Teil 2: Zwischen der Freude der Eltern und dem Unterbewusstsein das mehr weiß

Eine Geschichte beginnt, immer. Für alle Seiten. Meine Mutter konnte zum Zeitpunkt keine Kinder bekommen wegen einer Erkrankung. Doch so sehr wünschte sie sich eines. Also kam ein Weg in Frage. Adoption. Zur damaligen Zeit war es sehr schwer. Sie erzählte mir oft vor Stolz das sie als Schneiderin für eine Krankenschwester im Krankenhaus Kleidung änderte und ihr sagte, dass sie das umsonst bekommt wenn sie sich meldet wenn ein Kind da ist. Und so kam es. Es war da. Im Krankenhaus, abgegeben. ICH!!! Ich war 6 Wochen alt. So lange war ich da schon alleine. Mein Vater war zu dem Zeitpunkt noch Raucher. Also kamen sie mit einem Vollgerauchten Trabbi angefahren, um mich abzuholen. Meine Mutter viel aus allen Wolken. Aber ich hatte ein zu Hause. (Erinnerung aus der Erzählung).

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Ich war noch ein Kind. Noch so klein. Und ich war ein glückliches Kind. Ich habe tolle Eltern.
Ein Zuhause.
Liebe.
Geborgenheit. Alles war/ist gut. Und doch… passierte etwas,
das ich mir lange nicht erklären konnte. Etwas, das nicht laut war. Nicht offensichtlich. Aber da.

Wenn etwas in dir arbeitet, ohne dass du es verstehst

Man sagt oft: Kinder leben im Moment. Und das stimmt. Aber ich glaube auch: Kinder fühlen mehr,
als sie verstehen können. Und manchmal… arbeitet etwas in ihnen,
lange bevor sie Worte dafür haben. Bei mir begann es sehr früh. Ich war ungefähr zwei Jahre alt. Und ich fing an,
an meinen Fingern zu pulen. Nicht ein bisschen. Sondern so stark,
bis sie bluteten. Immer wieder. Meine Mutter ging mit mir zum Arzt. Er verschrieb mir Medikamente. Ich kann mich daran natürlich nicht erinnern. Aber meine Mutter hat mir später erzählt,
dass diese Medikamente mich so „abgeschossen“ haben…dass sie sie wieder abgesetzt hat. Also blieben die Finger. Meine Eltern haben mich immer wieder darauf aufmerksam gemacht. „Hör auf.“

„Lass das.“ Aber es hat nichts gebracht. Denn es war kein Verhalten,
das ich bewusst gesteuert habe. Es war… wie ein Ventil. Für etwas,
das ich selbst nicht verstanden habe bis heute.

Die erste Wende

Als ich etwa sechs Jahre alt war,
passierte etwas,
das sich bis heute in mir festgesetzt hat. Ich sehe diese Szene noch vor mir. Als wäre sie gestern gewesen. Ich musste ins Krankenhaus. Und damals,  Ende der 80er Jahre, war vieles anders als heute. Eltern durften nicht einfach mit in der Klinik bleiben. Also brachten mich meine Eltern dorthin. Und dann kam dieser Moment. Ich stand hinter einer großen Holztür. Eine Krankenschwester hielt mich am Arm. Meine Eltern standen noch an der Anmeldung. Und plötzlich… wurde mir klar: Ich muss hier bleiben. Alleine. Ich riss mich los. Rannte zu meinen Eltern. Ich weiß noch, wie sich das angefühlt hat. Diese Panik. Dieses Gefühl von. „Ich will hier nicht bleiben.“ Aber es half nichts. Ich musste. Es war notwendig. Und trotzdem… hat etwas in mir diesen Moment gespeichert. Tiefer,
als ich es damals hätte begreifen können.

Was danach kam

Als ich wieder nach Hause kam,
war etwas anders. Nicht sofort sichtbar. Aber spürbar. Ich entwickelte eine Angst. Eine starke Angst. Vor der Dunkelheit.

Nicht dieses typische „Kinder haben Angst im Dunkeln“. Sondern eine,
die mir Herzrasen gemacht hat. Die mich nicht mehr zur Ruhe kommen ließ. Also mussten meine Eltern reagieren.

