
Eigentlich wollte ich nur eine Eistruhe kaufen.
Eine kleine.
Eine wirklich kleine.
Zumindest hatte ich mir das so vorgestellt.
Nun muss man dazu sagen, dass meine Fähigkeiten in den Bereichen Größenverhältnisse, Maßeinschätzung und räumliches Vorstellungsvermögen ungefähr auf dem Niveau eines leicht verwirrten Goldfisches liegen.
Auf Etsy sah die Truhe jedenfalls wunderbar klein aus.
Perfekt für meinen selbstgebauten Marktplatz.
Also bestellt.
Voller Vorfreude.
Und wie das Leben manchmal so spielt, kam sie an und war ungefähr dreimal größer als erwartet.
Vielleicht auch viermal.
Ich habe nicht nachgemessen.
Das hätte ohnehin nichts geändert.
Da stand sie nun. Groß. Rot.
Und definitiv zu groß für den Platz, für den sie eigentlich gedacht war.
Normale Menschen hätten wahrscheinlich gedacht:
„Mist. Falsch bestellt.“
Ich hingegen schaute die Truhe an und dachte:
„Da könnte jemand drin wohnen.“
So entstehen wahrscheinlich Geschichten.
Oder Wichtelwohnungen.
Oder Mäusewohnungen.
Die Grenzen sind fließend.
Also holte ich meinen Dremel hervor.
Wenn man einen Dremel in der Hand hält, wird man automatisch kreativ. Oder gefährlich. Manchmal beides gleichzeitig.
Ich bohrte ein Loch hinein. Dann noch eins.
Und plötzlich entstand eine Idee. Eine kleine Wohnung. Mit einer Tür. Mit einer Leiter.
Mit Möbeln aus Eisstielen.
Und natürlich mit einem Bewohner.
Eine kleine Maus zog ein.
Später bekam sie sogar einen Mitbewohner.
Denn wer möchte schon alleine in einer Eistruhe wohnen?
So wurde aus einer viel zu großen Eistruhe eine kleine Geschichte.
Oder zumindest der Anfang einer.
Denn die eigentliche Geschichte muss ich erst noch schreiben.
Aber manchmal beginnt eine Geschichte lange bevor das erste Wort auf Papier landet.
Manchmal beginnt sie mit einer Idee.
Oder mit einer Eistruhe, die viel zu groß geliefert wurde.
Während ich die kleine Wohnung baute, passierte etwas Merkwürdiges.
Etwas, das mir oft passiert, wenn ich bastle.
Erinnerungen kamen zurück.
Nicht laut.
Nicht aufdringlich.
Eher wie alte Freunde, die plötzlich vor der Tür stehen.
Und alles begann mit Eis.
Denn ich bin Mitte der Achtziger geboren.
Also noch in der DDR.
Und damals gab es etwas, das für mich zu den schönsten Kindheitserinnerungen gehört:
Softeis.
Dieses wunderbar cremige Softeis.
Für uns war das etwas Besonderes.
Nicht etwas, das man jeden Tag bekam.
Sondern etwas, worauf man sich freute.
In unserer Stadt gab es eine kleine Eisdiele.
Die gibt es übrigens heute noch.
Und dort bekam man dieses Softeis.
Ich nahm immer Streusel dazu.
Natürlich.
Denn Streusel machten aus Eis etwas Magisches.
Zumindest für Kinder.
Eigentlich wahrscheinlich auch heute noch.
Wenn ich die Augen schließe, sehe ich mich noch dort stehen.
Mit klebrigen Fingern.
Viel zu glücklich.
Und fest davon überzeugt, dass es nichts Besseres auf der Welt geben kann.
Dann kam die Wende. Und da zogen wir aufs Dorf. Dort wartete eine ganz andere Eiserinnerung auf mich. Der Eiswagen. Jeden Samstag. Pünktlich. Zuverlässig. Fast schon wie ein Naturgesetz. Und das Beste war:
Man hörte ihn schon lange bevor man ihn sah.
Irgendwo am Anfang des Dorfes erklang die Melodie.
Und sofort wusste jedes Kind: Jetzt geht es los.
Innerhalb weniger Sekunden setzte im gesamten Dorf hektische Betriebsamkeit ein.
Kinder rannten los. Türen flogen auf.
