Teil 5: Die Geburt meiner Tochter, als großer Auslöser

Ich stand der Blüte meines Lebens. Auf dem Weg mich ganz langsam selbst zu finden, wurde ich schwanger. Es war ein Wunschkind. Es sollte immer nur eins werden. Ich war überglücklich, in absoluter Vorfreude auf mein Kind. Alles fühlte sich richtig an, ruhig, fast wie ein leises Ankommen bei mir selbst. Kein lauter Wendepunkt, sondern eher ein vorsichtiges Sich-selbst-Wiederfinden, Schritt für Schritt. Dann kam die Geburt. Schwierig, aber erfolgreich. Und da war sie, ein bezauberndes Baby. Mein Baby. Ich war mit Stolz erfüllt. Dieser Moment, in dem man glaubt, jetzt beginnt etwas Neues, etwas Reines, etwas Gutes. Und dann…. Bäng. Da sind sie. Die Dämonen. Frei, unkontrolliert.

Die Geburt meiner Tochter hat etwas in mir frei gesetzt, was ich nicht erwartet habe. Etwas, das nicht geplant war, nicht gewollt und vor allem nicht verständlich. Zwischen Freude, Stress, Angst, Wut, Hass, Träumen und Heulattacken verlor sich plötzlich alles, was vorher klar war. Es war nicht mehr nur Glück. Es war ein Chaos aus Gefühlen, die gleichzeitig da waren und sich gegenseitig widersprochen haben. Meine Tochter löste Gefühle in mir aus, die ich eigentlich nicht haben sollte. Ich sollte mich freuen. Aber es ging nicht. Und genau das war der Punkt, an dem ich merkte: Ich muss mich mit mir auseinandersetzen. Es zerfrisst mich sonst. Innerlich. Als meine Tochter auf der Welt war, bekam ich plötzlich Alpträume. Jede Nacht den gleichen Traum, zwei Jahre lang. Zwei Jahre ohne Pause, ohne Kontrolle, ohne Möglichkeit, dem zu entkommen. Ich hatte in dem Traum einen Vater, der mich geschlagen hat und zwei Brüder, die mich beschützen. Beides hatte ich in echt nicht. Aber was bedeutet es? Diese Frage war immer da. Jede Nacht aufs Neue. Es hat mir Angst gemacht. Aber ich konnte es nicht kontrollieren. Es war da und so real, dass es sich nicht wie ein Traum angefühlt hat, sondern wie eine Erinnerung, die ich nie hatte.

Irgendwann ging es nicht mehr so weiter. Ich brauchte Hilfe. Und zwar schnell. Es war keine Option mehr, das einfach auszuhalten oder zu hoffen, dass es von alleine verschwindet. Also fand ich eine Therapeutin, die von Anfang an Vertrauen aufbaute. Und dieses Vertrauen war entscheidend, denn ohne Vertrauen hätte ich mich nie öffnen können. Sie fing langsam an. Wir sprachen über meine Finger, meine Familie und schließlich meine Vergangenheit und meine Träume. Es war kein plötzliches Aufreißen aller Wunden, sondern ein vorsichtiges Herantasten. Und mit jeder Sitzung wurde mein Weinen weniger. Nicht, weil alles gut war, sondern weil ich begann zu verstehen.

Sie erzeugte große Wut in mir und Hass, aber nur damit kann man wirklich arbeiten. Und sie hatte Recht. Diese Gefühle, vor denen ich mich lange gefürchtet habe, waren plötzlich der Schlüssel. Nicht das Problem, sondern der Zugang. Sie verstand meine Träume sofort. Für mich waren sie unverständlich, beängstigend und verwirrend. Für sie hatten sie eine klare Bedeutung. Und sie gab mir eine Hausaufgabe. Von meiner biologischen Mutter kannte ich den Namen und die damalige Adresse meines Erzeugers. Mein Unterbewusstsein wollte ihn finden. Also rief ich beim zuständigen Einwohnermeldeamt an und bekam die Auskunft, dass er verzogen sei vor einigen Jahren und in einer Alkoholiker Einrichtung gemeldet war. Dort lebte er dann nicht mehr und die Spur war weg.

