Teil 3: Die Dämonen in mir sind geweckt

Ich war elf Jahre alt. Ein Alter, in dem sich langsam alles verändert, der Körper, die Gedanken, das Gefühl für sich selbst. Irgendwo zwischen Kindheit und dem ersten Hauch von Erwachsenwerden. Es war ein ganz normaler Abend. Zumindest dachte ich das. Meine Mutter saß vor dem Fernseher, ein Film lief, irgendetwas über Adoption. Dann rief sie mich zu sich. Kennst du diese Momente, in denen du noch gar nicht weißt, dass gleich etwas gesagt wird, das dein ganzes Leben leise verschiebt? Diese Sekunden, in denen die Luft plötzlich schwerer wird, ohne dass du sagen kannst, warum? Sie fragte mich, ob ich wüsste, was Adoption ist. Ich zuckte mit den Schultern. Vielleicht. Irgendwie. Ein Wort, das man schon mal gehört hat, aber nie wirklich gefühlt. Dann sagte sie es einfach: dass ich adoptiert bin. Dass es einmal eine andere Frau gab, die mich zur Welt gebracht hat. Sie war sechzehn. Zu jung, um mich großzuziehen. Das Jugendamt entschied, dass ich woanders aufwachsen sollte. Und da saß ich nun.

Hast du schon einmal eine Wahrheit gehört, die zu groß war, um sie sofort zu fühlen? Ich erinnere mich nicht daran, dass ich geweint habe. Nicht daran, dass ich geschrien habe. Es war eher… still in mir. Als hätte jemand eine Information in meinen Kopf gelegt, ohne dass mein Herz hinterherkam. Ich habe es verstanden, zumindest rational. Aber nicht mit jeder Zelle meines Körpers. Nicht mit der Tiefe, die es eigentlich gebraucht hätte. Für mich waren meine Eltern meine Eltern. Gute Eltern. Liebevolle Menschen. Menschen, die mich gehalten haben, die da waren, die mich gesehen haben. Und das war alles, was zählte. Also legte ich diese Information irgendwo in mir ab. Wie ein Buch, das man ins Regal stellt, weil man denkt: „Das lese ich später.“ Doch „später“ kommt immer. Manchmal leise. Manchmal mit Wucht. Jahre vergingen. Das Leben lief weiter. Schule, Alltag, kleine Sorgen, kleine Freuden. Und irgendwo tief in mir lag diese Wahrheit. Unberührt. Ungeöffnet. Aber nicht verschwunden.

Mit sechzehn begann ich meine Ausbildung. Ein neuer Abschnitt. Neue Menschen. Neue Erfahrungen. Ein Discounter, ein kleiner Bäcker darin. Früher war das so, alles ein bisschen enger, persönlicher. Dort arbeitete eine Frau, mit der ich oft morgens Kaffee trank. Wir standen nebeneinander, hielten unsere Becher in der Hand und redeten über alles und nichts. Es war leicht mit ihr. Unkompliziert. Vertraut. Meine Eltern kannten sie auch. Sie verstanden sich gut mit ihr. Alles wirkte normal. Fast schon wie ein kleines, sicheres Netz aus Menschen, das mich umgab. Und doch, wenn ich heute zurückblicke, war da schon etwas in mir, das sich nicht ganz zugehörig fühlte. (Diese Frau spielt mehr eine Rolle die ich nie erahnen konnte)

Kennst du dieses Gefühl, irgendwo zu sein und gleichzeitig ein kleines Stück neben dir zu stehen?

Als würde ein Teil von dir beobachten, statt wirklich mittendrin zu sein?

Mit achtzehn hatte ich eine Freundin. Sie war eigentlich nicht gut für mich, das weiß ich heute. Aber damals… damals hat es sich richtig angefühlt. Oder vielleicht eher notwendig. Sie war laut, direkt, fordernd. Dinge, die ich selbst nicht war. Vielleicht hat mich genau das angezogen. Sie stellte Fragen, die sonst niemand stellte. Und eines Tages sagte sie: „Du musst deine richtige Mutter suchen.“

Dieser Satz traf etwas in mir. Nicht sanft. Nicht vorsichtig. Sondern direkt. Und plötzlich war dieses Buch aus dem Regal gefallen. Ich ließ mich darauf ein. Vielleicht aus Neugier. Vielleicht aus Dummheit. Vielleicht aus einem inneren Drang heraus, den ich selbst nicht verstand. Vielleicht waren es genau diese Dämonen, die leise in mir gewachsen waren und jetzt lauter wurden. Also ging ich los. Zum Jugendamt. Alleine. Mit Fragen im Kopf, die ich nicht aussprechen konnte. Mit Erwartungen, die ich nicht greifen konnte. Und mit einem Herzen, das gleichzeitig neugierig und verängstigt war.

Und dann stand ich da. Vor verschlossenen Türen.

Im wahrsten Sinne des Wortes. Kennst du das, wenn du glaubst, jetzt passiert etwas Großes und dann passiert… nichts? Ich stand dort und wusste nicht, ob ich erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Ob ich weitergehen oder umdrehen sollte. Ob ich überhaupt bereit war für das, was hinter diesen Türen hätte auf mich warten können. Ich war in einer Phase der Rebellion. Eine Zeit, in der man versucht, sich selbst zu finden, indem man Grenzen austestet. Ich wollte niemanden verletzen, weder meine Eltern noch mich selbst. Aber ich wusste auch nicht, was der richtige Weg war.

Zwischen Gefühl und Verstand. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Zwischen dem Wunsch zu wissen und der Angst vor der Wahrheit.

