabei gehört für mich selbstverständlich dazu, dass man es dort macht, wo ausreichend Platz vorhanden ist und niemand gefährdet werden kann.
Und jetzt ist es tatsächlich so weit:
Am Freitag wollen wir uns unsere eigenen Bögen aussuchen.
Ich!
Die Frau, die für eine Hundertmeter-Urkunde nicht einmal freiwillig schneller gegangen wäre.
Vielleicht muss man manchmal gar nicht unsportlich sein.
Vielleicht hat man einfach noch nicht die Art von Bewegung gefunden, die zu einem passt.
Denn Sport muss nicht immer bedeuten, schneller zu sein als jemand anderes.
Man muss keinen Wettkampf gewinnen.
Keine Bestzeit erreichen.
Und man muss sich auch nicht völlig verausgaben, damit Bewegung etwas wert ist.
Manchmal reicht es, einen Bogen in die Hand zu nehmen, einen Pfeil aufzulegen und plötzlich zu merken:
Das hier macht etwas mit mir.
Und vielleicht ist genau das einer dieser kostbaren Zufallsfunde, die einen Urlaub so besonders machen.
Wir sind in den Schwarzwald gefahren, um eine schöne Zeit miteinander zu verbringen.
Zurückgekommen sind wir möglicherweise mit einem neuen gemeinsamen Hobby.
Und mit der Erkenntnis, dass selbst mit über vierzig noch Dinge in einem schlummern können, von denen man überhaupt nichts wusste.
Katniss musste schließlich auch irgendwann anfangen.
Nur das Schnitzel mit Pommes am Ende des Parcours…
darüber könnten wir trotzdem noch einmal reden.
Und während du vielleicht gerade an etwas denkst, das du selbst völlig unerwartet für dich entdeckt hast, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz leise am Rand deiner Gedanken, schaut dich ruhig an und flüstert:
„Vielleicht müssen wir gar nicht immer wissen, was zu uns passt, manchmal müssen wir nur den Mut haben, etwas auszuprobieren und uns selbst dabei neu zu entdecken.“
Schön das du hier bist 🩶
Bogenschießen war auch meines.
Ich hatte als Kind nur keine Scheibe wozu auch.
Papa hatte uns Bögen aus Weidenzweigen gemacht und die Sehne war aus dem Faden zum Beete abstecken.
Die Pfeile besorgten wir uns aus der Baumschule nebenan nach Silvester von den Raketen.
Die lagen ja eh überall rum.
Ich traf mal den Nachbarn ohne Ihn zu sehen.
Was haben die auch für einen blöden hohen Zaun.
Das gab Ärger…aber nicht viel mehr als wenn der Nachbarjunge irgendwas angestellt hätte.
Ich habe danach nur noch Richtung Baumschule gezielt.
Da bekam man seine Pfeile wrnigstens wieder.🙃
Laufen war ok, aber und Urkunden waren
LikeGefällt 1 Person
waren auch nicht ganz so meines…doch eine erste ohne Bewrtung beim ersten mal Weitsprung.
Uber diese Marke kam ich auch nir rüber.🤪
LikeGefällt 1 Person
Sehr interessanter Gedanke. Ich hätte früher auch den ein oder anderen gehabt, dem ich gerne einen Pfeil in den Allerwertesten geschossen hätte 😂 Als Kind hatte ich keine große Ahnung wie man so einen Bogen richtig hält und wie man den pfeil weiter bekommt als bis zur Zehenspitze. Nun weiß ich wenigstens wie ich ihn in die Zielscheibe bringe.
LikeGefällt 1 Person
Als Kinder haben wir unseren eigenen Bogen gebastelt. Ein Ast von einem Haselnuss, Paket-Schnur und Pfeile aus Schilfrohr. Nicht zu vergleichen mit den heutigen Hightech Bögen😂 Aber Spass hat es genau so gemacht.
LikeGefällt 1 Person
Ja an diese Zeit kann ich mich auch noch erinnern. Zumal es schöner war mit dem selbstgebauten zu schießen, weil man stolz darauf war das es wirklich funktioniert hat
LikeGefällt 1 Person