Wenn Kinder Bauchschmerzen fühlen, die niemand sehen kann

Hochsensibilität, Bauchmigräne und das Gefühl, dass manche Kinder die Welt einfach intensiver spüren

Als mein Exemplar geboren wurde, wusste ich natürlich nicht, was da eigentlich auf mich zukommt. Gut… logisch. Sonst wäre Elternsein wahrscheinlich deutlich einfacher..Die Geburt war grundsätzlich normal. Mit ein paar kleineren Komplikationen. Nichts Dramatisches. Und dann wurde sie mir endlich auf die Brust gelegt. Ich weiß noch genau, wie sie mich angeschaut hat. Mit diesen großen Augen. Neugierig. Erwartungsvoll. Und irgendwie voller Liebe. Als würde sie direkt sagen: „So… da bin ich jetzt.“ Und ich war sofort hin und weg. Man denkt in solchen Momenten nicht darüber nach, was irgendwann alles kommt. Nicht über schlaflose Nächte. Nicht über Sorgen. Nicht über Kinderärzte. Nicht über Bauchschmerzen. Man schaut einfach nur dieses kleine Wesen an und denkt: „Du bist perfekt.“

Und dann begann das Drama

Als wir endlich zu Hause waren, begann allerdings relativ schnell das komplette Chaos. Denn mein Exemplar schrie. Und schrie. Und schrie. Sie war ein absolutes Stillkind. Ausschließlich. Zum einen, weil ich davon überzeugt war. Zum anderen, weil es sie beruhigte. Und ehrlich? Ich glaube inzwischen, Stillen war für sie nicht nur Nahrung. Es war Sicherheit. Nähe. Regulation. Denn dieses Kind hatte Koliken. Offiziell wahrscheinlich Dreimonatskoliken. Inoffiziell eher: 30-Jahres-Koliken. Denn dieses Bauchthema zog sich irgendwie weiter durchs Leben.

Was man als Mutter plötzlich alles macht

Und dann beginnt man als Mutter Dinge zu tun, die vorher völlig absurd geklungen hätten. Man läuft plötzlich nachts im sogenannten Storchengang durchs Wohnzimmer. Falls das jemand nicht kennt: Das ist diese spezielle Mischung aus Wippen, Schaukeln und völliger Verzweiflung. Man macht Geräusche, die ein bisschen klingen wie: eine kaputte Kaffeemaschine, eine aggressive Schlange oder ein Mensch, der langsam den Verstand verliert. Und irgendwann merkt man: Man würde wahrscheinlich alles tun, damit dieses kleine Wesen endlich ruhiger wird. Denn wenn Kinder Schmerzen haben, macht das etwas mit Eltern. Vor allem dann, wenn man nicht genau weiß, warum.

Manche Kinder fühlen die Welt einfach intensiver

Mein Exemplar wurde älter. Aber die Bauchschmerzen blieben. Und irgendwann merkt man: Das ist nicht einfach nur „mal Bauchweh“. Diese Kinder fühlen oft unglaublich intensiv. Geräusche. Stimmungen. Druck. Konflikte. Veränderungen. Alles scheint ungefiltert durchzugehen. Manche Kinder können Dinge einfach besser abschütteln. Andere speichern sie irgendwo. Und oft landet genau das im Bauch.

Der erste Arztbesuch wegen der Bauchschmerzen

In der Grundschule gingen wir deshalb das erste Mal wirklich deswegen zum Kinderarzt. Die Schmerzen waren immer rund um den Bauchnabel. Der Verdacht: funktionelle Bauchschmerzen. Also Schmerzen ohne klare organische Ursache. Was Eltern übrigens gleichzeitig beruhigt und komplett verrückt macht. Denn natürlich denkt man: „Okay… es ist nichts Schlimmes.“ Aber gleichzeitig: „Aber mein Kind hat doch trotzdem Schmerzen.“ Und genau das ist manchmal so schwer zu verstehen. Denn nur weil man im Ultraschall oder Blutbild nichts findet, bedeutet das nicht, dass Kinder nichts fühlen. Im Gegenteil.

