
Klingt wunderbar, oder? Ein schöner Spruch für ein Wandtattoo, am besten über dem Sofa, neben einem kleinen Herzchen und einem dekorativen Zweig.
Im echten Leben scheitert dieses Lebensmotto allerdings manchmal schon an der Frage, welche Hafermilch jemand in seinen Kaffee kippt.
Ich versuche seit einigen Jahren, mein Leben nach genau diesem Motto auszurichten. Nicht immer erfolgreich, das gebe ich zu. Schließlich bin ich auch nur ein Mensch mit einer Meinung, einem gelegentlich ziemlich ausgeprägten Dickkopf und einer Zornesfalte, die offenbar ein Eigenleben führt.
Aber ich frage mich immer öfter: Warum fällt es uns eigentlich so schwer, andere Menschen einfach ihr Leben leben zu lassen?
Vielleicht liegt es daran, dass unser Gehirn manchmal noch in der Steinzeit unterwegs ist, während wir versuchen, mit 5G, künstlicher Intelligenz und Work-Life-Balance Schritt zu halten.
Unser inneres Ego besitzt nämlich eine wunderbare Funktion: Ich habe recht und du machst es falsch.
Stellen wir uns einmal vor, jemand steht morgens um sechs Uhr auf, weil er zur Arbeit muss. Er trinkt seinen Kaffee, frühstückt ordentlich und beginnt seinen Tag. Schließlich möchte er um zehn Uhr nicht wie ein Zombie durch die Gegend laufen.
Und dann gibt es Menschen, die bis elf Uhr schlafen.
Für manche steht sofort fest: Faul! Keine Disziplin! Wahrscheinlich noch nie richtig gearbeitet!
Dass dieser Mensch vielleicht nachts gearbeitet hat, krank ist oder einfach einen anderen Lebensrhythmus hat, interessiert zunächst niemanden.
Andersherum denkt der Langschläfer womöglich über den Frühaufsteher: Was für ein hyperaktiver Selbstdarsteller! Wer steht freiwillig um sechs Uhr auf?
Und schon haben wir zwei Menschen, die sich gegenseitig bewerten, obwohl keiner dem anderen etwas getan hat.
Offenbar können wir nur schwer ertragen, dass jemand anderes den Code des Lebens anders knackt als wir selbst.
Dabei leben wir inzwischen in einer Gesellschaft, in der wirklich alles bewertet wird.
Der Lieferdienst bekommt Sterne. Das Urlaubsfoto einen Daumen nach oben. Das Haustier ein Herzchen. Und selbst der Staubsauger wird nach seiner Saugleistung beurteilt, als würde er sich um eine Führungsposition bewerben.
Warum sollte unser innerer Kritiker also ausgerechnet bei unseren Mitmenschen eine Ausnahme machen?
„Nachbar trägt Crocs im Treppenhaus. Ein Stern von fünf. Optische Belästigung.“
„Kollegin isst schon um zehn Uhr Mittag. Zwei Sterne. Fragwürdige Lebensführung.“
„Freundin möchte am Wochenende lieber zu Hause bleiben. Ein Stern. Mangelnde gesellschaftliche Einsatzbereitschaft.“
Manchmal habe ich das Gefühl, wir führen innerlich eine Bewertungsplattform für Menschen, die niemand bestellt hat.
Und dann kommen noch die sozialen Medien dazu.
Algorithmen zeigen uns bevorzugt Inhalte, die zu unseren Interessen passen. Wir bewegen uns in kleinen digitalen Welten, in denen uns vieles vertraut vorkommt.
Und plötzlich steht im echten Leben jemand vor uns, der Fleisch isst, kein Yoga macht, seinen Vorgarten mit Steinen gestaltet oder eine völlig andere politische Meinung vertritt.
Systemfehler!
Windows 98 lässt grüßen.
Blauer Bildschirm. Neustart erforderlich.
Dabei wäre es doch eigentlich wunderbar, wenn wir unterschiedliche Ansichten haben könnten, ohne uns gleich gegenseitig die Menschlichkeit abzusprechen.
Natürlich bedeutet Toleranz nicht, alles gutheißen zu müssen. Wenn Menschen verletzt, diskriminiert oder bewusst schlecht behandelt werden, darf und sollte man etwas sagen.
Leben und leben lassen bedeutet nicht, bei Unrecht wegzuschauen. Es bedeutet, andere Lebensentwürfe zu respektieren, solange sie niemandem schaden.
Und genau da beginnt für mich die Freiheit.
Nicht nur die eigene, sondern auch die der anderen.
Eine Freundin sagt mir, dass sie heute keine Zeit hat?
Okay. Dann sehen wir uns nächste Woche.