Es war kein Ergebnis, keine Lösung, kein Abschluss. Aber es machte etwas mit mir.

Also ging ich mit dieser Information zu meiner Therapeutin. Ich sollte eine Entscheidung treffen. Und das tat ich. Ich entschied mich nicht mehr zu fragen, nicht mehr zu suchen. Ich muss mich und mein Kind schützen. Und dann geschah etwas, was ich so nicht erwartet hätte: Die Träume hörten auf.

Einfach so. Nach zwei Jahren. Als hätte mein Unterbewusstsein genau auf diese Entscheidung gewartet. Laut meiner Therapeutin war es mein Unterbewusstsein, das mich schützen wollte. Es brauchte diese Klarheit, diese Grenze, diese bewusste Entscheidung, um loslassen zu können.

Das nächste, was ich lernte, war meine panische Angst im Dunkeln zu verstehen. Eine Angst, die mich schon lange begleitet hat, ohne dass ich wusste, woher sie kommt. Sie erzählte mir, dass früher im Krankenhaus bei den Adoptivkindern die Räume dunkel waren, damit sie nicht so viel weinen. Es war meistens eine Bezugskrankenschwester für alle Kinder. Keine Nähe, keine Konstante, kein Licht. Genau das löste damals den Vorfall in der Kinderklinik aus. Auch dort war es dunkel. Plötzlich ergaben Dinge einen Zusammenhang. Nicht logisch im klassischen Sinne, sondern emotional. Körperlich. Tief verankert. Heute komme ich mit Dunkelheit etwas besser aus, wenn ich es entscheiden kann. Wenn ich die Kontrolle habe. Kontrolle wurde zu etwas sehr Wichtigem für mich. Nicht im Sinne von Zwang, sondern im Sinne von Sicherheit.

Und auch meine Finger sind ein Ventil. Das wird sich leider nie ändern, sagte sie. Weil ich gelernt habe, sie in jeder Gelegenheit einzusetzen und vor allem für meine Gefühle. Es ist ein Teil von mir geworden, etwas, das nicht einfach verschwindet, sondern mit dem ich lernen muss zu leben.

Nach der Therapie ging ich stärker raus. Nicht geheilt im perfekten Sinne, aber stabiler, bewusster, klarer. Mit etwas, woran ich arbeiten kann. Ich habe etwas verstanden. Und dieses Verstehen hat vieles verändert. Viele Jahre danach habe ich daran gearbeitet, es zu perfektionieren. Nicht perfekt zu sein, sondern besser mit mir umgehen zu können. Mich selbst zu regulieren, mich zu erkennen, bevor es kippt. Und vor allem konnte ich meine Liebe an meine Tochter richten. Die es verdient hat, dass der Kreis durchbrochen ist. Das ist vielleicht das Wichtigste an allem.

Ich habe meine Dämonen eingeschlossen. Sie sind immer noch in mir, aber nicht frei. Sie sind da, irgendwo im Hintergrund, nicht verschwunden, aber kontrollierbar. Manchmal merke ich sie, in bestimmten Situationen. Kleine Momente, Trigger, Erinnerungen ohne Bilder. Aber solange ich die Kontrolle habe, können sie nicht raus. Und genau das ist der Unterschied zu früher. Nicht, dass sie weg sind. Sondern dass ich stärker bin.

Und während du vielleicht noch spürst, wie tief manche Dinge in uns verankert sind, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz ruhig am Rand deiner Gedanken, schaut dich mit einem warmen Blick an und flüstert:

„Deine Stärke zeigt sich nicht darin, dass alles verschwindet, sondern darin, dass du gelernt hast, damit zu leben und dich selbst dabei nicht zu verlieren.“

Schön das du hier bist 🩶

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https://wichtelwechseljahre.blog/2026/04/24/teil-6-ende-der-reihe-und-meine-botschaft-an-dich/

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