
Heute ist wieder so ein Hormontag.
Andere Menschen nennen ihn Sonntag.
Ich nenne ihn Hormontag.
Denn meine Hormone haben offensichtlich beschlossen, dass Sonntag kein Ruhetag ist. Nein. Während andere gemütlich frühstücken, spazieren gehen oder einfach auf der Couch liegen, veranstalten Östrogen und Progesteron in meinem Körper offenbar eine interne Betriebsversammlung.
Wer übernimmt heute die Macht?
Wer bekommt den Thron?
Und vor allem:
Warum findet diese Veranstaltung ausgerechnet in mir statt?
Liebes Universum, können wir bitte einmal darüber sprechen?
Warum müssen Frauen eigentlich das große Abenteuerexperiment der Natur sein?
Pubertät.
Periode.
Schwangerschaft.
Geburt.
Und wenn du denkst, du hättest jetzt langsam alles durchgespielt, öffnet sich plötzlich das nächste Level: Wechseljahre. Herzlichen Glückwunsch!
Neue Symptome wurden freigeschaltet.
Mein aktuelles Highlight?
Kribbeln auf der Kopfhaut.
Ja.
Auch das gibt es.
Ich sitze also nichtsahnend da und plötzlich fühlt es sich an, als würde etwas über meinen Kopf laufen.
Meine erste Reaktion?
Läuse.
Natürlich.
Wenn man ein Exemplar großgezogen hat, kennt man schließlich die üblichen Verdächtigen.
Also stehe ich vor dem Spiegel.
Ich schaue.
Nichts.
Ich schaue noch einmal.
Immer noch nichts.
Ich durchsuche meine Haare inzwischen mit einer Gründlichkeit, mit der andere Menschen vermutlich archäologische Ausgrabungen durchführen.
Nichts.
Keine Laus.
Keine Ameise.
Kein heimlicher Mitbewohner.
Und trotzdem kribbelt es.
Also stehe ich da und denke:
Was zur Hölle macht mein Körper jetzt schon wieder?
Es fühlt sich manchmal an, als würden winzige Ameisen direkt unter meiner Kopfhaut spazieren gehen.
Nicht darauf.
Darunter.
Sehr angenehm.
Nicht.
Und natürlich gibt es auch dafür einen Namen.
Solche Kribbel-, Prickel- oder „Ameisenlauf“-Empfindungen können zu sogenannten Parästhesien gehören. In den Wechseljahren können hormonelle Schwankungen dabei eine Rolle spielen, weil Östrogen unter anderem Einfluss auf Haut, Feuchtigkeit und Nervenfunktionen hat. Sinkende oder stark schwankende Hormonspiegel können deshalb bei manchen Frauen ungewöhnliche Missempfindungen begünstigen. Gleichzeitig können Kribbeln und ähnliche Empfindungen aber viele andere Ursachen haben, von gereizten Nerven bis hin zu Stoffwechsel- oder Vitaminproblemen.
Mit anderen Worten:
Meine Hormone könnten beteiligt sein.
Natürlich.
Wer auch sonst?
Wahrscheinlich sitzen Östrogen und Progesteron gerade irgendwo in meinem Körper, trinken Sekt und schauen zu, wie ich zum fünften Mal meine Kopfhaut untersuche.
Dabei finde ich den Namen Wechseljahre inzwischen wirklich irreführend.
Was genau wechselt denn da eigentlich?
Meine Geduld?
Meine Körpertemperatur?
Meine Haut?
Meine Haare?
Meine Gelenke?
Meine Stimmung?
Meine Fähigkeit, einen Raum zu betreten und noch zu wissen, warum ich überhaupt dort bin?
Ich munkel noch.
Eigentlich müsste es Überraschungsjahre heißen.
Du wachst morgens auf und weißt nie, welches Symptom heute an deiner persönlichen Haustür klingelt.
„Guten Morgen, ich bin das Kribbeln.“
Ach, schön.
Komm rein.
Die Hitzewallung ist schon da.
Mach es dir gemütlich.
Das Gemeine ist nämlich, dass man bei den Wechseljahren meistens zuerst an Hitzewallungen denkt.
Vielleicht noch an Stimmungsschwankungen.
Aber niemand sagt dir:
„Übrigens, möglicherweise fühlt sich dein Körper irgendwann an verschiedenen Stellen plötzlich komisch an und du wirst dich fragen, ob du dir das gerade einbildest.“
Tut man aber nicht unbedingt.
Die hormonelle Umstellung in der Perimenopause ist tatsächlich keine gleichmäßige Abwärtsfahrt. Die Hormonspiegel können über längere Zeit schwanken, bevor die Menopause erreicht ist. Und genau deshalb können Beschwerden kommen, gehen und sich verändern.
Heute kribbelt der Kopf.
Morgen tut die Hüfte weh.
Übermorgen schwitze ich beim Nichtstun.
Und am Donnerstag fühle ich mich plötzlich hervorragend und denke:
Ha! Ich hab’s geschafft!
Nein, Ingrid.
Hast du nicht.
Es war nur Pause.
Trotzdem versuche ich inzwischen, über viele dieser Dinge zu lachen.
Mein Körper verändert sich.
Und offenbar möchte er, dass ich jede einzelne Veränderung persönlich kennenlerne.
Sehr aufmerksam von ihm.
Natürlich gilt trotzdem: Wenn so ein Kribbeln neu ist, anhält, stärker wird oder weitere Beschwerden dazukommen, sollte man es ärztlich abklären lassen und nicht automatisch alles auf die Wechseljahre schieben. Denn so praktisch unser Östrogen als Universalschuldiger auch ist – es ist eben nicht für alles verantwortlich.
Aber heute?
Heute ist Sonntag.
Entschuldigung.
Hormontag.
Und während andere ihren Kaffee genießen, sitze ich da, kratze mir vorsichtig über den Kopf und hoffe, dass meine Hormone ihre kleine Betriebsversammlung bald beenden.
Vielleicht einigen sie sich ja irgendwann.
Vielleicht bekommt Östrogen den Thron.
Vielleicht Progesteron.
Mir eigentlich egal.
Ich hätte nur gerne meinen Kopf zurück.
Und wenn irgendwo ein kleiner Wichtel heute auf einem winzigen Sonntagssessel sitzt, seine Füße hochlegt und plötzlich ein Kribbeln unter seiner Zipfelmütze spürt, dann nimmt er sie vorsichtig ab, schaut hinein und murmelt:
„Keine Ameisen. Keine Läuse. Dann sind es wohl wieder die Hormone.“ Und irgendwo tief in meinem Körper lachen Östrogen und Progesteron wahrscheinlich gerade sehr laut.
Schön das du hier bist 🩶