Ich muss daraus kein Drama machen. Ich muss nicht überlegen, ob sie mich vielleicht nicht mehr mag oder warum sie ausgerechnet heute etwas anderes vorhat.
Vielleicht möchte sie einfach ihre Ruhe.
Und ganz ehrlich? Das kann ich hervorragend verstehen.
Jemand möchte nicht zum gemeinsamen Treffen kommen, sondern lieber auf der Couch sitzen, häkeln und dabei eine Serie schauen?
Bitte schön!
Ich wünsche einen gemütlichen Abend.
Ich muss weder beleidigt sein noch anschließend eine Familienkonferenz einberufen, um dieses Verhalten auszuwerten.
Nicht jede Absage ist eine Ablehnung. Nicht jede andere Entscheidung ist Kritik an meinem eigenen Leben.
Vielleicht haben wir genau das ein wenig verlernt.
Wir nehmen Entscheidungen anderer Menschen viel zu häufig persönlich.
Dabei hat die Welt schon genügend Probleme.
Wir können weder die Inflation mit bösen Blicken senken noch das Weltgeschehen durch einen empörten Kommentar unter einem Instagram-Beitrag verändern.
Aber die Nachbarin mit den Crocs? Die könnten wir natürlich noch schnell maßregeln.
Irgendwo muss unser Kontrollbedürfnis schließlich hin.
Dabei frage ich mich, wie viel friedlicher unser Zusammenleben wäre, wenn wir nicht ständig versuchen würden, andere Menschen nach unseren eigenen Vorstellungen zu formen.
Jeder trägt seine Geschichte mit sich herum. Jeder hat andere Erfahrungen gemacht, andere Bedürfnisse, andere Wünsche und manchmal auch ganz andere Möglichkeiten.
Was für mich richtig ist, muss für jemand anderen nicht funktionieren.
Und was ich persönlich niemals tun würde, kann für einen anderen Menschen genau die richtige Entscheidung sein.
Ich muss nicht alles verstehen.
Ich muss nicht alles mögen.
Und ich muss schon gar nicht zu allem meinen Senf dazugeben.
Wobei mir Letzteres manchmal noch schwerfällt. Aber immerhin arbeite ich daran.
Vielleicht ist Toleranz tatsächlich ein bisschen wie Sport. Jeder weiß, dass sie uns guttun würde, aber auf der Couch sitzen und sich über andere aufregen ist manchmal einfach bequemer.
Nur macht uns das auf Dauer wirklich glücklicher?
Ich glaube nicht.
Denn wer ständig das Leben anderer bewertet, beschäftigt sich irgendwann mehr mit fremden Entscheidungen als mit seinem eigenen Glück.
Und dafür ist mir meine Lebenszeit inzwischen viel zu schade.
Mit diesem achten Artikel endet meine kleine Reihe „Gesellschaft im Wandel“.
Ich habe über Menschlichkeit, Ungeduld, Meinungen, unsere Kinder, ältere Menschen und unsere moderne Erschöpfung geschrieben.
Und irgendwie führen mich all diese Gedanken immer wieder zu derselben Erkenntnis:
Wir können nicht von anderen mehr Menschlichkeit erwarten, wenn wir selbst nicht bereit sind, sie zu leben.
Vielleicht müssen wir die Gesellschaft gar nicht immer zuerst verändern wollen.
Vielleicht reicht es für den Anfang, bei uns selbst hinzuschauen.
Ein bisschen weniger urteilen. Ein bisschen mehr verstehen. Und anderen Menschen den Raum lassen, den wir uns selbst so sehr wünschen.
Denn am Ende haben wir alle nur dieses eine Leben.
Und das sollte jeder auf seine Weise gestalten dürfen.
Und irgendwo sitzt ein kleiner Wichtel vor seinem Häuschen und betrachtet die vielen unterschiedlichen Gärten seiner Nachbarn. In einem wachsen wilde Blumen, im nächsten stehen ordentlich geschnittene Hecken und ein anderer besteht beinahe nur aus Moos und alten Steinen. Früher hätte er vielleicht überlegt, welcher Garten der schönste ist. Heute stellt er seine kleine Gießkanne beiseite, setzt sich auf die Holzbank und betrachtet die bunte Vielfalt. Dabei denkt er:
„Wie langweilig wäre unsere Welt, wenn jeder Garten gleich aussehen würde. Vielleicht müssen wir nicht überall dieselben Blumen pflanzen, um gemeinsam den Frühling genießen zu können. Manchmal beginnt ein friedliches Miteinander genau dort, wo wir aufhören, anderen vorzuschreiben, wie ihr kleines Stück Welt auszusehen hat.“
Schön das du hier bist 🩶