Das Licht im Flur blieb an. Meine Zimmertür blieb offen. Und mein Bett… war oft leer. Weil ich die Nähe meiner Eltern gesucht habe. Immer wieder. Als wäre etwas in mir unsicher geworden. Als hätte ich etwas verloren,
das ich vorher gar nicht bewusst hatte.

Wenn Worte fehlen

Ich wusste damals nicht,
warum ich so fühlte. Ich konnte es nicht erklären. Ich konnte nicht sagen „Ich habe Angst, verlassen zu werden.“ Oder: „Ich fühle mich unsicher.“ Ich war ein Kind. Und Kinder haben keine Worte für solche Dinge. Sie fühlen. Und sie reagieren. Auf ihre Art.

Der Moment, der alles verändert hat

Irgendwann, zwischen sechs und neun Jahren,
passierte etwas,
das mir bis heute im Kopf geblieben ist. Ich war mit meiner Freundin zusammen unterwegs. Und aus irgendeinem Grund… habe ich etwas gesagt. Etwas, das ich selbst nicht wirklich verstanden habe. Ich sagte:

„Meine Eltern sind nicht meine richtigen Eltern.“ Ein Satz. Einfach so. Ohne große Bedeutung, zumindest für mich in diesem Moment. Aber dieser Satz… hat etwas ausgelöst. Meine Freundin erzählte es ihrem Vater. Dieser erzählte es meinem. Und dann stand mein Vater vor mir. Und fragte mich: „Warum sagst du so etwas?“ Ich erinnere mich an diesen Moment. Nicht, weil er laut war. Sondern weil ich gespürt habe: Das verletzt ihn. Und das war das Letzte,
was ich wollte. Denn ich liebte meine Eltern. Ich liebe sie bis heute. Und trotzdem hatte ich diesen Satz gesagt. Warum? Ich wusste es nicht.

Der Moment des Verstehens

Wir haben darüber gesprochen. Und nach außen hin
war das Thema damit beendet. Aber innerlich… hat sich etwas verändert. Ich habe angefangen zu verstehen: Etwas ist anders. Mit mir. Mit meiner Geschichte. Mit meinem Leben. Nicht schlecht. Nicht falsch. Aber anders. Und dieses „anders“… hat sich leise in mir festgesetzt.

Das Unterbewusstsein weiß mehr

Wenn ich heute zurückblicke,
glaube ich: Mein Unterbewusstsein wusste schon lange vorher,
dass etwas da ist. Bevor ich es greifen konnte. Bevor ich es benennen konnte. Bevor ich überhaupt verstanden habe,
was Adoption bedeutet. Diese Gefühle… das Pulen an den Fingern
die Angst im Dunkeln
dieser eine Satz, Das waren keine Zufälle. Das war mein Inneres,
das versucht hat, sich auszudrücken. Ohne Worte. Auf seine eigene Weise.

Und jetzt du

Vielleicht kennst du das. Dieses Gefühl,
dass etwas da ist… aber du weißt nicht genau, was. Vielleicht hast du auch Dinge getan,
die du dir nicht erklären konntest. Reaktionen gehabt,
die „zu viel“ wirkten. Oder Gedanken,
die einfach da waren. Und vielleicht hast du dich gefragt: Warum? Vielleicht ist die Antwort: Weil dein Inneres mehr weiß,
als du damals verstehen konntest. Und vielleicht… warst du nie „komisch“. Nie „zu viel“. Nie „falsch“. Sondern einfach nur ein Mensch,
der etwas gefühlt hat,
für das es noch keine Worte gab. Und genau da beginnt Verständnis. Nicht im Kopf. Sondern im Gefühl.

Und während du vielleicht noch darüber nachdenkst, wie sich manches schon so früh in uns festsetzen kann, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz leise in einer Ecke deiner Erinnerungen, schaut dich an und flüstert:

„Dein Herz erinnert sich an Dinge, die dein Kopf nie gelernt hat zu verstehen.“ 

Schön das du hier bist 🩶

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