Das Bauchschmerzprotokoll

Also begannen wir ein Bauchschmerzprotokoll zu schreiben. Wann treten die Schmerzen auf? Wie stark sind sie? Was war vorher? Was hilft? Und plötzlich beginnt man als Mutter, alles zu analysieren. Essen. Schlaf. Stress. Schule. Gefühle. Man versucht Muster zu erkennen. Man möchte helfen. Und gleichzeitig merkt man: Man kann seinem Kind diesen Schmerz nicht einfach wegnehmen.

Die Schubladen im Kopf

Irgendwann führten wir Rituale ein. Und ehrlich? Ich glaube bis heute, dass Rituale hochsensiblen Kindern unglaublich helfen können. Denn solche Kinder tragen oft wahnsinnig viel in sich herum. Gedanken. Gefühle. Beobachtungen. Wie kleine offene Tabs im Kopf, die niemals geschlossen werden. Also führten wir irgendwann unsere Abendroutine ein. Jeden Abend durfte sie ihre „Schubladen im Kopf“ leeren. Alle Gedanken durften raus.

Alles, was sie beschäftigt: Sorgen, Streit, Ängste, Gedanken, peinliche Situationen, Unsicherheiten. Und tatsächlich half das. Nicht komplett. Aber spürbar. Denn manchmal brauchen Kinder gar keine perfekten Lösungen. Sondern einfach jemanden, der wirklich zuhört.

Hochsensibel, aber was bedeutet das eigentlich?

Irgendwann fiel dann zum ersten Mal dieses Wort: hochsensibel. Und ehrlich? Ich wusste zuerst gar nicht so genau, was ich damit anfangen sollte. Denn „sensibel“ klingt gesellschaftlich oft wie: empfindlich, schwierig, nah am Wasser gebaut. Aber hochsensibel bedeutet oft etwas völlig anderes. Diese Kinder nehmen die Welt einfach intensiver wahr. Lautstärke. Stimmungen. Konflikte. Ungerechtigkeit. Druck.

Manchmal sogar die Gefühle anderer Menschen. Und viele dieser Kinder denken unglaublich viel nach. Sie analysieren. Beobachten. Fühlen tief. Das Problem ist nur: Kinder können solche Gefühle oft noch gar nicht richtig einordnen. Also spricht der Körper. Und häufig spricht zuerst der Bauch.

Wenn die Pubertät dazukommt

Und dann kam die Pubertät. Mit zwölf die erste Periode. Und plötzlich wurde alles noch komplizierter. Denn jetzt kamen neue Schmerzen dazu. Die gewohnten Bauchschmerzen plus Regelschmerzen. Ein kompletter Bauchschmerzcocktail. Und ehrlich? Irgendwann wusste niemand mehr so genau: „Welche Schmerzen sind eigentlich gerade welche?“

Dazu kamen dann noch Kopfschmerzen. Und natürlich beginnt man als Mutter wieder zu überlegen: Hormone? Stress? Schule? Wachstum? Ernährung? Psyche? Oder vielleicht alles gleichzeitig?

Die Diagnose Bauchmigräne

Also wieder Kinderarzt. Und dort hörte ich zum ersten Mal eine Diagnose, die plötzlich irgendwie Sinn ergab: Bauchmigräne. Viele Menschen kennen diesen Begriff gar nicht. Ich vorher ehrlich gesagt auch nicht wirklich. Dabei betrifft es tatsächlich einige Kinder.

Starke Bauchschmerzen. Oft plötzlich. Teilweise verbunden mit: Übelkeit, Blässe, Kopfschmerzen, Erschöpfung, Reizempfindlichkeit. Und oft findet man zunächst nichts Auffälliges. Für Kinder ist das unglaublich belastend. Aber auch für Eltern. Denn man beginnt irgendwann an allem zu zweifeln. An sich selbst. An den Ärzten. An der Situation.