Heute glaube ich: Irgendetwas hat mich damals gestoppt. Etwas Größeres. Oder vielleicht einfach ein Teil in mir, der wusste, dass ich noch nicht bereit war. Dass ich noch nicht die Stärke hatte, das alles wirklich zu verarbeiten. Manchmal schützt uns das Leben, indem es uns warten lässt.

Auch wenn wir es in dem Moment nicht verstehen.

Ich ging also wieder. Ohne Antworten. Aber nicht mehr ohne Fragen. Und so ging mein Weg weiter.

Doch während mein Leben im Außen weiterlief, Arbeit, neue Orte, neue Menschen, begann sich in mir etwas zu verändern. Etwas wuchs. Still. Unaufhaltsam.

Kennst du dieses Gefühl, wenn etwas in dir arbeitet, ohne dass du es benennen kannst?

Wenn du merkst, dass du anders reagierst als andere? Intensiver. Sensibler. Unsicherer?

Ich wurde älter, ging meinen Weg. Doch Beziehungen wurden schwierig. Freundschaften ebenso. Nähe fühlte sich gleichzeitig schön und bedrohlich an.

Ich wollte sie. Und hatte Angst davor.Ich klammerte, aus Angst, verlassen zu werden. Diese Angst war nicht laut. Sie war subtil. Sie zeigte sich in kleinen Dingen. In Gedanken wie: „Was, wenn sie gehen?“ oder „Was, wenn ich nicht genug bin?“

Und gleichzeitig wollte ich Kontrolle. Über Gefühle. Über Menschen. Über Situationen. Doch Kontrolle ist eine Illusion, wenn sie aus Angst entsteht. Und so verlor ich sie immer wieder. Mein innerer Rucksack wurde schwerer. Gefüllt mit Unsicherheiten, unausgesprochenen Fragen, alten Gefühlen, die ich nie richtig angeschaut hatte. Dinge, die ich nicht einordnen konnte, aber die trotzdem da waren. Von außen war ich das Mädchen, das lächelte. Das funktionierte. Das stark wirkte. Doch innen war ich oft traurig. Ohne klaren Grund. Ohne Erklärung. Einfach da. Kennst du das?

Dieses Lächeln, das du nach außen trägst, während in dir etwas leise bröckelt? Und irgendwann begann ich zu verstehen: Da waren Dämonen in mir. Nicht im Sinne von etwas Bösem.

Sondern im Sinne von ungelösten Gefühlen.

Von Ängsten, die keinen Namen hatten. Von Geschichten, die nie zu Ende erzählt wurden. Angst vor dem Alleinsein. Misstrauen gegenüber anderen. Das Gefühl, nie ganz sicher zu sein.

Träume, die mich nachts wach hielten. Gedanken, die ich nicht greifen konnte. Als würde hinter jeder Ecke etwas lauern, das ich nicht kontrollieren kann.

Und das Schlimmste daran? Ich wusste lange nicht, woher das alles kam. Ich dachte, ich sei einfach so.

Zu sensibel. Zu kompliziert. Zu… anders. 

Vielleicht kennst du das auch. Dieses leise Gefühl, dass etwas in dir nicht zur Ruhe kommt.

Dass du funktionierst, aber nicht wirklich frei bist.

Dass du dich selbst manchmal nicht verstehst.

Dass du Dinge fühlst, die keinen offensichtlichen Ursprung haben. Und dass du trotzdem jeden Tag aufstehst und weitermachst. Das Verrückte ist: Niemand hat es bemerkt. Kein lauter Knall. Kein Zusammenbruch. Keine offensichtliche Krise. Nur eine stille Entwicklung. Eine, die sich über Jahre in mir aufgebaut hat. Schicht für Schicht. Gefühl für Gefühl. Gedanke für Gedanke. Und so wurde aus einem kleinen Mädchen langsam eine junge Frau.

Mit einem Herzen voller Fragen. Mit Ängsten, die sie nicht greifen konnte. Mit einem inneren Kampf, den niemand sah. Und mit einem wachsenden Wunsch, sich selbst endlich zu verstehen. Denn tief in mir wusste ich: So kann es nicht bleiben.

Da ist mehr. Mehr als Angst. Mehr als Zweifel.

Mehr als diese ständige innere Unruhe. Vielleicht beginnt Veränderung genau dort. In diesem leisen Wissen, dass etwas anders werden muss. Dass du dich nicht länger vor dir selbst verstecken kannst.

Dass deine Dämonen nicht dein Feind sind, sondern ein Teil deiner Geschichte. Ein Teil, der gesehen werden will. Gefühlt werden will. Verstanden werden will. Denn manchmal beginnt die größte Reise nicht im Außen. Nicht in Antworten von anderen. Nicht in Orten oder Begegnungen. Sondern tief in dir. In den Momenten, in denen du hinschaust. In den Momenten, in denen du ehrlich bist. In den Momenten, in denen du beginnst, dich selbst wirklich kennenzulernen. Und vielleicht…

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem aus Dämonen langsam etwas anderes wird. Etwas, das dich nicht mehr zerstört. Sondern dich formt. Dich wachsen lässt.Dich zu dir selbst führt.

Und während du vielleicht noch darüber nachdenkst, wie sich manche Wahrheiten erst Jahre später in uns bemerkbar machen, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz still am Rand deiner Gedanken, schaut dich ruhig an und flüstert:

„Manche Antworten kommen nicht, wenn du sie suchst,  sondern wenn du bereit bist, sie zu fühlen.“ 

Schön das du hier bist 🩶

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