Eltern wurden gesucht.
Und überall hörte man dieselbe Frage:
„Kann ich fünfzig Pfennig haben?“
Es war völlig egal, was man gerade gemacht hatte.
Hausaufgaben?
Unwichtig.
Fernsehen?
Unwichtig.
Spielen?
Unwichtig.
Der Eiswagen hatte oberste Priorität.
Und dann stand man an der Straße.
Mit seinem Geldstück fest in der Hand.
Und hoffte, dass noch genug Eis da war.
Heute würde man wahrscheinlich von einem Event sprechen.
Für uns war es einfach Samstag.
Die Sorten waren überschaubar.
Vanille.
Schoko.
Erdbeere.
Engelblau.
Mehr brauchte kein Mensch.
Zumindest kein Kind.
Und trotzdem schmeckte jede Kugel nach Sommer.
Nach Freiheit.
Nach Ferien.
Nach Kindheit.
Später kamen dann diese Eistruhen.
Die großen von Langnese. Mit den bunten Bildern.
Und natürlich mit dieser Werbung.
„Like ice in the sunshine…“
Sobald die Werbung im Fernsehen lief, hatte man automatisch Lust auf Eis.
Völlig egal, ob draußen dreißig Grad waren oder Regen gegen die Scheiben prasselte. Man wollte Eis. Sofort.
Und wenn wir schon bei Erinnerungen sind:
Da war auch noch Eis am Stiel.
Diesen Film haben wir geschaut.
Obwohl wir eigentlich noch viel zu jung dafür waren. Zumindest offiziell.
Inoffiziell gehörte das wahrscheinlich zur Jugendkultur. Man verstand die Hälfte nicht.
Aber man schaute ihn trotzdem. So wie alle anderen auch.
Wenn ich heute darüber nachdenke, merke ich, dass Eis für viele Menschen viel mehr ist als nur eine kalte Süßigkeit.
Eis ist Erinnerung.
Eis ist Kindheit.
Eis ist Sommer.
Eis ist Familie.
Eis ist dieses Gefühl, wenn man für einen kurzen Moment alles um sich herum vergisst.
Vielleicht lieben wir Eis deshalb so sehr.
Nicht wegen der Kalorien.
Nicht wegen der Schokolade.
Nicht wegen der Waffel.
Sondern wegen der Erinnerungen.
Weil in jeder Kugel ein kleines Stück Vergangenheit steckt.
Und weil manche Geschmäcker uns direkt zurück in eine Zeit bringen können, die längst vergangen ist.
Eine Zeit, die nie wieder genauso zurückkommen wird.
Und vielleicht macht genau das sie so wertvoll.
Übrigens habe ich meine Liebe zu Eis offenbar erfolgreich vererbt.
Mein Exemplar liebt Eis mindestens genauso sehr wie ich.
Vielleicht sogar mehr.
Und wehe, die Truhe ist leer.
Dann kann ich mir wirklich eine Pfeife anstecken.
Das wird sofort bemerkt.
Schneller als jede schlechte Schulnote.
Schneller als jede verschwundene Haarbürste.
Schneller als jede vergessene Brotdose.
Eis besitzt offenbar einen ganz besonderen Stellenwert.
Genetisch bedingt, vermute ich.
Anders kann ich es mir nicht erklären.
Und so steht nun diese kleine Eistruhe bei mir.
Mit einer Maus darin.
Mit einer kleinen Wohnung.
Mit einer Geschichte, die noch geschrieben werden möchte.
Und mit ganz vielen Erinnerungen, die sie bereits jetzt in sich trägt.
Vielleicht ist das das Schönste am Älterwerden.
Dass plötzlich die kleinsten Dinge Erinnerungen wecken können.
Eine Melodie.
Ein Geruch.
Ein Geschmack.
Oder eine viel zu große Eistruhe.
Und während irgendwo eine kleine Maus ihre neue Wohnung in einer Eistruhe einrichtet, sitzt ein kleiner Wichtel auf dem Deckel, schleckt genüsslich an einer Kugel Engelblau und flüstert:
„Manche Erinnerungen schmelzen nie. Sie verstecken sich nur eine Weile und warten darauf, von einem Lied, einem Duft oder einer viel zu großen Eistruhe wieder geweckt zu werden.“
Schön, dass du hier bist 🩶