Warum die Diagnose trotzdem geholfen hat

Das Verrückte ist: Die Diagnose heilte nicht plötzlich alles. Aber sie half trotzdem. Weil plötzlich etwas einen Namen hatte. Und manchmal ist genau das unglaublich wichtig. Nicht nur medizinisch. Sondern emotional. Denn plötzlich wird aus: „Vielleicht bilde ich mir das ein.“ Ein: „Okay. Das ist real.“ Und ich glaube, genau das brauchen viele Kinder. Das Gefühl: „Meine Schmerzen werden ernst genommen.“

Kinder brauchen oft mehr als Medikamente

Natürlich sind Ärzte wichtig. Diagnostik auch. Aber ich glaube trotzdem: Viele sensible Kinder brauchen zusätzlich etwas anderes. Rituale. Liebe. Zeit. Ruhe. Sicherheit. Gespräche. Und vor allem: ernst genommen werden. Denn hochsensible Kinder spüren sofort, wenn Erwachsene sie nicht wirklich verstehen.

Die stille Erschöpfung solcher Kinder

Was viele unterschätzen: Diese Kinder sind oft dauerhaft innerlich angespannt. Die Welt ist laut. Schnell. Voll von Reizen. Und während andere Kinder nach der Schule einfach weitermachen, wirken sensible Kinder manchmal wie kleine Schwämme. Vollgesogen mit Eindrücken. Und irgendwann sagt der Körper: „Jetzt reicht es.“

Nicht jedes Bauchweh ist „nur psychisch“

Das ist mir wichtig. Denn oft reagieren Menschen auf solche Themen sofort mit: „Das ist psychisch.“ Aber genau dieser Satz klingt oft so abwertend. Als wären die Schmerzen dadurch weniger real. Dabei sind Körper und Gefühle gerade bei Kindern unglaublich eng verbunden. Stress kann echte Schmerzen auslösen. Angst auch. Überforderung ebenso. Das bedeutet aber nicht, dass Kinder simulieren. Im Gegenteil. Der Körper spricht manchmal einfach die Sprache, die Kinder selbst noch nicht sprechen können.

Was ich durch mein Kind gelernt habe

Ich glaube, mein Exemplar hat mir beigebracht, genauer hinzusehen. Nicht nur auf Symptome. Sondern auf Gefühle dahinter. Auf Überforderung. Auf Druck. Auf kleine Veränderungen. Und manchmal reicht schon: Ruhe, Nähe, Verständnis oder einfach gemeinsam auf dem Sofa zu sitzen, damit der Körper langsam wieder herunterfährt.

Hochsensible Kinder brauchen keine „Reparatur“

Vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke. Diese Kinder sind nicht kaputt. Sie fühlen einfach intensiver. Und ja: Das kann anstrengend sein. Für sie selbst. Aber auch für Eltern. Doch gleichzeitig steckt darin oft unglaublich viel: Empathie, Kreativität, Tiefgang, Beobachtungsgabe, Gefühl.

Vielleicht müssen wir aufhören, solche Kinder ständig „robuster“ machen zu wollen. Vielleicht brauchen sie manchmal einfach Menschen, die verstehen: Die Welt fühlt sich für sie wirklich lauter an.

Mein persönlicher Gedanke dazu

Ich glaube inzwischen: Der Bauch vieler Kinder erzählt Geschichten, die sie selbst noch gar nicht aussprechen können. Von Stress. Von Druck. Von Reizen. Von Gefühlen. Und vielleicht brauchen diese Kinder nicht immer sofort noch mehr Termine, Diagnosen oder Lösungen. Vielleicht brauchen sie manchmal einfach jemanden, der sich neben sie setzt und sagt: „Ich glaube dir.“

Und während du vielleicht gerade an dein eigenes Kind denkst, an Bauchschmerzen, Sorgen oder an diese stillen Gefühle, die Kinder oft noch nicht richtig erklären können, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz leise am Rand deiner Gedanken, schaut liebevoll zu euch hinüber und flüstert:

„Vielleicht sind manche Kinder nicht zu empfindlich für diese Welt, vielleicht fühlen sie einfach nur alles ein kleines bisschen tiefer.“

Schön das du hier bist 🩶

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